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Schuh? Kult? Kunst?

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25/10/2016
 

Run DMC, Michael Jordan, Joschka Fischer machten sie berühmt – Sneaker. Heute sind Sneaker mehr als nur Sportschuhe. Sie sind begehrte Sammelobjekte, Marketing-Instrumente, Ikonen der Kulturgeschichte. ContiGripWorld sprach mit Kulturwissenschaftler Jürgen Döring, der Deutschlands erste Sneaker-Ausstellung konzipiert hat.



Jürgen Döring, Jahrgang 1954, ist Head of Graphics and Poster Department am Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg und Kurator der Ausstellung „Sneaker. Design für schnelle Füße“, die im Sommer an der Alster zu sehen war. Foto: Kriegel

 

ContiGripWorld: Herr Döring, Sie tragen Sneaker, wie wir sehen. Passend zur Ausstellung "Sneaker. Design für schnelle Füße", die Sie zusammengestellt haben?

Jürgen Döring: Nein, der Hintergrund ist ganz banal. Ich hatte vor einiger Zeit eine Operation an der Ferse und konnte lange Zeit keine Schuhe tragen, die hinten fest sind. Da bin ich dann bei Sneakern gelandet. Seitdem bin ich, wie so viele Menschen, überzeugter Sneaker-Träger. Die sind einfach so bequem.

 

ContiGripWorld: Ihre Wahl ist auf ein dunkelblaues Modell von Adidas gefallen. Ist die Marke des Schuhs Ihnen wichtig?

Döring: Nein, ich habe auch ein Paar von Nike. Ich möchte auch keine Werbung machen, daher habe ich für heute extra welche ausgesucht, bei denen das Logo nicht so auffällig ist. (lacht) Bei diesen Schuhen hier aber hat mich tatsächlich die Sohle überzeugt. Die ist extrem bequem.


ContiGripWorld: Komfort kann nicht der einzige Grund sein, warum die halbe Welt in Sneakern durchs Leben läuft. Sie haben den Sneaker sogar ins Museum geholt. Weshalb sind Turnschuhe heute kulturell so bedeutsam, dass man ihnen eine eigene Ausstellung widmet?

Döring: Meines Wissens ist es die erste Ausstellung in Deutschland, vielleicht auch in Europa, zu diesem Thema. Es gibt häufig Ausstellungen auf Messen, bei denen es aber darum geht, möglichst viele Modelle und möglichst komplette Serien zu zeigen. Wir hingegen haben versucht, die Geschichte des Turnschuhs zu erzählen. Und auch einen Überblick zu geben, wie viele verschiedene Sneaker es gibt, welche Bedeutung das Thema unter Sammlern hat.

Sneaker im Fokus der Kunst: Illustration von Yoske Nishiumi für die Marke Onitsuka.

Foto: Kai von Rabenau

 

ContiGripWorld: Diesen Sommer waren Turnschuhe dann im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zu sehen. Sind Schuhe denn Kunst?

Döring: Da muss ich zurückfragen: Was ist Kunst? Auf jeden Fall sind Sneaker ein gutes Beispiel für eine anspruchsvolle und sehr professionelle Gestaltung eines beliebten Gebrauchsgegenstands. Ich zögere ein bisschen mit dem Begriff Kunst, weil der sehr verschwenderisch gebraucht wird.

 

ContiGripWorld: Darf man Sneaker überhaupt noch als Turnschuhe bezeichnen, oder outet man sich dann als hoffnungslos retro?

Döring: Nein, natürlich darf man das sagen. Ich spreche selber auch immer von der Turnschuh-Ausstellung.


ContiGripWorld: Frauen würden sicher zustimmen, dass Schuhe kunstvoll sein können, da braucht man bloß auf den Hype um die High Heels mit roter Sohle von Louboutin zu schauen. Was macht Sneaker für sie zum kunstvollen Ausstellungsobjekt?

Döring: Sneaker sind ein bedeutender Aspekt des alltäglichen Lebens in unserer Gesellschaft. Es gibt eine solche Vielfalt an Farben, Formen, Materialvarianten, an Design-Entwürfen und an Geschichten rund um Sneaker, dass es sich durchaus lohnte, da mal genauer hinzuschauen.

 

ContiGripWorld: Berühmt ist die Anekdote, als Joschka Fischer 1985 seinen Amtseid als hessischer Umweltminister im Wiesbadener Landtag in Turnschuhen ablegte.

Döring: Und mit 1985 fängt unsere Ausstellung auch an. Joschka Fischer wurde in Turnschuhen vereidigt. Boris Becker hat in Puma-Schuhen Wimbledon gewonnen. Der erste Air Jordan von Nike kam auf den Markt und auch Run DMC sorgten mit ihrem Hit "Walk This Way" ein Jahr später für Furore – und mit ihrer Leidenschaft für Adidas-Sneaker.

Sammlerstück im Originalkarton: Puma-Modell, mit dem Boris Becker 1985 Wimbledon gewann. Foto: Museum für Kunst und Gewerbe

 

ContiGripWorld: Wie ist die Leidenschaft der Menschen für Sneaker zu erklären?

Döring: Wenn man sich Sneaker-Sammler anschaut, kann man wirklich von Leidenschaft sprechen. Wir haben zum Beispiel in der Ausstellung einen ganzen Familiensatz an unterschiedlichsten Modellen. Da ist offenbar über die Schuhe hinweg die Ehe des Leihgebers zerbrochen – und die meisten Schuhmodelle wurden nie getragen. Dann war ich war bei einem Sammler zu Besuch, der mich in sein Schlafzimmer führte, in dem die eine Wand bis oben hin voll war mit Schuhkartons. Daneben standen die ausgepackten Schuhe in einem weiteren Regal. Die Schuhkartons werden ja meist aufgehoben, die sind Teil des Objekts der Begierde. Ich selbst lasse Schuhkartons meist direkt im Laden.

 

ContiGripWorld: Geht das dann schon in Richtung Schuh-Fetischismus?

Döring: Nein, das ist, glaube ich, noch einmal etwas anderes. Aber Sammeln ist eine Leidenschaft, die süchtig machen kann. Ich verstehe Sammler sehr. Ich bin ja selbst ein staatlich angestellter Sammler und bin sehr froh, dass ich meine Sammelobjekte den Menschen gut aufbereitet präsentieren darf.

Werbemotiv für Puma des Designers Andrew Zuckerman aus dem Jahr 2005.

Foto: Andrew Zuckerman / Puma

 

ContiGripWorld: Anfang 2016 fand das teuerste Paar Sneaker der Welt bei einer Wohltätigkeitsauktion für vier Millionen US-Dollar einen neuen Besitzer. Andere kaufen sich von einer limitierten Auflage gleich mehrere Paare aufgrund der Wertsteigerung. Für einige sind Sneaker offenbar eine Form der Geldanlage.

Döring: Ja, auch solche Sammler gehören zur Szene, die sogenannten Reseller. Die Hersteller befeuern das auch ganz gezielt, bringen limitierte Modelle auf den Markt, die dann besonders gefragt sind. Das ist geschicktes Marketing, das mir persönlich aber nicht gut gefällt. Da wird ein Geschäft mit der Leidenschaft der Kunden gemacht.

 

ContiGripWorld: Für welches Markenimage stehen denn zum Beispiel Adidas und Nike, die großen Konkurrenten?

Döring: Die Marken versuchen natürlich, ein klares, individuelles Image aufzubauen. Aber ich weiß gar nicht, ob ihnen das so gelingt. Von den Leuten, die ich durch diese Ausstellung kennen gelernt habe, sagt niemand: Die eine Marke muss es sein. Die gucken alle nach verschiedenen Marken und Farben und versuchen im Endeffekt, nach persönlichem Geschmack, und nicht nach Marken, auszuwählen.

 

ContiGripWorld: Oder auch nach bestimmten Ikonen…

Döring: Für Sammler gilt das, ja. Die wollen dann nur das eine, ganz besondere Modell besitzen. Das ist aber auch selten auf eine Marke fixiert. Eher auf eine bestimmte Serie oder auf Schuhe, die durch Kooperationen mit Designern entstanden, oder auf Kult-Basketball-Modelle aus den neunziger Jahren.

Bunte Nike-Sneaker des Modells "Dunk Bttys": Sie wurden 1985 für sieben verschiedene Universitäten in den USA designt. "Bttys" steht für "Be True To Your School". Foto: Kriegel

Die wohl berühmtesten Adidas-Träger der achtziger Jahre: Die Hip-Hop-Musiker von Run DMC. Foto: adidas AG

 

ContiGripWorld: Die Hersteller geben viel Geld für die Verpflichtung von Markenbotschaftern aus. Adidas hat Messi unter Vertrag, Ronaldo spielt mit Nike. Auch Künstler tragen gerne Sneaker: Die Hip-Hop-Ikonen Run DMC verbindet man mit dem Modell Adidas Superstar, den deutschen Sänger Jan Delay mit Nike Air Max.

Döring: Das Marketing mit berühmten Sportlern ging ja schon in den zwanziger Jahren los. Die Converse Allstars sind nach dem Basketballstar Chuck Taylor benannt worden. Der hatte ein kleines Detail dazu entworfen, nämlich diesen heute berühmten Knöchelschutz mit dem runden Logo. Und das ist der erfolgreichste Schuh aller Zeiten geworden.

 

ContiGripWorld: Ein Phänomen: ein Modeaccessoire, das seit hundert Jahren angesagt ist…

Döring: Ja, die haben es einfach geschafft. Der Grund liegt sicher auch darin, dass man sehr zurückhaltend in der Gestaltung ist. Nur die Farbe variiert, sonst behält der Schuh immer die gleiche klare Linie. Während der Vorbereitung zu der Ausstellung kannte ich diese Geschichte mit Chuck Taylor zum Beispiel noch gar nicht. Als wir aber mit dem Museumsteam zusammensaßen und planten, schossen direkt vier Damenfüße mit Chucks in die Höhe.

Adidas ließ immer wieder dezent verrückte Sneakermodelle entwerfen, etwa in Form von King Kong oder eines rosa Teddys. Foto: Kriegel

 

ContiGripWorld: Welche Rolle spielen Filme? Tom Hanks lief als Forrest Gump im Modell Nike Cortez OG Colorway durch die Weltgeschichte. In "Zurück in die Zukunft" trug Hauptcharakter Marty McFly Nike MAG...

Döring: Filme spielen eine große Rolle für die kulturelle Bedeutung von Sneakern. In der Ausstellung hatten wir dann die Fotos von den Stars aus Filmen wie "Kill Bill" oder "Drei Engel für Charlie" im Großformat aufgehängt.

 

ContiGripWorld: Sie selbst tragen Ihre Turnschuhe wegen der bequemen Sohle. Sneaker sind heutzutage ja zum Hightech-Produkt geworden. Continental arbeitet beispielsweise als Reifenhersteller mit Adidas zusammen. Das Ergebnis: Turnschuhe, die von Automobil-Ingenieuren mitentwickelt werden.

Döring: Ja, wir haben zu Beginn tatsächlich versucht, der Entwicklung ein Kapitel in der Ausstellung zu widmen, dieser Hightech-Szene, die mehr und mehr Einzug in der Sneaker-Produktion erhält. Das war dann am Ende leider zu kompliziert. Wie würde man das umsetzen? Wir hätten zum Beispiel einen Schuh komplett in seine Einzelteile zerlegen müssen. Das wäre sicher total interessant gewesen für die Frage, wie sich neue Materialien und Techniken auf die Gestaltung von Schuhen auswirken. Ein großes Thema, das aber den Rahmen unserer Ausstellung überschritten hätte.

Die wohl berühmtesten Adidas-Träger der achtziger Jahre: Die Hip-Hop-Musiker von Run DMC. Foto: adidas AG

 

ContiGripWorld: Heute sieht man Großmütter mit den gleichen Sneaker-Modellen durch die Stadt laufen wie sie ihre Enkel tragen. Ist das nicht bedenklich, wenn sich die Jugend nicht mehr durch bestimmte Modeentwicklungen von der Erwachsenenwelt absetzen kann?

Döring: Ich bin kein Soziologe, das vermag ich nicht endgültig zu beurteilen. Aber es stimmt, wenn man sich heute eine Senioren-Gruppe auf Reisen anschaut, dann steigt über die Hälfte mit Sneakern aus dem Bus. Mit sehr schrillen und bunten Modellen. Ein bisschen merkwürdig kann einem das schon vorkommen.

 

ContiGripWorld: Während der Recherche zur Ausstellung sind Sie doch bestimmt über manch schöne Sneaker-Anekdote gestolpert…

Döring: Eine finde ich richtig gut. Da ist einmal ein Container mit Sneakern im Pazifik ins Wasser gestürzt. Die Schuhe waren am Ende über die gesamte Westküste der USA und Kanada bis hinunter nach Mexiko verteilt. Und anhand der Daten, wann die Schuhe angeschwemmt wurden – da wurden eigene Websites für kreiert – konnten Meeresbiologen und Klimaforscher neue Erkenntnisse über die Strömungen im Meer gewinnen. Natürlich sind die Paare im Wasser nicht zusammenblieben. Über das Internet wurden die angeschwemmten Schuhe dann getauscht und die richtigen Schuhe wieder zusammengeführt. Eine schöne Geschichte, die die Leidenschaft für Sneaker dokumentiert.

 

ContiGripWorld: Wissen Sie noch, was Ihre ersten Sneaker waren?

Döring: Ach, das waren irgendwelche Sportschuhe, die ich auch nur zum Sport genutzt habe, ich habe jahrelang Volleyball gespielt. Da ging es mir nicht um Dinge wie Image oder Modebewusstsein. Mein Lieblingsschuh kam später. Ich hatte mit dem Fechten angefangen und Schuhe von Adidas. Die waren relativ flach und hatten das Leder von der Sohle bis zur Schuhmitte herumgezogen. Die habe ich immer noch. Die halten ewig.