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Weltmeister-Trainer Lippi soll Chinas Fußball retten

AFC Asia Cup

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25/10/2016
 

Seine Duftmarke hat Marcello Lippi im chinesischen Fußball längst hinterlassen. Als Trainer von Guangzhou Evergrande beendete er mit dem Gewinn der asiatischen Champions League 2013 eine jahrzehntelange Durststrecke chinesischer Klubs auf kontinentaler Ebene. Weil ihm dazu noch ein nationaler Meisterschaftshattrick gelang, gilt Lippi als Titelgarant. Dem chinesischen Verband ist dieser Ruf offenbar 50 Millionen Euro für die kommenden drei Jahren wert. Für diese kolportierte Summe soll der Italiener der chinesischen Nationalmannschaft auf die Beine helfen. Seit dem vergangenen Wochenende ist Lippi nicht nur der neue Trainer sondern auch der Koordinator für die Neugestaltung des gesamten Unterbaus der Nationalmannschaft.

Handschlag - Lippi wird Trainer

Marcello Lippi und Cai Zhenhua, Präsident des chinesischen Fußball-Verbandes, bei der Unterzeichnung des Vertrages, der den Italiener zum Nationaltrainer Chinas macht. (Foto: Imago)

 

Lippi, der Italien 2006 zum Weltmeister machte, ersetzt auf dem Trainerstuhl den unglücklichen Gao Hongbo, der nach einem 0:2 in Usbekistan kürzlich seinen Posten zur Verfügung stellte. Die Niederlage der Chinesen bedeutete die dritte Pleite in vier Spielen in der entscheidenden Qualifikationsrunde zur Weltmeisterschaft 2018. Mit nur einem Punkt trennen die Chinesen bei sechs ausstehenden Partien sechs Zähler vom dritten Tabellenplatz. Der würde die Teilnahme an den Playoffs gegen den Dritten der Parallel-Gruppe um den fünften und letzten Teilnehmerplatz Asiens sichern.

 

Sein Debüt feiert Lippi Mitte November im Heimspiel gegen Katar. Dass die Chinesen doch noch ein Ticket nach Russland ergattern, gilt unter den Beobachtern im Land nach den bisherigen Auftritten als nahezu ausgeschlossen. Die Volkszeitung stellte nach der Pleite in Taschkent sogar die provokative Frage: „Muss Chinas Fußball ganz von vorne anfangen?“  Die jüngsten Pleiten haben die neue Euphorie verdorben, die sich breit gemacht hatte. Staatliche Förderungsprogramme, Milliardenverträge für die TV-Rechte der Liga und Transferausgaben, die teilweise höher sind als in der englischen Premier League, schürten die Erwartungen, dass China bereits auf dem Sprung zu einer großen Fußballnation sei. Doch die Realität hat die Fans im Reich der Mitte bereits wieder eingeholt. Ausländische Stars rücken den heimischen Fußball ins Lichtblick, bringen ihn aber nur bedingt weiter.

Lippi beobachtet Ligaspiel

Marcello Lippi (Zweiter von links) beim Ligaspiel seines Ex-Klubs Evergrande Guangzhou, der am 23. Oktober 2016 mit einem 1:1 gegen Yanbian FC den sechsten Meistertitel holte. (Foto: Imago)

 

„Lippi muss jeden Stein umdrehen, um die Nationalmannschaft langfristig in die Erfolgsspur zu setzen“, sagt der Sportjournalist Wang Lu. Eine Mammutaufgabe, prophezeit er. „Auch wenn Lippi viele Erfolge mit Guangzhou gefeiert hat, wird er bei der Nationalmannschaft ganz neue Herausforderungen vorfinden.“ Der Verband ist im Vergleich zu den modernisierten Strukturen von Evergrande noch immer ein vergleichweise verkrusteter Apparat mit verschiedenen Seilschaften und Interessen. Dazu steckt das Scouting in China noch immer in den Kinderschuhen. Ausgebildete Jugendtrainer gibt es viel zu wenige. Zudem ist die Reputation des Sports bei Eltern von potenziellen Talenten nach etlichen Skandalen gering. „Lippi wird in drei Jahren allenfalls die Basis für eine Wende legen können, aber er wird China in dieser Zeit nicht zu einer führenden Fußballnation machen“, sagt Journalist Wang.

Lippi bei CHL-Triumph 2013

Die Spieler von Evergrande Guangzhou lassen ihren Trainer Marcello Lippi „hoch leben“ nach dem Triumph des Champions-League-Gewinns im Jahr 2013. (Foto: Imago)

 

Der Verband setzt mit seinem üppig dotierten Vertrag jedoch ein deutliches Signal. Man will den Wandel zum Guten erzwingen, zumal der autoritäre Staatspräsident Xi Jinping großer Fußballfan ist und öffentlich den Wunsch vom Gewinn einer Weltmeisterschaft formuliert hatte. Lippi trat für das Engagement sogar von einem bereits unterschriebenen Vertrag mit seinem Ex-Klub Guangzhou zurück. Der Serienmeister erklärte auf seiner Internetseite, dass eine entsprechende Vereinbarung aufgelöst wurde. Zu welchen Bedingungen Guangzhou Lippi ziehen ließ, ist bislang nicht bekannt. Der 68-Jährige sollte im kommenden Jahr als Nachfolger von Luis-Felipe Scolari die Dominanz von Guangzhou in der Volksrepublik fortsetzen. Erst vor wenigen Tagen sicherte sich der Klub den Gewinn der sechsten Meisterschaft in Serie. 2015 hatte Guangzhou auch unter Scolari die Champions League gewonnen.

Lippi mit WM-Pokal 2006

Marcello Lippi war der Architekt für den WM-Titel der Italiener bei der WM 2006. Beim 2:0 gegen Deutschland im Halbfinale in Dortmund gelang ihm eine taktische Meisterleistung. (Foto: Imago)

 

Auch der AC Mailand hat indirekt damit zu tun, dass Lippi jetzt die Chinesen trainiert. Der italienische Erstligist stand zu Beginn dieses Jahres in Verhandlungen mit Lippi, der die Mannschaft im Falle einer Entlassung des dann noch verantwortlichen Sinisa Mihajlovic übernommen hätte. Doch die damals kriselnden Rossoneri retteten ihrem Trainer mit einigen guten Resultaten den Kopf. Mihajlovic blieb zwar nur unwesentlich länger, ehe er doch entlassen wurde, nämlich bis April. Zu diesem Zeitpunkt aber war ein Engagement Lippis längst vom Tisch. Nun soll der Mann, der Italien in einer große Krise 2006 bei der WM in Deutschland zum Titel führe, endlich Chinas Nationalteam in Schwung bringen.