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Chinas Fußball im Teufelskreis

AFC Asia Cup

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20/01/2015
 

Shanghai. Der neue chinesische Staatspräsident Xi Jinping ist bekennender Fußball-Fan. Und in den Lehrplan von 20.000 Grund- und Mittelschulen wurde Fußball aufgenommen. Nur die chinesische Fußball-Nationalmannschaft kann spielen, wie sie will. Am Ende wird sie doch meist mit dem Spott der eigenen Fans übergossen. Der makellose Einzug ins Viertelfinale beim Asien-Cup in Australien mit drei Siegen aus drei Spielen wäre Grund genug gewesen, der jungen Mannschaft Respekt zu zollen. Stattdessen nutzte Chinas Internetgemeinschaft den Erfolg, um sich lustig zu machen. „Wenn schon unsere Fußballer das Viertelfinale erreichen können, dann findest du in diesem Jahr ganz sicher auch eine Freundin“, hieß es im Netz in Anlehnung an die drastische Überzahl junger Männer im Land.

Die chinesische Nationalmannschaft vor dem zweiten Spiel des Asien-Cups gegen Usbekistan am 14. Januar in Brisbane. China siegte 2:1. (Photo: Getty Images)

 

Zahlreiche andere Witze der Kategorie „Wenn schon...“ kursieren durch die sozialen Netzwerke und stehen symbolisch für die allgemeine Einschätzung des bisherigen Abschneidens: Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn. Die Frustration der Chinesen sitzt so tief, dass es nicht ausreicht, in Down Under ein gutes Turnier zu spielen, um eine Euphorie im Land zu entfachen. Zu häufig sind die Fans von ihrer Nationalmannschaft enttäuscht worden. Manipulations- und Korruptionsskandale haben dem Profifußball in der Vergangenheit zudem den letzten Funken Glaubwürdigkeit geraubt.

Das sind keine leichten Bedingungen für den neuen Trainer Alain Perrin, der sich deshalb für eine Radikalkur entschied und seinen Kader extrem verjüngte. Nach der missglückten Ära des spanischen Idols Camacho an der Seitenlinie, startete Perrin mit einer Mischung von Neulingen und Rehabilitierten wie dem Ex-Schalker Hao Junmin den Neuaufbau. Mit einem Durchschnittsalter seines Kaders von 24 Jahren ging Perrin das Risiko ein, in Australien früh auszuscheiden. Doch ohne Erwartungsdruck, aber mit einem lange vermissten Kampfgeist schafften die Chinesen die Überraschung. Die Siege beim Asien-Cup gegen Saudi-Arabien (1:0), Usbekistan (2:1) und Nordkorea (2:1) sollen einen Stimmungsumschwung einleiten. Doch die Hürde im Viertelfinale mit Gastgeber Australien könnte zu hoch sein, um mit weiteren Erfolgen auf sich aufmerksam zu machen.

Sun Ke (rechts) köpft den 2:1-Siegtreffer im dritten Gruppenspiel des Asia-Cups gegen Nordkorea in Canberra. (Photo: Getty Images)

Alain Perrin, der französische Trainer des China-Teams, hat die Nationalmannschaft stark verjüngt. Ziel ist die Qualifikation für die WM 2018. (Photo: Getty Images)

 

Perrin wird aber letztlich daran gemessen werden, ob China sich für die Endrunde der Weltmeisterschaft 2018 qualifiziert. Die Skeptiker im Land empfehlen den Fans sicherheitshalber, die drei jüngsten Siege zu genießen, weil es keinen Grund gebe für langfristigen Optimismus. Die Volkszeitung, das landesweite Sprachrohr der autoritär regierenden Kommunistischen Partei, widmete dem Fußball einen eigenen Kommentar. „Chinas Profiklubs verbrennen Geld im Rekordtempo, aber die Leistungsfähigkeit der Nationalmannschaft und das Nachwuchssystem hinken weit hinterher“, heißt es dort. Dann ereifert sich der Autor darüber, dass Frauen- oder Jugendmannschaften mancherorts im Matsch zwischen streunenden Schweinen trainieren müssten.

Der ehemalige Profitrainer Wang Liang kennt das Problem aus eigener Erfahrung, trotz des großen Potenzials, das im Land schlummert

 

Nach seinen Jahren als Zweitligatrainer widmet er sich nun den jungen Talenten seiner Heimatregion in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi. „Es gibt zu wenig Fußballplätze, die Trainer werden schlecht bezahlt, und es gibt keinen Spielbetrieb, der sich über das ganze Jahr streckt. Stattdessen haben die Kinder nur vier oder fünf Spiele in einer einzigen Turnierwoche pro Saison“, sagt Wang. So können die Kinder kaum Wettkampferfahrung sammeln.

Die staatliche Organisation des Sportsystems ersetzt ein gemeinnütziges Vereinswesen in China. Lehrer entscheiden, ob Kinder Tischtennis spielen, Turnen oder Schwimmen sollen. Wer gesichtet wird, bekommt eine Förderung mit aller Intensität. Schon Vierjährige werden in Sportschulen kaserniert, um aus ihnen künftige Olympiasieger zu fabrizieren. Fußball aber steht bei den Schulen weit hinten auf der Liste der förderungswürdigen Sportarten. „Schulen und Kommunen haben für den Fußball kein Geld übrig. Sie erkennen keinen Sinn darin“, klagt Wang. Entsprechend wenige chinesische Kinder bekommen die Möglichkeit, selber Fußball zu spielen.

Der Ex-Aachener Hao Junmin (rechts sitzend) wurde von Salman Alfaraji (links) gefoult. China besiegte Saudi-Arabien in Brisbane am 10. Januar mit 1:0. (Photo: Getty Images)

 

Staatspräsident Xi Jinping ist Fußball-Fan

Während beim Turnen und Schwimmen in jedem Provinznest gute Trainer technische Grundlagen bei den Kindern legen, sind gute Fußballtrainer rar. Wang Liang erinnert sich an einen talentierten Linksfuß unter seinen Fittichen. In der Grundschule verbot ihm ein Trainer den linken Fuß zu benutzen, weil er glaubte, Fußball spiele man am besten mit rechts. Dennoch schaffte es der Junge in die Landesauswahl der 38-Millionen-Provinz. Während Talente in anderen Sportarten jede Hilfe bekommen, um auch die schulischen Anforderungen zu erfüllen, frisst der schulische Leistungsdruck bei jungen Fußballern die Zeit für Training regelrecht auf.

So ist ein Teufelskreis entstanden, in dem sich der chinesische Fußball befindet. Das verbesserungswürdige Image der Profiligen sorgen dafür, dass die Funktionäre in vielen Landesteilen auf seine Förderung verzichten. Ohne den Unterbau entwickelt sich der Fußball kaum weiter, sondern muss auf ausländisches Know-how zurückgreifen. Die Volkszeitung erkennt einen Rückstand der Chinesen auf Asiens Fußballmächte Japan und Südkorea von rund 20 Jahren. Nur 2002 nahm China an einer Weltmeisterschaft teil und versucht seitdem, den Anschluss an Asiens Spitzenteams herzustellen.

Große Schuloffensive, aber nicht jeder will ihr folgen

Damit sich das ändert, wurde der Fußball im vergangenen Jahr in den chinesischen Lehrplan aufgenommen. 20.000 Grund- und Mittelschulen sollen künftig im Sportunterricht Fußball spielen lassen. Ein ähnlicher Vorstoß des Sportministeriums brachte 2009 wenig Erbauliches zustande, weil das Bildungsministerium sich die Einmischung in seine Angelegenheiten nicht gefallen ließ. Die Verantwortung für die neue Kampagne wurde deswegen besser gleich dem Bildungsministerium übertragen.

Ob das ausreicht, daran zweifelt beispielsweise die staatliche Tageszeitung Yangtse Evening News. Sie argumentiert, dass über Beförderungen von Lehrern und Direktoren die intellektuellen Leistungen der Schüler entscheiden, nicht die Integration des Fußballs. Zudem lehnten auch die Eltern den Fußball an Schulen wegen des schlechten Images ab. Trainer Wang hat bereits eine Absage erhalten. Er könne gerne Fußball anbieten, finanzielle Unterstützung dafür bekomme er nicht, sagte ihm der Schulleiter.

Einzige Hoffnung der Pessimisten ist der neue chinesische Staatspräsident Xi Jinping, der sich trotz aller Rückschläge als treuer Fußballfan outet. Seit 2014 ermuntert das Sportministerium in Peking die Provinzen, den Fußball zu entwickeln. Früchte trage der Appell aber leider noch nicht, sagt Ex-Profitrainer Wang. Die Kommunen würden Grundstücke lieber zum Bau von Wohnkomplexen oder Einkaufszentren an Immobilienentwickler verkaufen. Das bringt Wirtschaftswachstum und Meriten in der Partei. „Es ist noch nie jemand befördert worden, weil er einen Fußballplatz gebaut hat“, sagt Wang.