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"Bitte ein Restaurant eröffnen!"

H96

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06/03/2014
 

Innenverteidiger Marcelo von Hannover 96 trifft ContiSoccerWorld zum exklusiven Interview über brasilianische Lebensfreude in Niedersachsen, den ersten Besuch seiner Mutter in der HDI Arena – und die Frage, ob Brasiliens Nationalcoach Felipe Scolari seine Telefonnummer hat.

Marcelo Antonio Guedes Filho spielt seit dieser Saison für Hannover 96. (Foto: Hannover 96)

ContiSoccerWorld: Marcelo, Sie sind im vergangenen Sommer zu Hannover 96 gewechselt. Kurz vorher traten Sie mit Ihrem damaligen Verein PSV Eindhoven dort zu einem Testspiel an. Als Sie seinerzeit vom Flughafen zum Stadion gefahren sind ­– was war ihr erster Eindruck von der Stadt?

Marcelo: Damals war ich weniger auf die Stadt als auf das Spiel fokussiert. Auch wenn es ein Freundschaftsspiel war, so ist es für uns und für Hannover eine wichtige Begegnung gewesen – auch wenn Hannover 0:3 unterlag. Aber als ich später erneut hierher kam, diesmal um hier zu leben und für 96 zu spielen, und die Stadt, den Klub und die Leute erlebt habe, war mein Eindruck wirklich gut. Hannover ist selbstverständlich nicht vergleichbar mit Metropolen wie Rio oder auch Paris. Dafür ist es hier schön ruhig, das liegt mir.

 

ContiSoccerWorld: Und wenn Freunde aus Brasilien Sie anrufen, wie beschreiben Sie denen Ihre Wahlheimat?

Marcelo: Es ist eine typisch deutsche Stadt.

ContiSoccerWorld: Was ist für Sie typisch deutsch?

Marcelo: Alles ist ordentlich, geordnet und sauber. Wenn man jemanden anspricht, man Hilfe braucht, ist jeder sehr freundlich. Es gibt alles, was man braucht.

ContiSoccerWorld: Haben Sie auch schon ein brasilianisches Restaurant gefunden?

Marcelo: Oh, da sprechen Sie etwas an. Es gibt spanische, portugiesische, chinesische Restaurants. Aber um brasilianisch zu essen, in einem Restaurant, muss ich nach Bremen oder Hamburg fahren. In Hannover habe ich noch keins gefunden. Wenn das hier also ein Gastronom mit brasilianischen Wurzeln liest: Bitte ein Restaurant eröffnen! Oder ich mache es am besten gleich selbst… (lacht)

ContiSoccerWorld: Zwei Stammgäste gäbe es bereits, auch Ihr Freund Felipe spielt bei Hannover 96. Mit ihm standen Sie als Teenager zusammen bei Santos in einem Team.

Marcelo: Ja, wir spielten mit fünfzehn oder sechzehn Jahren zusammen, und waren auch damals schon befreundet. Er ist dann aber schon früh gewechselt, wir hatten ein wenig den Kontakt verloren. Aber dann haben wir uns hier wiedergesehen. Ich hatte zuvor mit ihm telefoniert, und er hat mir erzählt, dass Hannover 96 ein guter Verein ist, ein Klub, bei dem ich mich selbst verbessern kann, bei dem die Bedingungen sehr gut sind.

ContiSoccerWorld: Was genau hat er Ihnen über Hannover gesagt? Hier ist kein Strand, kein Meer, kein Karneval...

Marcelo: Ja, das stimmt, aber Eindhoven hat diese Dinge auch nicht. Ich bin nun in Europa und muss mich anpassen. Deshalb bin ich hier!

ContiSoccerWorld: Haben Sie in Hannover denn ein Stück brasilianische Kultur gefunden, vielleicht einen Samba-Klub oder etwas in diese Richtung?

Marcelo: Nein, ich habe hier nichts dergleichen gefunden. Aber auch nicht gesucht, muss ich gestehen.

ContiSoccerWorld: Tanzt nicht jeder Brasilianer gerne Samba?

Marcelo: Ich sehe gerne anderen dabei zu, und ich höre gerne die Musik. In Brasilien gibt es ja beim Karneval diese großen Events, alle gehen auf die Straße, die großen Karnevalswagen, Feuerwerk und so weiter. Das sehe ich mir gerne an. Tatsächlich bin ich selbst aber nicht so der Tänzer. Ich bin wohl zu groß. (lacht)

ContiSoccerWorld: Was würden Sie als die größten Unterschiede zwischen den Menschen hier in Niedersachsen und denen in Brasilien beschreiben? Welche Gemeinsamkeiten gibt es?

Marcelo: Die Menschen hier in Hannover sind sehr freundlich, sehr offen. Das ist in Brasilien auch so. Brasilianer sind immer nett, lächeln immer, auch wenn die Dinge mal nicht gut laufen. Das ist hier in gewisser Weise schon ähnlich und für mich auch angenehm.

ContiSoccerWorld: Nun sind Sie auch ein Experte für europäische Kultur: Sie haben für Krakau und für Eindhoven gespielt, nun sind Sie in Hannover. Ist die Fußballkultur unterschiedlich in Polen, den Niederlanden und Deutschland?

Marcelo: In Deutschland arbeiten wir mehr im physischen Bereich, und das fußballerische Niveau ist etwas höher als zum Beispiel in den Niederlanden. In Holland versucht man eher so zu spielen wie in Spanien. Das ist ein Unterschied. In Polen ist das Level noch niedriger, da ist noch Luft nach oben.

ContiSoccerWorld: Kurz vor Ihrem Wechsel spielte Hannover 96 noch in der Europa League, nun gibt's momentan eine kleine Krise...

Marcelo: Ich denke nicht, dass es eine Krise ist. Wir hatten keinen großen Erfolg in der Hinrunde, das stimmt, aber wir haben oft gut gespielt. Uns fehlte auch das Glück. Es ist eine komische Saison. Viele Mannschaften haben momentan Probleme, obwohl das Niveau der Bundesliga ja sehr hoch ist.

ContiSoccerWorld: Erzählen Sie einmal von Brasilien. Wie sind die Fans, wie ist die Stimmung bei den Spielen?

Marcelo: Das kann man nicht pauschalisieren. In Brasilien sind die Tickets sehr teuer, nicht jeder, der will, kann auch ins Stadion gehen. Geht es gegen kleinere Gegner, bleiben die Stadien eher leer. Bei Spielen gegen große Klubs, bei Derbys, sind die Stadien natürlich voll. Die Stimmung ist dann toll. Jeder Fanklub hat verschiedene Gruppierungen, so dass nicht nur die Fans der beiden Gegner verschiedene Schlachtgesänge singen, sondern auch die Fans eines Vereins. Die Menschen lieben einfach Fußball. Bei großen Spielen werden die Leute verrückt.

ContiSoccerWorld: Viele Brasilianer wenden sich gegen die WM. Nur 52 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für das Turnier aus. Wie nehmen Sie die Proteste wahr?

Marcelo: Ich verstehe die Menschen. Es gibt eine Menge Dinge zu verbessern in Brasilien. Es gibt zu viele Menschen ohne Wohnung, aber die Regierung setzt die Priorität auf die Weltmeisterschaft und auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Deswegen kommt es zu Protesten.

ContiSoccerWorld: Haben Sie die Befürchtung, dass die Proteste sich negativ auf die Weltmeisterschaft auswirken könnten?

Marcelo: Auf jeden Fall werden die Proteste weitergehen, mit Sicherheit. Denn dann wird es die Welt sehen. Dennoch werden die Menschen natürlich zu den Spielen kommen oder sie zuhause auf dem Fernseher anschauen. Sie lieben den Fußball.

ContiSoccerWorld: Es heißt, enorm wichtig für die Stimmung ist der Erfolg der Selecao, der Heimmannschaft. Wichtiger als bei anderen Turnieren.

Marcelo: Ja, wenn wir gewinnen, wird man die Proteste vorübergehend vergessen. Wenn nicht, könnte es Ärger geben.

ContiSoccerWorld: Und sie müssen gewinnen, schon aus historischen Gründen. Das Finale der WM 1950 verlor die brasilianische Nationalmannschaft zuhause im Maracana-Stadion gegen Uruguay.

Marcelo: Ja, der Schmerz ist noch immer da. Vor allem auch, weil die Menschen aus Uruguay einen immer wieder gerne daran erinnern. Wenn Brasilien so spielt wie zuletzt gegen Spanien beim Confed-Cup, dann haben wir eine Chance. Aber wenn alle sagen "Ach, wir werden sowieso gewinnen", dann nicht.

ContiSoccerWorld: Sie haben vier Spiele für Brasilien in der U20-Nationalmannschaft gespielt. Wieso ging Ihre Nationalmannschafts-Karriere dann zu Ende?

Marcelo: Es lief gut, aber danach wechselte ich nach Polen. Dort ist das Level nicht so hoch und ich denke, in Brasilien sieht einfach keiner die Ekstraklasa-Liga, die polnische Meisterschaft.

ContiSoccerWorld: Meine Sie, es gibt noch eine Chance für Sie in der Nationalmannschaft?

Marcelo: Man weiß es nie – das beste Beispiel ist Dante. Vor zwei Jahren spielte er bei Mönchengladbach und niemand kannte ihn, dann ist er zu Bayern gewechselt, und jetzt spielt er in der Nationalmannschaft.

ContiSoccerWorld: Hat Nationaltrainer Felipe Scolari denn Ihre Telefonnummer?

Marcelo: (lacht) Ich weiß es nicht. Aber Dante hat mit 29 Jahren das erste Mal im Nationalteam gespielt, da hat man dann bei Bedarf auch schnell seine Nummer herausgefunden… Na, ich habe ja noch Zeit, ich bin erst 26. (lacht erneut)

ContiSoccerWorld: Reisen Sie nach Brasilien zur WM?

Marcelo: Nein, ich werde nicht in Brasilien sein, sondern mit der Familie in den USA. In Brasilien wird es ziemlich teuer werden während der WM – ich muss mein Geld also nicht gerade in diesem Zeitraum in Brasilien ausgeben. Ich hätte durchaus Lust auf die Spiele, aber meine Frau möchte die Zeit lieber anders verbringen.

Marcelo (links im Bild) ist Innenverteidiger bei Hannover 96. Während der WM plant er allerdings eine USA-Reise. (Foto: Hannover 96)

 

ContiSoccerWorld: Meinen Sie, das letzte Wort ist schon gesprochen?

Marcelo: (lacht) Doch. Sie ist der Boss, sie entscheidet.

ContiSoccerWorld: Ihre Familie ist hier in Hannover?

Marcelo: Ja, meine Frau und meine zwei Söhne. Der eine ist acht Monate, der andere drei Jahre und acht Monate alt.

ContiSoccerWorld: Wir haben gelesen, Sie waren mit Ihrem älteren Sohn hier im Zoo in Hannover. Was machen Sie mit Ihren Kindern sonst noch hier?

Marcelo: Wir haben einen Kidsclub in der Nähe, wo wir wohnen. Da gibt es ein Trampolin und alles, was man zum Spielen braucht. Dann gibt es den Maschsee direkt an unserem Stadion, tolle Spielplätze für die Kinder und ganz viel Grün in der Stadt – ich habe eine Menge Dinge gefunden, die wir hier machen können. Jede Woche unternehme ich etwas mit meiner Familie.

ContiSoccerWorld: Und Sie nehmen Deutsch-Stunden – wie läuft es?

Marcelo: Ja, zweimal die Woche. Es geht ganz gut (lacht), ich werde besser...

ContiSoccerWorld: Was war das erste, was Sie gelernt haben?

Marcelo: Die Grundlagen: Guten Morgen, guten Tag, so kleine Sachen.

ContiSoccerWorld: Wie ist es bei Ihrem älteren Sohn, wer lernt schneller: Sie oder er?

Marcelo: Er ist auf einer internationalen Schule und lernt dort auch Deutsch. Wer schneller ist, weiß ich nicht.

ContiSoccerWorld: Sprechen Sie zu Hause denn ab und zu Deutsch, um zu üben?

Marcelo: Nein, dazu reicht es noch nicht, ich bin ja erst seit einem guten halben Jahr hier. Meine Mutter war übrigens gerade hier zu Besuch. Sie war sehr glücklich und überrascht zu sehen, wie groß der Klub Hannover 96 und die Bundesliga sind. Sie war hier im Stadion gegen Bayern München – und war begeistert von den fast 50.000 Menschen an einem Ort, die jubeln und singen. Klar, wir haben verloren, aber für sie war es etwas sehr Besonderes, denn es war das erste Spiel, das sie hier gesehen hat. Für meine Mutter war ich trotz der Niederlage der Beste. (lacht).

ContiSoccerWorld: Hat Ihr älterer Sohn Sie auch schon einmal im Stadion gesehen?

Marcelo: Ja, auch bereits in Eindhoven.

ContiSoccerWorld: Und möchte er auch Fußballspieler werden?

Marcelo: Ich denke ja, er liebt es und spielt sehr gut. In Holland habe ich mal mit ihm nach dem Training gekickt, und das hat unser Trainer Dick Advocaat gesehen und gesagt „Marcelo, ich möchte einen Vertrag mit ihm unterschreiben“.