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"Wir Kinder saßen auf dem Boden"

H96

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31/03/2014
 

Ist er der „letzte Absolutist“ der Liga, wie ein Fußball-Magazin schrieb? Oder ist Martin Kind schlicht konsequent in seinen Entscheidungen? ContiSoccerWorld traf den Präsidenten von Hannover 96 zu einem Gespräch über Führungsstil, Fußball-Emotionen, Sponsoring – und die Erlebnisse des 10-jährigen Martin Kind in der Dorfkneipe von Burgwedel.

Martin Kind ist Präsident des Bundesligisten Hannover 96. Foto: Firodb.de

 

ContiSoccerWorld: Herr Kind, Sie sind seit 44 Jahren Chef von KIND Hörgeräte und seit 16 Jahren von Hannover 96. Wenn man beide, Unternehmen und Verein, als Ihre Kinder ansähe – wie würden Sie diese charakterisieren? Wäre Ihr Unternehmen der Spross, bei dem alles glatt läuft, der gut im Leben steht?

Martin Kind: Das stimmt – es ist aber auch das Ergebnis eines Prozesses, langer, vieler Jahre professioneller Arbeit. Es sind zwei unterschiedliche Herausforderungen und Verantwortungen, die ich angenommen habe. KIND Hörgeräte ist ein Unternehmen in der Realwirtschaft, hier gelten sowohl die Rahmenbedingungen als auch die Spielregeln eines Wettbewerbsmarktes. Auch Hannover 96 ist heute ein Wirtschaftsunternehmen, eines mit dem Kernprodukt Sport – ebenfalls ein Wettbewerbsmarkt. Doch der Profifußball ist anders aufgestellt als das normale Wirtschaftsleben: Es fehlt an Planungssicherheit. Wobei ich schon glaube, dass man auch im Sport eine Planungssicherheit von vielleicht 70 Prozent erreichen kann. Das Produkt aber ist volatil, sehr unstet. Sie haben immer nur eine Saison Zeit, wenn sie den Abstieg vermeiden wollen oder internationale Plätze erreichen wollen. Fußball ist emotional, öffentlich und damit auch risikobehaftet.

ContiSoccerWorld: Also ist Hannover 96 eher Ihr rebellisches Kind? Sie schubsen es freundlich-bestimmt in die richtige Richtung, und dann macht es doch wieder, was es will...

Martin Kind: Rebellisch nein, durchaus aber schwierig. Dann ist Konsequenz gefordert, wie auch bei Kindern.

ContiSoccerWorld: Sie gelten als sehr rational denkender Mensch. Nun ist Fußball sehr gefühlsbetont. Die Emotionen kochen hoch, meist schon bei der kleinsten vermeintlichen Schiedsrichter-Ungereimtheit.

Martin Kind: Für eineinhalb Stunden habe auch ich eine Grundemotion. Mehr aber nicht. Davor und danach schalte ich den Verstand ein, alle Entscheidungen und Reaktionen sind rational und nüchtern organisiert.

ContiSoccerWorld: Muss es einen unternehmerisch denkenden Präsidenten nicht verrückt machen, dass der wirtschaftliche Erfolg seines Vereins letztlich davon abhängt, ob der Ball vom Innenpfosten herein oder heraus springt, ob der Elfmeter in der neunzigsten Minute ins Tor geht oder nicht?

Martin Kind: Ja, das sind die Besonderheiten dieses Sportes. Es gehören Professionalität und Qualität dazu, aber auch Glück, keine Frage. Damit habe ich mich natürlich abgefunden.

ContiSoccerWorld: Haben Sie im Fußball etwas gelernt, das Ihnen in der Realwirtschaft geholfen hat?

Martin Kind: Was ich gelernt habe ist, sich einer ganz anderen Berufswelt zu öffnen, dem Leistungssport, damit in gewissem Maße auch dem Showgeschäft. Fußball erreicht heute alle wirtschaftlichen Schichten wie zum Beispiel Wirtschaftsführer, Politiker, Medienvertreter, die Zuschauer, die Fans und einen hohen Frauenanteil. Alle werden über den Fußball gleich, alle müssen sich öffnen, deutlich mehr als im Wirtschaftsleben. Das ist spannend, es erweitert den Horizont,

ContiSoccerWorld: Unter Ihrer Verantwortung gab es bei Hannover neun Sportdirektoren und elf Cheftrainer – eine Fluktuation von Führungspersonal, die Sie in Ihrem Unternehmen wahrscheinlich nicht haben.

Martin Kind: Sicher nicht. Die Fluktuation bei Hannover 96 reduziert sich aber immer nur auf diese zwei Personen, die auch die Spielregeln kennen. Das ist in diesem Geschäft so, weil sich in einer Saison alles entscheidet. Wenn man von der Notwendigkeit einer Entscheidung überzeugt ist, muss man diese treffen. Aber eine Trainerentlassung ist keine angenehme Entscheidung, weshalb ich sie auch immer sehr sensibel entschieden und kommuniziert habe. Mit den Betroffenen habe ich überwiegend auch heute noch gute Kontakte.

ContiSoccerWorld: Das Fußballmagazin „11 Freunde“ nannte Sie den „letzten Absolutisten“ der Liga, in Fan-Foren fällt oft das Wort „Diktator“. Bei Facebook gibt es die Seite „Kind muss weg“, 5000 Nutzer haben da Ihr Häkchen gesetzt. Berührt Sie so etwas?

Martin Kind: Nein, überhaupt nicht. Ich sehe auch gar nicht in die Foren. Ich habe sinnvolle Dinge zu tun. „Kind muss weg“ ist zum Beispiel Ausdruck einer bestimmten Fanszene. Da gab es Probleme mit Gewalt und Pyrotechnik, und wir haben notwendige Entscheidungen getroffen. Die die betroffenen Personen nicht lieben, dafür habe ich sogar Verständnis. Aber sie müssen nur die Spielregeln beachten. Sie haben offenbar das Gefühl, man könne nicht gegen sie entscheiden. Aber nein, wenn sie gegen die Spielregeln verstoßen, muss man gegen sie entscheiden. Und dann muss ich auch mit Kritik und Konflikt leben. Wichtig ist, wie ich mich selbst einordne. Und da bin ich dann der einzige Ausgebeutete. Denn ich arbeite ehrenamtlich und unentgeltlich. Zur guten Vereins-Führung zählt, ein Vorbild zu sein, verbunden mit Führungskompetenz, Wissenskompetenz und Sozialkompetenz. Ich bin weder Absolutist noch bin ich Diktator.

ContiSoccerWorld: Was fasziniert Sie so am Fußball?

Martin Kind: Fußball ist Leistungssport auf hohem Niveau, emotional und öffentlich. Ich genieße eineinhalb Stunden das Spiel, keine Frage, besonders, wenn wir gewinnen. Aber der Antrieb ist ganz etwas anderes. Ich denke sehr ergebnis- und erfolgsorientiert. Ich mache den Job, damit wir Erfolg haben, damit 96 eine Zukunft hat. Und momentan arbeite ich an den Strukturen der Zukunft, damit der Verein sportlich und wirtschaftlich über meine Zeit hinaus Erfolg hat.

ContiSoccerWorld: Dieser Erfolg beruht, glaubt man Wikipedia, auf einem „strikten Führungsstil“. Würden Sie das unterschreiben?

Martin Kind: Nein. Visionen müssen entwickelt, Ziele müssen definiert werden und ergebnisorientierte Entscheidungen getroffen werden – konsequent.

ContiSoccerWorld: Was heißt das?

Martin Kind: Dies bedeutet, dass ich das Produkt und den Markt verstehen muss. Nur dann bin ich in der Lage, unabhängige Entscheidungen zu treffen.

ContiSoccerWorld: Andere Vertreter des Geschäfts sind oft nicht so konsequent. Spielerberater plaudern Interna aus, in den Medien wird viel verbreitet...

Martin Kind: Das ist schon schwierig, aber ich kann damit umgehen. Wenn die Medien Informationen haben, die richtig sind, widerspreche ich nicht. Das alles wird mich nicht beeinflussen.

ContiSoccerWorld: Ist es schwer, neben dem Manager Kind zu bestehen?

Martin Kind: Nein. Sie könnten ja hier bei Kind die Führungsleute fragen. Es gibt natürlich auch hin und wieder Konflikte, dann sind Eingriffe nötig, insbesondere wenn Ziele nicht erreicht werden. Das gilt auch für den Sport. Das heißt, wenn die Mannschaft erfolgreich ist, dann gibt es auch keine Konflikte oder Kritik, sondern Lob.

ContiSoccerWorld: Das Fußball-Geschäft ist abhängig von externen Geldgebern. Sie haben in einem Interview gefordert, die Bundesliga müsse attraktiver werden für Sponsoren. Was muss sich ändern?

Martin Kind: Nach meiner Einschätzung wird sich der Fußballmarkt in den nächsten Jahren deutlich verändern und er wird deutlich wachsen. Das ist natürlich per se schon eine hohe Attraktivität. Dazu ist es meine tiefe Überzeugung, dass Bundeligavereine Wirtschaftsunternehmen sind. Nehmen sie den FC Bayern München. Dort hat ein weiterer strategischer Investor für neun Prozent Anteile mehr als 100 Millionen Euro gezahlt. Das bedeutet, das Wirtschaftsunternehmen Bayern München ist mehr als 1,3 Milliarden Euro wert. Auch bei Hertha BSC ist ein Finanzinvestor eingestiegen. Beim HSV wird die Ausgliederung in ein Wirtschaftsunternehmen diskutiert. 70 Prozent der Bundesliga-Vereine sind bereits Wirtschaftsunternehmen.

ContiSoccerWorld: Zuletzt gab es vermehrt Diskussionen zu einigen Partnerschaften, etwa bei Werder Bremen und Wiesenhof, bei Schalke und Gazprom. Gibt es für Sie beim Thema Sponsoring Ausschlusskriterien? Gibt es Grundregeln, welcher Sponsor zu welchem Verein passt?

Martin Kind: Da bitte ich Sie um Verständnis, dass ich jetzt keine Ausschlusskriterien definieren will. Aber vielleicht brauchen wir die irgendwann, denn wir nehmen natürlich nicht jeden potenziellen Interessenten. Wir haben jetzt im Sommer leider nach gut zehn Jahren einen Wechsel des Hauptsponsors. In der Aufbauphase in der ersten Liga, 2002 sind wir ja aufgestiegen, war das Unternehmen TUI unser Hauptsponsor. Da kann man sich nur bedanken, dass uns das Unternehmen in dieser schweren Phase unterstützt hat, und ich denke, beide Seiten konnten mit den Ergebnissen dieser Partnerschaft vollumfänglich zufrieden sein. Dass sich TUI jetzt anders entschieden hat, liegt an ganz anderen Fragestellungen. Jetzt haben wir definiert, welche Geschäfts- oder Unternehmensfelder für uns attraktiv sind und welche Unternehmen daher attraktiv sind für die Marke Hannover 96.

"Liga muss interessanter werden für Sponsoren", fordert Martin Kind. Continental unterstützt Hannover 96 schon heute. Foto: Wesselhöft

 

ContiSoccerWorld: Wofür steht denn die Marke "96"?

Martin Kind: Wir sind gerade noch dabei, den Markenkern genau zu definieren, da möchte ich erst den Ausgang der internen Diskussion abwarten. Was man sicher sagen kann, Hannover 96 ist Tradition. Der Verein ist stark in der Region verwurzelt, ist aber momentan dabei, sich von einer Regionalmarke zu einer nationalen Marke zu entwickeln. Wir haben insgesamt eine deutlich hohe öffentliche Wahrnehmung erlangt. Aber, man muss auch sehen, der Markt von Hannover 96 ist der Regionalmarkt. Wir spielen nicht in der Champions League. Und wenn ich mich im sportlichen Bereich meist im Mittelmaß tummele, dann tue ich das auch im Transferbereich. Wie man aus diesem Kreislauf herauskommt, darauf habe ich noch keine Antwort. Denn die Top-Spieler kommen nicht zu uns. Selbst wenn wir ihnen das Gehalt zahlen könnten, dann spielen wir eben noch nicht Champions League, dann sind wir eben noch keine internationale Marke. Und damit können wir so einer Spieler-Karriere nicht förderlich sein. Wir müssen uns derzeit noch auf die Realitäten unserer Möglichkeiten  beschränken.

ContiSoccerWorld: Thema Karriere. Sie haben als Junge in Großburgwedel Fußball gespielt. Auf welcher Position eigentlich?

Martin Kind: Ja, aber nur bis zum Abitur. Ach, und Positionen gab’s damals noch nicht so richtig. Das kann man nicht mit heutzutage vergleichen. Es war die Nachkriegszeit, wir haben Straßenfußball gespielt. Letztlich ist man damals einfach dem Ball hinterher gelaufen. Professionell war es nicht.

ContiSoccerWorld: Der Funke ist nie übergesprungen? Sie wollten kein Fußballstar werden?

Martin Kind: Nein, nein, ich hatte ganz klare Vorstellungen von meinem beruflichen Werdegang. Und Fußball war kein Bestandteil davon.

ContiSoccerWorld: Spielen sie denn mit ihren Enkeln noch manchmal Fußball?

Martin Kind: Ja. Ich habe drei Enkel, zwei Mädchen, 11 und 7 Jahre alt, und einen Jungen, der ist 9, und mit ihm kicke ich im Sommer auch mal ein wenig Fußball auf dem Rasen. Er spielt auch in einem Verein.

ContiSoccerWorld: Und da stehen sie am Rand und feuern ihn an?

Martin Kind: Nein, dafür habe ich weder die Zeit noch die Emotionen. Ich hoffe, dass er gut wird. Dann bin ich bereit, ihn später zu managen (lacht)

ContiSoccerWorld: War Fußball früher bei ihnen zu Hause ein Thema?

Martin Kind: Nein, gar nicht. Weder bei meinem Vater, noch bei meinem Schwiegervater, Fußball war kein Thema.

ContiSoccerWorld: Sie waren 1954, als Hannover 96 Deutscher Meister wurde, 10 Jahre alt.

Martin Kind: Daran kann ich mich gut erinnern! Großburgwedel war ja zu dem Zeitpunkt wirklich noch ein Dorf. Es war die Frühphase des Fernsehens. Im Dorf gab es nur eine Kneipe, da stand der Fernseher. Und die, die Fußballfans waren, die haben sich an diesem Tag alle getroffen und das Spiel gemeinsam in der Kneipe gesehen. Wir Kinder mussten auf dem Boden sitzen. Das alles erinnere ich noch sehr gut.

ContiSoccerWorld: Sie feiern bald Ihren 70. Geburtstag. Geben Sie eine große Party?

Martin Kind: Gar nicht. Ich fahr einfach weg. Nur mit meiner Frau, ohne Kinder, ohne Enkelkinder. Nein, für mich sind Geburtstage unbedeutend. Der Siebzigste ist auch nur ein Tag, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin da sehr frei von irgendwelchen Daten, Emotionen oder Notwendigkeiten.

ContiSoccerWorld: Sie arbeiten noch immer sieben Tage in der Woche, zwölf Stunden am Tag?

Martin Kind: Ja, das ist eine freie Entscheidung. Ich könnte es ja anders machen, deswegen kann ich mich nicht beklagen. Viele Menschen laufen ja nur ihren Illusionen nach. Man kann nicht alles haben. Ich lebe auf der Sonnenseite, und deswegen nehme ich auch diese Belastungen hin. Aber es sind für mich eigentlich keine Belastungen. In der Außenwahrnehmung vielleicht, aber nicht für mich selbst. Ich kann gestalten, ich kann Visionen entwickeln, ich kann entscheiden. Wer kann das schon? Also, ich find’s toll. Ich kann Menschen nicht verstehen, die immer nur klagen und unzufrieden sind. Man soll das Positive sehen, man soll die Chancen sehen, man soll sie ergreifen, dann ist man auch zufrieden. Unzufrieden ist wer glaubt, andere organisieren das eigene Leben.