Produkte für PKW / Van / 4x4

New content item

"Wer hat den Ball? Pelé hat den Ball"

H96

 Votes Print
 
14/04/2014
 

Besuch bei Friedel Schicks in Wunstorf bei Hannover: Der langjährige Stürmer von Hannover 96, 1956 bis 1964 spielte der frühere Conti-Reifen-Ingenieur für die "Roten", sitzt am Wohnzimmertisch und erzählt: vom "Schnaps-Doping" in alten Zeiten, wie er einmal gegen Pelé spielte – und vom sensationellen Coup, den brasilianischen Superstar als Stürmer zu Hannover 96 zu locken. ContiSoccerWorld-Reporter Freddy Boom traf den heute 85-Jährigen.

Friedel Schicks, ehemaliger Spieler von Hannover 96, stürmte einmal gegen den brasilianischen Star Pelé (im Album rechts oben). Foto: Bruhn/büro 504

 

ContiSoccerWorld: Herr Schicks, Ihnen ist als Fußballer bei Hannover 96 etwas gelungen, wofür noch heute manch Profi seinen linken Fuß geben würde: Sie haben gegen Pelé gespielt, den wohl populärsten Fußballer aller Zeiten. Wie kam es denn dazu, dass Sie gegen "König Pelé" auf dem Platz standen?

Friedel Schicks: Pelés Verein, der FC Santos aus Brasilien, hat damals regelmäßig Trainingslager an der Sportschule Barsinghausen in Niedersachsen gemacht. Dort haben wir 1959 gegen Santos mit einer Niedersachsenauswahl gespielt. Pelé war damals zwar erst 18 Jahre alt, aber schon Weltmeister, ein weltbekannter Star. Er war für mich der beste Spieler der Welt. Der konnte alles am Ball. Er war zwar nicht groß, aber sprang aus dem Stand höher als alle. Pelé hätte auch Torwart spielen können (lacht). Schauen Sie sich mal die Bilder an, da fällt immer eines auf: Wer hat den Ball? Pelé hat den Ball.

ContiSoccerWorld: Warum ist denn der FC Santos ausgerechnet nach Barsinghausen zum Trainieren geflogen?

Friedel Schicks: Warum die das erste Mal gerade zu uns kamen, da habe ich ehrlich gesagt keine Ahnung. Kennengelernt hat Pelé die Sportschule ja mit 18 Jahren, und wahrscheinlich hat es ihm so gut gefallen, dass er die Vereinsbosse überzeugt hat, auch in den kommenden Jahren wieder zu uns nach Niedersachsen zu kommen. Sie wohnten im Sporthotel Fuchsbachtal, sehr idyllisch gelegen, im Wald, nahe einer Schlucht.

ContiSoccerWorld: Wie haben Sie den hohen Besuch als Spieler wahrgenommen? Brasilien war damals ein sehr fernes Land, Pelé ein Superstar aus einer anderen Welt.

Friedel Schicks: Brasilien war auch damals schon eine große Nummer im Fußball. Die Weltmeisterschaft 1950 in Brasilien, das hat man natürlich verfolgt. Legendär ist ja die Endspielniederlage der Brasilianer gegen Uruguay. Ich erinnere noch, dass die Brasilianer tief schockiert waren. Da saßen im Maracanã-Stadion wohl noch Stunden nach dem Abpfiff Zehntausende – die sind aus Frust gar nicht nach Hause gegangen. Pelé war seinerzeit natürlich noch nicht dabei. Der Mann, der das entscheidende Tor für Uruguay gemacht hat, hieß Ghiggia, ein Rechtsaußen. Gegen den habe ich noch gespielt, mit Hannover 96 im Spiel gegen den AS Rom im Messepokal Ende der fünfziger Jahre.

ContiSoccerWorld: Was viele nicht wissen: Pelé sollte 1964 Ihr Sturm-Nachfolger bei Hannover 96 werden. Der damalige Vereins-Verwaltungsrat Hans-David Ziegra soll heimlich versucht haben, ihn aus Brasilien nach Hannover zu locken.

Friedel Schicks: Ja, das ist so eine Geschichte. Klingt unglaublich, nicht? Ich kann mir allerdings nicht so richtig vorstellen, dass der Transfer wirklich geklappt hätte. Eine kleine Chance bestand vielleicht, aber ich glaube, letztlich war das eine Ente. Natürlich wären viele Leute gekommen, wenn man sagte, der Pelé ist jetzt da! In Hannover! Es wäre eine Sensation gewesen. Aber er hat dann ja noch einige Jahre bei Santos gespielt und ist erst am Ende seiner Karriere nach New York gewechselt.

ContiSoccerWorld: Haben Sie Pelé später noch einmal getroffen??

Friedel Schicks: Ja, bei einem weiteren Trainingslager von Santos in Barsinghausen. Ich habe damals meinen Trainerlehrgang dort absolviert. Ich muss sagen, ich habe, trotz Beckenbauer und anderen, nie wieder einen so guten und vielseitigen Spieler gesehen. Übrigens war Pelé nicht nur talentiert, sondern trainierte auch sehr hart. Pelé war immer der letzte auf dem Platz, machte nach dem Training noch jede Menge Übungen.

ContiSoccerWorld: Gibt es heute noch Kontakt?

Friedel Schicks: Nein, auch wenn mich immer wieder Leute gedrängt haben, doch mal Kontakt mit ihm aufzunehmen. Wissen Sie, die Geschichte in Barsinghausen ist nun so viele Jahre her und ich bin nicht der Typ, der sich aufdrängt.

ContiSoccerWorld: Die jetzt anstehende Weltmeisterschaft findet erneut im Heimatland von Pelé statt. Würden Sie gerne einige Spiele vor Ort in Brasilien sehen?

Friedel Schicks: Nicht wirklich. Ich sage immer, ich bin so viel herum gekommen früher. Mit Gladbach waren wir in Norwegen, Schweden, Holland, und auch mit Hannover 96 sind wir zu den unterschiedlichsten Anlässen und Turnieren herumgereist, nach Mexiko, wir waren in New York, in Italien und in Spanien – das reicht mir. Bei der WM 2006 in Deutschland waren ja zwei Spiele in Hannover, da war ich im Stadion. Am Fernseher werde ich mir aber jetzt alles anschauen, da spielt es auch keine Rolle, dass die Spiele teilweise spät angepfiffen werden. 

Bevor er für Hannover 96 spielte, stürmte Schicks für Borussia Mönchengladbach –erfolgreich, wie alte Zeitungsartikel beweisen. Foto: Bruhn/büro 504

 

ContiSoccerWorld: Sie sind 1956 von Mönchengladbach zu Hannover gewechselt. Warum haben Sie sich damals für die 96er entschieden?

Friedel Schicks: Ehrlich gesagt – das hatte mit Fußball gar nichts zu tun, sondern mit Continental und Reifen. Conti hatte damals zig Diplomingenieure und Doktoren aller Spezialgebiete. Aber es gab nur einen Textil-Experten. Reifen bestehen zwar hauptsächlich aus Gummi. Allerdings sind im Reifen auch Festigkeitsträger, damals waren das vor allem Baumwolle, Kunstseide oder Nylon. Ich war ausgebildeter Textilingenieur, und ein Bekannter hat mir den Tipp gegeben, dass Conti doch etwas für mich sein könnte. Also bin ich zum Conti-Hochhaus gefahren, zur Hauptverwaltung, und habe mich dort einem Direktor vorgestellt. Der Direktor hat mir die Reifenproduktion schnell schmackhaft gemacht – und er war fanatischer 96-Fan. Der Wechsel zu Hannover hing also stark mit dem Beruf zusammen.

ContiSoccerWorld: Wie haben Sie Fußball als Leistungssport und die Arbeit bei Continental unter einen Hut gebracht?

Friedel Schicks: Das war damals einfach so. Wir waren sogenannte Halbprofis: In unseren Verträgen stand, dass man einen Beruf ausüben musste. Ich war auch nicht der einzige Spieler von 96, der bei Continental gearbeitet hat. Das war also normal. Das Gehalt vom Verein betrug damals auch nur höchstens 320 Mark im Monat. Bei der Conti habe ich als mittlerer Angestellter von Anfang an mehr verdient.

ContiSoccerWorld: Später haben Sie für Conti dann auch in der Betriebsmannschaft gespielt...

Friedel Schicks: Richtig. Da hatten wir übrigens auch einen weiteren prominenten Sponsor. Ein gewisser Günter Mast hat die Betriebsmannschaft von Conti mitunterstützt. Das war der Chef von Jägermeister, die damals bei Eintracht Braunschweig als erstes Unternehmen überhaupt in Deutschland Trikot-Werbung gemacht haben. Der Herr Mast hat uns damals die Trikots gestellt. Er hatte nur eine Bedingung: Vor und nach dem Spiel müsst ihr jeweils Jägermeister trinken. Das haben wir natürlich gemacht...

ContiSoccerWorld: Vor dem Spiel?

Friedel Schicks: Naja, einen (lacht).

ContiSoccerWorld: Wenn man von Ihnen liest, werden Sie mal als Stürmer, mal als Spielmacher bezeichnet. Als was haben Sie sich denn damals gesehen?

Friedel Schicks: Das muss man so sehen: Früher spielte man mit fünf Stürmern: Rechts- und Linksaußen, Halbrechts- und Halblinks sowie Mittelstürmer. Ich habe meistens halbrechts gespielt, heute wäre die Position im Mittelfeld. Als Halbstürmer spielte man nämlich etwas hängend. Ich bin stolz darauf, dass ich als Halbrechter damals als „Regisseur“ oder „Spielmacher“ in den Artikeln bezeichnet wurde.

ContiSoccerWorld: Also waren Sie eher die Schaltzentrale als ein laufstarker Arbeiter?

Friedel Schicks: Nein, im Gegenteil, denn damals musste man als rechter Läufer dem Halblinken des Gegners hinterherlaufen – Manndeckung über den ganzen Platz! Wir haben früher schon gesagt: Das ist doch Unsinn! Denn das hat unglaublich an Kraft gekostet. Wir sind beim Training zehn oder zwanzig Runden um den Platz gelaufen – haben also trainiert wie die Leichtathleten. Damals war das Spiel ganz anders. Es gab zum Beispiel auch keine Doppelpässe. Wer am weitesten und höchsten schießen konnte, war Verteidiger. Und die durften nicht über die Mittellinie.

ContiSoccerWorld: Schauen Sie sich heute regelmäßig Spiele an?

Friedel Schicks: Ich gucke pausenlos Fußball. Ich schaue freitags drei Spiele Zweite Liga, anschließend das Abendspiel der Bundesliga, samstags dann das ganze Repertoire. Dann schaue ich auch sehr viel die englische Liga. Die spielen zwar nicht besseren Fußball, aber die kämpfen mehr. Und natürlich verfolge ich vor allem Hannover, ich bin 96er!

"Schicks Routine spannte das Netz" – Friedel Schicks, heute 85 Jahre alt, sorgte bei Hannover 96 für positive Schlagzeilen. Foto: Bruhn/büro 504

 

ContiSoccerWorld: Gehen Sie noch ins Stadion?

Friedel Schicks: Im Stadion bin ich nur noch ab und zu. Wissen Sie, gewisse Dinge sind heute einfach verwunderlich. Zum Beispiel diese Art, als Mannschaft vor dem Spiel auf dem Platz einen Kreis zu bilden. Die Mannschaft bereitet sich eine Woche auf das Spiel vor, bespricht alles Wichtige vorher in der Kabine. Und dann kommen die auf das Spielfeld und bilden so einen Kreis – das ist doch Quatsch. Das wird, wie vieles heute, nur noch für die Zuschauer gemacht. Das ist Show. Aber das soll nicht heißen, dass früher alles besser war: die Bälle zum Beispiel haben sich früher bei Regen voll Wasser gesogen und wurden unheimlich schwer. Oder der Rasen – das war früher oft eher ein Acker.

ContiSoccerWorld: 1964 ist Hannover 96 in die erste Liga aufgestiegen. Weshalb haben Sie gerade in diesem Jahr aufgehört mit dem Fußball?

Friedel Schicks: Ich bin nicht mehr mit in die Bundesliga gekommen, weil ich zu alt war. Ich war ja schon 36. Die letzten Spiele habe ich für die Amateurmannschaft gemacht, denn parallel zum Aufstieg sind wir damals Amateurmeister geworden.

ContiSoccerWorld: Und was haben Sie in der Zeit danach gemacht?

Friedel Schicks: Der damalige Präsident Alfred Strothe sagte nach dem Aufstieg bei meinem Karriereende zu mir, ich könne doch mal in den Westen fahren, ins Rhein-Ruhr-Gebiet, um dort einige Spieler anzugucken. Ich bin mit einem Bekannten losgefahren, und wir haben uns Spieler angesehen, die wir interessant fanden. Mein Motto dabei war immer: Hoffentlich verliert die Mannschaft, für die wir hier sind. Denn wenn eine Mannschaft gewinnt, dann spielen auch schwache Spieler einfach mit. Wenn sie aber verliert, kannst du die Spieler am besten beurteilen. Wenn ein Spieler nach einem Ballverlust stehen geblieben ist, war das Thema für mich schon durch.

ContiSoccerWorld: Sie waren in den Fünfzigern regelmäßig im Kader der Nationalmannschaft, beim Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 jedoch nicht. Warum nicht?

Friedel Schicks: Nun, der Sepp Herberger hatte es wohl nicht so mit mir. 1954 waren 20 Spieler nominiert für die WM in der Schweiz – ich war der Einundzwanzigste. Es hätten auch 22 Spieler nominiert werden können, aber Herberger sagte zu mir, ich solle zu Hause trainieren. Später hatte ich dann eine Einladung für ein Spiel gegen England in London. Der Zug, mit dem die Mannschaft anreiste, hielt extra wegen mir unplanmäßig in Gladbach, damit ich dazu steigen konnte. An dem Tag hatten wir mit Gladbach noch ein Freundschaftsspiel. Ich hatte also meinen Koffer dabei und wartete danach im Klubhaus. Auf einmal kam der Wirt und sagte „Friedel, komm mal ans Telefon.“ Da hat mich der Herberger ausgeladen. Das war so eine Sache mit Heberger und mir... Trotzdem war ich später auch wieder mal dabei, ich hege keinen Groll.

ContiSoccerWorld: Ein besonderes Tor haben Sie einmal im Messepokal geschossen, einem damaligen internationalen Klub-Turnier...?

Friedel Schicks: Ja, da haben wir gegen Barcelona, Mailand und Rom gespielt. Gegen Barcelona habe ich einen Eckball direkt verwandelt. Zugegeben war es auch Glück: Ich habe versucht, den Ball in Höhe der Latte zu schießen. Das habe ich später als Trainer auch immer meinen Spielern empfohlen. Da kann der Ball gut verwertet werden oder auch mal ins Tor gehen. Da reicht eine Windböe – wie bei mir.