Produkte für PKW / Van / 4x4

New content item

1 Million Kilometer für 96

H96

 Votes Print
 
08/05/2014
 

Sportchef? Trainer? Kapitän? Nein, Mirko Liesebach ist der wahre Steuermann von Hannover 96: Er ist seit 14 Jahren Fahrer des Mannschaftsbusses. ContiSoccerWorld trifft den 42-Jährigen zum Interview im Bus, während das Team nebenan im Stadion trainiert. Ein Gespräch über getönte Scheiben, verlässliche Reifen – und Autogrammkarten für Busfahrer.

Der wahre Lenker des Vereins: Busfahrer Mirko Liesebach am Steuer. (Foto: büro 504)

 

ContiSoccerWorld: Herr Liesebach, Sie sind einer der wenigen Busfahrer der Welt mit eigener Autogrammkarte…

Mirko Liesebach: Es wurde vom Klub irgendwann so festgelegt, dass eben jeder aus dem Team eine Autogrammkarte haben soll. Und ich als Busfahrer gehöre mit zum Team. Es kommt ja auch tatsächlich vor, dass mich Fans ansprechen und ein Autogramm haben möchten.

ContiSoccerWorld: Wie fühlt sich das an?

Liesebach: Ach, das ist mittlerweile völlig normal und immer auch nett, Fans von Hannover 96 zu treffen. Jeder, der mich nicht nur mit „Eeey“ anschreit, sondern höflich "Bitte" sagt, der bekommt natürlich eine Autogrammkarte von mir.

 

ContiSoccerWorld: Was aber seltsam ist: Bei Ebay wird Ihre Autogrammkarte für 1,59 Euro gehandelt, die von Torwart Ron-Robert Zieler gibt es dafür schon für 1,49 Euro. Was ist da los in Hannover?

Liesebach: (lächelt) „Was ist da los bei Ebay?“, würd' ich eher sagen. Es sind ja von mir verschiedene Karten im Umlauf. Einmal die, die von mir vor Ort unterschrieben werden. Und die aus den Autogrammkartensätzen. Auf denen steht "M. Liesebach" oder "Liese", das ist mein Spitzname. Wenn mich jemand persönlich anspricht, am Bus vor einem Spiel zum Beispiel, dann unterschreibe ich immer mit Vor- und Zunamen.

ContiSoccerWorld: Beim Karriere-Netzwerk Xing nennen Sie unter aktueller Berufsbezeichnung: "Fahrer der Roten". Ist das eigentlich ein Full-Time-Job?

Liesebach: Zu Europa-League-Zeiten war's das auf jeden Fall. Ich bin ja aber nicht beim Verein beschäftigt, sondern beim Hannoveraner Verkehrsunternehmen üstra Reisen. Zu 90 Prozent bin ich für Hannover 96 unterwegs. Den Rest der Zeit fahre ich Sponsoren, wenn zum Beispiel Continental den Mannschaftsbus für eine Veranstaltung chartert. Auch Nicht-Sponsoren können den Bus übrigens mieten.

ContiSoccerWorld: Tatsächlich? Wer mietet sich denn so den Mannschaftsbus?

Liesebach: Meist sind es Unternehmen, die mit Kunden oder Mitarbeitern einen Ausflug machen, eine Präsentation. Grundsätzlich wird jede Anfrage geprüft. Passt es auch zum Klub? Die Außendarstellung des Vereins steht im Vordergrund. Was eher nicht geht, dass sich ein Schützenverein zum Hamburger Hafengeburtstag fahren lässt und auf der ersten Raststätte wird dann ausgestiegen und in die Gegend gepinkelt.

ContiSoccerWorld: Sie sitzen seit 2000 am Steuer von Hannover 96. Sie haben also als Zweitliga-Busfahrer angefangen und sind dann 2002 mit dem Verein aufgestiegen…

Liesebach: Richtig, der Aufstieg stand damals schon ein paar Spieltage vor Saisonende fest. Ich glaube, in Schweinfurt haben wir das klar gemacht. Auf der Rückfahrt war's ziemlich laut, wir haben noch lange gefeiert.

Mirko Liesebach und sein Arbeitsplatz: Seit 14 Jahren chauffiert der Busfahrer das Team von Hannover 96. (Foto: büro 504)

 

ContiSoccerWorld: Diese Saison musste die Mannschaft lange auf den ersten Auswärtssieg warten, erst Ende Januar war's gegen Wolfsburg soweit. War die Stimmung an Bord diese Saison eher gedämpft?

Liesebach: Wissen Sie, die Stimmung ist eigentlich fast immer gleich – es sei denn, man ist gerade aufgestiegen oder hat einen Platz in Europa gesichert. Nach Siegen wird im Bus in der Regel nicht gefeiert. Klar sind die Jungs dann besser drauf, aber es werden mit Sicherheit keine Champagnerflaschen geöffnet und wilde Partys veranstaltet. In der Regel ist es im Bus sehr ruhig.

ContiSoccerWorld: Nach Spielen beginne bereits im Bus die Regeneration, heißt es. Dieser Tisch, an dem wir hier sitzen, lässt sich ja absenken und zu einer Liege umfunktionieren. Stehen die Spieler dann Schlange beim Masseur?

Liesebach: Den Tisch kann man herunterfahren, das stimmt. Das ist aber nur für Notfälle, wenn ein Spieler sich verletzt hat und die Beine hochlegen muss. Jemanden während der Fahrt zu massieren, das ist eher nicht möglich. Das wackelt, so dass der Masseur keinen sicheren Stand hätte. Die Regeneration der Spieler beginnt im Bus mit Essen und Trinken. Dafür haben wir zum Beispiel einen Heißluftofen an Bord, damit wärme ich vor der Abfahrt das Essen auf.

ContiSoccerWorld: Sie können das jeweilige Spiel also gar nicht sehen, sondern müssen kochen?

Liesebach: Nein, so schlimm ist es nicht (lacht). Zumindest die erste Halbzeit bin ich im Stadion und schaue, was die Jungs auf dem Platz machen. Von der zweiten Halbzeit sehe ich meistens nur noch das erste Drittel, dann treffe ich mich mit dem Caterer am Bus, der bringt Pasta, Reis, Geschnetzeltes und so weiter, vorportioniert in Schalen. Das muss ich dann alles vorbereiten, die Tische aufstellen, Besteck und Serviette an die Plätze legen.

Bei jedem Spiel gibt es ja auch Ihren "Gegner", den Busfahrer des anderen Teams. Treffen Sie sich am Stadion?

Liesebach: Natürlich! Da gibt es ja auch Freundschaften. Die erste Halbzeit schauen wir meistens zusammen. Bei Werder Bremen zum Beispiel sitzen wir zusammen auf der Tribüne. Auch in Köln, den FC können wir ja nun wieder in der ersten Liga begrüßen, oder in Wolfsburg suche ich mir mit den Kollegen ein ruhiges Plätzchen im Stadion und wir schauen gemeinsam das Spiel.

ContiSoccerWorld: Gibt es auch einen Bundesliga-Busfahrer-Stammtisch?

Liesebach: Nein, dafür sind die Vereine dann doch zu weit auseinander, schon rein geografisch. Es gibt aber ab und zu Fahrertrainings für Bundesliga-Busfahrer. Da trifft man sich dann jeweils mit dem eigenen Bus. Das ist immer ein witziger Termin.

ContiSoccerWorld: Gibt es dabei einen Wettstreit, wer den schönsten Bus hat?

Liesebach: Nee, das nun nicht. Daran würde mich nicht beteiligen. Ich weiß ja, dass wir den schönsten haben… (lacht)

ContiSoccerWorld: Vor zwei Jahren bekam der Verein einen neuen Bus. Was ist heute besser?

Liesebach: Wir fahren heute einen MAN Lion's Coach L, der ist moderner und komfortabler als unser Modell davor. Mittlerweile haben wir auch eine Küche hier drin, einen Wärmeofen, eine separate Kaffeemaschine, wir haben viel mehr Bildschirme als früher, wir haben einen größeren Sitzabstand und Tische, die man zur Fußbank umfunktionieren kann. Also, die Jungs haben es schon sehr viel besser als früher.

ContiSoccerWorld: Und sie als Fahrer?

Liesebach: Ganz ehrlich, als Fahrer merke ich keine großen Unterschiede. Für mich ist einfach wichtig, ein absolut verlässliches Fahrzeug zu steuern. Dazu gehören übrigens auch die Reifen. Wir fahren ja seit Jahren Conti, für uns gibt es gar nichts anderes. Der Verein, das Unternehmen, beide kommen aus Hannover, allein das verbindet schon. Und dann sind die Reifen eben auch hundertprozentig zuverlässig. Es gab noch nie Grund zur Klage.

Kurz vorm Wechsel auf die Sommerreifen: Hannover 96 fährt im Winter das Modell Continental HDW 2 Scandinavia. (Foto: büro 504)

 

ContiSoccerWorld: Sie haben 440 PS unter der Haube, davon träumt so manch Autofahrer.

Liesebach: Das ist Routine. Ich habe meinen Busschein ja schon seit 1996. Es ist aber ein Unterschied, ob ich in einem normalen weißen Reisebus vom Betriebshof fahre oder mit dem Mannschaftsbus. In Hannover ist unser Bus natürlich ein Hingucker.

ContiSoccerWorld: Waren Sie schon immer Busfahrer?

Liesebach: Nein, ich bin auch Landwirt von Beruf. Ich komme ja aus der ehemaligen DDR, aus Stralsund, und habe Agrotechniker/Mechanisator gelernt, so nannte man das damals. Ich bin schon immer ein Mensch gewesen, der frei sein wollte, da hat es mich nicht auf die Volkswerft in Stralsund gezogen, um Dreher, Fräser oder Lackierer zu lernen. Ich wollte einen Beruf in der Natur ausüben.

ContiSoccerWorld: Die Natur beschränkt sich jetzt auf das Grün im Stadion...

Liesebach: Ja. (lacht) Aber glauben Sie mir: Man hat seine Freiheiten. Es ist schon ein anderer Alltag als ein Linienbusfahrer ihn hat, der morgens um 6:37 Uhr vom Betriebshof fährt und genau weiß, er hat um 14:34 Uhr wieder Feierabend. Das gibt es bei mir nicht. Ich arbeite fast jedes Wochenende. Es sind ganz viele Feiertage dabei, Trainingslager in Österreich, in der Türkei, wo auch immer. Zwei Jahre Europa League hatten wir, ich habe schon so viel von der Welt gesehen mit den Jungs.

ContiSoccerWorld: Wie viele Kilometer sind Sie inzwischen gefahren?

Liesebach: Insgesamt? Also, ich sage mal, es sind im Jahr etwa 70.000 Kilometer. Ich fahre seit 14 Jahren für 96, da kommen fast eine Million Kilometer zusammen.

ContiSoccerWorld: Während der Europa-League-Spielzeiten ging es nach Poltawa, nach Moskau…

Liesebach: Da muss ich korrigieren. Der Bus fährt nur zu Destinationen, bei denen es wirklich Sinn macht. Wir haben in Moskau gespielt, das stimmt, der Bus war aber nicht dort. 2000 Kilometer nach Russland zu fahren, nur, um die Mannschaft vor Ort vom Flughafen ins Hotel sowie vom Hotel zum Training und dann zum Spiel zu fahren, das lohnt sich nicht. Da mietet man dann vor Ort einen Bus an, das ist einfacher.

ContiSoccerWorld: Andere Vereine aber nehmen ihren Bus überall mit hin.

Liesebach: Ja, Bayern München zum Beispiel. Die Bayern haben auch drei Busfahrer, darunter eine Kollegin, die Sandra König, die schon seit zwanzig Jahren dabei ist. Das ist bei solchen Vereinen eine ganz andere Logistik. Die nicht ganz so weit entfernten Destinationen fahren wir natürlich mit unserem Bus an. In der Bundesliga fahre ich zu jedem Spiel. Die Mannschaft fliegt oder fährt mit der Bahn, ich hole sie dann vom Flughafen oder Bahnhof ab, je nach Stadt geht es dann mit dem Bus zurück nach Hannover. Nach Lüttich und Brügge oder nach Kopenhagen bin ich auch gefahren. Und natürlich in die Trainingslager, nach Portugal oder in die Türkei. Für zehn oder 14 Tage macht es dann wieder Sinn, den Bus mitzunehmen.

ContiSoccerWorld: Haben alle Spieler einen festen Sitzplatz?

Liesebach: Ja, auf jedem Platz sitzt ein bestimmter Spieler. Wenn er denn im Kader ist. Ansonsten sitzt dort jemand anders. Auf den Viererplätzen hier spielen die Jungs halt Karten oder lesen oder schauen einen Film. Da, wo Sie gerade sitzen, das ist der Platz von Jan Schlaudraff. Bei mir sitzt sonst Edgar Prib.

Schattenspiele: Die Sonne wirft das Heckscheiben-Logo von Continental auf den Tisch von Offensiv-Spieler Jan Schlaudraff. (Foto: büro 504)

Innenansicht eines Bundesligisten: Vor zwei Jahren bekamen "die Roten" einen neuen Bus von MAN. (Foto: büro 504)

 

ContiSoccerWorld: Die altgedienten Spieler hatten sicher die Platzwahl?

Liesebach: Die hatten sicherlich das erste Wort und konnten Wünsche äußern. Letztendlich aber teile ich ein, wer wo sitzt. Das ist gerade für die jungen Spieler wichtig. Als der Bus neu kam, da waren alle ganz neugierig und wollten den Sitzplan sehen. Die Spieler haben das dann natürlich noch unter sich geregelt und zugesehen, dass jeder einen guten Platz hat.

ContiSoccerWorld, Conti, Continental Tires, Tyres, Soccer, Football, World Cup, DFB,DFB-Pokal,DFBpokal, FCB, FC Bayern, FC Bayern München, Germany, Sponsoring, German Engineering, Conti Stars, WC Tickets, World Cup Tickets, Tickets, FIFA Partner   

ContiSoccerWorld: Ihr früherer Trainer Mirko Slomka sagte zur Einweihung des Busses vor zwei Jahren, der Bus sei neben der Umkleidekabine der zentrale Ort, an dem die Mannschaft vollkommen unbeobachtet unter sich sei. Sind Sie dabei, wenn der Trainer eine Ansprache hält? Oder müssen Sie kurz vor die Tür treten?

Liesebach: Nein, ich bleibe natürlich an Bord. Ich bin Teil der Mannschaft, da wird nichts verheimlicht. Das war bisher bei jedem Trainer so. Ich würde nie über irgendetwas Internes ein Wort verlieren, da bin ich absolut loyal. Und wenn der Trainer der Mannschaft etwas zu sagen hat, und zwar nur den Spielern, dann wird er auch einen entsprechenden Ort dafür finden.

 

ContiSoccerWorld: Der Bus hat getönte Scheiben. Das ist nicht bei allen Mannschaftsbussen der Bundesliga der Fall.

Liesebach: Das mag sein, wir halten es für sehr wichtig. Es gibt immer wieder Bundesliga-Begegnungen, bei denen man nicht so freudig begrüßt wird. Und wenn dann irgendwer mit einem Wurfgeschoss einen bestimmten Spieler erreichen möchte, dann würde er ihn ohne getönte Scheiben auch sehen. Das wäre natürlich ein Extremfall, wir wollen uns aber absichern.

ContiSoccerWorld: Gibt es da auch Situationen, die Sie als brenzlig empfinden? Nach dem Spiel in Braunschweig warteten in Hannover aufgebrachte Fans auf den Mannschaftsbus, es flogen Flaschen und Böller. Sind das Situationen, in denen Sie Angst haben?

Liesebach: Die Situation nach dem Braunschweig-Spiel war für uns alle brenzlig. Trotzdem hat die Mannschaft Gesicht gezeigt, sich den Fans gestellt und mit ihnen gesprochen. Das hat sehr geholfen. Ein großes Lob gilt der niedersächsischen Polizei für die perfekte Eskorte.

ContiSoccerWorld: Der vollbesetzte Bus Ihres Kollegen vom FC St. Pauli wurde neulich überfallen, als man nach Spiel in Dresden an einer roten Ampel neben einer Fan-Kneipe halten musste. Der Bus war dann nicht mehr fahrbereit, die Mannschaft musste umsteigen. Ist der Job letztlich doch gefährlich?

Liesebach: Ach, nein. Bei dem erwähnten Fall gab es wahrscheinlich eine Kommunikationspanne. In der Regel versuchen alle Kollegen im Vorfeld zu organisieren, dass es zu solchen Konfrontationen eben nicht kommt. Dass man auf dem Hin- und Rückweg Schutz von der Polizei erhält und keine Strecken mit Ampeln neben berüchtigten Fan-Kneipen fährt. Bisher hat es bei uns fast immer funktioniert. Wir sind nach einem Europa-League-Spiel in Brügge mal beworfen worden, aber da war Gott sei Dank gerade keine rote Ampel und wir konnten ganz normal weiterfahren. Da hätte uns die belgische Polizei eigentlich eine andere Route empfehlen müssen. Das war ein kurzer Schreck, aber dann auch schon wieder vorbei.

ContiSoccerWorld: Würden Sie gerne mal eine andere Mannschaft chauffieren? So aus Interesse?

Liesebach: Nein! Es gab mal eine Anfrage von Leverkusen. Mit dem Leverkusener-Fahrer habe ich mich sehr gut verstanden. Der wollte dann in den Ruhestand gehen und hätte mich als seinen Nachfolger haben wollen. Aber ich habe abgelehnt.

ContiSoccerWorld: Und wenn Bayern München Sie abwerben wollte?

Liesebach: Bayern wer?

ContiSoccerWorld: Haben Sie Punkte in Flensburg?

Liesebach: Nein (lacht). Nicht mehr.

ContiSoccerWorld: Was fahren sie privat?

Liesebach: Einen Mini.

ContiSoccerWorld: Ach… Als Ausgleich zum großen Bus?

Liesebach: Nein, es ist einfach so, dass ich soviel mit dem Bus unterwegs bin, dass sich ein großes Auto für mich einfach nicht lohnt.

ContiSoccerWorld: Fahren sie dann lieber alleine, ohne Passagiere?

Liesebach: Eigentlich bin ich ein Typ, der nicht alleine sein kann. Ich habe gerne Menschen um mich, sonst wäre ich in meinem Job wohl auch fehl am Platz. Privat kann ich aber auch mal ohne Begleitung fahren. Die 500 Kilometer zu meinen Eltern zum Beispiel, die fahre ich oft alleine. Das geht. Ist sogar mal ganz schön, wenn ich ehrlich bin.