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"Es war der Wahnsinn"

H96

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21/05/2014
 

"Hannover 96 ist Deutscher Meister!" 60 Jahre alt ist diese Schlagzeile – am 23. Mai 1954 besiegten die "Roten" von der Leine die "Roten Teufel" aus Kaiserslautern sensationell im Endspiel mit 5:1. Die Stadt stand Kopf, 200.000 Menschen feierten in den Straßen. ContiSoccerWorld sprach mit einem der letzten Überlebenden der Meisterelf, Torwart Hans Krämer.

Hans Krämer freute sich über den Besuch des ContiSoccerWorld-Reporters. Er arbeitete sein ganzes Berufsleben für Continental. (Foto: Wesselhöft)

Ein sonniger Vormittag in Bissendorf, eine beschauliche Reihenhaussiedlung, am Rande von Hannover gelegen. Hans Krämer lehnt in der Tür eines weiß getünchten Hauses, auf einen Stock gestützt. Er bittet ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Saft, Kekse und ein großer Stapel an Fotoalben. Draußen im Garten füttert seine Frau die Zierkarpfen im Teich. Drinnen macht der frühere Torwart von Hannover 96 es sich im Sessel gemütlich. Im Juli wird Hans Krämer 85 Jahre alt – das Alter macht ihm zu schaffen, gut zu Fuß ist er nicht mehr. In seinen Augen aber blitzt das Feuer des vorerst letzten Meister-Torwarts in der Geschichte von Hannover 96. "So", eröffnet Krämer das Gespräch. "Was wollen Sie wissen?"

 

ContiSoccerWorld:  Herr Krämer, vor 60 Jahren sind Sie mit Hannover 96 sensationell Deutscher Meister geworden. Am 23. Mai 1954 gewannen Sie das Endspiel im Hamburger Volksparkstadion gegen den hochfavorisierten 1. FC Kaiserslautern, die berühmte "Walter-Elf". Was ist ihre prägendste Erinnerung an jenen Tag?

Hans Krämer: Oha, das sind so viele Erinnerungen. Sehen Sie, ich habe damals jeden Zeitungsartikel gesammelt, alles, was ich finden konnte. (Krämer zeigt auf den Wohnzimmertisch, auf dem seine Frau ein gutes Dutzend Alben bereitgelegt hat.) Ich kann ihnen da einiges an Döntjes aus den Umkleidekabinen erzählen. Zum Beispiel kam Bundestrainer Sepp Herberger nach dem Endspiel in Hamburg in unsere Kabine und gratulierte. Der Herberger war ja eine honorige Persönlichkeit, nicht so wie einige Trainer heute, die mehr so den Firlefanz machen. Herberger war ein ruhiger, sachlicher Vertreter.

ContiSoccerWorld: Herberger hat nach dem Finale über Ihren Trainer Helmut Kronsbein gesagt: „Man darf dem Kronsbein gratulieren, die Mannschaft hat famosen Fußball gespielt“. Trotzdem hat er drei Wochen später keinen aus Ihrem Team zur WM mitgenommen, das "Wunder von Bern" fand ohne 96-Spieler statt.

Krämer: Es war wohl schon zu spät, seine Mannschaft stand. Wir waren ja auch krasser Außenseiter in der Endrunde. Dass wir plötzlich im Finale standen, hat uns selbst am meisten erstaunt. Das war eine Euphorie, das kann man sich gar nicht vorstellen.

ContiSoccerWorld: Als Prämie gab es "ein Abendbrot nach Wahl". War das nicht etwas wenig?

Krämer: Ganz so war es nicht. Wir bekamen seinerzeit für die Meisterschaft die obligatorischen 1000 D-Mark. Davon gingen 20 Prozent Steuern ab, also blieben noch 800 D-Mark. Das Abendbrot dann war eine Einladung vom DFB. In Hamburg-Blankenese, es war ein kaltes Buffet, sehr ordentlich hergerichtet. Nein, nein, das war schon gut. Und ich habe mich dann auch für eine Zeit zu den Kaiserslauterern gesetzt. Ich bin ja von Geburt Pfälzer, da haben wir dann ein wenig gebabbelt.

ContiSoccerWorld: Wie kam es überhaupt, dass die "Roten" von Hannover 96 die "roten Teufel" aus der Pfalz mit 5:1 überrennen konnten?

Krämer: Wissen sie, Helmut Kronsbein kam ja im Sommer '52 zu uns und hat eine Mannschaft vorgefunden, die entwicklungsfähig war. Es waren schon sieben oder acht Spieler da, die später auch beim Endspiel spielten. Der Herberger hat unserem damaligen Präsidenten Walter Daubert überhaupt erst den Kronsbein empfohlen. Der war nämlich gerade mit Ulm 46 in die Oberliga Süd aufgestiegen. Kronsbein spielte dann mit uns ein System, das erst Jahre später üblich wurde. Wir wechselten nämlich im laufenden Spiel von 4:3:3 auf 4:2:4 – indem Helmut Kruhl auf Linksaußen spielte, obwohl der ein geborener Mittelfeldspieler war.

ContiSoccerWorld: Lautern ging in der 13. Minute durch Horst Eckel in Führung. Haben Sie als Torwart gedacht: Okay, das war's? Immerhin spielten beim FCK auch die Walter-Brüder Fritz und Ottmar.

Rolf Paetz schoss das 5:1 gegen Kaiserslautern – auch er arbeitete, wie viele Teamkollegen, bei Continental. (Foto: Wesselhöft)

Krämer: Aber nein! Wir haben nicht den Kopf hängen lassen, es ist ein Ruck durch die Mannschaft gegangen, alle haben die Ärmel hochgekrempelt. Am Anfang sind wir noch etwas über unsere eigene Nervosität gestolpert, klar. Doch dann kam der Ausgleich durch Tkotz mit dem Halbzeitpfiff. Und gleich nach der Halbzeit dieses unglückliche Selbsttor vom Lauterer Kohlmeyer. Das hat uns weiteren Schwung gegeben. Die Entscheidung fiel etwas später, als Ottmar Walter mir einen Schuss an die Latte knallte. Wäre der 'reingegangen, hätten wir vielleicht nicht gewonnen. Dann haben Wewetzer, Kruhl und Paetz innerhalb von zehn Minuten alles klar gemacht.

 

ContiSoccerWorld: 76.000 Zuschauer im Volksparkstadion. Eine Wahnsinnskulisse – war das für Sie eine neue Erfahrung?

Krämer: Nein, ich hatte auch vorher schon in der Liga vor einer großen Kulisse im Volksparkstadion gespielt. Aber natürlich war es bei dem Meisterschaftsfinale doch etwas anderes, weil da ungefähr 40.000 Fans aus Hannover gekommen waren.

ContiSoccerWorld: War Ihre Familie auch dabei?

Krämer: Meine Eltern leider nicht. Die waren zu der Zeit beruflich in Spanien, von 1953 bis 1960, so dass vor allem mein Vater, der das gerne gesehen hätte, nicht dabei sein konnte. Aber meine Frau. Also, wir waren damals noch nicht verheiratet, aber sie war schon dabei.

ContiSoccerWorld: Und nach dem Abpfiff hat sie sicher zum Meister-Torwart gesagt: "Jetzt heirate ich Dich!“?

Hannovers "katzengewandter Torhüter" Hans Krämer wusste schon vor dem Finale, dass ein Sieg gegen die "Walter-Elf" möglich war. (Foto: Wesselhöft)

Krämer: Nein, nein, wir haben dann erst später geheiratet. Ich habe zunächst mein Studium zu Ende gebracht, BWL. Und dann haben wir im Dezember ´57 geheiratet. Wir sind jetzt 46 Jahre verheiratet. Die Tochter wurde 1960 geboren, der Junge 1964.

ContiSoccerWorld: 40.000 Hannover-Fans in Hamburg. Und in der Messehalle in Hannover das wohl erste große Public Viewing der Fußballgeschichte. 16 Fernseher waren dort aufgestellt, für 3000 Zuschauer…

Krämer: Ja, davon haben wir damals auch gehört, es war der Wahnsinn. Die ganze Stadt war begeistert. Das war ja alles nicht zu erwarten, dass wir soweit kommen würden.

 

ContiSoccerWorld: Wie haben Sie denn die Rückfahrt mit der Bahn am nächsten Tag erlebt? Am Hauptbahnhof von Hannover empfingen Sie 200.000 Menschen…

Krämer: Ja, auch das war unglaublich. Wir trauten unseren Augen nicht. So eine Begeisterung, das hatte noch niemand von uns erlebt.

ContiSoccerWorld: Ihr Kapitän Werner Müller kam mit der Schale aus dem Salon-Wagen...

Ein glücklicher Torwart: Hans Krämer (Mitte) 1954 mit der Meisterschale. (Foto: Wesselhöft)

Krämer: Ja, er hatte die Schale, alles jubelte, und der Oberbürgermeister Weber kam überhaupt nicht dazu, seine Rede zu halten. Wir wurden in Pferdekutschen abgeholt und sind dann durch die Marienstraße bis zum Maschsee gefahren. Wir waren natürlich von den Strapazen des Feierns, nicht des Spiels, noch ein wenig angeschlagen. Und froh, als wir entlassen wurden und nach Hause gehen durften. Das sind Erlebnisse, die vergisst man Zeit seines Lebens nicht.

ContiSoccerWorld: Konnten Sie danach überhaupt noch unerkannt durch die Stadt gehen?

Krämer: Ach Gott, ich hab darauf nicht so geachtet. Aber es ist mit Sicherheit passiert, dass man mich erkannt hat. Es ist ja so, dass man in der Presse auch bildhaft dargestellt wurde.

 

ContiSoccerWorld: Für Hannover 96 hat es dann lange, lange bis zum nächsten Titel gedauert, 1992 gewann man den DFB-Pokal. Übrigens auch an einem 23. Mai…

Krämer: Zwei Jahre nach dem Finale hatten wir zwar erneut die Endrunde erreicht, sind dann aber gescheitert. Unsere Zeit war abgelaufen. Die Spieler waren älter geworden. Und die neuen Spieler noch nicht soweit, dass sie uns Altgediente leistungsmäßig ablösen konnten. Die Auswahl der zu verpflichtenden Spieler ist eben immer ein ganz wesentlicher Punkt, auch heute. Über viele Jahre hat sich bei 96 nie eine Mannschaft zusammengeschlossen, in der der eine ohne Wenn und Aber für den anderen gelaufen ist. Man kann auch mit durchschnittlichen Spielern eine starke Mannschaft bilden. Sie muss nur charakterlich in Ordnung sein. Dann geht alles.

ContiSoccerWorld: Kurz nach der Meisterschaft ist Hannover 96 für ein Freundschaftsspiel nach Barcelona geflogen. Bis kurz vor Schluss führte Hannover 2:1 gegen Espanyol. In den Berichten ist vom „überragenden Torhüter Hans Krämer“ die Rede – obwohl Sie 2:4 verloren.

Krämer: Dieses Spiel war für mich aus zweierlei Hinsicht interessant. Einmal war es ein berühmter Gegner, und zweitens waren meine Eltern zu dieser Zeit ja in Spanien und dann beim Spiel dabei. Das Spiel selbst... Nun, sagen wir mal so, wir sind etwas ausgelaugt und müde in dieses Spiel gegangen. Wir standen kurz vor der Sensation, haben dann 2:4 verloren. Es war aber ein schönes Erlebnis.

ContiSoccerWorld: Sie haben sich damals darüber gewundert, dass es in Spanien runde statt eckige Torpfosten gab.

Krämer: Nicht ganz rund, oval. Das war ein großer Unterschied, wir kannten ja nur die eckigen Pfosten. Wenn der Ball in Barcelona gegen den Pfosten ging, konnte er so oder so abprallen. Zwei Tore hab' ich mir so gefangen. Bei den viereckigen Pfosten sprang der Ball gerade zurück. Daran war ich gewöhnt.

Hans Krämer sammelte Zeitungsausschnitte und Fotos in vielen Alben. Hier eine Kollage zur Meisterschaft. (Foto: Wesselhöft)

ContiSoccerWorld: 1956 fuhr 96 zu einem Turnier nach Belgien. Da gab es dann die komische Regel, dass bei Tore-Gleichstand die Zahl der Eckstöße entschied.

Krämer: Ja, ja. (lacht) Es gibt so eigenartige Sachen. Um die Verlängerung zu vermeiden, hatte man sich auf diese Ecken-Regelung verständigt. Brügge war für mich nicht nur ein spielerisches Erlebnis, auch die Stadt ist enorm. Wissen Sie, damals kam man ja noch nicht so herum. Da waren solche Spiele für uns immer auch touristisch interessant.

ContiSoccerWorld: In den Fußballstatistiken heißt es, Sie hätten in Ihren 216 Punktspielen für Hannover auch drei Tore geschossen...

 

Krämer: Nö, nein!

ContiSoccerWorld: Stimmt nicht?

Krämer: Nein, das ist falsch. Ich habe weder als Torwart noch als Feldspieler bei 96 ein Tor geschossen.

ContiSoccerWorld: Sie wurden auch als Feldspieler aufgestellt?

Krämer: Wenn's anders nicht ging. Bei einem Spiel habe ich mich schwer verletzt, die linke Schulter ausgerenkt. Das hat mich die übrige Karriere begleitet, das ist seinerzeit nicht so behandelt worden, wie man das heute macht. Bei mir ist im Laufe der Zeit das untere Stück der Gelenkschale abgebrochen, so dass ich immer, wenn ich den Arm hochhebe, Gefahr laufe, dass er nach unten 'rausrutscht. Passiert ist das übrigens mit Uwe Seeler, eine unglückliche Situation, ich mache ihm keinen Vorwurf. Ich wurde dann kurz mit Äther betäubt, der Arm kam in eine Schlinge, und dann ging ich wieder 'raus. Als Feldspieler. Ein anderer ging ins Tor, ich spielte im Sturm, mehr schlecht als recht. Damals durfte man ja noch nicht auswechseln.

ContiSoccerWorld: Sie haben dann Ihre Karriere beim HSV ausklingen lassen, als Ersatztorwart.

Krämer: Ja, eigentlich wollte ich schon vorher aufhören, auch wegen der Verletzung. Ich hatte nebenbei ja mein Studium beendet, bei der Conti angefangen. Dann stand plötzlich Jupp Posipal da, der damals nach seiner Spieler-Karriere als Mannschaftsbetreuer beim HSV arbeitete. Er hatte einen riesigen Blumenstrauß im Arm und fragte mich, ob ich nicht zum HSV kommen möchte. Er versicherte mir, dass ich hier bei Hannover wohnen bleiben könnte. Tja, und so sind dann daraus nochmal fünf Jahre beim HSV geworden.

Hans Krämer im Frühsommer 2014 in seinem Haus bei Hannover. Im Juli wird der frühere Torwart 85 Jahre alt. (Foto: Wesselhöft)

ContiSoccerWorld: Sie haben nebenbei auch bei der Conti gearbeitet?

Krämer: Natürlich! Vom Fußballgehalt konnte keiner leben. Es gab netto 267 Mark im Monat. Bei der Conti habe ich zunächst im Betriebsverwaltungsbüro angefangen, das war so eine Art Ausbildungsstätte für neu angestellte Diplomkaufleute und Ingenieure. Später ging ich dann als kaufmännischer Leiter zum Zweigwerk nach Dannenberg. Die Conti hatte im Rahmen der Zonenrandhilfe dieses Werk gebaut. 1970 bekam ich dann den Auftrag, für ein Konsortium von Continental, Dunlop und Pirelli ein Werk in Merzig zu planen, zu bauen und anzufahren. Da wurden Kunststoffe produziert, mit denen wir Zweigwerke in ganz Europa beliefert haben. Bis zu meiner Pension 1992 war ich Geschäftsführer.

ContiSoccerWorld: Verfolgen Sie heute noch die Geschicke von Hannover 96?

Krämer:  Aber natürlich. Der Verein hat sich eigentlich ganz gut entwickelt. Ins Stadion gehe ich aber nicht mehr, vom Körperlichen her geht es nicht mehr so, wissen Sie. Meine Tochter Kerstin, die geht immer hin. Auch zu Auswärtsspielen, sie ist richtig organisiert im Fanclub. Das finde ich toll. Sie berichtet mir dann immer alles, was so vor sich geht. Ansonsten habe ich hier ja meine Erinnerungen (Krämer zeigt wieder auf den Stapel mit Fotoalben). Damit bin ich zufrieden.