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Hannover mit Taktikfuchs Korkut im Höhenflug

H96

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17/09/2014
 

In der ausverkauften HDI-Arena herrschte helle Begeisterung, den Spielern von Hannover 96 stand die pure Freude in den Gesichtern. Mit 2:0 (2:0) hatte der Klub aus Niedersachsens Landeshauptstadt das große, alte Nord-Derby gegen den Hamburger SV gewonnen. Der perfekte Bundesliga-Start mit den Siegen gegen Schalke und den HSV sowie dem Unentschieden in Mainz schürte bei „96“ die Hoffnungen auf eine gute Saison. Platz drei hinter Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund - das stuften die Beteiligten aber nur als schöne Momentaufnahme ein. „Die sieben Punkte helfen, wir sind jetzt erst mal oben“, sagte Nationaltorwart Ron-Robert Zieler nüchtern. Dass es nicht zu euphorisch zugeht, dafür sorgt bei den „Roten“ vor allem Trainer Tayfun Korkut, unter dessen Regie die Mannschaft offenbar einen markanten Wandel vollzieht.

Torschütze Artur Sobiech (links), Miiko Albornoz (Mitte) and Joselu bejubeln das Tor von Hannover 96 zum 2:0 gegen den Hamburger SV. (Foto: Getty Images)

 

Auch vor einem Jahr war der Start gut gewesen, Ende August nach dem 4. Spieltag lag Hannover mit Trainer Mirko Slomka ebenfalls auf Platz drei, gemeinsam mit Leverkusen, hinter Dortmund und Bayern München. Aber die weitere Geschichte ist bekannt mit dem Absturz bis zur Winterpause auf Rang 13, der zum Trainerwechsel von Slomka zu Korkut führte. Es blieb eine insgesamt durchwachsene Saison mit Platz 14 am 31. Spieltag und der Endplatzierung auf Rang 10, der durch einen starken Endspurt erreicht wurde. Dieses Finish und die jetzigen Saisonerfolge bilden zusammen Mitte September einen stolzen Wert. Kein Bundesligist sammelte seit April mehr Punkte als Hannover 96.

Doch größere Hochgefühle als nackte Zahlen löst die Entwicklung der Mannschaft aus. Unter Korkut hat sich ein gut funktionierendes Kollektiv gebildet, das einen offensiveren Fußball als zuletzt unter Slomka spielt. Stabilität, Leidenschaft und Spielfreude sind die Markenzeichen des Teams, das von einem Trainer geführt wird, der die Branche beeindruckt. „Mit Taktikfuchs Korkut im Höhenflug“, lautete die Überschrift des Fachmagazins „Kicker“ nach dem Triumph gegen den HSV.

Tayfun Korkut weist Hannover 96 den Weg zum Erfolg. Der Trainer, der im Dezember 2013 kam, hat ein klares Konzept. Teamgeist ist für ihn besonders wichtig. (Foto: Getty Images)

„Die Entwicklung der Mannschaft ist unglaublich“, staunte Manager Dirk Dufner, der zusammen mit Korkut den Kader im Sommer sehr systematisch umgebaut hat. Namhafte Offensivspieler wie Szabolcs Huszti, Mame Diouf, Didier Ya Konan verließen den Klub, dazu kehrte der ausgeliehene Artjoms Rudnevs zum HSV zurück. Verteidiger Sebastien Pocognoli zog es nach England. 12 Profis gingen, aber es kamen zehn neue, zudem wurden drei Spieler aus der eigenen Jugend in den Kader integriert. Der anerkannt fachkundige Internet-Auftritt Transfermarkt.de bilanzierte für Hannover 3,3 Millionen Euro Einnahmen bei 10,8 Millionen Ausgaben, womit unter dem Strich 7,5 Millionen Euro investiert wurden. Korkut und Dufner hatten klare Anforderungsprofile, wie jede Position besetzt werden sollte.

 

Ein echtes Team zu bilden ist hohe Trainerkunst

Die Abgänge der Stürmer kompensierten sie mit der Verpflichtung des Spaniers Joselu. 5 Millionen kostete der Torjäger, der zuletzt in Hoffenheim spielte. Joselu erwies sich mit Topleistungen in den ersten Wochen als Glücksgriff. Aus Nürnberg kam als Huszti-Ersatz der Japaner Hiroshi Kiyotake für 4,3 Millionen. Von seinem ehemaligen Arbeitgeber Hoffenheim konnte Korkut Verteidiger Stefan Thesker, einen ehemaligen U21-Nationalspieler, sowie den bulligen Mittelstürmer Kenan Karaman abwerben. Wie gut das Scouting von Dufner funktioniert, zeigte sich bei den Transfers aus dem Ausland. Miiko Albornoz kam von Malmö FF und bot gegen den HSV als linker Verteidiger einen Topauftritt. Ceyhun Gülselam wechselte von Galatasaray Istanbul an die Leine, der litauische Verteidiger Marius Stankevicius wurde vom türkischen Süper-Lig-Verein Gaziantepsor, Stürmer Jimmy Briand von Olympique Lyon geholt. Bis auf Joselu, Kiyotake und Albornoz waren alle Spieler zur Schonung der Vereinsfinanzen ablösefrei.

Hannovers neuer schwedischer Verteidiger Miiko Albonorz (rechts) gewinnt einen Zweikampf gegen den Hamburger Mittelfeldspieler Zoltan Stieber. (Foto: Getty Images)

 

Einen Kader nach bestimmten Kriterien zusammenzustellen, ist eine nicht einfache Aufgabe, wobei Dufner, Korkut und Präsident Martin Kind betonen, dass sich „96“ noch im Umbruch befindet, also in der Winterpause oder im nächsten Sommer weitere personelle Änderungen vorgenommen werden könnten. Die verbliebenen und neuen Spieler zu einer Einheit, zu einer echten Mannschaft zu formen, jedem einzelnen Profi die erwünschte Spielweise zu vermitteln, ist die hohe Kunst des Trainerjobs. „Unser Trainer ist gegenüber der Mannschaft sehr offen, hat seinen eigenen Stil und seine eigene Philosophie. Nach elf Jahren als Bundesligaprofi, in denen ich auch andere Trainer erlebt habe, waren es auch für mich noch mal neue Erfahrungen“, sagte Christian Schulz, der den verletzten Lars Stindl in den ersten Saisonwochen als Kapitän ersetzte, in einem Interview mit der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.

Für Korkut, der selbst bei den Stuttgarter Kickers, bei drei Klubs in der Türkei, darunter die Topvereine Fenerbahce und Besiktas Istanbul, sowie in Spanien bei Real Sociedad San Sebastian und Espanyol Barcelona spielte, ist großes Vertrauen in seine Spieler selbstverständlich. Er „redet sie stark“, lobt sie, auch wenn es einmal nicht so gut läuft. Durch seine Tätigkeit im Jugendbereich weiß er, wie wichtig diese Zuwendung ist. „Einen Trainer mit einem so großen Gespür habe er noch nie gehabt“, sagte Christian Pander. Korkut helfen im multinationalen „96“-Team seine Sprachkenntnisse. Er beherrscht neben deutsch auch spanisch und englisch sowie natürlich türkisch, wobei er diese Sprache nicht anwenden muss, weil Gülselam und Karaman wie er selbst in Deutschland aufgewachsen sind.

Mittelfeldspieler Leon Andreasen (Mitte, rechts) köpft das 1:0 für Hannover gegen Hamburg. HSV-Verteidiger Matthias Ostrzolek (Mitte, links) kann dies nicht verhindern. (Foto: Getty Images)

 

Der Traum von der Europa League ist erlaubt

Wichtig ist dem 40-jährigen Korkut, dessen Verpflichtung im Dezember 2013 eine große Überraschung war, dass seine Spieler harmonisch und solidarisch miteinander umgehen. „Die Gruppe muss funktionieren“, betont Korkut, der in seiner Laufbahn als Spieler drei Weltmeister-Trainer kennenlernte (Brasiliens Carlos Alberto Parreira und Joachim Löw bei Fenerbahce, den Spanier Vincente del Bosque bei Besiktas). „Wir sind als Mannschaft noch ein Stück mehr zusammengewachsen, alle verfolgen ein Ziel. Und das macht sich auf dem Platz bemerkbar“, erklärte Christian Schulz.

In der Bundesliga folgen im September die Spiele gegen die beiden Aufsteiger in Paderborn und gegen Köln, daran schließt sich das Gastspiel in Stuttgart an. Weitere Punkte dürften auf das Konto der „Roten“ kommen. Träumen ist erlaubt in Hannover, Schulz gibt dafür ein Beispiel nach dem starken Start: „Gern würde ich noch mal mit 96 in der Europa League spielen. Die zwei Jahre, in denen wir das geschafft hatten, waren sicher für unsere Fans etwas ganz Besonderes. Sevilla, Kopenhagen oder Madrid: Das behält man lange im Kopf. Auch für uns Spieler war das eine hochinteressante Zeit, nach der man schon ein bisschen Sehnsucht verspürt. Wenn alles optimal läuft, ist die Möglichkeit dazu durchaus gegeben.“