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„Ich bin schneller erwachsen geworden“

H96

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06/01/2015
 

Ron-Robert Zieler, 25, ist einer der besten Torhüter der Bundesliga. Im Sommer gehörte der Keeper von Hannover 96 in Brasilien zum Weltmeister-Team. ContiSoccerWorld sprach mit dem Nationaltorwart über seine Liga-Ambitionen, über die Gefühle als Bankdrücker – und einen ganz speziellen Rekord im Nationaltrikot.

WM-Torhüter Ron-Robert Zieler ist seit 2010 im Einsatz für Hannover 96. (Foto: Hannover 96)

 

ContiSoccerWorld: Herr Zieler, Sie waren früher Stürmer. Gibt es heute noch Momente, in denen Sie lieber vorne auf dem Feld und nicht zwischen den Pfosten spielen würden?

Ron-Robert Zieler: Nein, ich bin sehr zufrieden als Torwart. Ich habe in der Jugend zwar als Feldspieler begonnen und auch häufig offensiv gespielt. Aber Torwart sein ist das, was ich meiner Ansicht nach auch am besten kann und sehr gerne mache.

ContiSoccerWorld: Meinen Sie, es hätte auch außerhalb des Tores zu einer Bundesliga-Karriere gereicht?

Zieler: Es ist ja schwierig genug, überhaupt Profi zu werden – ich bin also froh, dass es für meine jetzige Position gereicht hat. (lacht)

ContiSoccerWorld: Als Torwart nimmt man im Team eine Sonderstellung ein. Sind Sie privat ein Einzelgänger?

Zieler: Nein, als Einzelgänger würde ich mich auf keinen Fall bezeichnen. Privat bin ich ein Familienmensch und unternehme auch gern etwas mit Freunden. Als Fußballer ist es natürlich schon wichtig, sich ab und zu zurückzuziehen, denn man ist ja ständig mit der Mannschaft unterwegs. Insofern haben Relaxen und Regenerieren einen hohen Stellenwert.

ContiSoccerWorld: Der Saisonstart verlief für Hannover 96 vielversprechend. Wie wichtig ist es Ihnen persönlich, bald wieder europäisch zu spielen?

Zieler: Es ist nicht das, was wir als Zielsetzung für die Saison ausgegeben haben. Aber klar, solange wir uns in Schlagdistanz zu den ersten sechs oder sieben Plätzen befinden, werden wir versuchen, anzugreifen. Wenn man die Chance hat, international zu spielen, sollte man auch alles dafür tun. Aber es ist noch deutlich zu früh, um eine neue Zielsetzung auszugeben.

ContiSoccerWorld: Sie haben Ihren Vertrag bei Hannover 96 jüngst verlängert. Wie lebt es sich eigentlich in Hannover? Würde es Sie als junger Mann nicht auch reizen, in eine etwas größere Metropole zu ziehen?

Zieler: Ich bin ja gebürtiger Kölner. Hannover ist zwar vielleicht etwas beschaulicher, aber dafür sehr grün. Ich wohne in der Nähe des schönen Maschsees, ich fühle mich wohl und mag die Mentalität der Menschen hier.

ContiSoccerWorld: Wenn Sie sich, unabhängig vom Verein, einen Wohnort aussuchen könnten – wo würden Sie gerne einmal leben?

Zieler: Alle Kölner lieben ihre Stadt – und auch ich kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder dort zu wohnen. Ansonsten fände ich es sehr reizvoll, einmal für ein Jahr oder etwas länger in den USA zu leben. Und: In Hannover bin ich auch schon sehr heimisch geworden. Sie sehen, da gibt es genügend Optionen. (lacht)

ContiSoccerWorld: Gibt es bei Ihnen bereits Pläne für die Zeit nach der Karriere als Profi-Fußballer?

Zieler: Ich hoffe, dass ich noch lange gesund bleibe und so vielleicht noch gut zehn Jahre Fußball spielen kann. Insofern gilt meine Konzentration aktuell nur dem Beruf. Und die Zeit möchte ich in vollen Zügen genießen. Was danach kommt, ist natürlich nicht unwichtig – aber momentan noch nicht mein Thema.

ContiSoccerWorld: Nun ist die Weltmeisterschaft bereits ein paar Monate her, trotzdem möchten wir gern noch einmal auf die Zeit in Brasilien zu sprechen kommen. Sie sind als Ersatztorhüter Weltmeister geworden. Wie sehr nervt Sie eigentlich inzwischen die Frage „Fühlen Sie sich auch als Weltmeister?“?

Zieler: Nein, die Frage nervt gar nicht. So oft habe ich sie eigentlich nicht gehört. Ich meine, die Menschen haben erkannt, dass wir in Brasilien wirklich eine Mannschaft waren und auch ausgestrahlt haben, dass alle 23 Spieler alles für den Erfolg tun. Jeder musste bereit sein – in meinem Fall, wenn Manuel oder Roman etwas passiert wäre. Ich finde, die Fans in Deutschland haben das registriert – deshalb kam die Frage gar nicht so oft.

ContiSoccerWorld: Wie würden Sie Ihre Rolle im Team beschreiben? Was macht ein zweiter Ersatzmann im Nationalteam?

Zieler: Ich bin realistisch, und Manuel Neuer ist die Nummer eins. Seine herausragenden Leistungen muss man einfach anerkennen. In dem Zusammenhang sage ich, ich kenne meine Rolle. Auch ich bin aufgrund meiner Leistung mit nach Brasilien gefahren. Aber man muss teamfähig sein.

ContiSoccerWorld: Bereitet man sich als Ersatzmann ähnlich gewissenhaft vor, wie für ein Spiel als erster Torwart?

Zieler: Ja, auf jeden Fall. In den sieben Wochen mit Vorbereitung und Turnier konzentriert man sich total auf das gemeinsame Ziel. Wir hatten in diesem Jahr die Chance, und dann ist man top motiviert.

ContiSoccerWorld: Nach dem WM-Sieg in Rio gab es den pompösen Empfang in Berlin vor 500.000 Fans. Wie ist es, nach all diesen rauschhaften Erlebnissen in sein ruhiges Zuhause zu kommen? Fällt man da in ein Loch?

Zieler: Nein, in ein Loch fällt man nicht, weil es ja im Klub neue Herausforderungen gibt. Andererseits: Auf einmal ist die Mannschaft nicht mehr um einen herum, es ist nicht mehr so turbulent, die vielen Eindrücke aus Brasilien hat man noch im Kopf – das war schon eine Umstellung, als man dann plötzlich zu Hause auf dem Sofa saß. Aber es ist wichtig, nach so aufregenden Wochen wieder runter zu kommen. Man darf nicht vergessen, dass wir Spieler zuvor alle auch noch eine ganze Saison im Verein gespielt hatten. Da braucht man dann zwei, drei Wochen, um herunterzufahren und die Akkus aufzuladen für die neue Saison.

ContiSoccerWorld: Wenn es eine etablierte Nummer eins im Tor der Nationalmannschaft gibt, können Torhüter wie Sie das Problem haben, trotz guter Leistungen nur wenige Spiele zu machen. Ist für Sie auch die Aussicht auf eine Nationalmannschaftkarriere auf der Bank befriedigend?

Zieler: Man sollte dabei nicht vergessen, dass man Torhüter für die deutsche Nationalmannschaft ist. Deutschland hat bekanntlich sehr, sehr gute Torhüter. Da schätze ich es bereits als großen sportlichen Erfolg ein, überhaupt zum Kreis der Nationalspieler zu gehören. Natürlich ist die Situation momentan so wie beschrieben. Aber mein Ziel ist es, dabei zu bleiben.

ContiSoccerWorld: Sie halten einen Rekord im Nationaldress. Als einziger Nationaltorhüter des DFB haben Sie eine rote Karte gesehen. Was haben Sie in diesem Moment vor zwei Jahren im Freundschaftsspiel gegen Argentinien gedacht?

Zieler: Es hat noch nie ein anderer deutscher Torwart in einem Länderspiel Rot gesehen? (lacht) In dem Moment war das natürlich super ärgerlich, ich hatte in dem Freundschaftsspiel die Chance bekommen, zu spielen – und dann das. Aber in der Situation habe ich nicht daran gedacht, jetzt zum Rekordhalter zu werden...

ContiSoccerWorld: Was machen Sie, wenn Sie den Fußball einmal vergessen wollen – was tun Sie zur Entspannung?

Zieler: Zum Beispiel gehe ich gerne auf Konzerte. Neulich erst war ich bei Cro. Ich gehe auch gerne Essen mit meiner Freundin und mit Freunden. Familie ist mir sehr wichtig – da kann man gut herunterfahren, unterhält sich über andere Dinge.

ContiSoccerWorld: Bevor Sie zu Hannover kamen sind Sie 2005 mit 16 Jahren von Köln nach England zu Manchester United gewechselt. Hat Sie das nachhaltig geprägt?

Zieler: Ich bin schneller erwachsen geworden, bin schneller gereift. Denn man macht viele Erfahrungen, die andere erst in einem viel längeren Lebenszeitraum machen.

ContiSoccerWorld: Welche Erfahrungen sind das?

Zieler: In ein anderes Land mit einer anderen Sprache und einer auch manchmal anderen Denkweise zu kommen, das ist für einen jungen Menschen – besonders ohne bei der Familie zu sein – eine große Umstellung. Mit sechzehn denkt man darüber ja nicht nach. Aber wenn man zurückschaut, merkt man, dass man damals noch ganz schön jung war. Aber ich war schon immer so, dass ich, wenn ich ein Ziel hatte, nicht lange überlegen musste. Daher war es für meine Eltern damals wohl schwieriger, mich gehen zu lassen, als für mich selbst...

ContiSoccerWorld: Wenn man in dem Alter ein Angebot von einem Top-Verein wie Manchester bekommt, kann einen das auch die Bodenhaftung verlieren lassen. Bestand die Gefahr bei Ihnen?

Zieler: Nein, bei mir nicht. Was mich unglaublich beeindruckt hat: Manchester United ist ein Verein, der stark darauf achtet, dass die Spieler auf dem Boden bleiben. Bei unserem Teammanager, der für die Jugend zuständig war, und in den Gastfamilien war immer auch das Menschliche ein wichtiger Faktor. Sportlich wurde einem alles abverlangt, aber es wurde von allen Leuten, die bei United gearbeitet haben, immer darauf geachtet, dass die Jugendspieler nicht abheben.

ContiSoccerWorld: Haben Sie damals den Wechsel aus England zu Hannover, zunächst als Ersatz von Florian Fromlowitz, als einen Rückschritt empfunden?

Zieler: Das ist keine leichte Frage. Bei Manchester United konnte ich auf absehbare Zeit nicht die Nummer Eins werden, deswegen habe ich mich neu orientiert. Hannover 96 habe ich damals als Herausforderung gesehen. Vor allem mit der Sicherheit, in der U23 regelmäßig Spielpraxis zu bekommen.


Torwart Ron-Robert Zieler ballt die Faust – kein Wunder, früher war Oliver Kahn sein Vorbild… (Foto: Hannover 96)

ContiSoccerWorld: Am Anfang Ihrer Karriere, so haben Sie einmal erzählt, war Oliver Kahn ein fußballerisches Vorbild. Gibt es heute eine Persönlichkeit oder jemanden aus Ihrem Umfeld, der Sie inspiriert?

Zieler: Bei Oliver Kahn war es vor allem die Einstellung, die mir imponiert hat. Heute habe ich kein sportliches Vorbild mehr. Aber rückblickend war es für mich natürlich sehr lehrreich, mit einem Edwin van der Sar bei Manchester United zusammen zu trainieren. Er war damals einer der besten Torhüter der Welt, hat das Torwart-Spiel schon damals sehr modern ausgelegt. Das hat mich geprägt.

ContiSoccerWorld: Was wäre denn wohl aus Ihnen geworden, wenn Sie keine Fußball-Karriere eingeschlagen hätten?

Zieler: Rückblickend schwierig zu sagen, denn ich habe ja alles auf eine Karte gesetzt. Aber ich hätte wahrscheinlich weitergemacht mit der Schule bis zum Abitur. Dann stehen einem ja sehr viele Wege offen. Sagen wir so: Ich bin guter Dinge, dass aus mir auch etwas geworden wäre, wenn ich mich nicht für den Fußball entschieden hätte.