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„Mit Charakterköpfen kenne ich mich aus“

H96

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09/02/2015
 

Dirk Dufner wäre fast Scheidungsanwalt geworden – entschied sich aber doch für eine Karriere im Fußballgeschäft. Der Sportchef von Hannover 96 sprach mit ContiSoccerWorld über Brasilianer in Niedersachsen, selbstbewusste Clubpräsidenten – und warum er einen Job beim FC Barcelona ausschlug.

Dirk Dufner in seinem Büro – seit 2013 ist der gelernte Jurist Sportchef von Hannover 96. (Foto: Wesselhöft)

 

ContiSoccerWorld: Herr Dufner, Ihr Vater ist Rechtsanwalt, Sie selbst haben Jura studiert – sind aber heute im Fußballgeschäft. Gelten Sie als schwarzes Schaf der Familie?

Dirk Dufner: Vielleicht. (lacht) Es ist ja so: Als Sohn eines Anwalts studiert man in der Regel Jura, weil einem zunächst nichts Besseres eingefallen ist und weil man mit Jura in der Tasche später viele Optionen hat. Wenn alle Stricke reißen, fängt man halt in der Kanzlei des Vaters an. Ich bin aber während des Studiums doch zum Schluss gekommen, dass es noch zwei, drei Dinge gibt, die vielleicht interessanter sind. Fußball zum Beispiel. Dann habe ich viel dafür getan, Kontakte zu knüpfen. Ich kannte anfangs niemanden im Fußballgeschäft.

ContiSoccerWorld: Zum Beispiel haben Sie ehrenamtlich beim SC Freiburg gearbeitet.

Dufner: Richtig. Ich habe mein Referendariat bei einem Freiburger Anwalt absolviert und nebenbei unentgeltlich für den SC Freiburg gearbeitet. In der Folge ergaben sich Möglichkeiten, bei verschiedenen Clubs im Ausland zu hospitieren. Ich bin zum Beispiel nach Südafrika gegangen, zu den Cape Town Spurs. Mit der Zeit konnte ich die Arbeitsweisen und Abläufe der Branche immer besser kennenlernen, ich bin quasi von außen in den Fußball hineingewachsen.

ContiSoccerWorld: Worauf wären Sie denn als Anwalt spezialisiert gewesen, hätten Sie sich anders entschieden und Ihren Vater in dessen Kanzlei unterstützt?

Dufner: Mein Vater hat gewissermaßen als Feld-, Wald- und Wiesenanwalt gearbeitet. Damals konnte man in den kleinen Orten noch alles machen, von Strafrecht über Zivilrecht bis zum öffentlichen Recht, das ist heute meist nicht mehr der Fall. Ich hätte von Verkehrsdelikten bis zu Ehescheidungen alles gemacht. Wäre auch eine interessante Arbeit gewesen, ohne Frage.

ContiSoccerWorld: Stattdessen hatten Sie sich beim FC Barcelona beworben.

Dufner: Die Geister, die ich rief… Diese Geschichte habe ich irgendwann einmal erzählt, seitdem werde ich sie nicht mehr los (lacht). Ich erzähle Ihnen mal, wie's wirklich war. Ein sehr guter Freund von mir kam aus Barcelona, der Vater seines besten Freundes wiederum ist damals der Präsident des 1. FC Barcelona gewesen. So habe ich tatsächlich ein Vorstellungsgespräch bekommen. Ich konnte aber kein Spanisch und kam direkt aus Südafrika, was nicht gerade der Hauptrekrutierungsmarkt des FC Barcelona ist. Für mich war es einfach eine riesige Erfahrung, da ein bisschen durch die Büros zu schlendern und lauter verzweifelte Gesichter zu sehen, weil die sich jetzt mit mir beschäftigen mussten, ich kam ja über die Präsidenten-Schiene. (lacht) Und dann haben sie mir in ihrer Verzweiflung angeboten, für sie extern in Südafrika zu arbeiten. Ich aber wollte nach Europa zurück. Und das war's dann auch schon.

ContiSoccerWorld: Was haben Sie von den Erfahrungen in Südafrika für Ihre heutige Tätigkeit als Sportchef in Hannover mitgenommen?

Dufner: Erfahrungen, von denen ich heute profitiere. Man lernt, die Dinge nicht nur aus unserem deutschen oder europäischen Blickwinkel zu sehen. In anderen Kulturen ticken die Uhren eben auch etwas anders. Das hilft mir im Umgang mit Spielern von anderen Kontinenten. Das heißt nicht, dass ich immer nachvollziehen kann oder muss, was hinter der einen oder anderen Entscheidung für Motivationen stehen. Aber ich kann akzeptieren, dass nicht immer alles so läuft, wie wir es uns vorstellen. Trotzdem erwarten wir natürlich von den Spielern, die zu uns nach Hannover kommen, dass sie sich in der Regel ein Stück weit anpassen.

ContiSoccerWorld: Wie beschreiben Sie einem Brasilianer, den Sie zu 96 lotsen wollen und der noch nie etwas von Hannover gehört hat, die Stadt?

Dufner: Einem Brasilianer muss ich Hannover gar nicht groß in den buntesten Farben ans Herz legen. So ein Spieler verlässt Brasilien, weil er in einer großen Liga spielen will, in der er viel Geld verdienen kann. Und da ist Deutschland eine der besten Adressen. Für einen brasilianischen Spieler geht’s weniger um Hannover, es geht um Deutschland. Er fragt sich: Wie kann ich hier leben? Scheint hier wenigstens ab und zu mal die Sonne? Bekomme ich hier ein gutes Stück Fleisch auf den Teller, so wie zuhause in Brasilien? Wie viele Zuschauer kommen zu den Spielen? Der Schritt nach Deutschland ist schon so groß, dass der Spieler zunächst nicht viele Fragen über Hannover stellt.

ContiSoccerWorld: Wenn es dann konkret wird: Was zeigen Sie dem Spieler und seiner Familie von der Stadt?

Dufner: Im Sommer gehen wir vielleicht in ein schönes Restaurant am Maschsee, essen gut und haben eine tolle Aussicht. Natürlich präsentieren wir die Stadt von ihrer besten Seite. Hat der Spieler Kinder, zeigt man ihm den Zoo. Dann die Natur rund um die Stadt. Ein paar schöne Wohnungen. Hannover ist eine Stadt der kurzen Wege, zum Training muss man nicht stundenlang fahren. Aber natürlich sind wir in der Welt des Profifußballs. Am wichtigsten sind gute Antworten auf die Fragen „Was kann ich verdienen?“ und „Wie sind meine sportlichen Perspektiven?“

ContiSoccerWorld: Ihr Spieler Marcelo hat uns in einem Interview erzählt, er liebe Hannover. Allerdings vermisse er ein gutes brasilianisches Restaurant. Dafür müsse er nach Bremen fahren…

Dufner: Marcelo ist ein gutes Beispiel. Er hat sich am Anfang vielleicht ein bisschen schwer getan in der neuen Umgebung. Dann hat er sich, obwohl er ja schon ein gestandener Fußballer war, sowohl fußballerisch als auch als Teil des Teams noch einmal weiterentwickelt. Es ist aber leider so, wir können die Restaurant-Szene in Hannover nicht beeinflussen. Aber Sauerkraut oder Grünkohl jetzt im Winter sind doch auch nicht schlecht…

ContiSoccerWorld: Seit bald zwei Jahren sind Sie Sportchef von Hannover 96. Ziehen Sie bitte ein kurzes Zwischenfazit.

Dufner: Es war bis hierher eine sehr interessante Zeit. Der Klub spielte in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich. Als ich kam, war die Mannschaft aber im Umbruch, ein Stück über den Zenit, könnte man sagen. Das Zusammenspiel zwischen Trainer und Team hat nicht mehr optimal funktioniert, wir mussten reagieren. Es traten sportliche Probleme auf, doch mit dem neuen Trainer Tayfun Korkut haben wir die Kurve genommen. Jetzt sind wir auf einem ordentlichen Weg. Ich habe ein gutes Gefühl, zumal die Atmosphäre in der Mannschaft, im Klub überhaupt, wieder sehr gut ist. Natürlich ist der Umbruch noch nicht abgeschlossen, das braucht Zeit.

ContiSoccerWorld: Wenn der Vorgänger im Zwist mit den Verantwortlichen geht und mit Martin Kind zudem ein ausgewiesener Charakterkopf den Verein führt, macht man sich im Vorfeld nicht so seine Gedanken, ob das gut gehen kann?

Dufner: Man setzt sich natürlich mit dem Klub auseinander. Ich war aber zuvor sechs Jahre in Freiburg und hatte einfach das Gefühl, es ist Zeit, etwas Neues zu machen. Die Anfrage aus Hannover kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Hannover ist ein sehr interessanter Klub mit guten Perspektiven, und dementsprechend stand schnell fest, dass ich den Job machen möchte. Es hat einfach alles gepasst.

ContiSoccerWorld: Mit Charakterköpfen kennen Sie sich ja auch gut aus. Sie hatten zuvor schon unter Präsident Karl-Heinz Wildmoser bei 1860 München gearbeitet.

Dufner: (Lacht) Tja… Wobei der Wildmoser ein angenehmer Typ war. Klar war das ein Bayer wie er im Buche steht. Der hat intern schon mal „Joa, leck' mi am Arsch“ gerufen. Die Außendarstellung als Macher war ihm sehr wichtig. Ansonsten aber konnte man unglaublich gut unter ihm arbeiten. In Stuttgart habe ich zudem unter Gerhard Mayer-Vorfelder gearbeitet, der war ja auch nicht ganz ohne – aber immer hundertprozentig loyal seinen Mitarbeitern gegenüber. Es stimmt, mit Charakterköpfen kenne ich mich aus.

ContiSoccerWorld: Wie würden Sie die Zusammenarbeit zwischen Martin Kind und Ihnen beschreiben? Er ist einer der letzten patriarchischen Präsidenten der Liga.

Dufner: Martin Kind ist ein Unternehmer, der es verinnerlicht hat, Verantwortung zu übernehmen und klare Entscheidungen zu treffen. Da gibt es für ihn zwischen Unternehmen und Bundesliga-Klub, bezogen auf die Abläufe, keine Unterschiede.  Ich finde, dass es eine fruchtbare Zusammenarbeit ist. Ich bin relativ anpassungsfähig und habe genügend Freiheiten in meinem Job. Ich fühle mich in Hannover und bei 96 sehr wohl.

ContiSoccerWorld: Wie gestaltet man als Sportchef die Beziehung zum Trainer? Bewusst etwas distanzierter – weil man den Trainer irgendwann mal feuern muss?

Dufner: Das kann man nicht generell sagen, das ist eine Typfrage. Es gibt immer Menschen, das geht uns wohl allen so, mit denen bekommt man eine größere Nähe hin, mit anderen hingegen funktioniert es nicht, weil die zwei unterschiedlichen Charaktere das nicht hergeben. Wenn ich nun zu einem Trainer, weil die Chemie stimmt, ein freundschaftliches Verhältnis entwickele, dann trete ich nicht bewusst auf die Bremse. Sportdirektor und Trainer sind Profis, jeder weiß, wie das Geschäft läuft. Das heißt natürlich nicht, dass man im Fall der Fälle immer ohne Befindlichkeiten aus so einer Beziehung herauskommt. Idealerweise bekommt man eine berufliche Trennung ohne Streit hin.

ContiSoccerWorld: Sie selbst wurden aufgrund einer Knieverletzung früh in Ihrer Fußballkarriere gestoppt. Wäre mehr drin gewesen?

Dufner: Ich war ein ganz ordentlicher Jugendfußballer. Dann gab's Probleme mit beiden Knien, damit plage ich mich bis heute herum. Ich habe zwar weiter Fußball gespielt, aber nicht mehr im Verein. Wenn ich mir das Niveau heute anschaue, dann glaube ich nicht, dass mehr aus mir geworden wäre als ein vernünftiger Hobbyfußballer. Darüber muss ich mir ja auch nicht den Kopf zerbrechen. Ich habe ein Aufgabenfeld im Fußball gefunden, das mich voll auslastet und mir unheimlich viel Spaß macht.

ContiSoccerWorld: Stuttgart, 1860 München, Freiburg, Hannover 96. Hand aufs Herz, würden Sie nicht auch gerne mal mit in einem Verein arbeiten, der um die Spitze mitspielt?

Dufner: Moment, mit 1860 waren wir in der Champions-League-Qualifikation, mit Freiburg Fünfter in der ersten Liga und im Europa-Cup. Aber klar, um die Meisterschaft habe ich noch nicht mitgespielt. Darüber habe ich aber, offen gestanden, noch nie nachgedacht. Weil ich es schon als großes Privileg ansehe, überhaupt unter diesen achtzehn besten Klubs mitmischen zu dürfen. Ich bin nicht so maßlos zu sagen „Aber unter den ersten vier wäre es noch schöner". Und der Traum unseres Präsidenten ist es ja, dauerhaft im oberen Drittel zu spielen.

ContiSoccerWorld: Was fehlt Hannover 96 dazu noch?

Dufner: Eine gewisse Stabilität. Wir haben eine enorm hohe Konkurrenz in der Mitte der Liga. Und es gibt einige Vereine, die vom Etat her über uns stehen. Welcher Verein kann überhaupt schon sagen „Wir sind sicher etabliert“? Gladbach? Wolfsburg? Eine Garantie haben die nicht, dass es nächste Saison so weitergeht. In der Regel stehen Bayern und Dortmund ganz oben – Dortmunds Situation derzeit werte ich als Ausnahme. Schalke und Leverkusen, die sind noch recht konstant da oben, aber das war’s auch schon. Man sieht, es ist nicht leicht, sich dauerhaft oben zu etablieren.