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Baustellen für Hannover nach Happyend

H96

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27/05/2015
 

Die Erleichterung mit dem Schlusspfiff um 17.22 Uhr war riesengroß, der Freudentaumel und der Jubel so intensiv wie bei einer Meisterfeier: Hannover 96 bleibt nach einem hochdramatischen Saisonfinale durch das 2:1 (1:0) gegen den SC Freiburg in der Bundesliga. Die ganze Region zitterte, denn „die Roten“ standen nach einer verkorksten Saison vor dem Abgrund eines fünften Bundesliga-Abstiegs nach 1974, 1976, 1986 und 1989. Doch ein starker Schlussspurt in den letzten vier Spielen mit acht Punkten unter der Regie des kurzfristig verpflichteten Trainers Michael Frontzeck führte noch zu einem guten Ende der Mission Klassenverbleib. 49.000 Zuschauer in der ausverkauften HDI-Arena erlebten in einem echten Abstiegsendspiel das Happyend für Hannover und einen Albtraum für Freiburg, das in die zweite Liga stürzte.

Großer Jubel bei Hannover 96 nach der Rettung: Mit dem 2:1 gegen Freiburg spielen „die Roten“, die komplett in Schwarz antraten, weiter in der Bundesliga. (Foto: Getty Images)

Präsident Martin Kind (links) und Trainer Michael Frontzeck nach dem 2:1 von Hannover 96 gegen Freiburg. (Foto: Firo/Augenklick)

„Der Abstieg wäre der Super-GAU gewesen“, beschrieb Hannovers Präsident Martin Kind den extrem hohen Druck, der auf dem Verein lastete. Doch trotz des herrlichen Gefühls, das verflixte 13. Jahr in Serie im deutschen Fußball-Oberhaus als 13. der Abschlusstabelle doch noch heil überstanden zu haben, drängten danach viele Fragen in den Vordergrund. Die „Hannoversche Neue Presse“ (HNP) brachte die komplizierte Gemengelage am Pfingstmontag so auf den Punkt: „Hannover 96 gleicht nach dem emotional gefeierten Klassenverbleib in der Fußball-Bundesliga einer gewaltigen Baustelle. Die Entscheidungen, die Clubchef Martin Kind nun treffen muss, sind von großer Tragweite, die Herausforderungen riesig: Bleibt Retter Michael Frontzeck als Trainer? Was wird aus dem umstrittenen Sportdirektor Dirk Dufner?“

 

Die Stimmen, dass Kurzzeit-Coach Frontzeck, der nur für fünf Spiele einen Vertrag erhalten hatte, bleiben solle, sind deutlich vernehmbar in der niedersächsischen Landeshauptstadt. „Wir werden uns sicher auf eine Tasse Kaffee treffen und über die fünf Wochen sprechen“, sagte Frontzeck direkt nach der Rettung über ein Vertragsgespräch mit Klubboss Kind. „Mir hat das Spaß gemacht. Ob es weiter geht, müssen wir sehen“, erklärte der 51-Jährige. Kind betonte, die Entscheidung müsse sehr gut abgewägt werden. „Frontzeck ist der erste Ansprechpartner. Wir werden uns intensiv miteinander austauschen. Er hat Vorstellungen, wir haben Vorstellungen. Aber ich bin optimistisch, dass wir eine gute Basis finden werden“, sagte der 71 Jahre alte Unternehmen, der den Verein seit 1997 führt. Wichtig für die Entscheidungsfindung sei es, wie Frontzeck das Team künftig taktisch ausrichten wolle, sagte Kind.

Trainer- und Manager-Wechsel? - Acht Spielerverträge laufen aus

Dass es auch andere Gedankengänge bei der Besetzung der Trainerposition bestehen, bestätigte Kind. Auf die Frage, ob an dem mit dem SC Paderborn abgestiegenen Trainer Andre Breitenreiter Interesse bestehe, sagte Kind: „Er hat dort einen Vertrag bis 2016.“ Für den Ex-Hannover-Profi Breitenreiter, das hat Paderborn-Präsident Wilfried Finke vor dem letzten Spieltag klargestellt, müsse der Verein, der ihn verpflichten wolle, eine Ablöse von mehr als einer Million Euro bezahlen. In dem Zusammenhang trifft es sich gut, dass Hannover den Abstieg mit den damit verbundenen Mindereinnahmen von 30 Millionen Euro abwenden konnte. Weitere Kandidaten neben Breitenreiter seien Mirko Slomka, Thorsten Fink und Jos Luhukay, berichtete die „BILD“-Zeitung.

Hannovers Offensivspieler Salif Sane im Duell mit dem Freiburger Admir Mehmedi. (Foto: Getty Images)

 

Die Vereinsverantwortlichen haben nicht einfache Beschlüsse zu treffen. Wie lange Sportdirektor Dufner noch zu diesem Kreis angehört, war über Pfingsten ungewiss. Er ist noch mit einem Vertrag bis Juni 2016 ausgestattet, aber die Fans stellten sich beim Saisonfinale gegen ihn. Die HNP berichtete, dass Kind auf Distanz zu Dufner ging, als er nach dessen Arbeit befragt wurde. „Wir können nicht zufrieden sein“, sagte er. „Dies war ein Jahr der Stagnation, und Stagnation bedeutet Rückschritt.“ Nicht nur ein Trainer- und ein Manager-Wechsel sind denkbar. Fast ein Dutzend Spielerverträge laufen aus, darunter die Arbeitspapiere wichtiger Leistungsträger.

Lars Stindl, der beste Feldspieler in den schwierigen Wochen, wechselt nach Mönchengladbach. Leon Andreasen soll nach seinen guten Auftritten in den letzten Wochen wohl gehalten werden. Die Zukunft von Jimmy Briand, der unter Frontzeck als Sturmspitze überzeugte, ist ungewiss. Die beiden Ersatztorhüter hinter Ron-Robert Zieler, der zum großen Rückhalt im Abstiegskampf wurden, gehen: Robert Almer kehrt nach Österreich zurück, Markus Miller beendet seine Karriere. Verteidiger Marius Stankevivius verlässt den Klub nach nur einem Jahr. Die Routiniers Christian Pander und Jan Schlaudraff hoffen woanders auf neue Verträge. Didier Ya Konan und Joao Pereira waren im Winter nur bis zum Saisonschluss verpflichtet worden.  Geholt wurde bislang Torhüter Philipp Tschauner vom FC St. Pauli, zwei Spieler aus dem eigenen Nachwuchs. Zudem kommen drei zu Zweitligavereinen ausgeliehene Profis zurück. Für den Aufbau des Kaders für die Saison 2015/16 kommt auf Kind und sein Team viel Arbeit zu.

200. Heimsieg im Abstiegsendspiel

Aber das Feiern ließ man sich nicht nehmen. Vorausgegangen war ein Krimi, in dessen Drehbuch eine zunächst recht gelassene Stimmung stand, der sich zum Ende hin, vor allem aus Freiburger Sicht, aber sehr zuspitzte. Hannover war als eine von sechs akut gefährdeten Mannschaften in die Partie gegangen. Nach dem Sturz auf Platz 17 mit dem 2:2 in Wolfsburg am 31. Spieltag, dem ein 1:1 gegen Bremen gefolgt war, hatte das Frontzeck-Team am vorletzten Spieltag mit dem 2:1 in Augsburg (beide Tore Stindl) endlich die 16 Spiele lange Sieglos-Serie beenden können. „Die Roten“ kletterten wieder auf Platz 15, die Lage entspannte sich aber nicht wirklich. Das letzte Spiel wurde zum sportlichen Überlebenskampf. Der Verlierer der Partie Hannover gegen Freiburg, das am 33. Spieltag überraschend den Meister Bayern München bezwungen hatte, musste mit dem Abstieg rechnen.

Erlösendes 2:0 für Hannover: Der Freiburger Pavel Krmas (rechts) trifft ins eigene Tor, 96-Stürmer Jimmy Briand (links) und Freiburg-Torwart Roman Bürki waren vorher am Ball. (Foto: GES/Augenklick)

 

Das Führungstor von Hiroshi Kiyotake in der 3. Minute war vielleicht der wichtigste Treffer der Saison. In der 84. Minute war es dann der Freiburger Pavel Krmas, dessen Abschied in Richtung seiner tschechischen Heimat in der Vorwoche gefeiert worden war, der mit einem Eigentor das 2:0 erzielte. Der 200. Bundesliga-Heimsieg schien nicht mehr gefährdet, 96 hatte in diesem Moment den Bundesliga-Verbleib praktisch sicher. Aber Freiburg kämpfte, der eingewechselte Nils Petersen traf in der Vier-Minuten-Nachspielzeit zum 2:1 (90.+2). Der Sportclub bäumte sich vergeblich auf, ein 2:2 hatte das Team noch in die Relegation gebracht, womit der Hamburger SV abgestiegen wäre. 96 hätte auch bei einem Unentschieden das rettende Ufer erreicht. Mit dem Schlusspfiff von Schiedsrichter Wolfgang Stark brachen die Dämme. Hannover war vereint im Jubel, die Freiburger rangen um Fassung.