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„Niemand weiß, wer es schaffen wird“

H96

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09/05/2016
 

Kaum ein Spieler steht für Hannover 96 wie Steven Cherundolo: Der langjährige Abwehrspieler spielte nie für einen anderen Verein und trainiert heute die U17 der Niedersachsen. Mit ContiSoccerWorld sprach der 37-Jährige ehemalige US-Nationalspieler über das Erkennen, Anwerben und Betreuen von Jugendtalenten – und über eine mögliche Rückkehr in seine Heimat.

Steven Cherundolo spielte von 1999 bis 2014 für Hannover 96, in 417 Pflichtspiele erzielte der Abwehrspieler acht Tore. Heute trainiert der ehemalige US-Nationalspieler und Teilnehmer an drei Weltmeisterschaften die U17 der Niedersachsen. Foto: Hannover 96

 

ContiSoccerWorld: Herr Cherundolo, Hannover 96 ist abgestiegen. Als ehemaliger Spieler hat es Sie in der holprigen Rückrunde sicher in den Füßen gejuckt…

Steven Cherundolo: Grundsätzlich möchte man als Ex-Profi immer wieder auf den Platz zurück, und bei mir ist die aktive Zeit als Spieler ja noch nicht so lange her. Fußballer zu sein, das ist einer der schönsten Jobs der Welt. Aber der Zug ist bei mir leider abgefahren. Nein, ich bin kein Träumer und ich denke auch nicht, dass ich der Mannschaft noch hätte helfen können. Dafür sind jetzt andere da.

ContiSoccerWorld: Schlägt der Abstieg der Profis in die zweite Liga auch auf die Stimmung Ihrer Spieler, der U-17 Mannschaft?

Cherundolo: Natürlich, auch bei uns ist die Stimmung nicht so prickelnd. Zumal ja auch wir gegen den Abstieg spielen. Wenn du selbst versuchst vom unteren Ende der Tabelle wegzukommen, und parallel steigt die Profimannschaft ab, dann hebt das sicher nicht die Stimmung.

ContiSoccerWorld: Spielt Ihnen als Jugendtrainer der Abstieg der Profis nicht vielleicht auch in die Karten? Erhöhen sich nicht die Chancen für Nachwuchsspieler, für den Profi-Kader nominiert zu werden?

Cherundolo: Ein Abstieg ist immer schlecht für alle Beteiligten. Auch für unsere Jungs. Natürlich kann es sein, dass einige bald mal eine Chance im Profi-Bereich bekommen. Aber es ist selbstverständlich besser, wenn die Jungs dann in der ersten statt in der zweiten Bundesliga spielen. Da ist die Qualität im Kader noch höher und die Jungs können in kürzerer Zeit mehr lernen. Auch für das Anwerben von neuen Talenten ist es hilfreich, eine möglichst erfolgreiche Profimannschaft vorzuweisen.

ContiSoccerWorld: Wie lockt man denn überhaupt junge Talente nach Hannover?

Cherundolo: Aushängeschild Nummer eins ist der Profikader. Für Vereine wie Bayern München, Schalke, Dortmund ist es natürlich einfacher, Nachwuchsspieler zu locken, da spricht das Produkt für sich. In Hannover ist es ein wenig anders. Da hat man in der Region starke Konkurrenten, zum Beispiel den VfL Wolfsburg, Werder Bremen, Hamburg. Und der vielleicht größte Konkurrent derzeit ist RB Leipzig. Die scannen den Jugendbereich intensiv. Grundsätzlich aber ist es unser Anspruch, dass jeder Spieler, der in Hannover oder der Region aufwächst, zu uns kommen möchte.

ContiSoccerWorld: Was können Sie den Verlockungen eines aufstrebenden Vereins wie Leipzig entgegensetzen?

Cherundolo: Tja, gegen entsprechende Verlockungen muss man erst einmal die richtigen Argumente finden. Das ist aber nicht ein exklusives Problem von Hannover 96, mit dieser Situation beschäftigen sich fast alle Profivereine in Deutschland. Ich rate den Eltern und Beratern von Nachwuchsspielern, sich mit allen Facetten einer solchen Entscheidung zu beschäftigen. Denn mitunter sind der goldene Jugendvertrag und das Tiptop-Nachwuchszentrum eben nicht die besten Gründe. Selbst ein Verein wie Leipzig kann nicht 18 B-Jugendspieler zu Profis machen. Da werden auch nur zwei oder drei durchrutschen, wenn überhaupt. Da sollten sich die Eltern fragen, wo der Sohn als Kaderspieler am besten aufgehoben ist. Denn auch in Hannover gibt es sehr gute Bedingungen.


Die Kabine der U17 von Hannover 96 im Eilenriedestadion, der Heimat der Nachwuchskicker. Das Stadion wird derzeit erneuert, gegenüber entsteht ein neues Nachwuchsleistungszentrum. Foto: Christian Frahm

 

ContiSoccerWorld: Manche Vereine machen Sichtungslehrgänge für Dreijährige. Ab welchem Alter kann man ernsthaft ein kommendes Fußballtalent erkennen?

Cherundolo: Wir haben bei Hannover 96 eine Fußballschule für die ganz Kleinen. Da versuchen wir erst einmal Talente spielen zu lassen und zu beobachten. Da kann man schon recht früh erkennen, wer ein gutes Ballgefühl oder doch eher zwei linke Füße hat. Im Verein geht es bei uns bei der U10 los. Und dann gibt es auch andere Vereine in Hannover, die sehr gute Arbeit machen, HSC Hannover und Arminia Hannover, um nur zwei Beispiele zu nennen. Dann kommen die Jungs mit vielleicht 14 oder 15 Jahren zu uns, weil Hannover 96 einfach eine größere Perspektive bieten kann.

ContiSoccerWorld: Woran erkennen Sie den nächsten Messi?

Cherundolo: Ein außergewöhnlicher Spieler bringt immer eine Kombination aus vielen Eigenschaften mit. Talent zum Fußballspielen ist nicht alles. Ein junger Spieler braucht auch athletisches Talent, Schnelligkeit, auch eine schnelle geistige Auffassungsgabe, Antizipation. Dann gehört Ehrgeiz dazu. Ohne wird man im Fußball keine Chance haben, da kann man noch so toll dribbeln. Solche Eigenschaften sind bei einem Zehn- oder Zwölfjährigen noch schwer zu sehen. Deswegen macht es Sinn, die Jungs über mehrere Jahre zu begleiten.

ContiSoccerWorld: Wie motivieren Sie die Jugendlichen? Schließlich wissen die jungen Spieler, dass es nur die wenigsten in die Profimannschaft schaffen werden.

Cherundolo: Das Gute ist: Niemand weiß, wer es schaffen wird. Alle haben die gleiche Chance, und darin liegt die Motivation für jeden einzelnen.

ContiSoccerWorld: Gibt es da nicht innerhalb der Mannschaft ein großes Konkurrenz-Denken?

Cherundolo: Ja, natürlich. Aber auch später auf der großen Bühne wird die Konkurrenz groß sein. Wir Trainer müssen die richtige Balance finden: Im Training ist Konkurrenzdenken erwünscht, da gibt dann jeder Vollgas, am Spieltag aber müssen alle füreinander da sein.

ContiSoccerWorld: Wenn Sie an Ihre Zeit als junger Spieler zurückdenken: Was war anders als heute?

Cherundolo: (Lacht) Meine fußballerische Ausbildung war eine ganz andere. Ich habe ja auch jede Menge anderer Sportarten betrieben, Baseball und Basketball, Surfen und Schwimmen, habe Golf gespielt, Wasserball, alles mögliche. Fußball habe ich nur zwei Mal die Woche gespielt, der Fußball spielte in meiner Jugend keine zentrale Rolle. Vielleicht war genau das entscheidend für mich.

ContiSoccerWorld: Inwiefern?

Cherundolo: Dass man eben nicht nur Fußball lebt und atmet. Es gibt auch andere Sachen, die wichtig sind im Leben. Mit der Einstellung kann man zum Beispiel auch mit Niederlagen besser umgehen, denke ich. Heute konzentriert man sich wirklich auf den Fußball, und das ist sicher am besten so für Spieler, die einmal in der Bundesliga spielen wollen.


Vor dem letzten Auftritt als Spieler: Steven Cherundolo wurde am 10. August 2014 mit einem Abschiedsspiel in der HDI-Arena geehrt. picture alliance / dpa

 

ContiSoccerWorld: Wie halten sie die jungen Spieler bei der Stange? Schließlich sind die ja in einem Alter, in dem auch mal die Disco ruft, man hat eine Freundin…

Cherundolo: Natürlich kommt auch mal einer zu spät zum Training, ganz klar. Ich kenne jede Ausrede, die es auf dieser Welt gibt. (lacht) Es geht dann aber nicht darum, die Jungs zu bestrafen oder zu kontrollieren. Sie sollen gerne zum Training kommen. Sie sollen ihre Zeit auf dem Platz aber auch nicht verschwenden, der Einsatz muss stimmen, mehr verlangen wir hier nicht.

ContiSoccerWorld: Sie trainieren jetzt die U17. Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Cherundolo: Im Herrenbereich, dort würde ich gerne eine interessante Mannschaft trainieren. Wo aber das sein wird, das weiß ich nicht. Ob in meiner Heimat, den USA, oder weiterhin in Hannover – beides könnte ich mir sehr gut vorstellen.

ContiSoccerWorld: Beobachten Sie denn das Geschehen in der amerikanischen Liga MLS?

Cherundolo: Ja. Ich habe auch viele Freunde und ehemalige Mitspieler in den USA, die jetzt in leitenden Positionen in der MLS arbeiten. Das ist eine total spannende Zeit. Es ist auch definitiv ein Ziel von mir, wieder in meiner Heimat zu arbeiten.

ContiSoccerWorld: David Beckham hat ja bald einen Job zu vergeben… Er steigt jetzt in die MLS ein und will seinen eigenen Club gründen. Was halten Sie davon?

Cherundolo: Ich gönne es ihm, er wird das super machen. Er hat eine Menge Erfahrung und vor allem eine Kontaktliste, um die er zu beneiden ist. Für ihn gehen alle Türen auf. Grundsätzlich ist es jetzt relativ einfach, in den USA einen Verein zu gründen. Man benötigt Kapital, kann dann eine Lizenz kaufen und loslegen – so einfach ist das. Man muss nicht erst von der achten zur ersten Liga aufsteigen.

ContiSoccerWorld: Finden sie das gut?

Cherundolo: Für die Stabilität der Liga und des Fußballs in Amerika ist das der einzige Weg. Es ist nicht machbar, den Fußball dort drüben so zu strukturieren wie in Europa oder Deutschland. 

Steven Cherundolo im Einsatz für Hannover 96 – der Abwehrspieler lief 15 Jahre für die Niedersachsen auf. Foto: picture alliance / dpa

 

ContiSoccerWorld: Wieso nicht?

Cherundolo: Man muss ja vor allem auch die Fanbasis pflegen. Ein Verein muss eine schlechtere Saison überleben können, ohne gleich ins Nichts abzusteigen. Es geht in den USA erst einmal darum, das Produkt Fußball, so nenne ich es mal, zu etablieren. Wenn das geschehen ist, kann man über andere Modelle reden.

ContiSoccerWorld: Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Profifußballs in den USA? Mittlerweile wechseln immer mehr Spieler aus Europa in die MLS.

Cherundolo: Die Qualität des Fußballs hat zugenommen, auch die Qualität der einzelnen Spieler. Zum Teil natürlich, weil Spieler von außerhalb geholt worden sind, aus Mittelamerika, Südamerika, auch aus Europa. Wir müssen darauf achten, dass unsere eigenen Talente, also die amerikanischen Spieler, mehr gefördert werden.

ContiSoccerWorld: Ist der Fußball in den USA populärer geworden?

Cherundolo: Absolut. Fußball ist heute ein Teil der Sportkultur Amerikas. Die Zuschauerzahlen steigen, die Fernsehübertragungen werden immer lukrativer.

ContiSoccerWorld: Welche Rolle spielt die Nationalmannschaft unter Trainer Jürgen Klinsmann?

Cherundolo: Die Nationalmannschaft ist für den Fußball in den USA enorm wichtig. Wenn die Nationalmannschaft nicht erfolgreich spielt, sich nicht für die WM qualifiziert, dann geht das allgemeine Interesse für Fußball im Land in den Keller. Wenn wir uns qualifizieren, dann sind die Amerikaner richtig fußballbegeistert. In den USA wird Fußball auch ganz anders vermarktet. Anders als in Europa geht es bei einem Stadionbesuch vor allem darum, unterhalten zu werden – und nicht unbedingt darum, in der Kurve zu stehen und Gesänge anzustimmen. Bei einem super Ausblick auf das Spielfeld und vor allem mit einem komfortableren Sitz sind die Chancen, dass der US-Fan erneut zu einem Spiel fährt, deutlich größer. (lacht)


Das 1922 eröffnete Eilenriedestadion am Rande des Stadtwaldes Eilenriede ist die Spielstätte der Nachwuchsmannschaften von Hannover 96. Derzeit wird es umgebaut. Foto: Christian Frahm

 

ContiSoccerWorld: Wäre ein Posten im Trainerteam der US-Nationalmannschaft nicht auch eine Option für Sie? 

Cherundolo: Ich durfte nach meiner aktiven Zeit als Spieler schon ein paar Mal bei Länderspielen dabei sein und unter Jürgen Klinsmann hospitieren. Das hat mir eine Menge Spaß gemacht. Ja, natürlich, das wäre ein Traum.

ContiSoccerWorld: Fünfzehn Jahre Spieler, jetzt Trainer in Hannover: Was ist so schön an Hannover?

Cherundolo: Das ist eine gute Frage. Ganz ehrlich, ich weiß es nicht ganz genau. Ich fühle mich einfach wohl hier. Warum? Lassen Sie mich überlegen. Hannover ist eine Stadt im Gleichgewicht, könnte man wohl sagen. Sie bietet vieles, ist eine Großstadt. Aber auch klein genug, so dass man auf der Straße mal bekannte Gesichter trifft, also ein wenig familiär. Dann gibt es aber immer wieder Ecken in der Stadt, die ich noch nicht kenne und neu entdecken kann, das ist auch schön. Außerdem verbinde ich mit dieser Stadt natürlich meine Laufbahn und meinen Beruf. Hannover 96 war mein erster Verein und der letzte und der einzige. (lacht)