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„Ist es grün? Ist es blau? Ist es rot?“

H96

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14/07/2016
 

Sebastian Kurbach ist ein Fußballfan, der im Keller lebt. Ein Gespräch mit dem Leiter des Archivs von Hannover 96 über das Geheimnis um die roten Trikots, die Bedeutung von Continental in den Kindertagen des Fußballs – und eine afrikanische Holzmaske.


Herr Kurbach, Hannover 96 gönnt sich mit Ihnen einen hauptamtlichen Archivar. Was ist Ihre Aufgabe – Gründe für den jüngsten Abstieg zu finden?

Dafür gibt es sicher bessere Experten als mich. Nein, meine Aufgaben liegen woanders. Hannover 96 ist ein Verein mit langer Tradition. Seit den Anfangstagen Ende des 19. Jahrhunderts hat sich da ein wahrer Schatz im Keller angesammelt an Dokumenten, Fotos, Exponaten. Vor vier Jahren hat sich die Vereinsführung entschieden, dort Struktur hineinzubringen. Zu der Zeit habe ich Stadionführungen geleitet, da hat mich die Vereinsführung um Martin Kind angesprochen, ob ich nicht etwas tiefer in die Geschichte einsteigen will. Zunächst hab ich mit einer halben Stelle angefangen, jetzt bin ich Vollzeit dabei. Und ich schreibe nebenbei meine Dissertation zur Entwicklung des Vereinsarchivs von Hannover 96.


Sie waren Deutschlands erster Historiker mit Festanstellung bei einem Profi-Fußballverein. Was machen Sie denn den ganzen Tag?

Der Job ist abwechslungsreicher, als man denkt. Ich konzipiere Projekte, Vorträge, Ausstellungen und andere Veranstaltungen, betreue auch das Archiv. Da gibt es keinen festen Arbeitszeitplan von 9 bis 17 Uhr. Es kann auch mal sein, dass man samstags und sonntags im Archivkeller sitzt, wenn eine Vortragsvorbereitung ansteht.


Eine Frage in eigener Sache: Auf der Chronik-Webseite von Hannover 96 ist uns ein Schwarz-Weiß-Foto aufgefallen, da steht die Mannschaft vor einer Werbebande von Continental. Das Foto stammt aus dem Jahr 1899!

Ja, das ist wirklich eine sehr spannende Geschichte. Auf nämlich fast allen alten Fotos ist Continental-Werbung zu sehen. Ende des neunzehnten, Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde ja noch nicht in Fußballstadien gespielt. Die gab es zu dem Zeitpunkt nämlich noch gar nicht. Das ging erst so ungefähr ab 1910 los. Vorher spielten die meisten Teams im Inneren von Radrennbahnen. Radsport, das war elegant und populär, nicht so dreckig wie die "Fußlümmelei", wie man Fußball damals auch nannte. Für Continental machte es natürlich Sinn, in so einer Radrennbahn zu werben. Die hatten 1892 den ersten aufpumpbaren Fahrradreifen der Welt entwickelt, den „Continental Pneumatics“. Der Witz ist: Die Fußballer stellten sich damals nicht vor die Continental-Werbung, weil sie dafür Geld bekamen, so wie heute. Die stehen da aus einem anderen Grund: Die lassen sich fotografieren, weil sie stolz waren, in so einem Stadion spielen zu dürfen.

Continental war schon immer ein Unterstützer des Sports: Hier präsentiert sich die Rugby-Mannschaft von Hannover 96 (damals noch offiziell "Hannoverschen FC von 1896") im Jahr 1899 vor einer Werbebande in einem Radrennstadion. Foto: Historisches Museum Hannover

Die Vereinsfarben von Hannover 96 sind schwarz-weiß-grün – nur die Trikots nicht. Foto: Kurbach

 

In einer Radrennbahn?

Damals gab es über 1000 Vereine in Hannover, und die Fußballer wurden oft auf die letzten Äcker verbannt. Und wir 96er durften dann in so einem Stadion spielen, in der Radrennbahn am Pferdeturm, mit eigener Bandenwerbung und Holztribüne! Die Spieler haben aus dem Foto Postkarten gebastelt und die in ihrem Freundeskreis verteilt. Das ist eine völlige Umkehrung von dem, was wir heute kennen. Die Fußballer werben damit, nicht das Unternehmen. Dort wusste man gar nicht, dass man auf so einer Postkarte drauf war. Das waren andere Zeiten.


Sie forschen ja nicht nur in Sachen Sponsoring. Welche Themen der Geschichte sind wichtig für Hannover 96?

Wir thematisieren alles, gerade auch die Rolle der Fußballvereine im zweiten Weltkrieg zum Beispiel, als viele Vereine für Propaganda instrumentalisiert wurden. Wir versuchen immer, gesellschaftlich relevante Themen, bei denen Hannover 96 als Aufhänger dienen kann, zu bespielen. Wir haben zum Beispiel 119 Partnerschulen. Ich gehe mit Originalmaterial aus dem 96-Archiv an die Schulen und mache Geschichtsunterricht. Da wir über die Schiene Fußball kommen, ist bei vielen Schülern schon einmal ein Grundinteresse vorhanden. Für dieses Projekt sind wir gerade von der VdW, der Vereinigung deutscher Wirtschaftsarchive, als „Wirtschaftsarchiv des Jahres 2016“ ausgezeichnet worden. Das ist natürlich eine ganz tolle Bestätigung.


Die Aufarbeitung der Nazi-Zeit ist oder war ja bei vielen Vereinen ein eher sensibles Thema…

Aber das gehört dazu, ist ganz wichtig. Wenn ich jetzt auf Vorträgen immer nur die rosa-rote – oder in meinem Fall die schwarz-weiß-grüne – Brille auf hätte, dann wäre das sicherlich unglaubwürdig. Wir müssen uns auch mit kritischen Themen auseinandersetzen. Das gehört zur Arbeit in einem Verein dazu. Da unterscheiden wir uns nicht groß von Unternehmensarchiven wie beispielsweise dem von Volkswagen oder der Deutschen Bank. Wenn es um die Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus geht oder um Fan-Rivalitäten, wie in unserem Fall mit Eintracht Braunschweig, dann sind das kritische Themen. Damit macht man sich auch nicht immer Freunde.


In Fan-Kreisen von Hannover 96 gibt es ein Thema, das alle zu Hobby-Historikern werden lässt: Warum spielt die Mannschaft in Rot, obwohl die Vereinsfarben Schwarz-Weiß-Grün sind?

Mein Lieblingsthema. Wie viel Zeit haben wir? (lacht)

 

Legen Sie los.

Es ist schon seltsam, denn es ist ein Alleinstellungsmerkmal in der Bundesliga, dass ein Verein nicht in den Vereinsfarben aufläuft. Alle Merchandising-Artikel zum Beispiel sind in schwarz-weiß-grün, nur eben die Trikots nicht. Da gibt es so viele Theorien, da kenne ich selbst nicht alle. Wenn sie in Hannover sechsundneunzig Personen fragen, bekommen sie wahrscheinlich siebenundneunzig oder achtundneunzig verschiedene Antworten. Und die meisten davon klingen auch noch plausibel. (lacht)


Was ist denn die Lösung?

Oho, die Frage aller Fragen in Hannover! Warum heißen wir "die Roten"? Eine Theorie besagt, dass die Stadt Hannover die Farbe aus dem Stadtwappen gerne auf den Trikots haben wollte und nur unter dieser Bedingung nach der Meisterschaft 1938 ein Grundstück an den Verein abtrat. Das ist aber sicher nicht so gewesen. Eine andere Theorie behauptet, dass das Stadtamt für Leibesübungen Ende der 20er Jahre die Farben fest vergeben hat. Denn es ist schon außergewöhnlich: Arminia Hannover – der zweite große Verein aus der Stadt – wird „die Blauen“ genannt, obwohl die Vereinsfarben Grün-Weiß-Grün sind. Es mag da einen Zusammenhang geben. Das Problem ist nur, wir haben bislang für keine Theorie eine verlässliche Quelle. Mich erinnert das immer an den „Herrn der Ringe“, wenn es über den Ring von Isildur heißt: "Was nicht in Vergessenheit hätte geraten dürfen ging verloren. Aus Geschichte wurde Legende, aus Legende wurde Mythos".


Hannover, ein Verein wie aus Mittelerde?

Wir lieben halt unsere Mythen. Und da komme ich ins Spiel. Ich versuche, das wissenschaftlich aufzuarbeiten. Das ist eine Sisyphusarbeit. Ich werde von vielen ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Ehemalige Schulleiter, Geschichtsstudenten, interessierte Fans, die in die Bibliotheken der Stadt gehen und die Zeitungsjahrgänge durchblättern. Ich gehe davon aus, wenn die Lösung des Rätsels irgendwo steht, dann in der Zeitung. Die Vereinsmitglieder sind sehr intensiv dabei, den Archivbestand zu füllen. Ehemalige Spieler, Nachkommen von 96-Spielern, frühere Funktionäre, aber auch Mitglieder, die sagen: „Ich habe hier noch was auf dem Dachboden gefunden. Habt ihr da nicht Interesse dran?“


Übersteigt das nicht Ihre Kapazitäten, wenn jeder mit seinen Kartons anmarschiert?

Manchmal schon. Wir arbeiten daher auch eng mit den Instituten der Stadt zusammen, mit dem Stadtarchiv, der Leibniz Universität und anderen. Da gibt es eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, auch mit den lokalen Fußballvereinen, den Verbänden oder auf Bundesebene mit dem Netzwerk der deutschen Fußballmuseen und Vereinsarchive, in dem die Profifußballvereine Deutschlands organisiert sind. Da hatten wir neulich erst so einen Fall. Ein bekannter Sport-Fotograf aus Hannover war verstorben, und wir sollten den Nachlass verwalten. Ich habe den Erben geraten, sich an das Historische Museum zu wenden. Wir als relativ kleines Archiv wären mit einem so großen Nachlass überfordert. Dadurch ist dieser Schatz doch für die Öffentlichkeit erhalten geblieben.

In der Fankurve von Hannover 96 geht es bunt zu – Resultat der noch nicht ganz geklärten Vereinsfarben-Lehre… Foto: Kurbach

Sebastian Kurbach – hier mit einer Kopie des WM-Pokals – ist Historiker und seit 2012 als seinerzeit erster festangestellter Archivar der Bundesliga bei Hannover 96 im Einsatz. Derzeit schreibt er berufsbegleitend seine Dissertation. Thema: „Transformation einer sporthistorischen Vereinssammlung zu einem kombinierten Vereins- und Unternehmensarchiv am Beispiel des Profifußballvereins Hannover 96“. Foto: Kurbach

 

Zurück zur Farbenlehre: Seit wann spielt Hannover denn in Rot?

Die älteste bestätigte Meldung, dass wir in roten Trikots aufgelaufen sind, stammt aus dem Jahr 1924. Das ist ein kurzer Eintrag in der Vereinszeitung. Da werden die Jugendleiter aufgefordert, doch bitte darauf zu achten, dass ihre Mannschaften einheitlich in weinroten Trikots aufzulaufen haben. Dort hat es eine solche Anordnung definitiv gegeben. Aber wir kennen auch aus den zwanziger Jahren noch Spiele, wo die 96er komplett in Weiß aufliefen. Ab zirka 1931 setzte sich das Rot durch. Bis in die sechziger Jahre wurde übrigens weiterhin in Weinrot gespielt. Erst mit Beginn der Bundesliga 1964 wechselten wir zu den roten Trikots. Unsere Tradition ist, dass es keine wirkliche Tradition gibt hinsichtlich der Trikotfarbe.


Mit der Aussage bekommen Sie sicher oft Gegenwind aus den Fan-Kurven…

Oh ja. Viele Fans meinen, rote Trikots, schwarze Hosen und weiße Stutzen, das sei schon immer so gewesen. Das ist halt das, woran sich die meisten Leute noch erinnern. Und wenn es dann zur neuen Saison neue Trikots mit neuen Hosen und Stutzen gibt, kann man sicher sein, dass es sofort heißt: „Das ist aber nicht traditionell!“ Die Wahrheit ist: Wir haben schon in fast allen Kombinationen gespielt. Ich kann Ihnen sogar Beispiele nennen, wo wir komplett in Rot aufgelaufen sind.


Wie war das denn vor 1924, vor der Anweisung, in Weinrot zu spielen?

Vorher ist die Trikot-Farbe überhaupt nicht geklärt. Wir finden alle möglichen Kombinationen: Weiße Trikots, rot-weiß geviertelte Trikots und vielleicht noch andere Kombinationen. Das ist auf den Fotos immer schwer zu erkennen, da die ja alle schwarz-weiß sind. Woher will man dann bestimmen: Ist es grün? Ist es blau? Ist es rot? Wir kennen das auch von anderen Vereinen. Die Dortmunder haben in ihrer Anfangszeit ja auch in Blau-Weiß gespielt.


Ach?

Ganz sicher. Das will nur heute keiner mehr glauben, da ja Erz-Rivale Schalke in Blau-Weiß spielt. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Hannover 96 hat nie in Blau-Gelb gespielt, so wie Eintracht Braunschweig. Aber ansonsten kommt da alles vor.


Gibt es denn keine Schriftstücke, Spielberichte oder Ähnliches, in denen etwas über die Vereinsfarben steht?

Manchmal hat man tatsächlich Glück und in der Spielaufstellung stehen die Farben, in denen die Mannschaften aufgelaufen sind. Aber man darf sich das nicht wie Sportberichte von heute vorstellen. Früher hab es keinen Live-Ticker, keine Sport-Bild und auch kein 11Freunde. Oft sind das nur kleine Textblöcke zum Spiel. In denen steht das Endergebnis, wie das Wetter war und wie viele Zuschauer da waren. Problematisch sind auch Umfang und Qualität der Bildbestände bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Inzwischen bekommen wir regelmäßig neue, uns bislang unbekannte Fotos aus Vor- oder Nachlässen in unseren Archivbestand. So langsam schärft sich dadurch natürlich unser Blick, aber im Zweiten Weltkrieg ist viel verloren gegangen. Das ist leider so. Anhand der Fotos werden wir diese Frage wohl nicht beantworten können. Am Ende steht es in irgendeiner alten Zeitung. Nur diesen Artikel müssen wir eben erst mal finden.

Relikt aus vergangenen Fußballtagen: Im Archiv von Hannover 96 lagern wundersame Dinge. Foto: Kurbach

 

Sollten Sie das Rätsel nicht lösen: Werden Sie dann entlassen, so wie ein Trainer oder Sportchef, der nicht mehr dem Anforderungsprofil entspricht?

Da habe ich glücklicherweise keinerlei Bedenken. Die Vereinsführung um Martin Kind und Martin Bader unterstützt und schätzt meine Arbeit sehr. Anders wäre das auch gar nicht möglich. Nein, die Tätigkeit eines Archivars ist nicht mit der eines Trainers zu vergleichen. Meine Arbeit ist da wohl doch etwas langfristiger anzusehen, ohne jetzt unseren sportlichen Verantwortlichen zu nahe zu treten. (lacht) Ich denke aber tatsächlich, es ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis wir belastbare Ergebnisse haben. Es gibt genügend Theorien, und es ist doch auch toll, wenn sich die Fans ihre eigenen Theorien zusammenbasteln. Das ist eine Form, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, da kann ich mich als Historiker nur freuen. Wenn da jetzt jemand sagt: „Mensch, ich hab da was gefunden“ oder „Mein Großvater hat mir mal erzählt, dass...“ Immer gerne her damit! Vielleicht ist das genau der entscheidende Hinweis, der uns fehlt. Ohne die Unterstützung des gesamten Umfelds ist Archivarbeit in einem Fußballverein nicht vorstellbar. Wir haben da wirklich in Hannover paradiesische Bedingungen.


Rot ist eine psychologisch bedeutsame Farbe. Sie steht für Liebe, aber auch für Zorn, für Aggressivität. Jürgen Klinsmann führte als Nationaltrainer seinerzeit zur Heim-WM 2006 ein rotes Auswärtstrikot ein, das „eine aggressive Spielweise, aber auch positives Denken zum Ausdruck bringen sollte“, wie es beim DFB hieß.

Soweit war man damals in den Anfängen von Hannover 96 sicherlich nicht, diese Theorie würde ich gleich mal ganz hinten anstellen wollen. Aber Sie haben natürlich Recht, wenn man sich erfolgreiche Mannschaften anguckt, ist die Farbe da doch sehr stark repräsentiert. Manchester United, Bayern München – die spielen alle in roten Trikots. Aber Werder Bremen hat eher selten in roten Trikots gespielt und ist trotzdem schon Meister geworden. Dass rote Trikots kein Garant für erfolgreichen Fußball sind, davon können viele Vereine ein Liedchen singen. Wir tragen unsere Farben aber trotzdem mit Stolz.


Wünschen Sie sich manchmal eine individuellere Farbe? Weg vom Bayern-Rot?

Nein. Es ist unser Alleinstellungsmerkmal, dass wir eben nicht in den Vereinsfarben auflaufen. Das ist aus meiner Sicht eine ganz starke Botschaft. Daran sollte man nicht rütteln. Natürlich gibt es bei anderen Vereinen immer wieder Versuche, mal zu gucken, ob nicht mit einer neuen Farbe mehr Punkte eingefahren werden können. Bei Cardiff City in der Premier League gab es den Fall, dass sie ihre Trikotfarbe und sogar das ganze Wappen geändert haben, weil der neue Besitzer das so wollte. Wenn wir so etwas machen würden, dann gäbe es einen Fanaufstand. (lacht)


In 120 Jahren Vereinsgeschichte sammelt sich so einiges an. Erzählen Sie mal, was liegt da noch so in Ihrer Asservatenkammer?

Wir kriegen hier jeden Tag neue Sachen auf den Tisch. Einige davon sind obskur, andere sensationell. Wir haben jetzt zum Beispiel den Wimpel bekommen vom abgesagten Länderspiel aus dem letzten November Deutschland gegen die Niederlande in Hannover. Das ist wahrscheinlich einer von wenigen Wimpeln von Länderspielen, die nie stattgefunden haben. Und dann habe ich noch eine interessante Geschichte für Sie!


Oha.

In unserem Archiv lag lange Jahre eine afrikanische Holzmaske, die nicht beachtet wurde. Ich habe mich immer gefragt, warum ist die da, wo kommt die her? Sie schien ja überhaupt keinen Bezug zu Hannover 96 zu haben. Und jetzt habe ich es kürzlich durch einen Zufall herausgefunden. In den Vereinsmitteilungen stand eine Notiz, dass Hannover 96 Ende der sechziger Jahre im Rahmen eines politischen Austausches nach Nigeria geflogen ist. Das wurde vom Auswärtigen Amt und dem Norddeutschen Fußballverband organisiert und war so eine Art Fußball-Entwicklungs-Reise. Das hat mich neugierig gemacht. Ich habe dann bei anderen Bundesligisten nachgefragt, ob die so etwas auch haben, weil es mir ein bisschen absurd vorkam. Und tatsächlich, die hatten das alle.


Die Vereine haben alle Holzmasken im Keller?

Masken, Wimpel, eben Gastgeschenke aus den entferntesten Winkeln der Welt. Der VfB Stuttgart hat sogar mitten im Vietnam-Krieg in Saigon gespielt. Da scheint sich für mich etwas herauszukristallisieren. Offenbar ist der Fußball nach dem Zweiten Weltkrieg als Botschafter der Bundesrepublik genutzt worden, um gute Beziehungen in die nach dem Kolonialismus neu gegründeten Länder Afrikas oder auch Südostasiens zu schaffen. Eine spannende Geschichte.

 

Apropos Geschichte. Gerade stieg mit RB Leipzig eine Mannschaft in die erste Liga auf, deren Archiv noch recht klein sein dürfte…

Diese Vereine haben vielleicht nicht die Tradition, die andere Vereine im deutschen Fußball vorweisen können. Aber sie können, anders als wir, ihre Geschichte von Anfang an professionell dokumentieren. Das ist ein großer Vorteil und geschieht etwa bei RB Leipzig bereits. Der Kollege dort ist ein ausgewiesener Fußballkenner und Leipzig ist als Gründungsort des DFB und erster Deutscher Meister zweifellos einer der traditionellsten Fußballstandorte in Deutschland überhaupt. Das ist aufgrund der wechselvollen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts leider oft in den Hintergrund gerückt.


Dennoch haben solch relativ junge Vereine doch ein anderes Verständnis von Vergangenheit…

Wissen Sie, mir geht es um die Vergangenheit, um so auch die Zukunft zu gestalten. Ich veranstalte zum Beispiel Archiv-Abende. Das prägt das Vereinsleben bei Hannover 96 maßgeblich mit. Ich möchte den Fans mit auf den Weg geben, welche Traditionen dieser Verein eigentlich hat. Dass so etwas weitergelebt werden soll, sonst stirbt es irgendwann aus. Und was ausstirbt, ist dann weg. Die Träger der Vereinsgeschichte sind eben häufig die Alten. Und wenn die nichts erzählen, wenn da keiner nachfragt, dann stirbt so eine Tradition aus. Dann würde uns, als einer der ältesten deutschen Fußballvereine, auch nichts mehr von Vereinen wie RB Leipzig oder Hoffenheim unterscheiden. 1899 Hoffenheim – das klingt ja so, als ob die nur drei Jahre jünger wären als Hannover 96. Aber die Wahrheit ist dann eben doch ein bisschen differenzierter.