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„Mich interessiert nicht, wer gewinnt“

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08/08/2016
 

Harm Osmers ist Schiedsrichter in der ersten Bundesliga – und Mitarbeiter bei Continental. ContiSoccerWorld sprach mit dem 31-Jährigen Referee über seine Leidenschaft für schöne Spiele, mutige Entscheidungen – und Kollegen, die am Montag über rote Karten diskutieren wollen.

Harm Osmers ist Bundesliga-Schiedsrichter und Controller bei Continental.

 

ContiSoccerWorld: Herr Osmers, in den Tiefen des Internets haben wir einen Bericht entdeckt zum Lehrgang für Nachwuchsschiedsrichter 2005 in Barsinghausen. Dort wird Leiter Bernd Domurat zitiert: "Guck' mal wie der Osmers läuft, da lacht das Herz, ein toller Laufstil". Beschreiben Sie doch mal Ihren Laufstil.

Harm Osmers: (lacht) An den Tag kann ich mich gut erinnern. Es hatte in Strömen geregnet, als wir den Cooper-Test absolvieren mussten, die übliche Leistungsprüfung für Schiedsrichter. Damals bedeutete das unter anderem, 2700 Meter in zwölf Minuten zu laufen. Mein Laufstil? Den halte ich eigentlich für normal. Jeder Mensch hat halt seinen individuellen Laufstil. Es geht darum, möglichst ökonomisch zu laufen. Ein Schiedsrichter läuft heute ja um die zwölf Kilometer im Spiel.

 

ContiSoccerWorld: Es gibt etwa 80.000 Schiedsrichter in Deutschland – nur rund 20 von ihnen pfeifen in der ersten Bundesliga. Da scheint es fast so schwierig zu sein ein erfolgreicher Schiedsrichter zu werden wie als Spieler einen Vertrag bei Bayern München zu bekommen…

Osmers: Oben wird es immer enger, bis dahin schaffen es die wenigsten. Wer alle Lehrgänge durchläuft, die Tour durch die unteren Ligen erfolgreich bewältigt und immer am Ball bleibt, der kann es in die Regionalliga schaffen, als Schiedsrichter-Assistent auch in der dritten Liga arbeiten. Und dann muss man sehen, was passiert…

 

ContiSoccerWorld: Was sollte man mitbringen, um auf höchster Ebene zu pfeifen?

Osmers: Das Wichtigste: Man muss das Amt des Schiedsrichters gerne ausüben. Wer keine echte Freude und Leidenschaft mitbringt, wird auch keine gute Leistung zeigen. Man muss lernbegierig sein. Ich habe schon sehr früh die Augen offen gehalten und mir viel abgeschaut. Angefangen bei der Sportschau bis hin zur Schiedsrichter-Zeitung. Das hat mir viel Freude gemacht. Ich war ja Teenager, da hätte es auch andere Dinge gegeben. Nur wer viel Zeit investiert, wird am Ende die Spielleitung auf dem Platz gut gestalten. Man sagt immer: Schiedsrichter pfeifen ein Spiel. Besser passt: Ein Schiedsrichter muss ein Spiel leiten. Es gehört mehr dazu, als einen Freistoß oder Einwurf zu pfeifen. Wichtig ist der Umgang mit den Spielern, wie ich eine Entscheidung verkaufe. Im Blick zu haben, welche Konsequenzen ein Pfiff haben wird. Dafür benötigt man Erfahrung. Und Mut.

 

ContiSoccerWorld: Für diesen Mut stehen Schiedsrichter oft in der Kritik. Fans, Spieler, Trainer, Medien – alle wissen es besser. Warum tun Sie sich das an?

Osmers: So ist es ja nicht immer. Wichtiger ist die interne Anerkennung von den Kollegen und dass ich nach dem Abpfiff mit mir selbst zufrieden bin, weil ich ein gutes Spiel geleitet habe. Das macht mich glücklich. Und wenn ich einen Fehler gemacht habe, dann bin ich selbst mein größter Kritiker. Die meisten Spiele enden aber so, dass nach Abpfiff die beteiligten Mannschaften zum Schiedsrichtergespann kommen und man sich die Hände schüttelt. Natürlich wird man als Schiedsrichter nie so abgefeiert wie ein Spieler. Doch es gibt auch ernstgemeinte und positive Rückmeldungen. Das ist bei uns dann aber eher ein stilles Genießen.

Foto: Getty Images

 

ContiSoccerWorld: Bevor Sie im Profifußball anfingen, pfiffen Sie in unteren Ligen. Dort wird ja nicht immer zimperlich mit Schiedsrichtern umgegangen…

Osmers: Natürlich gibt es Ereignisse, die für Schlagzeilen sorgen. Aber das ist nicht die Regel. Klar, ich kann mich noch gut an meine Landesliga-Zeiten erinnern. Als 17-Jähriger war ich als Linienrichter dabei, und die Zuschauer stehen unmittelbar hinter einem. Man hört jedes Wort. Mit der Zeit lernt man, Aufregen bringt nichts. Heutzutage höre ich im Stadion keine einzelnen Wörter mehr, das ist eher so ein Hintergrundrauschen. Mit den Spielern diskutiert und redet man. Wenn einer sich beschwert, versuche ich auch darauf einzugehen. Diskussionen auf dem Platz gehören dazu und sind in Ordnung, wenn sie sachlich ablaufen. Wichtig ist, dass der Schiedsrichter respektiert wird. Bei einem Fußballspiel entscheidet nur einer, und das ist der Schiedsrichter.

 

ContiSoccerWorld: Warum diskutieren die Spieler überhaupt so viel? Was will einer, der ein glasklares Foul begangen hat, noch besprechen?

Osmers: Ich spiele ja selbst mit meinen Kollegen Fußball. Und ich merke, wenn ich ein Foul begehe und jemanden am Fuß treffe. Deshalb kann ich das auch nicht ganz nachvollziehen, warum Spieler in solchen Situationen bisweilen eine ganz andere Wahrnehmung haben. Es gibt sicherlich Sachverhalte, wo ein Spieler Mann und Ball trifft, da kann man es aus subjektiver Sichtweise dann so oder so sehen. Aber es gibt auch viele eindeutige Szenen, über die dann trotzdem diskutiert wird. Das müsste eigentlich nicht sein.

 

ContiSoccerWorld: Warum sind Sie eigentlich nicht Spieler geworden? Sie haben ja beim SV Baden gespielt.

Osmers: Ich habe fünfzehn Jahre lang fast täglich Fußball gespielt. Dann fing nach der Schulzeit ein neuer Lebensabschnitt an, ich bin von zuhause ausgezogen, nach Hannover gegangen, habe BWL zu studieren begonnen und gleichzeitig bei Continental gearbeitet. Das Fußballspielen rückte in den Hintergrund. Das Schiedsrichterwesen aber machte mir immer mehr Spaß.

 

ContiSoccerWorld: Wie kam das Interesse überhaupt auf? Als besonders cool gilt es vermutlich nicht, wenn ein Teenager Schiedsrichter wird…

Osmers: Man wächst da hinein. So in der C- oder D-Jugend bei uns im Verein wurden unter den Spielern welche gesucht, die auch mal Lust hatten, ein Spiel als Schiedsrichter zu begleiten. Das fand ich spannend. Als uncool habe ich das nicht empfunden. Ich habe dann mit 15 Jahren den Schein gemacht, wollte auch ganz einfach mein Taschengeld aufbessern. Pro Spiel gab es anfangs fünfzehn Euro, später in der Kreisliga dann dreißig. Gerade für junge Leute ist das eine super Sache, sich während des Erwachsenwerdens dieser Aufgabe zu stellen. Verantwortung zu übernehmen. Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen.

 

ContiSoccerWorld: Wie ist Ihr erster Einsatz verlaufen?

Osmers: Ich war enorm angespannt. Ich wusste ja nicht, ob ich das überhaupt kann. Mir fehlten jedwede Erfahrungswerte. Das war schon eine komische Rolle, da ich mich vorher ja immer als Spieler gesehen habe. Und dann stand ich da und musste Entscheidungen treffen.

Foto: Getty Images

 

ContiSoccerWorld: Wer spielte da gegen wen?

Osmers: Das war Oyten II gegen Bassen III in 1. Kreisklasse, 14 Jahre ist das her, mein erstes Spiel mit Beobachtung. Ich war 17 Jahre alt, der Jüngste auf dem Platz. Eine Riesen-Herausforderung. Es waren ja Spielertypen dabei, die seit zwanzig Jahren Fußball spielten und natürlich alles besser wussten. Sich da dann als Schiedsrichter zurechtzufinden, war am Anfang schon schwierig. Ich habe noch den Bericht vom Schiedsrichterbeobachter zuhause. Der ist nicht gut ausgefallen. Wie auch? Mir fehlten ja sämtliche Erfahrungswerte. Den Bericht habe ich damals oft gelesen und gedacht: „Mensch, hoffentlich wird’s besser.“

 

ContiSoccerWorld: Ab der Saison 2016/17 pfeifen Sie erstmals in der 1. Bundesliga. Gibt es für Sie noch eine Steigerung? Das WM-Finale 2022 in Katar vielleicht?

Osmers: (lacht) Vollkommen utopisch. Ein WM-Finale werde ich in diesem Leben nicht pfeifen. Ist auch gar nicht mein Ziel oder mein Traum. Mein Ziel war immer die erste Bundesliga, das war ein Traum, der ja jetzt in Erfüllung geht.

 

ContiSoccerWorld: In Deutschland gibt es keine hauptberuflichen Schiedsrichter. Sie arbeiten bei Continental. Wie bringen Sie das unter einen Hut?

Osmers: Seit vier Jahren arbeite ich nicht mehr in Vollzeit bei Conti. Ich bin im Controlling im Bereich Forschung und Entwicklung Reifen. Da konnte ich meine Arbeitszeit und die sehr flexiblen Rahmenbedienungen meines Arbeitgebers zum Glück mit den Herausforderungen des Schiedsrichterwesens in Einklang bringen. Das hat sich in den letzten Jahren ja stark gewandelt. Es gibt mehr Trainingslager, Fortbildungen. Professionelle Rahmenbedingungen sind ganz wichtig. Vorbereitung vor Spielen, hinterher Regeneration – durch die reduzierte Arbeitszeit bekomme ich das schon gut unter einen Hut.

 

ContiSoccerWorld: Wie viele Einsätze haben Sie so pro Monat?

Osmers: Eigentlich bin ich jedes Wochenende unterwegs, in verschiedenen Funktionen. Bislang mal als vierter Offizieller, mal als Assistent, mal als Schiedsrichter in der zweiten oder dritten Liga, oder der Regionalliga. Und neuerdings auch in der ersten Liga. Dazu gibt es in der Woche mal einen Stützpunkt, mal eine Schiedsrichterveranstaltung. In der Summe sind das etwa 80 bis 90 Tage im Jahr.

 

ContiSoccerWorld: Kommen am Montag eigentlich die Kollegen zu Ihnen, nach dem Motto: Ich bin St.-Pauli-Fan, danke für den Elfmeter gegen Sandhausen am Wochenende?

Osmers: Natürlich gibt es Kollegen, die im Nachgang das Gespräch suchen, und da kann es schon sein, dass mal jemand fragt, wie es zu einer roten Karte oder zu einem Strafstoß kam. Es hat sich herumgesprochen, dass ich Schiedsrichter bin, aber man weiß auch, dass ich das Thema sehr ernst nehme.

 

ContiSoccerWorld: Haben Sie eigentlich eine Vereins-Leidenschaft?

Osmers: Ich bin jetzt seit sechzehn Jahren Schiedsrichter, da bekommt man automatisch eine andere Blickrichtung auf die Spiele. Natürlich will auch ich zuhause auf dem Sofa ein gutes Fußballspiel sehen. Ich schaue das Spiel aber aus dem entspannten Gesichtspunkt des Schiedsrichters an.

 

ContiSoccerWorld: Auch wenn zum Beispiel Champions-League-Finale ist und Bayern München spielt gegen Real Madrid?

Osmers: Auch da schaue ich vor allem auf den Schiedsrichter. Ganz ehrlich: Es interessiert mich nicht, wer einen Titel gewinnt. Ich möchte einfach nur ein gutes Fußballspiel sehen.