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We make the rules

MLS

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18/07/2016
 

Fußball in den USA – eine Geschichte mit 1001 Anekdoten. ContiSoccerWorld präsentiert die besten: kuriose Regeländerungen, 70er-Jahre-Hype mit Pelé – und Franz Beckenbauers Techtelmechtel mit einem Ballett-Star.


Fußball in Amerika? War lange das schwarze Schaf unter den US-Sportarten. American Football, Baseball, Basketball und Eishockey – das sind traditionell die „Big Four“. Mittlerweile aber hat Fußball sich zur ernsthaften Konkurrenz gemausert: Immer mehr Kinder und Jugendliche kicken im Verein, die Besucherzahlen bei den Profi-Spielen steigen, Vereine wie die Portland Timbers haben eine wilde Fankultur, die selbst in Europa ihresgleichen sucht. Die Erfolge der Nationalmannschaft unter Jürgen Klinsmann, etwa bei der WM 2014 in Brasilien, dienen zusätzlich als Zugpferd. Und Altstars wie Andrea Pirlo, David Beckham oder Torsten Frings schwärmen von dem Potenzial in Übersee – so wie früher Franz Beckenbauer und Pelé.

Der Italiener Andrea Pirlo, zweifacher Champions-League-Gewinner und Weltmeister von 2006, spielt seit 2015 für New York City FC. Foto: Getty

 

Abseitsregel? Aber bitte US-Style

Allerdings mussten in der Vergangenheit einige Anstrengungen unternommen werden, um Fußball, beziehungsweise Soccer, dem amerikanischen Publikum schmackhaft zu machen – und das war teilweise kurios. Bevor die Major League Soccer (MLS) im Jahre 2003 die Regeln des International Football Association Board annahm, gab es einige sehr spezielle Regeln im US-Fußball. In der Hoffnung, das Spiel interessanter zu gestalten und so mehr Zuschauer anlocken zu können, wurden die Regularien immer wieder verändert. Dass die Uhr zunächst, wie in vielen amerikanischen Sportarten, rückwärts lief und bei Unterbrechungen angehalten wurde, mag dem europäischen Fan vielleicht noch zumutbar klingen. Doch es ging auch an's Eingemachte, an Fußballregel-Traditionen wie Abseits oder Elfmeterschießen.


Schon 1973 wagten die Macher der North American Soccer League (NASL) – einer der Vorläufer der heutigen MLS – sich an die Abseits-Regel. Das Spielfeld wurde in Drittel unterteilt, und erst im Angriffsdrittel, also ab 35 Yards vor den Toren, konnte Abseits gepfiffen werden. Man hoffte dadurch auf mehr Tore. Auch die Möglichkeit eines Unentschiedens wurde zunächst ausgeschlossen, in Amerika musste es einen Gewinner geben. Stand es nach 90 Minuten pari, kam es ab 1977 zum sogenannten „Shoot Out“. Doch bestand dieses nicht aus dem klassischen Elfmeterschießen. Im Soccer-Amerika der siebziger Jahre und in den folgenden Jahrzehnten bekam der Spieler 35 Yards vor dem Tor den Ball und lief alleine auf den Torwart zu. Er hatte fünf Sekunden Zeit, um zum Abschluss zu kommen. Doch leider verschaffte diese aus dem Eishockey übernommene Penalty-Regelung zunächst kein Zuschauerplus.

Für jedes Tor ein Punkt – auch für Verlierer

Ab der Saison 2000 wurde das Shoot Out abgeschafft und durch eine zehnminütige Verlängerung mit Golden Goal ersetzt. Vier Jahre später war es dann so weit: Ein Unentschieden wurde akzeptiert, die Verlängerung nur noch in den Playoff-Spielen beibehalten. Auch in der Punktevergabe ließen die Amerikaner nichts unversucht, um die Mannschaften zu einem offensiveren Spiel zu animieren. Der Sieger nach 90 Minuten bekam ab 1974 sechs Punkte. Wurde der Sieger erst im Penalty-Schießen ermittelt, bekam er drei Punkte. Aber auch die unterlegene Mannschaft sollte noch etwas Zählbares mitnehmen. Hatte ein Team nach 90 Minuten ein Spiel verloren, aber ins Tor getroffen, bekam es für jeden erzielten Treffer einen Punkt. Zwar wurde dies auf drei Punkte dieser Art limitiert, doch war eine 3:4-Niederlage nach regulärer Spielzeit genauso viel wert wie ein Sieg im Shoot Out. Dem Weltverband FIFA war das alles natürlich zuwider. 2003 übernahm die MLS die offiziellen FIFA-Regeln.


Dennoch, in den siebziger Jahren geschah etwas im amerikanischen Fußball, was bis dahin nicht für möglich gehalten wurde. Und das lag nicht an den ungewöhnlichen Regularien. Es passierte 1979 im Giants Stadium in New York, Heimspielstätte des American-Football-Vereins New York Giants. 77.691 Fans strömten in die Arena und stellten einen bis heute ungebrochenen Rekord für ein Fußballspiel auf amerikanischem Boden auf. New York Cosmos gegen Fort Lauderdale – das war die Partie, die so viele in ihren Bann zog.


Franz Beckenbauer (links) mit Pelé, Chinaglia, Romero, Bogicevic und di Bernardo bei seinem Abschiedsspiel 1980 von New York Cosmos. Foto: picture-alliance / dpa

 

Kaiser Franz feiert mit Mick Jagger

Es war die Zeit, in der Fußball in Amerika eine ungeahnte Strahlkraft entwickelte, was vor allem an dem 1971 gegründeten Verein New York Cosmos lag. 1975 wechselte Weltstar Pelé von seinem Heimatverein FC Santos in die USA, 1977 kam Landsmann Carlos Alberto von Flamengo (Rio de Janeiro). Und im selben Jahr wurde Franz Beckenbauer für die Rekordsumme von zwei Millionen Dollar verpflichtet. Urplötzlich war der Fußball in der Weltmetropole angesagt. Fürstliche Gehälter, Limousinen-Service und rauschenden Partys im legendären “Studio 54“, bei denen mit Ikonen wie Mick Jagger und John Lennon gefeiert wurde. Hollywoodstars, Rockmusiker, Künstler – und Fußballer. So setzte sich die High Society nun zusammen. Andy Warhol wurde zum Zeitgenossen einiger Cosmos-Spieler, und Elton John entpuppte sich als regelmäßiger Trainings-Kiebitz. Der Soccer in New York war geprägt von der Popkultur – und die Spieler waren Teil davon.

Franz Beckenbauer spielte 1983, nach seiner Zeit beim HSV, noch für ein weiteres Jahr für NY Cosmos. Hier posiert er vor dem Rockefeller Center in New York, USA. Foto: picture-alliance / dpa

 

Franz Beckenbauer verriet der Süddeutschen Zeitung 2010 in einem großen Interview: „Für mich war New York die schönste Zeit in meinem Leben.“ Dass er überhaupt in New York gelandet war, habe nicht am Geld gelegen. Ein Helikopter-Flug über Manhattan bis zum Giants-Stadion – damals mit den VIP-Logen das modernste Stadion der Welt – war ausschlaggebend. „Das war für mich der Flug in eine andere Welt“, erzählte Beckenbauer. „Während wir übers Stadion flogen, habe ich ihnen zugebrüllt: Also gut, hört’s auf, ich komme.“ Der Star aus München-Giesing war nun endgültig in der großen, weiten Welt angekommen. Tür an Tür lebte er mit einem der größten Balletttänzer des zwanzigsten Jahrhunderts, Rudolf Nurejew, direkt am Central Park. Aus Nachbarschaft wurde Freundschaft – und wäre es nach Nurejew gegangen, hätte daraus auch mehr werden können. „Er hat es versucht“, erzählte Beckenbauer. „Im Riverside Café in Brooklyn hat er mir noch vor der Nachspeise mein Knie getätschelt und Avancen gemacht. Ich habe dann zu ihm gesagt: Du, Rudolf, lass es gut sein, ich bin von der anderen Fakultät.“


Die Freundschaft blieb, doch der Cosmos-Erfolg sollte nicht lange anhalten. Schon als Beckenbauer nach einem kurzen Gastspiel beim Hamburger SV (1980-1982) zurückkehrte, ging es bergab. Fünf Meisterschaften standen bis dahin zu Buche, doch das öffentliche Interesse flachte derartig ab, dass 1984 kein einziger Medienpartner mehr zur Verfügung stand und die NASL aufgelöst wurde. Infolgedessen war auch das bis dahin erfolgreichste Kapitel der amerikanischen Fußball-Geschichte zu Ende, New York Cosmos war Vergangenheit. Doch der Soccer stand wieder auf. Als die USA sich 1988 für die Austragung der Weltmeisterschaft 1994 bewarben, wurde von der FIFA die Gründung einer amerikanischen Profiliga veranlasst. 1993 wurde die MLS ins Leben gerufen, die drei Jahre später mit zehn Mannschaften den Ligabetrieb aufnahm. Doch nach der WM im eigenen Land, bei der immerhin das Achtelfinale erreicht wurde, verflog abermals das Interesse. Ein Verlust von 350 Millionen Dollar nach wenigen Jahren führte zur Kapitulation mehrerer Vereine, und auch der geplante Ausbau der Liga wurde wieder ad acta gelegt. Doch dann kam die Weltmeisterschaft 2002, bei der es die „US-Boys“ bis ins Viertelfinale schafften. Plötzlich war der Fußball in Amerika wieder populär.

Der brasilianische Superstar und Weltmeister von 2002 Kaká spielt seit 2014 für Orlando City in der MLS. Foto: Getty

David Beckham wechselte 2007 von Real Madrid zu Los Angeles Galaxy und gewann 2011 die US-Meisterschaft. Foto: picture-alliance / dpa

 

„Beckham-Rule“ lockt Drogba, Kaka & Co

Und der Aufschwung hält bis heute. Ein wichtiger Impuls: Als 2007 L.A. Galaxy den zuvor für Real Madrid spielenden David Beckham verpflichtete. „Ich will den Fußball in den USA auf ein neues Niveau heben", sagte der Superstar seinerzeit. „Ich bin überzeugt, dass der Sport hier größer werden kann, als sich das irgendjemand vorstellt." Damit der Wechsel überhaupt erst realisierbar wurde, erschuf man kurzerhand die sogenannte „Designated Player Rule“. Wie in den amerikanischen Sportarten nämlich üblich, unterliegen die Vereine – die selbst nur als Franchise aus der MLS hervorgehen – dem sogenannten „Salary Cap“. Dieser legt die Gehaltsobergrenze pro Team fest, welche in der MLS 2015 bei 3,49 Millionen Dollar lag. Die auch als „Beckham-Rule“ bekannte Neuerung besagte nun, dass pro Kader drei Spieler erlaubt sind, die oberhalb der Gehaltsgrenze liegen. Neun Jahre später hat es sich ausgezahlt. Didier Drogba, Frank Lampard, Andrea Pirlo, David Villa oder Kaka – dies sind nur einige Beispiele von Weltstars, die heute von dieser Regel profitieren. Auch Sponsoren fanden wieder Ihren Weg in die MLS. Mit Adidas, Coca Cola und Continental sind heute weltweit erfolgreiche Großkonzerne im Sponsoring der MLS engagiert. Der TV-Sender Fox sicherte sich zudem nach der WM 2014 die Übertragungsrechte der MLS bis 2022 – für 720 Millionen Dollar. Diese neu gewonnene Kaufkraft der Teams überträgt sich nun auf die sportliche Qualität der Liga. Auch New York Cosmos wurde 2010 mit Pelé in der Funktion des Ehrenpräsidenten wieder zum Leben erweckt und spielt seit 2013 in der NASL – der zweiten amerikanischen Fußballliga. Die Kurve zeigt steil nach oben. Schon bald wird vermutlich von den „Big Five“ die Rede sein, wenn es um die populärsten Sportarten Amerikas geht.