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Alarmstufe Gelb im Weltmeister-Land

UEFA Euro 2016

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06/10/2014
 

Die Euphorie über den Weltmeister-Titel ist verflogen. Drei Monate nach dem großen Triumph von Rio de Janeiro ist der glänzende Lack bei der deutschen Nationalmannschaft abgeblättert. Mit dem 1:1 (0:0) gegen Irland, drei Tage nach dem 0:2 (0:0) gegen Polen in Warschau, war das DFB-Team auf den harten Boden der Realität geprallt. „Im nächsten Jahr schlagen wir wieder zurück“, versprach Bundestrainer Joachim Löw nach dem Unentschieden in Gelsenkirchen, wo nach einer unerklärlich schwachen Schlussphase in der 94. Minute der Ausgleich kassiert wurde. Völlig konsterniert war auch Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB): „Zu sagen, wir wären schockiert, ist übertrieben. Mit der letzten Aktion des Spiels sich aber so den Ausgleich einzufangen, ist natürlich total ärgerlich.“

Enttäuschung bei Sebastian Rudy, Lukas Podolski, Thomas Müller und Erik Durm nach dem 1:1 gegen Irland, das sich anfühlte wie eine Niederlage. (Foto: GES/Augenklick)

 

In der Schalke-Arena wurde auch deutlich, dass die Niederlage in Polen kein einmaliger Ausrutscher war. Die spielerische Dominanz führte in beiden Oktober-Spielen nur zu einem eigenen Tor, die Defensive wackelte in entscheidenden Momenten. Die Zwischenbilanz ist frustrierend: In der Tabelle der Gruppe D steht der Weltmeister mit nur vier Punkten lediglich auf Platz vier, hinter Irland (7 Punkte), Polen (7) und dem im September mühevoll mit 2:1 geschlagenen Team aus Schottland (4). „Alarmstufe Gelb im Weltmeister-Land“, lautete die Überschrift der Fachzeitschrift „Kicker“. Die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ schrieb vom „Geschrumpften Fragment eines Weltmeisters“. Der Online-Service des „Spiegels“ verband die aktuelle Situation sogar mit einem Rückblick auf schlechte Zeiten des deutschen Fußballs: „Es rumpelt wieder“. Und die „Bild“-Zeitung urteilte: „Sie haben jetzt vier Sterne auf der Brust – aber sie spielen keinen Vier-Sterne-Fußball mehr!“

Karim Bellarabi gab beim 0:2 in Warschau gegen Polen ein gutes, aber erfolgloses Debüt im DFB-Team und spielte auch gegen Irland von Beginn an. (Foto: GES/Augenklick)

 

Die Ankündigung von Löw und den Nationalspielern, gegen die Iren (Platz 64 der Weltrangliste) die Niederlage gegen die Polen (Platz 70) vergessen zu machen, wurde nicht eingelöst. Die deutsche Mannschaft, noch auf Platz 1 der Weltrangliste geführt, agierte nach dem Festival der vergebenen Chancen in Warschau vor 51.000 Zuschauern im nicht ausverkauften Stadion über weite Strecken ohne Tempo, Ideen und Durchschlagskraft, stattdessen mit Missverständnissen zwischen den Spielern und zu vielen Fehlern.

Toni Kroos war der beste deutsche Nationalspieler, der das Tor zur 1.0-Führung gegen Irland schoss, aber am Ende mit einem Fehler am Ausgleich beteiligt war. (Foto: GES/Augenklick)

In den letzten acht Minuten, einschließlich der Vier-Minuten-Nachspielzeit, war von der seit 2010 gelobten Spielweise der gepflegten Passkombinationen gar nichts mehr zu sehen. Fast nur noch weite, ungenaue Pässe, die Löw eigentlich verbietet, wurden geschlagen. „Am Ende haben wir nicht die Ruhe bewahrt. In den letzten Minuten spielen wir zwanzig lange Bälle. So viele haben wir vorher in einem ganzen Jahr nicht gespielt. Das ist mir unverständlich“, sagte Toni Kroos, der in der 71. Minute die Führung erzielt hatte. Dass er  der beste deutsche Spieler war, bewahrte ihn nicht davor, sich der kollektiven Schlamperei am Ende anzuschließen.

 

Löws Umbruch ist schmerzhafter als erwartet

„Das war naiv“, kritisierte Löw die Abkehr von seinen taktischen Richtlinien. „Im Prinzip hatten wir die drei Punkte schon im Sack. Aber dann waren wir mutlos und haben uns versteckt“, sagte Mannschaftskapitän Manuel Neuer. „Mein Ball war am Ende vom besten Torwart der Welt nicht abzuwehren. Das war ein toller Moment“, freute sich John O’Shea, der irische Torschütze, der sich im Duell mit Mats Hummels durchsetzen konnte. Der Weltmeister aus Dortmund war völlig bedient: „Man wird mir die Schuld geben“, erklärte Hummels, aber Löw sah beim Gegentreffer die gesamte Defensive schlecht aufgestellt.

Weltmeister Mats Hummels bei einer Einzelaktion beim 1:1 gegen Irland. (Foto: Firo/Augenklick)

 

Der Umbruch, den Löw bis zur UEFA Europameisterschaft 2016 geplant hat, ist komplizierter und schmerzhafter als erwartet. Dass nach dem 2:4 gegen Argentinien im Testspiel in Düsseldorf der Start in die EM-Qualifikation völlig missriet, hat viele Gründe. Zu den Rücktritten von Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker gesellten sich die Ausfälle von Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Marco Reus, Benedikt Höwedes und Mesut Özil. Vor dem Spiel gegen Irland, das in der letzten WM-Qualifikation noch 6:1 und 3:0 geschlagen wurde, mussten auch noch Christoph Kramer und Andre Schürrle grippekrank passen. Die WM-Reservisten wie Erik Durm, Matthias Ginter, Julian Draxler und Neuling Antonio Rüdiger konnten (noch) nicht in die großen Fußstapfen treten. Routinier Lukas Podolski agierte so enttäuschend wie beim FC Arsenal. Und die verbliebenen Weltmeister Neuer, Hummels, Kroos, Jerome Boateng und Thomas Müller schafften es nicht, den Anspruch von Löw zu erfüllen, zu neuen „Leitwölfen“ zu werden. Als die bis dahin harmlosen Iren zum Schluss aufdrehten, sendete niemand sichtbare Zeichen des energischen Widerstands an die Kollegen aus.

Bereits vor dem Spiel hatte Löw erklärt: „Die Belastung für die Spieler bewegt sich am absoluten Limit.“ Kaum einer der Weltmeister, Kroos ausgenommen, erreichte sein bestes Niveau. „Man hat das Gefühl, manchen Spielern fehlen geistige Frische, Tempo, Dynamik und Entschlossenheit“, erklärte der Bundestrainer. Im letzten EM-Qualifikationsspiel des Jahres gegen „Zwerg“ Gibraltar wird er die Stars schonen. In 2015 sollen dann weitere Siege folgen. Nach dem Fehlstart ist das EM-Ticket noch nicht in Gefahr, aber von Alarmstufe Gelb zu Rot ist es nicht weit.