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Spaniens Umbruch mit Hindernissen

UEFA Euro 2016

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04/05/2015
 

Wenn die europäischen Klub-Wettbewerbe im Mai in die entscheidende Phase gehen, wird Spaniens Nationaltrainer Vicente Del Bosque genau hinschauen. Schließlich sind mit Bayerns Halbfinal-Gegner FC Barcelona sowie Real Madrid und dem FC Sevilla noch drei spanische Vereine in den Halbfinals von Champions- und Europa League vertreten. Del Bosque wird aber auch mit Blick auf die Personalsituation bei „La Roja“ genau hinschauen müssen. Denn so dominierend die spanischen Klubs in Europa auch sind, wird der Anteil einheimischer Spieler in den Teams dabei immer geringer.

Den EM-Qualifer gegen die Ukraine am 27. März 2015 in Sevilla gewann Spanien mit 1:0 - auch wegen des kopfballstarken Sergio Ramos, der von Sergio Busquets unterstützt wurde. (Foto: Imago)

 

„Manchmal ist es schwierig, bei den großen Klubs einen Spieler für die Nationalelf zu finden“, beklagte Del Bosque. „Es ist ein kleines Problem, das wir haben.“ Der Mann mit dem Schnauzbart macht sich Sorgen, seine Aussage verharmlost die komplizierte Perspektive, meinen Experten im Land des Europameister von 2008 und 2012. Bei Real Madrid bilden der portugiesische Weltfußballer Cristiano Ronaldo, der französische Torjäger Karim Benzema und der walisische Außenstürmer Gareth Bale die Angriffsreihe. Dahinter besetzen im Mittelfeld der deutsche Weltmeister Toni Kroos, der Kroate Luka Modric und Kolumbiens WM-Held James Rodriguez die Schaltstellen. Ähnlich ist die Situation bei Barca, wo der argentinische Superstar Lionel Messi, Uruguays Top-Stürmer Luis Suarez und Brasiliens Jungstar Neymar einen Fünf-Sterne-Angriff bilden. Alles ohne spanische Beteiligung.

So verwundert es kaum, dass die einstige Siegmaschine Spanien ins Stottern geraten ist. Seit der ohnehin enttäuschend verlaufenen WM in Brasilien mit dem bitteren Vorrunden-K.o. häuften sich die Niederlagen: In der EM-Qualifikation gab es ein bitteres 1:2 in der Slowakei, die Freundschaftsspiele gegen die namhafte Konkurrenz aus Frankreich (0:1), Deutschland (0:1) und den Niederlanden (0:2) wurden allesamt verloren. Ziemlich viel für ein Team, das zwischen 2006 und 2009 einmal 35 Begegnungen hintereinander nicht verloren hatte. „Wir haben auch früher Testspiele verloren“, entgegnete Verteidiger Gerard Pique. Aber eben nicht so oft und nicht so dicht gedrängt hintereinander.

Am 9. Oktober 2014 bezog Europameister Spanien in Zilina eine 1:2-Niederlage gegen die Slowakei. Stürmer Diego Costa (rechts) verlor das Duell gegen Norbert Gyömber. (Foto: Imago)

 

Dem Tiki-Taka-Spiel fehlt der Taktgeber

Doch die Zeiten, als Spanien die Fußball-Welt regierte und bei drei großen Turniere den Titel-Hattrick schaffte (EM 2008, WM 2010, EM 2012), sind definitiv vorbei. Del Bosque hat einen Umbruch zu bewerkstelligen. Es ist weit mehr als ein Facelifting, dem sich Spanien im Sommer unterzog. Vor allem mit dem Rücktritt der beiden Strategen Xavi (FC Barcelona) und Xabi Alonso (FC Bayern München) sind dem einst so erfolgreich praktizierten Tiki-Taka-Spiel der Spanier die Taktgeber abhandengekommen. Eine Lücke, die schwer zu schließen ist. Bayerns Thiago fiel wiederholt mit langen Verletzungen aus, Koke von Atletico Madrid ist noch überfordert, und Cesc Fabregas vom FC Chelsea hat im Nationalteam schon in der Vergangenheit selten an seine starken Vorstellungen im Club anknüpfen können.

Es sind nicht die einzigen Baustellen bei den Iberern. Auch die Position des Mittelstürmers bleibt ein Problemfall. Für David Villa war nach der WM ebenfalls Schluss und dass Fernando Torres - der Siegtorschütze im EM-Finale 2008 - noch einmal alte Glanztaten wiederholt, glaubt auf der iberischen Halbinsel eigentlich keiner mehr. Auch bei Atletico Madrid hat er keinen Stammplatz. Diego Costa vom FC Chelsea ist für die Rolle eigentlich vorgesehen, doch der wuchtige Mittelstürmer hat mit dem Kombinationsspiel der Seleccion so seine Probleme. Deshalb sehen viele Experten eher Dortmund-Schreck Alvaro Morata vom italienischen Rekordmeister Juventus Turin als Stürmer Nummer eins. Beim 1:0 gegen die Ukraine in der EM-Qualifikation gelang ihm prompt der Siegtreffer. Es war sein erstes Tor im Trikot der Nationalelf.

Bei Real Madrid Kollegen, mit den Nationalteams Konkurrenten: Karim Benzema (rechts) und Sergio Ramos. Frankreich besiegte am 4. September 2014 in Paris Spanien mit 1:0. (Foto: Imago)

 

Del Bosque zuversichtlich, denn genug Talente sind vorhanden

Ungelöst ist auch noch die Torwartproblematik. Jahrelang war „San Iker“ Casillas die unumschränkte Nummer eins bei den Spaniern, der sichere Rückhalt bei allen drei Titeln. Doch mit jedem Patzer des fünfmaligen Welttorhüters wird die Diskussion in Spanien neu angeheizt. Casillas denkt im Gegensatz zu vielen anderen Helden der letzten Jahre nicht an Rücktritt und erhält von Del Bosque Rückendeckung: „Ich wechsle nicht nur um der Wechsel willen. Das bringt nur Chaos.“ So muss sich David De Gea von Manchester United weiter gedulden.

Andere jüngere Spieler haben dagegen seit dem WM-Aus ihre Chance erhalten. Wie etwa Bayern-Außenverteidiger Juan Bernat oder der frühere Leverkusener Dani Carvajal (Real Madrid). Paco Alcacer (FC Valencia), Mikel San Jose (Athletic Bilbao), Raul Garcia (Atletico Madrid), das erst 19 Jahre alte Barca-Talent Munir El Haddadi, Vitolo (FC Sevilla) oder Juanmi (Malaga) heißen die Namen, die zukünftig das neue Spanien verkörpern soll. Verbliebene Leistungsträger wie Andres Iniesta (Barcelona) oder Sergio Ramos (Real Madrid) sollen sie anführen.

Klaas Jan Huntelaar (mitte) im Zweikampf mit Juan Bernat. Spanien verlor das Testspiel gegen die Niederlande am 31. März 2015 in Amsterdam mit 0:2. (Foto: Imago)

 

So ist Del Bosque nicht bange um die Zukunft - trotz der offenkundigen Probleme. Spanien habe viele gute junge Spieler, die Alternativen seien da, sagt der Coach und verweist auf die traditionell gute Nachwuchsarbeit. Bei der EM 2016 in Frankreich soll sich das runderneuerte Team beweisen. Danach dürfte auch für den 64 Jahre alten Erfolgscoach Schluss sein. Nach der WM hatte der Gentleman an der Seitenlinie einen Rücktritt noch abgelehnt. Ein solcher Abschied wäre eines Del Bosque nicht würdig gewesen.