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Österreich im TGV nach Frankreich

UEFA Euro 2016

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03/07/2015
 

Gemessen an österreichischen Verhältnissen hat die Fußball-Euphorie fast schon Extremwerte erreicht. Drei Prozent der Bevölkerung in der Alpenrepublik glauben laut einer letzten Umfrage daran, dass die Nationalmannschaft im Sommer 2016 die Europameisterschaft gewinnt. Und das in Österreich, wo doch gerade im Fußball die Schwarzmalerei seit fast drei Jahrzehnten Hochkonjunktur hat.

Martin Harnik beim 5:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen Liechtenstein am 27. März in Vaduz mit den Gegenspielern Mario Frick, Michele Polverino und Daniel Kaufmann (von links). (Foto: Imago)

 

Es gibt einen Grund für die neu entfachte Begeisterung. Österreich steht unmittelbar davor, sich erstmals auf sportlichem Wege für eine EM-Endrunde zu qualifizieren. Nach dem überraschenden 1:0 im Juni beim kommenden WM-Gastgeber Russland müsste es schon mit dem Teufel zugehen, dass der Österreichische Fußball-Bund (ÖFB) nicht dabei ist. „Wir sitzen schon im TGV Richtung Frankreich“, sagte ÖFB-Präsident Leo Windtner angesichts von acht Punkten Vorsprung in der Gruppe G auf den Dritten Russland. Schon im Heimspiel am 5. September gegen Moldawien könnten die Tickets für den französischen Schnellzug gebucht werden.

Koller: „Es geht was, die negativen Gedanken sind weg“

Der Schweizer Marcel Koller gilt als Vater des Erfolges. Er ist Trainer des österreichischen Nationalteams seit 2011. (Foto: Imago)

Allzu große Zweifel sind wirklich nicht mehr angebracht. Mit fünf Siegen und einem Unentschieden führt Österreich die Qualifikationsgruppe souverän an. In der laufenden Ausscheidungsphase waren nur England und die Slowakei erfolgreicher, während sich Nachbar und Weltmeister Deutschland in Gruppe D doch sehr schwer tut. „Die Verschiebung auf der Fußball-Landkarte hat tatsächlich stattgefunden“, schrieb die Zeitung „Kurier“ fast schon ein wenig ungläubig. Die einzige EM-Teilnahme datiert von 2008, als Österreich zusammen mit der Schweiz Gastgeber war und automatisch teilnehmen durfte. Sportlich haben sich die Rot-Weiß-Roten letztmals 1998 bei der WM in Frankreich für ein Großturnier qualifiziert.

 

Nationaltrainer Marcel Koller geht die Euphorie ein wenig zu weit. „Wir haben die Ziellinie noch nicht überquert. Ich zähle nur die Punkte, die wir haben. Ich möchte jetzt nicht hören, dass wir die Drittbesten in Europa sind“, mahnt der Schweizer, der aber die Weiterentwicklung gar nicht kleinreden will: „So ein Sieg wie in Russland gibt uns noch einmal einen richtigen Schub. Wir wissen jetzt, da geht was. Die negativen Gedanken sind verschwunden.“

Alaba über Koller: „Er hat viel für uns getan“ 

Koller ist quasi der Vater des Erfolges. Seit seinem Amtsantritt am 1. November 2011 ging es mit dem österreichischen Fußball steil bergauf. In 30 Spielen gab es 15 Siege, nur acht Partien gingen verloren. Koller ist der erste Langzeit-Trainer seit Herbert Prohaska (1993 bis 1999), der wieder eine positive Bilanz vorweisen kann. In der Weltrangliste machte der ÖFB in den letzten vier Jahren einen Sprung von Platz 77 auf 20. Mit seiner ruhigen und besonnenen Art kommt Koller in Österreich an. Hoch rechnen sie dem früheren Trainer des 1. FC Köln und des VfL Bochum an, dass er sich Ende 2013 gegen die Nachfolge von Ottmar Hitzfeld in seinem Heimatland Schweiz entschieden hat. Es sei die schwierigste Entscheidung seiner sportlichen Karriere gewesen, räumt Koller ein. Aber seine die Mission in Österreich sei noch nicht zu Ende, betonte der frühere Coachs des 1. FC Köln und des VfL Bochum.

Julian Baumgartlinger (1. FSV Mainz 05) ist einer von zehn Bundesliga-Spielern, die dem Kader der österreichischen Nationalmannschaft angehören. (Foto: Imago)

 

„Er hat uns zusammengeschweißt und viel für uns getan“, lobt David Alaba vom deutschen Meister FC Bayern München. Der 23-Jährige, der bei Österreich offensiver als bei den Bayern spielt, ist der Star des Teams. In den vergangenen beiden Jahren wurde er zu Österreichs Sportler des Jahres gewählt, was fast schon ein Affront gegen die erfolgreichen Wintersportler war. Dass aber Österreich in der EM-Qualifikation auch ohne den verletzten Alaba so stark aufspielte, zeigt die wirkliche Weiterentwicklung der Mannschaft. Das Team sei inzwischen „ein eingeschworener Haufen“, sagt Koller. „Hat einer Probleme, werden sie in der Wohlfühloase weggeschwemmt.“

Wichtigster Bestandteil sind die Bundesliga-Profis. Gegen Russland standen elf in Deutschland spielende Akteure im Kader. Martin Harnik vom VfB Stuttgart oder die beiden Bremer Zlatko Junozovic und Sebastian Prödl gehören im österreichischen Team zu den Leistungsträgern. Perfektionist Koller sieht aber noch Verbesserungsbedarf, vor allem die Torausbeute (11 Treffer in sechs EM-Qualifikationsspielen) ist ausbaufähig. Aktuell versucht es der Coach in der Sturmspitze mit Marc Janko (zukünftig FC Basel), dem auch der Siegtreffer mit einem traumhaften Fallrückzieher in Russland (Link zu einem Video: http://www.heute.at/sport/fussball/international/em2016/art62494,1171868.


Marc Janko erzielt mit einem traumhaften Fallrückzieher das 1:0-Siegtor der Österreicher am 14. Juni gegen Russland in Moskau. (Links: Marko Arnautovic und Ivan Novoseltsev/Nr.4). (Foto: Imago)

 

Der letzte Erfolg war auch zugleich der Startschuss für den ÖFB, mit der Quartiersuche in Frankreich zu beginnen. Negatives Denken war gestern. Schließlich gehen auch mehr als 50 Prozent der Österreicher davon aus, dass bei der Endrunde das Achtelfinale erreicht wird. Das hat es seit vielen, vielen Jahren nicht gegeben.