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„Sehr ängstliche“ Weltmeister unter Schock

UEFA Euro 2016

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16/11/2015
 

Mehr als einen Tag lang stand nach der Schock-Nacht von Paris die Absage des Länderspiels der deutschen Nationalmannschaft am Dienstag (17. November) in Hannover gegen die Niederlande im Raum. Erst am Sonntag (15. November) um 15.20 Uhr fiel die definitive Entscheidung, an der Austragung des letzten Länderspiels im Jahr 2015 festzuhalten. „Das Spiel Deutschland gegen die Niederlande findet statt – das gesamte Bundeskabinett ist dabei“, meldeten die Nachrichtenagenturen. Die Partie gegen die Holländer soll auch zu einer Demonstration gegen den Terror werden.

Die DFB-Interimspräsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball (links) sprachen sich dafür aus, dass das Spiel des DFB-Teams in Hannover gegen die Niederlande stattfindet. (Foto: GES/Augenklick)

 

„Wir wollen als Mannschaft ein Zeichen der Gemeinschaft setzen. Mit dem französischen Volk, mit den Angehörigen der Opfer. Das gesamte Team - Spieler, Trainer und Betreuer - ist immer noch stark betroffen“, sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff: „Unter diesen Gegebenheiten ist der sportliche Wert des Spiels gegen die Niederlande natürlich niedriger zu bewerten.“ DFB-Interimspräsident Reinhard Rauball erklärte: „Unsere Botschaft ist klar: Wir lassen uns nicht vom Terror einschüchtern.“

Das 0:2 (0:1) gegen Frankreich an der Stätte, wo am 10. Juni das Finale der Europameisterschaft stattfinden soll, hatte niemand nach sportlichen Aspekten bewerten wollen. Denn das Spiel am Freitag, dem 13. November, war zu einer Fußnote dieser „Nacht des Grauens“ geworden. Erstmals wurde die deutsche Nationalmannschaft konkret mit dem Terror konfrontiert. Während der Partie hatten die Spieler nichts bemerkt, weil es den Veranstaltern und Sicherheitsbehörden gelungen war, die grässlichen Vorfälle von den Beteiligten und den 80.000 Zuschauern weitgehend abzuschirmen. Erst nach dem Schlusspfiff der Partie, als auch die meisten Besucher erst erfuhren, dass terroristische Anschläge vor dem Stadion und an sechs Stellen in Paris viele Menschenleben gekostet hatten, wurde den Nationalspielern, Bundestrainer Joachim Löw und allen Betreuern das ganze Ausmaße des dramatischen Geschehens bewusst.

Nach dem 0:2 der deutschen Mannschaft gegen Frankreich sind Tausende Zuschauer aus Sicherheitsgründen nach dem Terroranschlag in den Innenraum des Stade de France gelaufen. (Foto: GES/Augenklick)

 

Löw: „Wir sind alle erschüttert und schockiert“

„Die Spieler waren sehr ängstlich“, berichtete Bierhoff am Morgen danach, als das gesamte Programm des DFB-Team schon durcheinander gewirbelt worden war. Direkt nach dem Spiel in Paris hatte der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Reisepläne geändert. Ursprünglich war der Rückflug erst für Sonntag, 12.00 Uhr geplant, mit dem Ankunftsort Hannover. Stattdessen ging es für die Nationalmannschaft mit einer Lufthansa-Sondermaschine schon am Samstagmorgen zurück nach Deutschland. Das Flugzeug war extra aus Frankfurt gekommen und stand auf dem Flughafen Charles de Gaulle auf einer Außenposition weit weg vom Terminal. Polizeiwagen und zwei Beamte mit Maschinengewehren waren neben der Maschine postiert.

„Wir sind alle erschüttert und schockiert“, sagte Löw. Die Mannschaft hatte nach den grauenvollen Ereignissen am Freitagabend die Nacht auf Samstag im Stadion in St. Denis verharrt. Zuerst hatte es geheißen, die Spieler würden in Kleinbussen – ein großer Bus wurde als potentielles Ziel der Terroristen angesehen – zum Hotel gefahren. Doch die Nachricht war eine Nebelkerze, die Spieler blieben in den Umkleidekabinen, schliefen dort, soweit sie überhaupt zur Ruhe fanden. „Das Wohlbefinden in Paris war nicht mehr besonders groß“, erklärte Bierhoff. „Für alle rückte der Sport total in den Hintergrund.“ Der Freitag hatte für die deutschen Weltmeister bereits nach einer Bombendrohung gegen das Teamhotel mit einem „großen Schrecken“, wie Bierhoff sagte, begonnen. Dass das Hotel geräumt werden musste, wurde zunächst auf der DFB-Homepage mit leichter Belustigung beschrieben. Aber am gleichen Abend, als auch die Spieler die Terrornachrichten auf ihren Handys und Tablets lesen konnten, ließ diese Bombenwarnung gegen ihr Hotel das Gefühl einer großen Bedrohung nach anwachsen.

Manuel Neuer (links) und Thomas Müller nach dem 0:2 gegen Frankreich vor dem Tribünenbereich mit den deutschen Fans. (Foto: Imago)

 

Kroos: „Was für eine kranke Welt“

Bis 5.00 Uhr morgens blieb das Team im Nationalstadion. „Es war eine großartige, sehr faire Geste, dass die französischen Spieler sagten, wir gehen nicht eher, bevor unsere deutschen Kollegen das Stadion verlassen“, erklärte DFB-Delegationsleiter Rauball. Die deutschen Spieler seien „alle angespannt“ gewesen, berichtete der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert. Erste Reaktionen von Spielern gab es in der Nacht über die sozialen Netzwerke. „Was ist das für eine kranke Welt“, schrieb Weltmeister Toni Kroos, der von Löw zur Schonung nicht für die letzten zwei Länderspiele des Jahres nominiert worden war. Lukas Podolski schrieb „prayforparis“ („Bete für Paris“) und postete als einer der ersten von später vielen hunderttausend Usern das bekannte Peace-Zeichen, in das der Eiffelturm eingefügt worden war.

Nach der Rückkehr am Samstagvormittag in Frankfurt erhielten die deutschen Spieler zwei freie Tage. „Sie sollen zu Hause bei ihren Liebsten zur Ruhe kommen“, sagte Bierhoff. Erst am Montag (16. November) trifft sich die Nationalmannschaft in der Sportschule in Barsinghausen wieder, um sich auf das Spiel in Hannover vorzubereiten. Den Kader reduzierte Löw von 23 Spielern auf 18. Nachdem vorher schon feststand, dass Manuel Neuer und Lukas Podolski das Spiel gegen die Niederlande nicht mitmachen würden, erhielt auch Kapitän Bastian Schweinsteiger für die Partie in Hannover eine Pause. Jérome Boateng (Knie) und Jonas Hector (Oberschenkel) fallen wegen Verletzungen aus. Leroy Sané, der gegen die Franzosen in der zweiten Halbzeit sein Debüt in der A-Nationalelf gegeben hatte, reist wie schon vorher vereinbart zur U21-Auswahl.

Leroy Sane (rechts), der Schalker Offensivspieler, gab in Paris ein gutes Debüt in der deutschen Nationalelf. Bacary Sagna hatte seine Probleme mit ihm. (Foto: Imago)

 

Die Niederländer begrüßten es, dass das Spiel ausgetragen wird, auch wenn die Freude darauf massiv durch die Terroranschläge getrübt sei. „Wir haben das Schreckliche über die Medien mitbekommen, aber die deutschen Jungs haben es in Wirklichkeit erlebt“, sagte Klaas-Jan Huntelaar. „Fußball ist nun Nebensache“, meinte der Schalker Stürmer. Er und seine Kollegen kommen aus Cardiff nach Hannover. In Wales hatte das Oranje-Team am Freitag 3:2 gewonnen.