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Der DFB hatte keine Lust auf die EM

UEFA Euro 2016

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29/03/2016
 

Es ist tatsächlich passiert: Der DFB hat auf die Teilnahme an den ersten beiden europäischen Endrunden 1960 und 1964 verzichtet. Als Deutschland später doch in den Kampf um die europäische Krone einstieg, begann eine einzigartige Erfolgsgeschichte – allerdings startete die mittlerweile erfolgreichste EM-Nation seine Europameisterschafts-Geschichte mit einem mittleren Fiasko.

 

Angesichts des weltweiten Interesses an der Europameisterschaft 2016 in Frankreich ist es heutzutage kaum vorstellbar – doch auf die ersten beiden EM-Endrunden 1960 und 1964 hatte Deutschland keine Lust. Und das, obwohl das Land 1954 Weltmeister geworden war und eine große Fußball-Euphorie herrschte. Doch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) – mittlerweile mit drei Titeln gemeinsam mit Spanien Rekordsieger – verzichtete lange auf die EM-Teilnahme, bei der zweiten Austragung 1964 sogar als einziges großes Fußball-Land.

 

Der Grund für die Zurückhaltung lag in der Person von Bundestrainer Sepp Herberger. Der Weltmeister-Coach von 1954 war der festen Überzeugung, dass die Spieler mit einem zusätzlichen Wettbewerb neben den Weltmeisterschaften überbelastet werden könnten. Im Rückblick auf die heutigen Zeiten mit fast doppelt so vielen Spielen für die Profispieler ist das Herberger-Argument kaum noch nachzuvollziehen, aber damals waren selbst viele der Topspieler noch halbtags in anderen Berufen tätig. Erst mit der Bundesliga-Einführung 1963 begann die Professionalisierung im deutschen Fußball.

(Foto: Imago)

Das allererste EM-Spiel gewann die deutsche Elf mit 6:0 am 8. April 1967 gegen Albanien mit Torwart Mikel Janku, der in dieser Szene gegen Gerd Müller (2. v. re.) klärt. (Foto: Imago)

 

Doch da die meisten anderen europäischen Fußball-Verbände dem Ruf der Europäischen Fußball-Union (UEFA) folgten, fand der DFB für seine Nationalmannschaft für Freundschaftsspiele kaum noch Gegner. 1963 wurden nur vier Länderspiele durchgeführt, 1964 lediglich fünf. Im November 1964 trat Helmut Schön die Nachfolge von Herberger an. Er befürwortete eine EM-Teilnahme. Für die nächste Auflage der Europameisterschaft im Jahr 1968 meldete sich der DFB an. Nachdem das bundesdeutsche Team 1966 bei der WM in England Vizeweltmeister geworden war, begann im Frühjahr 1967 die Qualifikation für die dritte EM. Doch es schien so, als würde die deutsche Nationalelf vom Schicksal nachträglich für ihre anfängliche EM-Zurückhaltung bestraft.

Späte Strafe für die frühe Unlust auf die EM

Die DFB-Mannschaft gelangte bei der Auslosung in die einzige Dreier-Gruppe und bekam es mit den Balkan-Gegnern Jugoslawien und Albanien zu tun. Der Auftakt am 8. April 1967 in Dortmund gegen Albanien wurde mit 6:0 gewonnen, Gerd Müller erzielte in seinem zweiten Länderspiel vier Tore. Es folgte ein 0:1 am 3. Mai in Belgrad gegen Jugoslawien, das am 7. Oktober mit einem 3:1 in Hamburg wettgemacht wurde. Der Vize-Weltmeister brauchte aufgrund der besseren Tordifferenz gegen Jugoslawien in Tirana nur noch die Albaner mit 1:0 zu schlagen, um sich für das Viertelfinale zu qualifizieren. Am 17. Dezember 1967 erreichten die Deutschen aber nur ein 0:0 im Quemal-Stadion.

(Foto: Imago)

Franz Beckenbauer beim 3:1 in London gegen England im Viertelfinal-Rückspiel der EM 1972. Das Hinspiel in Berlin endete 0:0. Der DFB hatte sich für die Endrunde in Belgien qualifiziert. (Foto: Imago)

Das Negativerlebnis ist vielen Fußball-Fans im Land des viermaligen Weltmeisters noch bis heute in Erinnerung. Beckenbauer, Müller, Maier und Seeler fehlten verletzt, aber Schön bot mit Löhr, Küppers, Held und dem Gladbacher Länderspiel-Neuling Meyer ein Sturm-Quartett auf, das es in der Bundesligasaison zusammen schon auf 50 Tore gebracht hatte. Das torlose Remis wurde als ganz bittere Niederlage empfunden. Es schmerzte in den nächsten Monaten zusätzlich, dass Jugoslawien zunächst Frankreich ausschaltete, im Halbfinale Weltmeister England besiegte und erst nach zwei Endspielen von Italien bezwungen wurde.

(Foto: Imago)

In Hamburg besiegte die DFB-Auswahl in der Qualifikation der EM 1968 Jugoslawien mit 3:1. Gerd Müller glänzte mit einem Kopfball, im Hintergrund schaut Uwe Seeler zu. (Foto: Imago)

 

Der EM-Start des Teams der Bundesrepublik Deutschland war also holprig. Nach zwei Nicht-Teilnahmen wurde der Einzug in die Runde der besten acht Mannschaften verfehlt. Es blieb aber das einzige Mal, dass der DFB nicht um den Gewinn des Henri-Delaunay-Pokals mitspielen konnte. Denn es folgte eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Das DFB-Team wurde durch die drei Titelgewinne 1972, 1980 und 1996 zum erfolgreichsten EM-Trophäensammler aller europäischen Nationalmannschaften – und wurde erst durch den Doppelschlag von 2008 und 2012 der bereits 1964 siegreichen Spanier eingeholt. 

(Foto: Imago)

Die letzte deutsche EM-Sieger-Mannschaft 1996 in Wembley: Strunz, Sammer, Babbel, Eilts, Häßler, Helmer (oben v.li.), Ziege, Kuntz, Scholl, Klinsmann, Köpke (unten v. li.). (Foto: Imago)

 

Deutschland ist das beste Team der EM-Historie

Die deutsche Gesamtbilanz ist aber dennoch unerreicht – sogar trotz der beiden ausgelassenen Turniere zu Beginn: Elf Teilnahmen, drei Titelgewinne, drei weitere Endspiele 1992, 1976 und 2008, zwei zusätzliche Halbfinals 1988 und 2012 – und seit 1972 bei allen neun Endrunden dabei: Das hat keine andere Mannschaft geschafft. Zudem hat kein anderes Team hat so viele Spiele bei Endrunden absolviert (43), keine andere Mannschaft so viele Siege errungen (23). Rechnet man alle Partien nach der Drei-Punkte-Regel in eine Rangfolge um, liegt der DFB mit 79 Zählern klar vor Spanien (62 Punkte/36 Spiele/17 Siege/9 Endrunden-Starts), den Niederlanden (59/35/17/9) und Italien (54/33/13/8).

 

Für das Turnier in Frankreich ist die Zielsetzung des DFB-Teams klar: Auch im Ranking der Titelgewinne will Deutschland wieder allein an der Spitze stehen – nach dem vierten WM-Triumph soll der vierte bei einer EM folgen. Es wäre zudem das erste Mal, dass Deutschland im Anschluss an die Weltmeisterschaft auch die Europameisterschaft gewinnt. In umgekehrter Reihenfolge gelang das Kunststück bereits: Auf den EM-Titel 1972 folgte der WM-Titel 1974.