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"Wir brauchen endlich Profi-Schiedsrichter"

UEFA Euro 2016

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14/06/2016
 

Der ehemalige Schweizer Weltklasse-Referee Urs Meier, der bei der Euro 2016 wieder zum Expertenteam des ZDF gehört, spricht über die Herausforderungen der Unparteiischen bei dieser EM, über knifflige Entscheidungen und über das Rätsel, warum es im Fußball noch immer keine Profi-Schiedsrichter gibt.


ContiSoccerWorld: Herr Meier, Pierluigi Collina, der Chef der UEFA-Schiedsrichter-Kommission, hat angekündigt, dass die Referees bei der EM in Frankreich besonders entschlossen und strikt gegen die so genannte Rudelbildung und gegen schwere Fouls vorgehen sollen. Ist das nicht eine Selbstverständlichkeit?

Urs Meier: Grundsätzlich ist es das, doch die Realität auf dem Fußballplatz sah zuletzt anders aus. Spätestens seit der WM in Brasilien hat sich eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber den Schiedsrichtern im internationalen Fußball eingeschlichen und immer weiter verbreitet.


ContiSoccerWorld: Was meinen Sie konkret?

Urs Meier: Zum Beispiel die Unart mancher Spieler, den Schiedsrichter zu berühren oder gar körperlich zu bedrängen. Das geht gar nicht. Es muss eine klare Abgrenzung zwischen Spielern und Spielleiter geben, und da sind vor allem die Referees gefordert, die Spieler wieder kompromisslos auf Distanz zu halten. Auch das Herumrennen der Trainer außerhalb der Coachingzone wird viel zu oft toleriert. Und so kommt eines zum anderen, und alles zusammen lässt den Respekt vor dem Schiedsrichter erodieren.

Als Schiedsrichter stets auf Augenhöhe mit Weltstars: Urs Meier mit Luis Figo, David Beckham und Zinedine Zidne, damals allesamt bei Real Madrid. Foto: imago

 

ContiSoccerWorld: Inwiefern hat sich diese Problematik durch die WM vergrößert?

Urs Meier: Es ist ja so, dass bei einer Weltmeisterschaft nicht nur neue Spielstile oder Fußballstars ihren Durchbruch erleben, sondern auch die Regelauslegung durch die Schiedsrichter neu justiert wird. Wie streng werden Schwalben geahndet? Wie strikt wird gegen Reklamieren oder das Fordern einer Karte für den Gegner vorgegangen? Wie konsequent werden Spieler vor Fouls geschützt? Die Antworten auf diese und ähnliche Fragen fielen bei der WM in Brasilien eher lax aus. Und das färbt dann natürlich ab auf die Fußballwelt. Die UEFA möchte jetzt bei der Europameisterschaft in Frankreich wieder dagegen steuern.


ContiSoccerWorld: Halten Sie das für richtig?

Urs Meier: Absolut. Wir alle wollen doch Fußball sehen, und keine Rangeleien. Am wichtigsten aber ist, dass die Schiedsrichter wieder als das anerkannt werden, was sie sind, nämlich Spielleiter. Und bedeutet weit mehr, als hin und wieder zu pfeifen.

Urs Meier und Jürgen Klopp bildeten bei der WM 2006 gemeinsam mit Moderator Johannes B. Kerner die „Dreierkette“ des ZDF. Bei der Euro 2016 gehört Urs Meier abermals als Experte zum ZDF-Team. Foto: imago Action Pictures

 

ContiSoccerWorld: Sie haben vor kurzem ein Buch über ihre Schiedsrichter-Karriere veröffentlicht, in dem Sie unter anderem klar Stellung beziehen für Profi-Schiedsrichter im Fußball. Warum? 

Urs Meier: Das ist ganz einfach, weil die Schiedsrichterleistungen dann besser würden. Wir hatten in der Schweiz in den siebziger Jahren eine schier endlose Diskussion über die Frage, ob denn Profifußballer wirklich besser seien als Amateurfußballer. Die Antwort kennt inzwischen jeder. Und bei Profi-Schiedsrichtern wäre es genauso. Natürlich würde auch ein professioneller Referee noch Fehler machen, ebenso wie auch ein Top-Fußballer hin und wieder einen Fehlpass spielt oder eine Torchance vergibt. Aber er würde weniger Fehler machen, und damit automatisch auch weniger entscheidende Fehler. Ein guter Bundesliga-Schiedsrichter beispielsweise hat eine Fehlerquote von vielleicht fünf Prozent. Könnte er professionell trainieren und sich ganz auf den Fußball und seine Aufgabe als Schiedsrichter konzentrieren, läge die Fehlerquote vielleicht nur noch bei zwei Prozent.


ContiSoccerWorld: Wie sähe das denn praktisch aus, wenn Schiedsrichter als Profis arbeiten würden? 

Urs Meier: Sie würden natürlich anständig bezahlt für ihre Tätigkeit, damit wäre schon einmal die Doppelbelastung Beruf und Schiedsrichter vom Tisch. Sie könnten sich ganz auf die Schiedsrichterei konzentrieren, also auf ein optimal abgestimmtes Training, regelmäßige Schulungen sowie die Vor- und Nachbereitung von Spielen. Außerdem würden, das ist meine Vision, Profi-Schiedsrichter umfassend gefördert – in Themenbereichen wie Mimik, Gestik, Kommunikation, Psychologie, denn solche Fähigkeiten sind essenziell für einen wirklich guten Schiedsrichter. Bei Pierluigi Collina, bei Howard Webb oder auch bei mir wurden Fehler eher akzeptiert als bei anderen Schiedsrichtern. Ich denke, das hatte auch mit einer gewissen Ausstrahlung zu tun. Wobei sich einzelne Komponenten einer solchen Ausstrahlung durchaus lernen und stetig verbessern lassen.


Der Schweizer Schiedsrichter Urs Meier leitete das WM-Halbfinale Deutschland – Südkorea im Jahr 2002. Foto: imago Ulmer

 

ContiSoccerWorld: In zahlreichen Sportarten sind die Schiedsrichter auf Topniveau bereits Profis. Weshalb hinkt ausgerechnet der Fußball bei diesem Thema hinterher?

Urs Meier: Das frage ich mich auch, und meine Antwort beinhaltet wieder eine Gegenfrage: Wer hat eigentlich Interesse an einem starken, professionellen Schiedsrichter? Oder anders formuliert: Ist es manchmal vielleicht ganz bequem, im Millionengeschäft Profi-Fußball noch eine Handvoll Amateure an entscheidender Stelle zu haben, die im Zweifel als Blitzableiter und Sündenböcke für sportlichen Misserfolg verantwortlich gemacht werden können?


Conti-Soccer-World: Und wie lautet Ihre Antwort?

Urs Meier: Sagen wir so – es deutet manches darauf hin, dass von Seiten der Verbände kein allzu großes Interesse an starken, unabhängigen Profi-Schiedsrichtern besteht. Sepp Blatter schrieb bereits 1978, damals war er noch Technischer Direktor der FIFA, in einem Bericht nach der WM in Argentinien sinngemäß: 'Wir brauchen bei der nächsten Weltmeisterschaft in vier Jahren Profi-Schiedsrichter.' Wow, dachte ich damals, da war ich 19 und seit einem Jahr Schiedsrichter, das geht in die richtige Richtung. So ein Profi-Referee möchte ich werden.


ContiSoccerWorld: Daraus wurde dann nichts.

Urs Meier: Nein, da hatte ich mich gründlich geirrt. Und im Prinzip hat sich bis heute nichts geändert.


ContiSoccerWorld: Würden Sie denn heute nochmal Schiedsrichter werden?

Urs Meier: Ganz klar. Schon als kleiner Junge, als ich mit meinem Opa meine ersten Europacup-Spiele im Fernsehen anschauen durfte, träumte ich davon, irgendwann einmal im vollbesetzten San-Siro-Stadion in Mailand auf dem Rasen stehen zu dürfen. Als Fußballer hat es bei mir jedoch nur bis in die dritte Schweizer Liga gereicht. Mir war schnell klar, dass ich für eine Profikarriere nicht gut genug war. Also wurde ich Schiedsrichter, weil ich dem Fußball so eng wie möglich verbunden sein wollte. Und mein Traum wurde wahr. Im ausverkauften San-Siro-Stadion stand ich mehrmals auf dem Rasen. Aber eben als Referee.

„Mein Leben auf Ballhöhe“ heißt das neue Buch von Urs Meier. Foto: Delius Klasing Verlag

 

ContiSoccerWorld: Was war Ihr schönster Moment als Schiedsrichter?

Urs Meier: Das war mein erstes WM-Spiel am 21. Juni 1998 in Lyon, die Partie USA gegen Iran. Ich hatte es wirklich geschafft, die Nominierung als WM-Schiedsrichter und dann noch bei dieser politisch hochbrisante Begegnung. Ich weiß noch, dass sich die Spieler beider Teams auf meinen Vorschlag zu einem gemeinsamen Mannschaftsfoto aufstellten, bunt gemischt, als Zeichen des Fairplay und der Sportlichkeit. Als ich da im Stade Gerland neben den Spieler im Blitzlichtgewitter der Fotografen stand, hatte ich Tränen in den Augen – das war der schönste Moment meiner Schiedsrichterkarriere.


ContiSoccerWorld: Herr Meier, zum Abschluss möchten wir Sie noch um einen Tipp bitten. Wer wird Fußball-Europameister 2016?

Urs Meier: Deutschland. Wenn sie an der Schweiz vorbei kommen.