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Frau Löwenzahn

Auf der Suche nach innovativen Materialien macht Continental selbst vor Pusteblumen nicht halt. Daraus lässt sich Kautschuk herstellen – für besonders umweltfreundliche Reifen. Materialforscherin Carla Recker will dem Löwenzahn-Gummi zum Durchbruch verhelfen.  

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Schwarz und rund ist er, wie jeder andere „normale“ Reifen. Nur die Pusteblumen, die dezent in die Seitenwand geprägt sind, zeigen: Hier steckt Löwenzahn drin. Und natürlich das gelb-grüne Emblem mit dem Markennamen „Taraxagum“, abgeleitet vom botanischen Namen der Pflanze. Stolz betrachtet Carla Recker den Reifen, der  im Konferenzraum des Forschungs- und Entwicklungszentrums von Continental in Hannover-Stöcken ausgestellt ist. Erst vor zwei Wochen ist er  im Aachener Reifenwerk aus der Presse gefallen. Die promovierte Chemikerin, bei Continental verantwortlich für Materialchemie, war natürlich live dabei: „Bis zum Vortag wussten wir nicht, ob wir es schaffen!“ Viel geschlafen hat Recker in der Nacht nicht. Wochenlang hatten ihre Kollegen für den Prototypen Kautschuk aus Löwenzahnwurzeln extrahiert. Monatelang war im Labor experimentiert worden, um mit dem neuartigen Material den Naturkautschuk vom Gummibaum zu ersetzen, der neben synthetischem Kautschuk in jedem Reifen enthalten ist. Dazu der immense administrative Aufwand: Schon seit 2007 arbeitet sie mit dem Fraunhofer Institut für Molekularbiologie und angewandte Ökologie an der Universität Münster zusammen. 

Die Mühe hat sich gelohnt: Jetzt kommt der erste Pusteblumen-Reifen auf die Straße, wenn auch vorerst nur auf dem firmeneigenen Testgelände. In Serie gehen wird das innovative Produkt frühestens 2020. Die Details sprudelt Carla Recker nur so hervor, ihre hellwachen Augen hinter der eckigen Brille blitzen fröhlich. Da ist zunächst einmal der Löwenzahn selbst: Die von Continental verwendete Art – der so genannte Russische Löwenzahn – haben die Fraunhofer-Forscher durch Züchtung schon soweit verändert, dass sie mehr Saft gibt und sich wie eine Feldfrucht anbauen lässt. Die Vision: Löwenzahn-Wurzeln so groß wie Zuckerrüben. Dafür sollen Züchter in Bayern und Sachsen sorgen, die den Löwenzahn auf Versuchsfeldern anbauen. „Wir müssen Vegetationsperiode für Vegetationsperiode abwarten – und hoffen, dass keine Überschwemmung oder andere Katastrophe dazwischen kommt“, schmunzelt die 49-Jährige, die in ihren Jeans und Turnschuhen viel jünger aussieht. Neben ihrem Job bei Continental hat sie Umwelttechnologie studiert. Das kommt ihr jetzt, wo es plötzlich um Biologie und Landwirtschaft geht, zu Gute.

„Material expert inside“

Den offiziellen „Ritterschlag“ bekam Reckers Team kürzlich in München. Dort wurde das Löwenzahn-Projekt mit dem GreenTec Award ausgezeichnet, Europas bedeutendstem Umwelt- und Wirtschaftspreis. „Das war schon ein Highlight in meiner Karriere“, strahlt sie. „Sonst bleibt der Erfolg meiner Arbeit ja eher im Verborgenen – auch wenn sie in so vielen Produkten drin steckt.“ Einen Stempel möchte sie manchmal haben, sagt sie lachend: „Material expert inside“.

Eigentlich ist die Gewinnung von Kautschuk aus Löwenzahn  nichts Neues. Erste Patente dafür gab es schon 1905. Auch im Archiv von Continental haben Carla Reckers Kollegen zwei Ordner zum Löwenzahn gefunden. „Aber die Forschung wurde eingestellt, weil es ökonomisch nicht attraktiv war“, erzählt sie. Heute sieht die Rechnung anders aus: „Wir haben einen Business Case gemacht, und nach der bisherigen Datenlage lohnt es sich.“ Schließlich ist Löwenzahn eine anspruchslose Pflanze, die auch im hiesigen Klima und auf wenig fruchtbaren Böden gedeiht. Das spart lange Transportwege aus den tropischen Kautschukbaum-Plantagen, und es kommt zu keiner Konkurrenz mit dem Anbau von heimischen Nahrungsmitteln. Hinzu kommen weitere ökologische Vorteile: Löwenzahn-Kautschuk könnte den weltweit wachsenden Kautschukbedarf decken, ohne dass weitere wertvolle Regenwaldflächen für den Anbau von Gummibäumen geopfert werden müssten. Das verbessert CO2-Bilanz und Bio-Diversität – was auch die GreenTec-Jury überzeugte.

Flower Power im großen Stil

Ein besonders großes Potenzial für das neue Material bietet der Markt für Lkw-Reifen: Ein Reifen wiegt 70 bis 80 Kilo, davon sind 30 bis 40 Prozent Naturkautschuk – deutlich mehr als bei Pkw-Reifen. Dass der Kautschuk in den Reifen von Continental irgendwann komplett aus Löwenzahn besteht, glaubt Carla Recker allerdings nicht.  Sicherheit und Wirtschaftlichkeit erfordern eine Kombination aus verschiedenen Rohmaterialien – aber mit bestmöglicher Nachhaltigkeit. „Und dazu trägt Löwenzahn bei.“

Derzeit entsteht eine Pilotanlage, mit der sich der Löwenzahn-Kautschuk tonnenweise herstellen lässt.  „Wir stehen also eigentlich noch am Anfang“, erzählt Carla Recker. Einen langen Atem braucht es da – und Rückhalt im Unternehmen. Schließlich sind in der Industrie derart lange Projekt-Zeiträume äußerst ungewöhnlich. „Alle stehen voll dahinter“, freut sich die Projektleiterin. Dazu beigetragen haben dürfte nicht nur die Faszination für die Pusteblume, sondern auch die enorme Energie, die diese Frau ausstrahlt.

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