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Der Lauf ihres Lebens

Rekorde

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19/11/2018
 

Kathrine Switzer ist eine Ikone der Frauenbewegung – dank eines historischen Marathon-Laufs. 1967 lief sie als erste Frau mit Startnummer beim Boston Marathon mit – aber nur, weil die Veranstalter dachten, sie wäre ein Mann. Rückblick auf ein kaum zu glaubendes Kapitel des Sports.


Kathrine Switzers Outfit liegt bereit: das Feinstrick-Shirt in Burgunderrot, die passend eingefärbten Laufshorts, die Laufschuhe. Der Lippenstift ist frisch aufgetragen, die Ohrringe sind eingesteckt. Heute ist Switzers großer Tag. Denn es ist Patriot’s Day in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts. Und das bedeutet traditionell: Marathontag. Die zwanzigjährige Journalistik-Studentin hat sich in Schale geworfen – jedoch nicht, um am Streckenrand Luftküsse zu verteilen, sondern um zu laufen. Als erste Frau bei einem Marathon. Ganz offiziell. Dafür hat sie sich schick gemacht. "Ich wollte als Frau am Start stehen, selbstbewusst, feminin", erzählte sie später. Doch dieser Montag ist kein schöner Apriltag. Es regnet, es schneit, der Wind pfeift durch die Straßen der Ostküstenmetropole, die Temperatur ist auf den Gefrierpunkt gefallen. Das farbenfrohe Outfit verschwindet unter grauem Sweatshirt und grauer Jogginghose, das volle Haar unter einer Mütze – und Switzer taucht unfreiwillig unauffällig unter im Starterfeld – aus 740 Männern. Was sie noch nicht ahnt: Es ist ein Glücksfall. Denn wie sich später herausstellen soll: Die Rennleitung ist gar nicht erfreut über die Frau auf der Strecke. So aber bleibt Switzer zunächst inkognito, um 12 Uhr ertönt der Startschuss – Kathrine Switzer begibt sich auf den Lauf ihres Lebens.

Diese Fotos gingen um die Welt. Mit wutentbranntem Gesicht versucht Renndirektor Jock Semple, Switzer die Startnummer zu entreißen (links). Switzers Freund, ein Hammerwerfer mit olympischen Ambitionen und Ex-Footballspieler, geht dazwischen (Mitte) und setzt den Renndirektor außer Gefecht (rechts). Foto: Boston Herald

Erschöpft und stolz: Kathrine Switzer nach ihrem historischen Lauf beim Boston Marathon 1967. Die Nummer 261 wird zum Symbol der Gleichberechtigung. Dass sie am nächsten Tag die Titelseiten sämtlicher Tageszeitungen zieren wird, ahnt Switzer hier noch nicht. Foto: Brearly

 

Sie läuft locker, sie läuft voller Freude, am Streckenrand jubeln die Zuschauer – auf dem grauen Sweatshirt klebt ihre Startnummer 261. In vollen Zügen genießt sie jeden gelaufenen Meter, saugt die Eindrücke auf und wandelt sie um in Lauf-Energie. Energie, die sie brauchen wird. Denn sie weiß: „Die ersten Meilen bei einem Marathon machen Spaß. Aber später wird es weh tun.“ Was sie nicht ahnt: Es gibt noch ein weiteres Problem. Nach rund fünf Kilometern hört sie hinter sich Geräusche, Ledersohlen auf Asphalt. Ein ungewöhnlicher Sound inmitten der unzähligen Paar Turnschuhe. Das Klackern der harten Sohlen kommt näher, Switzer wittert Gefahr, dreht sich um und sieht: Renndirektor Jock Semple, groß, mit fletschenden Zähnen und dem bösartigsten Gesichtsausdruck, den Switzer je gesehen hat. Semple versucht, ihr die Startnummer zu entreißen. „Geh' verdammt noch mal aus meinem Rennen und gib mir die Nummer“, schreit er. Switzer bekommt Angst, sie schreit, versucht zu entkommen. Doch dann kommt von der Seite ihr Freund Tom Miller angerauscht, Ex-Footballspieler und Hammerwerfer. Seinem wuchtigen Bodycheck ist der Renndirektor nicht gewachsen, Switzer behält ihre Nummer. Sie weiß: „Wenn ich das Rennen nicht beende, egal was passiert, dann werden die Menschen sagen, Frauen können das nicht.“ Also läuft sie – und kommt nach vier Stunden und zwanzig Minuten als erste offiziell angemeldete Frau bei einem Marathon ins Ziel. Dass Switzer nicht schon bei der Anmeldung aufflog verdankte sie einer Gewohnheit. Sie unterschrieb das Anmeldeformular mit K.V. Switzer – dass sich hinter den Initialen eine Kathrine Virginia versteckte, ahnte niemand.

 

Das war im April 1967. Es war die 71. Ausgabe des nach den Olympischen Spielen ältesten Marathonwettbewerbs der Welt. Und es wurde einer der wichtigsten Tage in der Feminismus-Bewegung. Dank der Sportjournalisten auf dem Pressebus – die Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Jock Semple der jungen Läuferin die Startnummer entreißen will, gingen um die Welt. Schon am nächsten Tag war Switzer in nahezu allen Tageszeitungen zu sehen. Sensation: eine Frau läuft die magischen 42,195 Kilometer. Offizielle Läufe für Frauen gab es zu der Zeit nur bis zu 800 Meter. „Die Leute tuschelten über medizinische Folgen“, berichtet Switzer in der 2018 erschienenen NDR-Dokumentation „Die Marathon-Frauen – Der lange Lauf zur Gleichberechtigung“. „Es gab die verrücktesten Theorien: Dass du dich in einen Mann verwandelst, dass du dicke Beine bekommst oder dass dir die Gebärmutter herausfällt und du nie Kinder bekommst.“ Was heutzutage wie absurd anmutende Theorien klingt, war damals eine nicht unübliche Sichtweise. Der Langstreckenlauf war eine Männerdomäne.

Switzer beim Training. Auch heute schnürt die mittlerweile 71-Jährige regelmäßig die Laufschuhe. Foto: Hagen Hopkins

 

Doch schon in ihrer männlichen Trainingsgruppe an der Syracuse University im US-Bundesstaat New York legte Switzer weit größere Distanzen zurück. Aber auch dort traf sie auf Widerstände. Ihr Trainer, Arnie Briggs, war mit fünfzehn Teilnahmen ein alter Boston-Marathon-Veteran und liebte es, Anekdoten vom Mekka des Marathons zu erzählen. „Hör' endlich auf über den Marathon zu reden“, sagte Switzer eines Abends. „Lass' uns das verdammte Ding laufen.“ Doch Briggs zeigte sich aufgebracht. „Keine Frau kann den Boston-Marathon laufen“, ereiferte er sich, wie Switzer später erzählte. Bot ihr aber einen Deal an: Sie müsse in einem Probe-Marathon ihre Eignung beweisen. Sie tat es – und lief so lange weiter, bis Briggs selbst vor Erschöpfung aufgeben musste. Also meldete er sich, Switzer, Tom Miller und den Trainingspartner John Leonard als Team für den Marathon an. Seine Trainingsschülerin, wie gesagt, als K.V. Switzer.


Dass aus dem verschneit-verregneten Lauf ein bedeutsames Ereignis für die Frauenbewegung wurde, ahnte niemand. Auch Frank Litsky, der als Sport-Journalist für die New York Times auf dem Pressebus mitfuhr, ahnte auf den ersten Meilen noch nicht, über was für einen historischen Lauf er berichten würde. Erst als das Wetter sich besserte und die Läufer die Mützen abnahmen, erkannten die Reporter, was sich im Läuferfeld abspielte. Als der Pritschenwagen dann die Läufer um Switzer passierte, war es ein Reporter, der Jock Semple auf die vermeintliche Regelwidrigkeit aufmerksam machte. „Wir waren nicht geschockt“, berichtet Litsky. „Wir machten unsere Notizen und dachten: Verrückt. Wir wussten, dass es eine große Sache war. Wir wussten aber nicht, wie groß es wurde." Es wurde eine Sternstunde der Gleichberechtigung der Frauen.

Auch beim Boston Marathon 2017 ging Switzer an den Start – fünfzig Jahre nach dem historischen Lauf. Foto: 261 Fearless

 

Inspiriert zu der Aktion wurde Kathrine Switzer, eine 1947 im deutschen Amberg geborene Tochter eines US-Soldaten, von der US-amerikanischen Läuferin Bobbi Gibb. Von ihr hatte Switzer in der Zeitung gelesen. Gibb war 1966 die erste Frau, die den Boston Marathon über die volle Distanz absolvierte. Jedoch: ohne Startnummer, also nicht offiziell. Zwar hatte Gibb versucht, sich regelkonform anzumelden, doch wurde sie aufgrund ihres Geschlechts abgelehnt. Also versteckte sie sich im Startbereich in einem Gebüsch und reihte sich kurz nach dem Startschuss in das Läuferfeld ein. Nach 3:21:40 Stunden kam sie ins Ziel – und war damit schneller als rund zwei Drittel aller Männer.


Mit dabei beim Jubiläumslauf 2017: 13.698 Frauen. Unter ihnen natürlich auch zahlreiche Vertreter der „Fearless 261“-Bewegung. Foto: 261 Fearless

 

Gibb war die Pionierin, Switzer wurde zur Ikone. „Ich bin gestartet als Mädchen – und angekommen als Frau“, schreibt sie in ihrer Biographie „Marathon Woman“. „Es war erst sehr peinlich und furchteinflößend“, sagt sie über die Attacke von Semple. „Ich hatte das Gefühl in einen heiligen Ort eingedrungen zu sein.“ Aber dann lief sie zusammen mit ihren Laufpartnern „wie Kinder, die aus einem Geisterhaus fliehen.“ Nicht einmal den gefürchteten Anstieg zehn Kilometer vor dem Ziel, den Heartbreak Hill, registrierte sie – und während sie sich den Traum erfüllte, beim Boston Marathon zu bestehen, entwickelte sich vor ihrem inneren Auge ein Lebensplan.

Auch beim New York City Marathon ging Switzer 2017 an den Start. Hier feiert sie ihre Medaille mit den Laufpartnern Karlie Kloss und Peter Ciaccia. Foto: privat

In ihrer Biographie „Marathon Woman“ berichtet Switzer über ihr bewegtes Leben. Foto: privat

 

Als Ikone der Frauenbewegung ging sie fortan in die Geschichte ein, sie wurde weltberühmt, erhob ihre Stimme für die Emanzipation der Frauen – und hatte Erfolg. 1972 durften erstmals Frauen beim Boston Marathon mitlaufen, neun Frauen waren mit dabei, Switzer wurde Dritte. Zusammen mit Fred Lebow, dem Begründer des New York City Marathons, rief sie den Crazylegs Mini Marathon ins Leben, den ersten Straßenlauf, der ausschließlich für Frauen ausgerichtet wurde. 1977 entwickelte sie zusammen mit dem Kosmetikhersteller Avon als Sponsor eine Frauenlaufserie, die bis 1984 jährlich ausgetragen wurde. Sie äußerte sich in Zeitungen, sie setzte sich im Fernsehen für die Frauenbewegung ein und saß 1979 sogar im Aktuellen Sportstudio des ZDF. Ihre Biographie „Marathon Woman“ wurde zum Bestseller, und auch heute ist Switzer noch als Vortragsrednerin beliebt. Dass der Frauenmarathon 1984 zur olympischen Disziplin wurde, war zu großen Teilen ihrem Wirken zu verdanken. „Wir mussten den medizinischen Beweis liefern, dass Marathon nicht ungesund ist für Frauen“, sagt Switzer. 17 Jahre nach ihrem großen Coup hatte sie ein wesentliches Ziel erreicht. „Ich habe mein Leben lang so viel investiert. Viele Emotionen, so viel Arbeit – um diesen Moment zu erreichen. Und da war er. Und er war so schön“, sagt sie über die turbulente Zeit. Fünfzig Läuferinnen qualifizierten sich für Olympia. Die Amerikanerin Joan Benoit siegte, nach 40 Kilometern in den Straßen von L.A. drehte sie ihre letzten Runden im Olympiastadion. „Sie kam heraus aus der Dunkelheit des Sportlertunnels in ein Stadion mit 90.000 Menschen, die total ausrasteten. Ich dachte, dieser Moment ist genauso wichtig wie die Entscheidung für das Frauenwahlrecht.“

 

Am 17. April 2017, fast auf den Tag genau fünfzig Jahre nach ihrem ersten Lauf, kehrt Kathrine Switzer nach Boston zurück. Und alles ist anders. Kein Regen, kein Schnee, angenehme Temperaturen. Gut 30.000 Teilnehmer gehen an den Start, vierzig Mal mehr als fünfzig Jahre zuvor. Unter ihnen: 13.698 Frauen. Viele von ihnen tragen T-Shirts oder Tattoos mit der Aufschrift "Fearless 261" (zu Deutsch: furchtlos 261). Denn diese Startnummer von Switzer ist längst zum Symbol der Frauenbewegung geworden. 2015 gründete Switzer mit „Fearless 261“ eine Non-Profit-Bewegung. Weltweit gibt es 28 "Fearless 261"-Laufgruppen, in Deutschland gibt es drei. „Wenn Kathrine Switzer Geschichten zum Laufen erzählt, erzählt sie Geschichten vom Leben“, sagt etwa Edith Zuschmann von der "Fearless 261"-Laufgruppe aus Berlin. Switzer ist nicht nur eine Ikone, sie ist für viele eine Inspiration – und eine Legende. Und in Boston, mittlerweile Mekka des Frauenmarathons, laufen sie alle zusammen. Überall ist die 261 zu sehen – aber nur bei Kathrine Switzer ist es die offizielle Startnummer. Denn diese Nummer wird in Erinnerung an den historischen Tag nur noch an die Frau vergeben, die zum ersten Mal mit einer offiziellen Startnummer einen Marathon lief. Diese Nummer kann ihr auch heute keiner mehr nehmen.

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