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Auf die Plätze, fertig, los!

Rekorde

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28/03/2019
 

Hundertstel Sekunden liegen oft nur zwischen Sieg und Niederlage. Zwischen Jubel und Tränen. Ob 100-Meter-Finale, Riesenslalom oder Formel-1-Rennen – die Jagd nach Bestzeiten und Rekorden ist im Sport allgegenwärtig. Eine Ausstellung versucht nun herauszufinden: Warum sind Rekorde wichtig? Und welche Rolle spielt die Technik bei der Entwicklung des Sports?

Ohne Zeitmessung – wie hier bei einem Rennen in Deutschland anno 1966 – gäbe es keine sportlichen Rekorde. Foto: Omega Timing

 

Es ist der 16. August 2009, 21:45 Uhr. Usain Bolt hat seine Füße im Startblock platziert, den Kopf gen Boden gesenkt – volle Konzentration. Im Berliner Olympiastadion ist die Anspannung auch auf den Rängen zu spüren. Wird der jamaikanische Supersprinter seinen eigenen Weltrekord von 9,69 Sekunden auf hundert Metern – aufgestellt ein Jahr zuvor bei den Olympischen Spielen in Peking – noch einmal unterbieten? Wird man Zeuge einer fast übermenschlichen Leistung? Der Startschuss hallt durchs weite Rund. Nur hundert Meter sind es bis ins Ziel. 100 Meter, die heute die Welt bedeuten. Das Stadion tobt. Die Läufer hetzten nach vorn – aber Usain Bolt sprintet allen davon. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10,44 Metern pro Sekunde erreicht er das Ziel. Die Uhr stoppt bei 9,58 Sekunden. Weltrekord.

 

Ein Rekord, der fast mit bloßem Auge zu erkennen war – der jamaikanische Sportler hatte die Ziellinie mit einer Armlänge Vorsprung auf die Verfolger erreicht. Foto-Finish? Nicht, wenn Usain Bolt läuft. Doch damit so ein Weltrekord auch seinen Platz in den Geschichtsbüchern findet, arbeiten im Hintergrund etliche elektronische Helferlein. Was früher die manuell zu bedienende Stoppuhr war, ist heute die elektronische Zeitmessung, die die Laufzeit theoretisch bis auf die Millionstel Sekunde exakt ermitteln kann. Was ab Ende des 19. Jahrhunderts die Zielfotografie mit einem handelsüblichen Fotoapparat war, ist heute die digitale Zielkamera, die bis zu 30.000 Bilder pro Sekunde liefert. Und was früher ein vom Sprinter gebuddeltes Loch im Boden der Aschebahn war, ist heute der Startblock mit integrierter Fehlstart- und Reaktionszeitmessung. Es sind solche technologischen Erfindungen, die dafür sorgen, dass der Sport messbar, dass Leistungen vergleichbar werden. Dass Rekorde aufgestellt werden können.


Dieser Wechselwirkung widmet sich die Ausstellung „Fertig? Los! Die Geschichte von Sport und Technik“ im Mannheimer Technoseum (noch bis zum 10. Juni 2019 zu sehen). Ob Messverfahren, Ausrüstung oder Sportgeräte – bei einem Blick auf die Exponate wird deutlich, welch‘ große Bedeutung Technik und Material im Sport haben. Alexander Sigelen, Kurator der Ausstellung, sagt: „Der Sport, wie wir ihn heute kennen, würde ohne die Technik gar nicht existieren.“ Zwar hätte es auch schon im antiken Griechenland den sportlichen Wettbewerb gegeben, doch erst die Messtechnik ermöglichte das Ermitteln und Vergleichen von Höchstleistungen. Ab dem 19. Jahrhundert sorgte der technologische Fortschritt auch für sportliche Superlative. Betrachtet man etwa die Zeitmessung, hatte sie vor dem Einzug der Technologie einen entscheidenden Nachteil: die menschliche Reaktionszeit des Zeitrichters. Das konnten bisweilen entscheidende Sekundenbruchteile sein. Erst Erfindungen wie zum Beispiel der elektrische Zeitdrucker, 1925 entwickelt von der Uhrenfabrik F.L. Löbner, ermöglichten die Bühne, auf der bis heute Sportler wie Usain Bolt zu Höchstleistungen auflaufen können. Dieser Zeitdrucker etwa erhielt mit Abfeuern des Startschusses einen elektrischen Impuls, ebenso beim Zerreißen des Zielbands. Bei jedem Impuls wurde auf einen durchlaufenden Papierstreifen eine Zeitmarke gedruckt. Rekorde wurden erstmals, möglichst genau, elektronisch aufgezeichnet. Die technologische Revolution im Sport hatte begonnen.

Die Ausstellung im Technoseum Mannheim ist noch bis zum 10. Juni 2019 zu sehen. Foto: Technoseum

 

„Immer der Erste zu sein und überlegen den anderen“ – so war es schon bei Homer, dem griechischen Epiker, zu lesen. Heute reicht das aber nicht mehr. Wer ein Rennen gewinnt, hat den Platz in den Geschichtsbüchern noch längst nicht sicher. Was zählt ist der Rekord. Und wird der Rekord nicht aufgezeichnet, ist es keiner. „Bei den Griechen ging es darum, sich im konkreten Wettkampf zu messen und der Beste zu sein“, erklärt Forscher Sigelen. „Ein zentraler Bestandteil des Rekordsports ist aber, eine Leistung zu erbringen, die nicht nur in dem Moment die Beste ist, sondern im Vergleich zu allen je erbrachten Leistungen derselben Disziplin.“ Und da ist die Technik ein entscheidender Faktor. Denn Bestzeiten können nur verglichen werden, wenn sie unter gleichen Bedingungen entstehen – und unter gleichen Bedingungen aufgezeichnet werden. Ein Laufrekord auf einer Aschebahn ist nicht mit einer Zeit auf der Tartanbahn zu vergleichen. Und ein per Hand gestoppter Rekord ist ebenso wenig mit einem Rekord zu vergleichen, der mit digitaler Zeitmessung erfasst wird. „Der Sport wird normiert“, sagt Sigelen. „Und das ist die große Parallele zur Technik.“


Boden und einer Zuschauertribüne. „Die Besucher durchlaufen einen Parcours und die Stationen eines Sportlers – vom Aufwärmtraining über den Einsatz beim Wettkampf bis hin zur Siegerehrung“, so Martin Müller, Geschäftsführer der Firma molitor in Berlin, die die Schau gestaltet hat. Fester Bestandteil eines Ausstellungsbesuchs ist es, dass die Besucher selbst in Bewegung kommen. So können sie etwa ihre Balance auf einer Slackline testen, an einer Kraftmessplatte die eigene Sprungkraft messen oder zum Degen greifen und ausprobieren, wie beim Fechten Trefferpunkte vollautomatisch erfasst und gezählt werden. Nicht zuletzt soll die Schau auch dazu anregen, über die eigene Bewegungsfreude nachzudenken – und vielleicht öfter einmal die Sportschuhe zu schnüren.

 

Unter den Exponaten der Schau finden sich wertvolle historische Exponate wie etwa eine Amphore aus dem antiken Griechenland, aber auch hochempfindliche Messgeräte, die aktuell im Leistungssport verwendet werden. Sie analysieren beispielweise Herzfrequenzen, Lactatkonzentrationen oder Geschwindigkeiten – und verdeutlichen, wie allumfassend die Vermessung des menschlichen Körpers im Sport bereits ist. Auch medizinisches Tuning gehört dazu – in der Ausstellung versinnbildlicht durch einen historischen Dopingkoffer.

 

Auch die Entwicklung des Sportschuhs hin zu einem Hightech-Accessoire wird in der Ausstellung dokumentiert: Foto: Technoseum

 

Aufgebaut ist die Ausstellung wie ein Stadion, inklusive Laufbahn-Markierungen auf dem 

Wo aber kommt der Drang her, Rekorde zu erzielen? „Der Gedanke, mit anderen zu wetteifern und in den Wettstreit zu treten ist etwas, das im Menschen angelegt ist“, sagt Sigelen. Das war bei den panathenäischen Spielen im antiken Griechenland so, das war bei ritterlichen Turnieren im Mittelalter so und auch im heutigen Sportbetrieb ist es so. „Für den modernen Sport ist aber interessant, dass heute zentrale Gedanken schon in der Aufklärung relevant wurden“, erklärt Sigelen. So gab es schon damals, Ende des 18. Jahrhunderts, Pioniere der Turnbewegung, die damit begannen, Leistungen zu messen. Der aufklärerische Gedanke lautete: Der Mensch ist zur Vervollkommnung fähig. Leistungen aufzeichnen, Leistungen verbessern – dieses Credo begann den Sportbetrieb zu prägen. Und tut es bis heute. Dabei ging es nicht mehr ausschließlich um den sportlichen Wettkampf, sondern auch um Selbstoptimierung. Auch heute ist diese Art des persönlichen Rekordsports bekannt, etwa aus der aktuell populären Fitnessbewegung. „Sport ist extrem wandlungsfähig, man muss sich nur die Entwicklung der letzten 200 Jahre anschauen“, sagt Sigelen. So gibt es auf der einen Seite den ruhmreichen Rekord, der die Leistungen anderer Sportler in den Schatten stellt, und den der Aufklärung entstammenden persönlichen Rekord, Vehikel der Selbstoptimierung.


Entwickeln tun sich diese Aspekte des Sportbetriebs nicht von selbst. Denn nicht nur im Sport arbeitet der Mensch daran, sich selbst zu verbessern oder besser zu sein als andere. „Der Sport ist ein Spiegel der Gesellschaft“, sagt Sigelen. „Dass der moderne Sport in England entstanden ist, ist kein Zufall. Als Mutterland der Industrialisierung wandelte sich England relativ früh von einer ständischen Gesellschaft zu einer kapitalistischen Gesellschaft. Und da entstand der Wettbewerbs- und Konkurrenzgedanke in der Mitte der Gesellschaft.“ Und dieser Gedanke übertrug sich auf den Sport – und lässt sich umgekehrt wiederum auf die heutige moderne Gesellschaft übertragen. „In den Sozial- und Sportwissenschaften wurde beobachtet, dass der Sportgedanke auch auf andere gesellschaftliche Bereiche übergeht“, sagt Sigelen. Spielshows im Fernsehen etwa, aber auch die Follower-Anzahl in sozialen Medien oder die beste Restaurantbewertung im Internet bestimmen heutzutage über die gesellschaftliche Relevanz. Der Wettbewerbsgedanke ist in der heutigen Gesellschaft tief verankert – und er spiegelt sich im Sport wider.

 

Derartige Erkenntnisse regen zum Nachdenken an – genau das, was Sigelen mit der Ausstellung im Technoseum erreichen will. „Jeder kennt den Sport und viele Menschen sind sportbegeistert. Dem Sport kann man sich fast nicht entziehen“, sagt der Kurator. Interesse und Begeisterung sollen geweckt, aber auch kritische Fragen gestellt werden, wenn es etwa um Doping geht. Oder um technische Entwicklungen, die mitunter zu gut für einen echten Wettstreit menschlicher Fähigkeiten sind. Als 2008 ein neuer Schwimmanzug auf den Markt kam, der der Haut des Hais nachempfunden war, gab es bis 2010 innerhalb von nur zwei Jahren 130 neue Schwimmrekorde. Als „technologisches Doping“ wurde der Anzug kritisiert. Der sportliche Wettkampf würde mittels Materialschlacht ad absurdum geführt. 2010 wurde dann ein Verbot für derartige Schwimmanzüge erlassen. „Auch da wollen wir den Zusammenhang zwischen Sport und Technik zeigen“, sagt Alexander Sigelen.  „Aber wir wollen technologische Entwicklungen nicht nur zeigen, sondern auch verständlich machen, wie sich diese Entwicklungen auf die Gesellschaft auswirken.“ Oder eben auch: Wie sich die Gesellschaft auf den Sport auswirkt.

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