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Nur Weglaufen geht nicht

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14/02/2017
 

Es gibt Marathonläufe durch weltbekannte Metropolen und durch Wüsten, über Berggipfel und am Polarkreis. Doch dieser Marathon ist selbst für Läufer, die eigentlich alles gesehen haben, etwas Besonderes: der Knastmarathon Darmstadt. Häftlinge und Läufer von "draußen" treffen sich jedes Jahr zum Rundlauf im Gefängnis – Teil 6 der GripWorld-Serie "Verrückte Läufe".


Die Justizvollzugsanstalt Darmstadt ist für gewöhnlich ein Ort, den man nicht freiwillig aufsucht – es sei denn, man ist Vollzugsbeamter oder Gefängnisdirektor. Doch an einem Tag im Jahr ist der Knast der hessischen Stadt Treffpunkt für Laufverrückte aus allen Teilen der Welt. Dann gehen unbescholtene Sportler gemeinsam mit Gefängnisinsassen an den Start, um hinter hohen Mauern den vielleicht ungewöhnlichsten Marathon Deutschlands zu laufen. Eine Runde innerhalb des JVA-Geländes misst exakt 1785 Meter, knapp 24 Mal geht es also im Kreis, um die gut 42 Kilometer einer Marathonstrecke zu absolvieren. Was vor zehn Jahren als Freizeitprojekt für Gefangene begann, ist heute zu einem beliebten Laufevent im Rhein-Main-Gebiet geworden.

 

Ob Insasse oder nicht – am Marathontag im Mai sind alle einfach nur Sportler. Unterschiede gibt es keine. Kein Läufer rennt etwa in Gefängniskleidung oder gar mit Handschellen. Die Insassen sind für diese Momente Teil eines großen Ganzen, einer Läufergruppe, die vom Gefängnis-Publikum frenetisch bejubelt werden. Damit das Ganze aber nicht zu groß wird, ist die Zahl der externen Teilnehmer auf 180 Personen begrenzt. Für die Läufer aus der JVA gilt – außer den Gefängnismauern – keine Begrenzung, jeder darf mitlaufen. Damit ihnen aber nicht schon nach zwei Runden die Puste ausgeht, bereiten sich die Gefangenen gemeinsam mit dem Sportübungsleiter der JVA, Kevin Büttner, langfristig auf den Marathon vor. „Auch, um den Knastalltag aus den Köpfen zu bekommen“, wie Büttner erklärt. Außerdem solle gelernt werden, „dass man für seine Ziele hart arbeiten muss“.

 

Das Interesse auf beiden Seiten der Mauern ist groß. 2016 reiste beispielsweise eine Läufergruppe mit dem Bus aus Schweden an – zum Marathon hinter schwedischen Gardinen. Bevor sich die externen Läufer allerdings an das Aufwärmprogramm machen können, muss die Sicherheitskontrolle passiert werden. Nach dem Gang durch einen Metalldetektor und dem Scannen der Sporttaschen geht es in kleinen Gruppen zunächst in einen Warteraum. Dort kommt dann der Spürhund zum Einsatz – erst wenn dieser nichts gewittert hat, kann es losgehen. Auf dem Gefängnishof befinden sich Start- und Zieleinlauf.


Dort herrscht dann ein buntes Treiben: Aufmunternde Musik schallt aus Lautsprechern, freiwillige Helfer kümmern sich um die Sportler. Nach dem Aufwärmen geht es dann an den Start. Allerdings verzichtet man im Gefängnis aus Sicherheitsgründen auf den Startschuss. Statt dessen rufen die Zuschauer im Chor „Drei, Zwei, Eins“, – und los geht es. Nach dem Startruf geht es zunächst an ein paar Zellenblöcken vorbei, ehe man auf die Schreinerei zuläuft, an der sich eine Wendeschleife befindet. Von dort führt die Strecke zurück Richtung Start und Verpflegungsstand, dann weiter Richtung Fußballfeld und Turnhalle. Nach 24 Runden haben es die Läufer geschafft. Zwar hätten einige der externen Läufer zu Beginn noch ein mulmiges Gefühl gegenüber den Gefangenen, berichtet ein Insasse, aber auch das verfliege nach den ersten Runden. Schnell wird klar, dass es um Sport und das gemeinschaftliche Erleben geht. Dass man sich dabei in einem Gefängnis befindet, haben die meisten rasch vergessen – die Häftlinge ebenso. Für ein paar Stunden können sie ein Stück Freiheit genießen und dem Alltag entfliehen – nur Weglaufen geht nicht.

 

Zu verdanken ist der Marathon dem ehemaligen JVA-Leiter Wigbert Baulig, der die Veranstaltung vor rund zehn Jahren ins Leben rief. „Wir wollen die Fähigkeiten wecken, die in vielen Insassen stecken“, sagte er seinerzeit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dass das Projekt erfolgreich ist, belegen die Geschichten der Häftlinge. So gibt es Läufer, die in einem Jahr als Insassen, im nächsten Jahr als externe Läufer antreten. „Etwas Schöneres können wir uns nicht vorstellen“, so Baulig. Ein Verurteilter hatte sogar extra darum gebeten, in der JVA Darmstadt inhaftiert zu werden, um an dem Marathon teilnehmen zu können. Er habe aufgehört Zigaretten, Alkohol und Drogen zu konsumieren, um sich vollkommen auf den Sport zu fokussieren. Seit seiner Entlassung nimmt er jedes Jahr weiterhin teil. „Als Zeichen der Dankbarkeit“, berichtet er. „Das Projekt hat mein Leben verändert.“

 

Der nächste Knastmarathon startet am 21. Mai 2017. Infos unter www.sv-kiefer-darmstadt.de

Fotos: SV Kiefer Darmstadt

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