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"Ein falscher Schritt – und es ist aus"

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16/01/2018
 

Das ist die Härte: Laufen neben einem brodelnden Vulkan. 162 Kilometer. 10.000 Höhenmeter. Und dafür nur knapp drei Tage Zeit, bei unglaublicher Hitze am Tag und kaltem Regen in der Nacht. Das ist Grand Raid Réunion, einer der wildesten Ultraläufe der Welt.


Es ist finster auf La Réunion, der kleinen Insel im Indischen Ozean. Stockfinster. Die einzigen Lichtblicke hier im Ort Saint Pierre im Süden des Eilands sind rund 2000 Stirnlampen. Und die funkelnden Augen ihrer Träger, die nervös auf das Startsignal warten. Um Punkt Mitternacht geht es endlich los. Hinein in die Dunkelheit, auf eine ungewisse Reise. Die Stirnlampen-Träger, das sind die Teilnehmer des Grand Raids auf La Réunion, einem der härtesten Ultraläufe der Welt. 162 Kilometer Distanz, 10.000 Höhenmeter und maximal 64 Stunden Zeit – bei dieser Inselüberquerung von Süden nach Norden kommt nur die Hälfte aller Teilnehmer ins Ziel. Und nicht umsonst wird der Lauf auch als „Diagonale des fous“ bezeichnet – zu Deutsch: die diagonale der Verrückten.

Zwei mächtige Vulkane bestimmen das Panorama auf La Réunion. Foto: Jennifer Greatoutdoors

 

In den nächsten knapp drei Tagen erwartet die Läufer vor allem: Ungewissheit. Da wäre zum Beispiel die Natur, die auf La Réunion unberechenbar sein kann. Zwar ist die Insel, die zwischen Madagaskar und Mauritius liegt, mit einer Größe von knapp 2.503 Quadratkilometern ungefähr so groß wie das Saarland. Doch auch auf dieser kleinen Fläche gibt es verschiedenste Mikroklimata. Während an der Westküste ein trockenes Steppenklima herrscht, ist die Ostküste extrem regenreich. An keinem Ort der Welt fällt in kurzer Zeit so viel Regen wie auf La Réunion, 1952 und 2007 wurden jeweils Niederschlags-Weltrekorde gemessen. So können auch die Teilnehmer des Grand Raids von den Witterungen überrascht werden. Während sie tagsüber mit stehender Luft und 30 Grad Hitze zu kämpfen haben, peitschen nachts meist Unwetter über die Insel.

 

Da liegen die meisten Inselbewohner dann schon gemütlich in ihren Betten, der Regen prasselt gegen die Fenster – und die Läufer quälen sich über matschige Wege. Als wäre das Wetter nicht schon Herausforderung genug, tut die Strecke ihr Übriges. „Der Weg, der jetzt folgt, ist so ziemlich das Schlimmste, was ich je gesehen habe“, schreibt Läufer Bernie Conradt in seinem Erlebnisbericht. Gemeint ist ein extrem steiler Abstieg, der dadurch erschwert wird, dass die Wassermassen die Erde aufweichen und den kleinen Trampelpfad zur Rutschahn machen. „Ich schaue mich um und bekomme einen Eindruck von dem Gefälle. Ein falscher Schritt und es ist aus“, heißt es weiter. Doch es sind genau diese Herausforderungen, die die Extremsportler anziehen. Adrenalin, Kampfgeist, Überwindung – ohne diese Dreifaltigkeit erreicht niemand die Ziellinie.

Am Tage ist es unerträglich heiß, nachts hingegen toben oft Unwetter über die Insel. Und auch dann wird gelaufen. Foto: Flashsport

 

Außerdem bietet sich – wenn man die Augen dafür hat – ein atemraubendes Panorama. Entstanden ist La Réunion vor rund drei Millionen Jahren aufgrund vulkanischer Aktivität. Noch heute ist das Bild von den beiden Vulkanen – dem Piton des Neiges und dem Piton de la Fournaise – geprägt. Vor allem Letzterer ist bedeutend, denn er gilt als einer der aktivsten Vulkane der Welt. Letzte Eruption: Juli 2017. Immer wieder muss nach einem Ausbruch die Küstenstraße erneuert werden. Natürlich steht er unter ständiger Aufsicht, eine akute Gefahr für die Teilnehmer des Grand Raids besteht nicht. Ein besonderes Naturschauspiel ist es trotzdem, wenn man sich in das Lava-Land begibt. Und andererseits sind da die tropischen Urwälder und die exotischen Tier- und Pflanzenarten, von denen rund 800 nur auf La Réunion zu finden sind. Die Natur genießen – auch das ist möglich auf dem Grand Raid, hat man doch knapp drei Tage Zeit für den Ultralauf – kurze Schlafintervalle an Checkpoints inklusive. „Mit dem ersten Tageslicht erreiche ich den ersten Berg und werde überwältigt von der Aussicht und der Stimmung“, berichtet Teilnehmer Alexander Brennwald. „Solche Momente sind es, die mich in die Berge zurückkehren lassen und die Strapazen langer Läufe vergessen machen.“

 

Der Grand Raid, der jährlich im Oktober stattfindet, ist nichts für schwache Nerven. Und vor allem nichts für schwache Beine. Gestartet wird im Süden der Insel, in Saint Pierre. Das Ziel liegt in Saint Denis im Norden. Die Teilnehmer müssen auf der gesamten Strecke versorgt werden. 22.700 Liter Wasser, 14.000 Bananen oder 650 Kilogramm Äpfel – selbst die Organisation kommt einer Mammutaufgabe gleich. Da gibt es sogar einige Versorgungspunkte, die nur zu Fuß oder mit dem Hubschrauber zu erreichen sind. Oder eben auch gar nicht, denn laut Statistik kommt beim Grand Raid nur die Hälfte aller Teilnehmer ins Ziel. Bernie Conradt hat es bei seinem Versuch in 57 Stunden und 55 Minuten geschafft. Niemals, so sagt er, würde er noch einmal an den Start gehen. Glücklich darüber, dass er es gewagt hat, ist er trotzdem. Denn: „Das Leben ist in diesem Moment so intensiv wie selten.“

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