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Der 5649-Runden-Kreislauf

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23/01/2018
 

Der New Yorker Selbst-Transzendenz-Lauf ist der längste Straßenlauf der Welt. Wer hier bestehen will, der muss die Strecke von mehr als 118 Marathonläufen hintereinander zurücklegen können. 3100 Meilen, also fast 5000 Kilometer, laufen die Teilnehmer durch den Bezirk Queens. Dabei ist die Strecke nicht mal 900 Meter lang...


Selbst-Transzendenz-Lauf: Schon beim Klang des Namens lässt sich erahnen, dass es sich hierbei um mehr handelt als um bloßes Laufen. Selbst-Transzendenz ist ein Begriff der existenzanalytischen Anthropologie. Er beschreibt den Umstand, dass der Mensch sich allein nie genügt, sondern auf die Ergänzung durch andere Menschen angewiesen ist. Nur wer über seine vorgefassten Begrenzungen hinausgeht, könne wahre Freude und Zufriedenheit erlangen.

Die Ziellinie wird etwa alle zehn Minuten überquert beim kurzen Rundkurs – doch wirklich im Ziel ist man erst nach gut sieben Wochen. Foto: Gillespie

 

Entsprechend gestaltet sich der amerikanische Ausdauerlauf: Der Selbst-Transzendenz-Lauf ist ein Ausdauer-Event, das für viele jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögens liegt. Es ist der längste zertifizierte Straßenlauf der Welt. 3100 Meilen – fast 5000 Kilometer - müssen die Teilnehmer zurücklegen, um den Ultralauf zu vollenden. Um 3100 Meilen zurückzulegen, könnten die Athleten einmal von der Ostküste zur Westküste laufen - von New York nach Los Angeles, und von dort noch mal zurück nach Las Vegas. Das Kuriose beim Selbst-Transzendenz-Lauf: Die eigentliche Strecke des Laufevents ist nur etwa 883 Meter lang. Sie führt einmal um die Thomas A. Edin High School im New Yorker Bezirk Queens herum. Um die erforderliche Distanz zu erreichen, müssen die Athleten die High School genau 5649 Mal umrunden. 

Die Laufstrecke ist nur 883 Meter lang. Sie führt einmal um die Thomas A. Edin High School im New Yorker Bezirk Queens herum. Um die erforderliche Distanz zu erreichen, müssen die Athleten die High School genau 5649 Mal umrunden. Foto: Open Street Map

 

52 Tage haben die Athleten dafür maximal Zeit. Um rechtzeitig im Ziel anzugelangen, müssen die Läufer durchschnittlich täglich fast 100 Kilometer zurücklegen. Das entspricht der Entfernung zwischen Hamburg und Kiel. Von 6 Uhr morgens bis Mitternacht laufen die Sportler dabei im Kreis. Da bekommt der Begriff „Kreislauf-Kollaps“ eine ganz andere Bedeutung. Doch die kleine Strecke  ist bewusst gewählt: Nur auf einem solchen Rundkurs ist eine durchgehende Betreuung möglich. 

Der Begriff "Kreislaufprobleme" bekommt eine neue Bedeutung: Knapp 5000 Kilometer geht es auf einer 883 Meter langen Strecke immer im Kreis. Foto: Gillespie

 

Die Idee für den Selbst-Transzendenz-Lauf geht zurück auf den indischen Spirituellen Sri Chinmoy. Der spirituelle Lehrer und begeisterte Ausdauersportler war ein großer Befürworter der Selbst-Transzendenz und gründete unter anderem deshalb 1977 das Sri Chinmoy Marathon Team. Heute gehört die Truppe, mit fast 100 lokalen Marathon-Gruppen verteilt auf der ganzen Welt, zu den größten Ausdauerevent-Veranstaltern der Welt. Chinmoy selbst lief 22 Marathons und 5 Ultramarathons, ehe ihn eine Knieverletzung zum Aufhören zwang. 2007 verstarb er im Alter von 76 Jahren verstarb. Doch Chinmoys Idee der Selbst-Transzendenz lebt weiter. Das Sri Chinmoy Marathon Team veranstaltet auch in Deutschland mehrere Ausdauerevents, darunter die 6-Stunden-Läufe in Nürnberg und in München. Das kräftezehrendste Event im Veranstaltungskalender des Teams ist aber der New Yorker „Self-Transcendence 3100 Mile Run“.

Maximal 52 Tage Zeit haben die Teilnehmer für die Bewältigung der 3100 Meilen – am Zaun der umrundeten Highschool hängen die Zwischenstände. Foto: Sri Chinmoy Marathon Team

 

Der erste „Self-Transcendence 3100 Mile Run“ fand im Jahr 1997 statt. 2017 feierte das Rennen damit sein 20-jähriges Bestehen. Der Selbst-Transzendenz-Lauf gilt auch als der Mount Everest unter den Laufevents. Denn in 20 Jahren konnten nur 39 Teilnehmer den Lauf beenden. Einer davon ist der Schweizer Pushkar Christopher Müllauer. Der inzwischen 45-jährige Ultraläufer stellte 2012 einen neuen Schweizer Rekord auf. 48 Tage, 8 Stunden und 22 Minuten war er unterwegs, bis er die 3100 Meilen hinter sich gebracht hatte. „Ich habe erfahren, wie gut einem Selbst-Transzendenz tut. In uns liegt etwas Tieferes, das Schranken und Begrenzungen durchbrechen kann“, sagte Müllauer damals nach dem Rennen. „Diesen Lauf zu beenden war eine der schönsten Erfahrungen meines Lebens", so der Schweizer Ultraläufer, der als Produktionsleiter einer Züricher Lebensmittelfirma arbeitet.

 

Auch die äußeren Bedingungen haben es in sich: Der Lauf findet jährlich im New Yorker Hochsommer bei durchschnittlich 30 Grad Celsius und einer Luftfeuchtigkeit von 80 bis 95 Prozent statt. Um diese Bedingungen zu überstehen, müssen die Athleten täglich 7000 bis 10.000 Kilokalorien zu sich nehmen. 10.000 Kilokalorien – das entspricht der täglichen Ration von einem zwei Kilogramm schweren Schokoladen-Osterhasen oder fast 2,5 Kilogramm Dresdner Christstollen. Müllauer verlor während des Selbst-Transzendenz-Laufs fünf Kilo – obwohl er 10.000 Kilokalorien pro Tag zu sich nahm.

Damit man beim wochenlangen Dauerlauf nicht die Übersicht verliert, wer wann wieviel gelaufen ist, gibt es schön analoge Laufzettel. Foto: Gillespie

 

Und nicht nur das: Der Ultralauf bringt auch einen extremen Materialverschleiß mit sich. So wie die Teams während eines Formel-1-Rennens die Reifen des Rennboliden wechseln, wechseln die Läufer während des Laufs ihr Schuhwerk. Müllauer beispielsweise tauschte gleich zwölfmal die Schuhe während der 3100 Meilen. Keine Besonderheit beim Selbst-Transzendenz-Lauf – die meisten Sportler verschleißen während des Laufs zwischen zehn und zwölf Paar Schuhe.

 

Nur wer über seine vorgefassten Begrenzungen hinausgeht, kann wahre Freude und Zufriedenheit erlangen – so die Grundannahme der Selbsttranszendenz. Die Bezwinger des „Self-Transcendence 3100 Mile Run“ müssen die glücklichsten und zufriedensten Menschen der Welt sein.

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