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„...und plötzlich war er in Tschechien!“

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10/04/2018
 

Unglaublich, aber wahr: Wie ein japanischer Ultraläufer gleich zwei Mal während des längsten Ultratrail-Rennens Europas von der Polizei einkassiert wird – und jetzt zum dritten Mal beim Goldsteig Ultrarace starten will. GripWorld erzählt die filmreife Geschichte von einem der schönsten Ultraläufe der Welt.


Für Koji Dan könnte es nicht besser laufen. Trotz des schweren Gepäcks, dem anspruchsvollen Gelände und der nicht vorhandenen Ortskenntnis liegt der japanische Ultraläufer gut in der Zeit. Er wird es schaffen, mindestens für die Top Ten sollte es reichen. Koji Dan ist Teilnehmer des Goldsteig Ultrarace durch die Oberpfalz und den Bayerischen Wald, das mit 661 Kilometern, 19.000 Höhenmetern und einem Zeitlimit von acht Tagen das längste und härteste Non-stop-Ultra-Trail-Rennen Europas ist. Doch plötzlich der Schock: Polizisten sprechen ihn an. Tschechische Polizisten. Der Vorwurf: illegaler Grenzübertritt ohne Ausweispapiere. Die Maßnahme: erst mal ab in die Zelle. Nach einigen Verständigungsversuchen wird auch den Beamten klar, was passiert ist. Auf Höhe des Höllenbachtals ist der Japaner falsch abgebogen – und 50 Kilometer in die falsche Richtung gelaufen. Über die Grenze nach Tschechien.


Koji Dan, der Unglücksrabe vom Goldsteig Ultrarace: Hier bekommt er eine Medaille für bewältigte 625 Kilometer – immerhin. Foto: Goldsteig Ultrarace

 

Michael Frenz, Veranstalter des Ultra-Events, trifft die Nachricht wie ein Schock. Einen Teilnehmer im Nachbarland abholen? Aus einer Gefängniszelle? Das hat auch der erfahrene Event-Manager, der auch den "Hexenstieg Ultra" oder den 125 Kilometer langen „Real Kick“ in der Eifel veranstaltet, noch nicht erlebt. „Als ich dort ankam, war der Arme ganz betrübt“, erzählt er. „Da hat er nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gefragt: Bin ich jetzt disqualifiziert?“ War er natürlich nicht, ein wenig Zeit war noch vorhanden. Doch die Träume vom Zieleinlauf innerhalb des Limits mussten dann doch begraben werden. In Passau ging das ungewollte Abenteuer für den Japaner bei der zweiten Auflage des Goldsteig Ultrarace zu Ende.

 

Das war 2015, das Goldsteig Ultrarace galt noch als absoluter Neuling in der deutschen Ultra-Landschaft. Angefangen hatte es 2013 mit einem Kaffee. Frenz, der nebenbei auch einen Online-Shop für Laufsport-Equipment betreibt, war gerade dabei, sich in seinem Büro ein Heißgetränk zuzubereiten und trällerte gut gelaunt zur Musik im Radio. „I would walk 500 miles and i would walk 500 more...“ (zu Deutsch: "Ich würde 500 Meilen gehen und noch 500 Meilen mehr"), so drang es aus den Lautsprechern. Die schottische Band „The Proclaimers“ brachte ihn mit ihrem 1988er-Jahre-Hit „I’m gonna be (500 Miles)“ auf die Idee. „Wieso eigentlich nicht?“, dachte Frenz, selbst ein ambitionierter Ultraläufer. Sofort machte er sich an die Recherche. Fündig wurde er schnell. Der Goldsteig, mit seinen 660 Kilometern Deutschlands längster Wanderweg und ausgezeichnet mit dem Prädikatssiegel „Qualitätsweg Wanderbares Deutschland“, führt durch die Mittelgebirge Oberpfälzer Wald und Bayerischer Wald, über verschiedensten Untergrund, durch abwechslungsreiche Flora und Fauna, an Hochmooren vorbei, über Berge, Hügellandschaften und durch eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Europas. 500 Meilen (ca. 805 Kilometer) wurden es zwar nicht, aber für Frenz war die ambitionierte Ultra-Strecke „schon mal ausreichend.“ Per Facebook wurde die Idee dann in der Läufer-Gemeinschaft publik gemacht, die Resonanz war groß. Also organisierte Frenz ein Hotel, das als Basis diente, sorgte für Urkunden und Medaillen – und schon war ein neuer Ultra-Lauf in Deutschland geboren. „Das war alles noch ein bisschen semi-professionell“, erzählt der Initiator rückblickend. „Ohne offizielle Webseite, alles über Facebook. Aber als das dann los ging, habe ich direkt gemerkt, welch großes Potential da drin steckt.“ Von neunzig angemeldeten Teilnehmern kamen rund vierzig tatsächlich angereist. Fünf von ihnen liefen in acht Tagen 661 Kilometer bis ins Ziel. Und in diesem Jahr feiert die mittlerweile professionelle Laufveranstaltung ihr fünfjähriges Jubiläum.

Credit_Marco Felgenhauer

Foto: Marco Felgenhauer

 

Neben der Langdistanz gibt es auch eine Variante über 488 Kilometer (6 Tage-Limit; 15.700 Höhenmeter) und eine kurze Variante mit 166 Kilometern (2 Tage-Limit; 3.300 Höhenmeter). Mal führt der Weg über Straßen, Wander-oder Forstwege, mal über schmale, steinige Pfade, mal über verwurzelte Abschnitte. Die Regeln während des Rennens sind klar definiert: Die Teilnehmer sind für sich sowie für Verpflegung und Unterkunft selbst verantwortlich. Viele reisen mit Teampartnern an, die mit einem Bulli und genug Verpflegung hinterherfahren. Einige Hartgesottene schlagen sich komplett alleine durch. Ob aus Japan, Spanien, der Türkei oder Rumänien – diese Veranstaltung will sich kaum ein Ultra entgehen lassen. Für dieses Jahr (14.09.2018 – 22.09.2018) haben sich wieder zahlreiche Teilnehmer aus verschiedenen Nationen angemeldet. Die Mehrheit startet – wie üblich – auf der Langdistanz. Und auch die Gemeinden entlang des Goldsteigs nehmen an der Veranstaltung teil, bieten etwa Rabatte in Hotels und Herbergen an oder beteiligen sich an der Organisation. „Das ist ein hervorragendes Marketing für Ost-Bayern“, sagt Frenz. „Und viele kommen wieder zum Goldsteig, auch wenn gerade kein Rennen ansteht.“

Foto: Marco Felgenhauer

 

Und auch Grenzgänger Koji Dan kam zurück, buchte sich nur ein Jahr nach seiner filmreif vermasselten Premiere den nächsten Langstreckenflug, um endlich seine Mission zu erfüllen. Dieses Mal lief es noch besser als zu vor. Der Japaner behielt die Orientierung und war auf dem besten Wege, das Ziel "Top Ten" zu erreichen. 60 Kilometer vor dem Ziel, also nach 600 Kilometern, gönnte Dan sich eine letzte Pause und ließ sich auf einem nahegelegenen Feld nieder – Kraft tanken für den Schlussspurt. Doch plötzlich: Blaulicht, Sirenen, Streifenwagen – wieder wurde der Ultrasportler von der Polizei aufgegriffen. Sein Glück: Es war die deutsche Polizei, er hatte sich nicht verlaufen. Das Problem: Das Feld, auf das er sich niedergelassen hatte, war in Privatbesitz und vom Bauern mit einem stillen Alarm abgesichert. Das war nun wirklich keine schlimme Tat, auch für die Herren in Blau nicht, doch als sie den Japaner so sahen, seinen nach 600 Kilometern geschundenen Körper, hielten sie es für unverantwortlich, ihn weiterlaufen zu lassen. Wieder wurde Michael Frenz eingeschaltet – und der wollte natürlich nicht glauben, was er da hörte. „Koji Dan? Polizei? Das kann doch nicht wahr sein.“ Auch konnte Frenz die Polizisten nicht überzeugen, dass Dan als erfahrener Ultraläufer die letzten knapp 60 Kilometer noch schaffen würde und sein Plan, ihn heimlich an der nächsten Ecke wieder „freizulassen“, wurde von dem Kommissar natürlich durchschaut. Also wurde Dan zur Sicherheit von der Polizei ins nächste Dorf gefahren – und Frenz fuhr hinterher. „Das war dann wie ein Agentenaustausch“, erzählt Frenz heute. „Die Übergabe von Koji fand dann auf dem öffentlichen Markplatz statt – wie im Krimi.“ Doch für Dan war es zu spät, das Zeitlimit war überschritten. Immerhin: Für seinen dritten Versuch hat Frenz ihm schon eine kostenlose Teilnahme versprochen. Und für 2019 wird sogar die Strecke erweitert. Mit 1000 Kilometern wird das Goldsteig Ultrarace dann zum längsten Trail-Running-Event der Welt. Denn der Goldsteig-Wanderweg wird erweitert, der neue Abschnitt führt nach Tschechien. Gut für Koji Dan, denn dann kann er wenigstens legal einreisen.

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