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Wüste, Wüste, Wüste, Wüste

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27/04/2018
 

Was machen Ultraläufer, denen ein Ultralauf nicht genügt? Sie laufen vier Ultraläufe in einem Jahr. Beim Wettkampf „Racing The Planet“ müssen die vier spektakulärsten Wüsten der Erde durchquert werden – mit Temperaturunterschieden von bis zu 100 Grad.

 

Es ist eisig. Minus 30 Grad – und das in St. Moritz. Beziehungsweise natürlich hoch oben in den Bergen rund um den berühmten Wintersportort in den Schweizer Alpen. Anne-Marie Flammersfeld schleppt sich durch den Tiefschnee, mit schwerem Gepäck auf dem Rücken. 150 Kilometer spult die Personal-Trainerin so pro Woche ab. Abends heißt es dann: Sauna. Nicht zum Entspannen, nein, es geht auf den Fitness-Stepper. Den hat Flammersfeld sich extra in die Sauna gestellt. So simuliert die Extremläuferin außergewöhnliche Outdoor-Bedingungen: tagsüber Antarktis, abends Sahara.

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Seltener Anblick in der Atacama-Wüste, einer der trockensten Regionen der Welt: ein Wasserbecken. Foto: 4 Deserts Race Series

 

Das war Anfang 2012. Da trainierte Anne-Marie Flammersfeld für die Vier-Wüsten-Laufserie „Racing the Planet“. Eine unglaubliche Herausforderung, oder besser: die totale Tortur. Vier Ultraläufe in einem Jahr, vier Mal 250 Kilometer in jeweils sechs Etappen, vier Mal ein Kampf bis weit über die Schmerzgrenze – und immer durch unwegsames Wüstenterrain. Auch durch die größte Kältewüste der Welt, die Antarktis. Nur wer innerhalb eines Jahres bei allen vier Extremläufen die Ziellinie passiert, hat die Chance auf den Titel „4 Desert Champion“. Und den holte sich 2012 zum ersten Mal eine Frau: Anne-Marie Flammersfeld, Diplom-Sportwissenschaftlerin aus der Schweiz. Gleich bei ihrem Debüt bei der Vier-Wüsten-Serie war sie, alle Rennen zusammengerechnet, die Schnellste.

 

Doch allein schon alle vier Rennen bis zur Ziellinie durchzuhalten, das ist eine enorme Kraftanstrengung. Wer das schafft, wird immerhin Mitglied im Club der „Grand Slammers“, jener Läufer also, die alle vier Wüsten innerhalb eines Kalenderjahres gemeistert haben. Und es wird nicht nur gelaufen, es wird auch getragen. Equipment und Nahrung müssen die Läufer auf ihrem Rücken durch die Wüsten schleppen, nur Wasser und Zelte werden vom Veranstalter gestellt. Für die insgesamt 1000 Kilometer reisen die Teilnehmer in die lebensfeindlichsten – und laufunfreundlichsten – Gebiete der Erde. Ob über 50 Grad in Afrika oder zweistellige Minusgrade in der Antarktis, ob karge Trockenheit in Südamerika oder heftige Winde in Asien – bei dieser Serie sind viele Extreme vertreten. „Die Rennen sind hart und bitter anstrengend“, sagt Wüstenexperte und Extremläufer Rafael Fuchsgruber, der in Deutschlands als Repräsentant von „Racing the Planet“ fungiert. „Aber das gehört zu einer großen Liebe dazu.“ Und das sind die vier Rennen der Wüstenserie:

Sahara Race (Namibia)

Ob die Läufer diesen schönen Anblick des Nachtlagers noch genießen können? Bei den Etappen in der Namib-Wüste wird es bisweilen bis zu über 50 Grad Celsius heiß. Foto: 4 Deserts Race Series

 

Sahara Race

Start der Serie ist das Sahara Race. Genau genommen ist die Bezeichnung allerdings irrtümlich, denn nach politischen Unruhen im Gebiet der ägyptischen Sahara wurde das Rennen vorübergehend in die afrikanische Wüste Namib in Namibia verlegt. Die Bedingungen sind aber vergleichbar: Tagsüber werden hier bisweilen Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius gemessen, nachts kann es hingegen sogar frieren. Der „Ort, wo nichts ist“ – so die wörtliche Übersetzung von Namib – gilt als die älteste Wüste der Erde und beheimatet die mit 350 Metern Höhe wohl berühmteste und höchste Sanddüne der Erde. Hoch müssen die Teilnehmer zwar nicht laufen, aber einen Blick wert ist sie allemal. Doch auch ein "Ort, wo nichts ist“ bietet den Extremsportlern wahrlich unangenehme Hindernisse. Kirsten Althoff, Gewinnerin 2017, berichtet von unerträglich heißen Gegenwinden: „Meine Finger waren doppelt so dick wie jetzt, ich hatte leichte Kopfschmerzen und Angst zu dehydrieren“, berichtet sie. „Aber ich habe mich mental sehr frei gefühlt.“ Jedes Jahr im April startet die 4-Deserts-Serie in Afrika.

Sahara Race (Namibia)

Allein auf weitem Sand: Für ihre Mission sind die Teilnehmer oft auf sich allein gestellt. Fast schon meditativ wird ein Fuß vor den anderen gesetzt. Foto: 4 Deserts Race Series

 

Gobi March

Weiter geht es im Juli mit dem Rennen "Gobi March" in der mongolischen Wüstenlandschaft. Gobi gilt als windigste Wüste der Welt – und als eine der trockensten. Der Name, abgeleitet vom mongolischen „govi“, bedeutet auch „wasserloser Ort“. Mehr oder weniger rapide bergauf geht es beim Lauf, denn die Teilnehmer müssen Anstiege mit bis zu 3000 Metern Höhenunterschied erklimmen. Nicht selten kommt es vor, dass die Strecke aufgrund gefährlicher Witterungsbedingungen kurzfristig abgeändert werden muss. Doch das hält die Extremsportler natürlich nicht ab von ihrer Mission, die Sand-, Steppen- und Steinwüste zu durchqueren. Mit ein wenig Glück bieten sich Anblicke mit extremem Seltenheitswert, wenn zum Beispiel einer der nur noch in kleinster Population lebenden Schneeleoparden den Weg kreuzt. Auch der österreichische Filmemacher und Trekkingspezialist Bruno Baumann kennt die „große Wüste“, wie Marco Polo sie einst nannte. 2003 war er der erste Mensch, der die komplette Wüste im Alleingang durchquerte. „In der Wüste ist jeder Schritt ein Wettlauf zur nächsten Wasserstelle“, so Baumann. „Es geht um den Mut, seine Ideen, Visionen und Träume zu verwirklichen. Nicht immer zu sagen: Das kann ich nicht, das traue ich mir nicht zu.“

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Bis zu 3000 Meter hohe Anstiege müssen die Teilnehmer beim "Gobi March" erklimmen. Die Anstrengung steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Foto: 4 Deserts Race Series

 

Atacama Crossing

Auch bei der dritten Etappe, dem „Atacama Crossing“ in der chilenischen Atacama-Wüste, kommen die Läufer an ihre Grenzen. Ob die Kraft noch reicht? In der trockensten Gegend der Welt – an einigen Orten ist seit Beginn der Wetteraufzeichnung kein Regentropfen gefallen – wartet eine der abwechslungsreichsten Landschaften der Erde auf die Teilnehmer. Holprige Schotterebenen, hell schimmernde Salzflächen, Sanddünen, tiefste Schluchten und schroffe Berge. Vor allem auf den Salzebenen stoßen die Läufer an ihre Grenzen. „Knietief krachen die Beine in die scharfen Salzkrusten und reißen so manche Laufschuhe samt Gamaschen in Stücke“, berichtet ein Teilnehmer des Ultra-Events. Auch ist der Wind eines der größten Hindernisse. Stürme reißen die Zelte entzwei oder wirbeln das Equipment im Nachtlager durch die Luft. Doch derartige Szenen halten die Teilnehmer natürlich nicht von dem einmaligen Event ab. All das ist Teil des großen Abenteuers. Es geht darum, dabei zu sein, die Natur zu erleben und über sich selbst hinaus zu wachsen. Stefan Jung schied aufgrund einer Verletzung 2015 vorzeitig aus. Doch die Mission war nicht beendet: „Ich blieb bis zum Schluss in der Wüste und machte mir meine Gedanken, half an den Checkpoints, feuerte andere Läufer an. Auch wenn ich verletzt aufgeben musste: Das Atacama Crossing ist ein einzigartiges Abenteuer durch eine wunderschöne Landschaft.“

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Sand, Stein und Geröll – die Atacama in Chile bietet eine der vielfältigsten Wüstenlandschaften der Welt. Foto: 4 Deserts Race Series

 

The Last Desert

Das große Finale: „The Last Desert“, ausgetragen in der kältesten Wüste und größten Eiswüste der Welt – der Antarktis. Während bei allen anderen Rennen die Teilnehmerliste für alle – auch unabhängig von der 4-Desert-Serie – geöffnet ist, darf hier nur teilnehmen, wer mindestens zwei der anderen Wüstenläufe erfolgreich gemeistert hat. Denn diese Herausforderung am Ende der Welt ist besonders hart. Auch hier geht es wieder in sechs Etappen über die 250 Kilometer. Das Besondere: Die Teilnehmer schlafen auf einem Boot, das sie jeden Tag auf eine neue antarktische Insel bringt. Dort wird dann meist mehrmals ein Rundkurs gelaufen. Für eine Insel-Etappe benötigen die Läufer zwischen zehn und fünfzehn Stunden – bei rund minus 40 Grad. Neben imposanten Eisbergen ist vor allem die Tiervielfalt sehenswert. Ob Wale oder Robben, Kaiserpinguine oder Seeleoparden – solche Tiere bekommt man bei kaum einem anderen Ultralauf zu Gesicht. Und obendrein spenden nicht nur gewaltige Aussichten und exotische Tiere neue Energie, um die Mission zu überstehen. Der Amerikaner Brendan Funk, mit 20 Jahren der jüngste Teilnehmer, der alle vier Wüstenläufe in einem Jahr absolviert hat, plagte sich bei seinem Versuch mit kleinen Verletzungen herum. Doch er gab nicht auf. Und er weiß genau, warum er das geschafft hat: „Dieser magische Ort wäre bedeutungslos gewesen ohne die Menschen, mit denen ich sie geteilt habe.“

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