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Die Jagd nach der magischen Zwei

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27/09/2018
 

Der erste Marathon unter zwei Stunden – Sportler, Trainer und Fans fiebern auf diesen Moment hin. Und auch die Sportartikelhersteller – denn der Schuh soll maßgeblich Einfluss auf die Leistung nehmen. Aber ist es überhaupt menschlich möglich, die Zwei-Stunden-Marke zu unterbieten?


Am Ende hatte er sogar noch genügend Kraft, um einem Freund in die Arme zu springen. Und das nach dieser Leistung. In sagenhaften 2:01:39 Stunden war Eliud Kipchoge zu einem neuen Marathon-Rekord gelaufen. Ach was, gesprintet. Beim diesjährigen Wettkampf in Berlin im September hat der Kenianer Unglaubliches vollbracht. Jeden Kilometer der 42,195 Kilometer war er unter drei Minuten gelaufen, am Ende stand ein wahnsinniger Weltrekord.

 

Bis dahin galt Dennis Kimetto als König des Marathons. War er doch ebenfalls beim Berlin-Marathon 2014 zum Weltrekord gelaufen, seine seinerzeit sagenhafte Zeit von 2:02:57 Stunden hatte immerhin vier Jahre Bestand. Kimetto war damit der erste Mensch, der die Marathondistanz in weniger als 2:03 Stunden gelaufen ist. An seinen Füßen beim Rekordlauf 2014: Sportschuhe des Modells Adidas Adizero adios Boost mit Continental-Sohle – mit einem Gewicht von 230 Gramm. Nicht nur der Kenianer, sondern auch Adidas konnte sich in den folgenden Jahren mit dem Weltrekord rühmen. Und die Konkurrenz setzte seitdem alles daran, selbst einen Bestzeiten-Fußabdruck in der Geschichte des Marathons zu hinterlassen.

In sagenhaften 2:01:39 Stunden ist Eliud Kipchoge 2018 beim Berlin-Marathon zu einem neuen Rekord gelaufen. Foto: SCC EVENTS/camera 4

 

Vor allem bei Nike sah man sich unter Zugzwang. Vier Jahre lang hielt Kimetto, hielt Adidas, den Weltrekord. Beim berühmten Marathon-Lauf 2014 traten ebenfalls in Adidas-Sneakern an: der Zweitplatzierte der Männer, Emmanuel Mutai, sowie die beiden Erstplatzierten bei den Frauen, Tirfi Tsegaye und Fayse Tadese. Der schnellste Mann der Welt, Supersprinter Usain Bolt, steht unterdessen bei Puma unter Vertrag. Was die Superlative im Laufsport anbelangt – Nike hatte bisher das Nachsehen.

 

Für den Mai 2017 war daher auf der Rennstrecke in Monza der große Showdown geplant. Mit Eliud Kipchoge, der zu der Zeit eben noch nicht seinen fantastischen Berlin-Rekord gelaufen war. Nach monatelanger Vorarbeit und laut Medienangaben knapp 30 Millionen Dollar Ausgaben versammelten sich rund um den Kenianer Trainer, Physiotherapeuten und Wissenschaftler, um einem historischen Moment beizuwohnen. Kipchoge wollte die magische Zwei-Stunden-Marke brechen. Es wurden Schuhe entwickelt, die eigens auf die Rennstrecke und den Läufer abgestimmt waren. Beim Hersteller hört sich das wie folgt an: "Die Schuhe sind aerodynamisch optimiert und haben konstruktionstechnische Innovationen, etwa eine voluminösere Mittelsohle, die soft gedämpft ist und im Kern eine Karbon-Platte trägt, die das Abstoßverhalten begünstigen soll." Begünstigend sollte sich indes auch die Strecke in Italien auswirken, denn der extrem flache Rundkurs gilt auch in der Formel 1 als Hochgeschwindigkeitsstrecke. Für die bessere Aerodynamik liefen mehrere Tempomacher in Pfeilform vor Kipchoge, Windschatten war garantiert und wurde durch den vorwegfahrenden Tesla mit Leinwand noch erweitert. Die Pacemaker wechselten nach jeder 2,4 Kilometer langen Runde. Außerdem wurde die Ideallinie mit Laserstrahlen auf den Asphalt projiziert. Es war alles angerichtet. Jedoch: Schon vorher war klar, dass diese Rahmenbedingungen den Regularien des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF für einen offiziellen Marathon-Weltrekord widersprachen. Ein Eintrag in die Rekordbücher wäre also gar nicht möglich gewesen.

Berlin scheint ein gutes Pflaster für Laufrekorde zu sein – da sprintet sogar das Brandenburger Tor selbst mit. Foto: SCC EVENTS/camera 4

 

Dennoch: Kipchoge wollte unbedingt unter die magischen Zwei. Und Nike wollte einen Schuh promoten. Die Vorgabe: Jeder Kilometer muss 4,2 Sekunden schneller gelaufen werden, als es Konkurrent Kimetto bei seinem Weltrekord 2014 tat. Am 6. Mai 2017 ging es um 5:45 Uhr also auf den Rundkurs in Monza, bei zwölf Grad und Windstille. Kipchoge spulte souverän Kilometer für Kilometer ab – doch er scheiterte knapp. Mit 2:00:25 Stunden war er zwar deutlich schneller als Kimetto 2014, aber er war eben nicht schneller als zwei Stunden. Nike verpasste die Chance, eine Werbekampagne auf dem Schlagwort „Breaking2“ aufzubauen.

 

Überhaupt sind sich viele Experten – vor allem im Bereich der Sportschuh-Entwicklung – einig: Je weniger der Schuh wiegt, desto weniger Energie verbraucht der Läufer. Schon längst sind also auch die großen Player unter den Sportartikelherstellern darauf gekommen, dass die Weltrekord-Wettkämpfe nicht nur unter den Sportlern ausgetragen werden, sondern auch unter ihren Ausrüstern. Es werden Wissenschaftler, Biomechaniker und Produktdesigner angestellt – alles für den perfekten Schuh. Das große Ziel: den ersten Sportschuh zu entwickeln, mit dem die magische Zwei-Stunden-Marke unterboten wird. Denn welcher Hobbyläufer will nicht mit ein wenig Weltrekord-Feeling durch den heimischen Park laufen?


Dennis Kimetto 2014 bei seinem damaligen Weltrekord mit Adidas-Schuhen. Die Außensohle wurde bei Continental entwickelt und bietet überlegene Traktion. Foto: SCC EVENTS/PHOTORUN

 

In der Theorie heißt das: Je besser der Schuh, desto besser der Läufer. Natürlich bedarf es dann auf der Strecke noch einer großen Portion menschlichem Zutun. Konkret: Im Vergleich zu Kimettos Rekord von 2014 müsste die Leistung um 3,17 Prozent gesteigert werden. Von alleine läuft der Schuh dann doch nicht. Aber als Ausrüster will man seinen Beitrag leisten, will sich mit dem Prädikat schmücken können, den Schuh kreiert zu haben, mit dem als erstes die magischen zwei Stunden unterboten wurden. „Sub2“ heißt die Mission bei Adidas, „Breaking2“ bei Nike.

 

Dennoch bleibt die Frage: Ist es überhaupt möglich, unter regulären IAAF-Bedingungen einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen? Prof. Dr. med. Klaus-Michael Braumann ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, er betreute Schwimm- und Wasserballmannschaften bei Olympia sowie mehrere Fußball-Bundesligavereine – und er lief selbst Marathon. Seine Bestzeit: 2:40:48 Stunden. Braumann kennt sich aus – auf der Strecke und daneben. Viele Kilometer hat er schon abgespult, vielen Sportlern zu Höchstleistungen verholfen. Und er ist sich sicher: „Ich kann mir gut vorstellen, dass das durch ein noch ausgefeilteres und individualisiertes Training machbar ist. Man muss aber im Höchstleistungssport umdenken: weg von den pauschalen und genormten Trainingsinhalten, die leider in vielen Verbänden noch konventionell praktiziert werden, hin zu einer mehr individualisierten Trainingsvorgabe.“ Um die Zwei-Stunden-Marke zu knacken muss das Training individuell an die Sportler angepasst werden. Außerdem, so Braumann, kenne jeder Sportler diese Tage, an denen der Körper wie von selbst sein Maximum abruft und andere, an denen gar nichts läuft. Auf diese Tage müsse man gezielt hinarbeiten können, genau rausfinden, wann der Körper bereit für den großen Lauf ist. „Die Athleten müssen dazu aber die Signale des Körpers nicht nur verstehen, sondern auch umsetzen“, sagt Dr. Braumann. „Wenn man das schafft, dann kann das möglich sein. Aber natürlich müssen da viele Faktoren zu hundert Prozent stimmen.“ Dass die Zwei-Stunden-Marke geknackt wird, ist für den Sportmediziner nur noch eine Frage der Zeit.

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