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Im Tal der Glücklichen

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08/03/2019
 

Seit 2013 organisieren Mohamad und Lahcen Ahansal den „Trans Atlas Marathon“ in Marokko. Der Erfolg des extrem anspruchsvollen Laufwettbewerbs war vorprogrammiert – die Brüder gehören zu den besten Ultraläufern der Welt. Zusammen gezählt gewannen sie zum Beispiel den berühmt-berüchtigten Sahara-Lauf „Marathon des Sables“ sechzehn Mal. Im Interview mit GripWorld erzählt Mohamad Ahansal seine Geschichte…


Jedes Jahr lief Mohamad Ahansal los, damals, in seiner Jugend. Barfuß, ganz allein durch die Wüste. 160 Kilometer weit. Sein Ziel: Die marokkanische Stadt Zagora, Startpunkt des „Marathon des Sables“, dem berühmten mehrtägigen Ultralauf durch die Sahara. Doch Ahansal kam nicht als Teilnehmer, nein, er lief seinen ganz persönlichen Ultralauf. Drei Tage durch Sand und Hitze, nur, um beim Start des Sahara-Laufs dabei zu sein. Um seinen Idolen, den besten Läufern aus aller Welt, zujubeln zu können. Für eine Teilnahme war Ahansal, der in der Sahara bei Berber-Nomaden aufwuchs, noch zu jung.

 

Aus dem Sahara-Event wurde ein Lebenstraum der Brüder. Außerdem war klar: Als Nomaden wäre der Lauf ein Heimspiel für sie. Eines Tages war es dann soweit, zunächst aber nicht offiziell. Lahcen mischte sich heimlich unter das Teilnehmerfeld, hängte sich an die Spitzengruppe und konnte leichtfüßig mithalten. Zwar flog er auf und wurde gestoppt, doch legte er auch den Grundstein für eine unglaubliche Wüstenläuferkarriere. Denn der Veranstalter erkannte sein Talent – und sorgte mit Sponsoren dafür, dass Lahcen Ahansal im nächsten Jahr offiziell teilnehmen konnte. Auch Mohamad bekam schon bald die nötige Unterstützung, um das Startgeld aufzubringen. Als er bei seinem Premieren-Lauf an den Start ging, war er siebzehn Jahre alt. Er lief barfuß – und wurde Vierter. Was dann folgte, war außergewöhnlich: Mohamad gewann sechs, Lahcen zehn Mal den härtesten Etappenlauf der Welt. Zwischen 1997 und 2010 trug der Sieger immer diesen einen Namen: Ahansal. Mit 16:22:29 Stunden stellte Mohamad 1998 den Rekord für die schnellste Wüstendurchquerung aller Zeiten auf. Distanz: 221 Kilometer. Lahcen gelang ein anderes Kunststück: Zwischen 1999 und 2007 gewann er jedes Jahr, also neun Mal in Folge. Ein bis heute ungebrochener Rekord. In der Wüste wurden die zwei Nomadenläufer zu Legenden.

Sieht für Läufer verlockend aus, wenn die Beine schwer sind: eine Pause auf dem Packesel gefällig? Foto: Trans Atlas Marathon

 

Heute gehen es die Brüder ruhiger an, veranstalten Trainingscamps und Trekkingtouren in ihrer Heimat. Doch dem Ultralauf haben sie nie den Rücken gekehrt. 2013 riefen sie ihren eigenen Wettbewerb ins Leben, den „Trans Atlas Marathon“ in Marokko. Unterstützung bei der Umsetzung bekamen sie dabei sogar von höchster Stelle. „Ich habe persönlich die Genehmigung von König Mohammed VI. bekommen“, erzählt Ahansal im exklusiven Interview mit Continental GripWorld. „Das hat mich stark und glücklich gemacht.“ Heute ist der Wettbewerb einer der beliebtesten Läufe Afrikas.

 

Konzipiert ist der Lauf als klassisches Etappen-Rennen. 280 Kilometer werden in sechs Tagen absolviert, die Route führt aus der Wüste bis hinauf auf 3000 Meter ins Atlas-Gebirge, mit unberechenbaren Witterungsbedingungen – für Ultraläufer klingt das stets nach einem Angebot, das man nicht ablehnen kann. Jede Etappe ist zwischen 30 und 60 Kilometern lang, dabei werden rund 12.000 Höhenmeter überwunden. Equipment und Tagesrationen an Verpflegung müssen die Teilnehmer auf den Etappen selbst mitführen. Das Nachtlager wird stets bei einem der vielen Bergdörfer aufgeschlagen, Einheimische bereiten die Biwak-Zelte vor und warten mit traditionellen Gerichten auf die Gäste. „Das Besondere an dem Lauf ist, dass die Leute nicht nur laufen“, sagt Mohamad Ahansal, „Sie entdecken dazu die Kultur des Berber-Volkes, kommen direkt mit den Menschen in Kontakt und schlafen in ihren Dörfern im traditionellen Biwak.“ Für Ahansal ist der „Trans Atlas“ kein reines Sport-Event, sondern ein kultureller Austausch. Es geht um Traditionen, es geht um Gemeinschaft.

Ob sie später mal in Mohamad Ahansals Fußstapfen treten werden? Die Dorfjugend wartet auf ihre Idole. Für sie ist der „Trans Atlas“ stets ein Highlight. Foto: Trans Atlas Marathon

 

Nach der Ankunft in Marrakesch und einer Übernachtung in der Stadt geht es in der diesjährigen Ausgabe (startet am 7. Juni) per Shuttle in das rund 180 Kilometer entfernte Berber-Dorf Agouti, das in einem Hochtal auf 1800 Metern Höhe liegt. „Vallée des heureuses“ nennen die Menschen das Tal – das "Tal der Glücklichen". Die Dorfgemeinschaft wird schon warten, Essen wird gereicht, es wird geplaudert, Kinder jubeln. Hier ertönt am nächsten Tag der Startschuss. Wie das Wetter wird? Das ist bestimmt auch dann wieder eine der großen Fragen.

 

Denn ob Hitze in der Wüste oder Schnee im Gebirge – beim noch jungen „Trans Atlas“ ist alles möglich. Erst im letzten Jahr sahen sich die Läufer historischen Rahmenbedingungen ausgesetzt. Denn in der Region gab es so viel Schnee und Matsch wie seit fünfzig Jahren nicht mehr. Für die Läufer natürlich zunächst ein Schock, hatten sie sich doch aufgrund der Bilder aus dem Vorjahr auf sommerliche Temperaturen eingestellt. Doch aus dem Schock wurde – natürlich –  Kampfgeist. Und auch bei Schnee bietet die Natur einen außergewöhnlichen Anblick.

 

Für die Ahansals bedeutet das eine logistische Mammut-Aufgabe. Denn die Route – jedes Jahr eine neue – wird von den erfahrenen Wüstenläufern selbst ausgesucht. „Wir arbeiten den ganzen Sommer an der Route für das nächste Jahr“, erzählt Mohamad Ahansal. „Mittlerweile finden wir immer zwei Lösungen, damit wir bei schlechtem Wetter schnell neu planen können.“ Etliche Kilometer müssen die Veranstalter dafür zurücklegen. 2018 hat sich das ausgezahlt. Obwohl selbst die Alternativroute angepasst und um zwei Kilometer gekürzt werden musste, denn derart schlechtes Wetter hatte keiner erwartet. Doch für Ahansal ist auch das Wetter nur eine Nebensache. „Wir laufen in der schönen Landschaft des Atlas-Gebirges, die Atmosphäre ist großartig, abends hören wir Musik, tanzen und haben einfach Spaß“, berichtet er. Ihm selbst geht es darum, den Menschen in seiner Heimat etwas zurückzugeben – denn hier wurde er zu seinem der besten Wüstenläufer der Welt. „Das schönste Erlebnis ist, wenn wir an Dörfern und Schulen vorbeilaufen“, sagt er. „Kinder und Jugendliche sehen uns und fangen an mitzulaufen.“ Viel Talent habe er so schon entdecken und in seinen Trainingscamps ausbilden können. Für Ahansal schließt sich damit der Kreis: „Genau so hat meine Geschichte auch begonnen.“

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