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Reif für die Insel

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03/05/2019
 

Immer im Kreis laufen, und dabei fünf Mal den berüchtigten „Düsenjäger“ hochhetzen: Der Helgoland-Marathon mag rustikal-romantisch wirken, ist aber eine echte Herausforderung. Schon wegen des Wetters: Auf Deutschlands einziger Hochseeinsel weht eigentlich immer eine besonders steife Brise.


Der „Düsenjäger“ – so nennt der Helgoländer Volksmund den Weg vom Unter- ins Oberland der Insel. Dieser Weg ist nicht lang – dafür aber steil. Sehr steil. Natürlich gibt es auch einen Fahrstuhl, der vor allem die Touristen der Nordsee-Insel geschmeidig befördert. Auch Treppen sind vorhanden, für die etwas Sportlicheren. Aber den „Düsenjäger“, den läuft kaum jemand. An 364 Tagen im Jahr sieht man nur wenige Spaziergänger auf dem Anstieg, der eigentlich ganz harmlos Millstätter Weg heißt. An einem Tag aber ist alles anders – jetzt am 11. Mai das nächste Mal. Dann wird der Helgoland-Marathon veranstaltet, und die Strecke führt auch den „Düsenjäger“ hinauf. Nicht einmal, nicht zwei Mal, gleich fünf Mal müssen die Teilnehmer hinaufhetzen.

 

Helgoland, Deutschlands einzige Hochseeinsel, liegt in der Nordsee – und sie ist mit insgesamt 4,2 Quadratkilometern und rund 1500 Einwohnern nicht groß. Vor allem eigentlich nicht groß genug, um einen Marathon zu organisieren. Außerdem bezieht sich die Größenangabe auf beide Inselteile – die Hauptinsel und die einen Kilometer entfernte Nebeninsel „Düne“, die als Badeinsel genutzt wird. Abzüglich der mitgerechneten Meeresflächen bleibt eine Fläche von 1,2 Quadratkilometern für die Hauptinsel – und dennoch gibt es einen Marathon, jedes Jahr, seit 1998. Und weil es nur ein sehr überschaubares Wegenetz gibt, läuft man die wenigen Wege eben mehrfach, um auf die offizielle Marathon-Distanz von 42,195 Kilometer zu kommen. „Einen Marathon auf Helgoland zu organisieren, ist in etwa damit zu vergleichen, einen 100-Meter-Lauf auf einem Bierdeckel zu laufen“, sagte einmal ein früherer Bürgermeister Helgolands. Aber es geht. Der Rundkurs beträgt dabei 8,4 Kilometer, 195 Meter kommen am Start hinzu. Und fünf Mal der berüchtigte „Düsenjäger“, der zwar nur 200 Meter lang bzw. kurz ist, dafür aber eine Steigung von stolzen 40 Prozent aufweist. Zum Vergleich: Die härteste Etappe bei der Tour de France 2018 hatte zwischenzeitlich eine Steigung von nur gut 11 Prozent.

Verlockende Aussicht: Gut, dass die Marathoni über Nacht bleiben. So ist der Sprung ins strahlend blaue Meer am nächsten Morgen nur noch Formsache. Foto: Zastrow

 

Doch das ist nur die härteste Passage. Wer erstmal oben angekommen ist – ob laufend, gehend oder kriechend – auf den wartet die johlende Menge. Und der wohl schönste Streckenabschnitt, der Klippenrandweg im Oberland, der die Läufer bis zur „Langen Anna“ führt, ein rund fünfzig Meter hoher, sehr schmaler Felsen – und Helgolands Wahrzeichen. Hier gibt es Nordsee pur. Weitsicht übers Meer, vorbei an grünen Wiesen, umgeben von einer sanften Brise, Ausblick auf den Leuchtturm, auf die vielen im Felsen brütenden Seevögel. Oder eben auch nicht. Denn wer im Mai zum Marathon auf die Nordseeinsel kommt, der sollte lieber kein typisches Mai-Wetter erwarten. Kann es zwar geben, es kann aber auch ganz anders kommen. Grauer Himmel, viel Regen, Gegenwindböen – normales Wetter auf Helgoland.

 

Wobei: Mal eben kurz nach Helgoland fahren, einen Marathon laufen, und wieder zurück – das könnte schon aufgrund der Fährverbindungen schwierig werden. Wer auf Helgoland Marathon läuft, der bleibt auch auf Helgoland – mindestens für eine Nacht. Und dann bleibt eben doch Zeit für ein bisschen Urlaub. Am nächsten Tag aber sollte die Zeit genutzt werden. Ein Mittagessen in einer der bunten Hummerbuden am Hafen sollte man sich ebenso wenig entgehen lassen wie einen Einkaufsbummel – denn auf Helgoland kann zollfrei eingekauft werden. Auch ein Besuch der alten Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg ist interessant. Ob Sonnenuntergang an der „Langen Anna“ bei wunderbarer Aussicht, seltene Vögel wie Basstölpel oder Trottellummen am roten Felsen oder ruhende Seehunde auf dem Sandstrand der „Düne“ – ohne diese Eindrücke sollte keiner das Eiland verlassen.

 

Dazu kommt: Am Abend nach dem Marathon versammeln sich alle rund 200 Teilnehmer plus Gäste des Wettkampfs in der Nordseehalle zur After-Show-Party. In Berlin, New York oder Kapstadt wäre das undenkbar. Bei zehntausenden Teilnehmern bleibt es am Ende dann doch anonym. Hier nicht. Auf Helgoland lässt man den Marathon gemeinsam Revue passieren, hier werden Laufanekdoten ausgetauscht, neue Bekanntschaften geknüpft, gemeinsame Pläne geschmiedet. Und wer noch Power hat, tanzt und singt zur Live-Musik – oder legt eben noch eine Extra-Schicht ein, ganz allein, bei Nacht, und rennt ihn nochmal hoch, ein letztes Mal, den Düsenjäger.

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