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Flotte Sohle

Interviews

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14/02/2017
 

Konstantin Efimov ist Reifenentwickler – und Weltrekordmacher. Denn sein Arbeitgeber Continental produziert nicht nur Reifen, sondern in Kooperation mit Adidas auch Sohlen für Sportschuhe. Im Interview mit ContiGripWorld erklärt der Chemiker, wie er Marathonläufer schneller macht – und wo er das geheime Rezept für die Hightech-Sohlen aufbewahrt.


ContiGripWorld: Herr Efimov, Sie sind Chemiker und von Haus aus Reifenentwickler. Hätten Sie während Ihres Studiums gedacht, dass Sie mal Schuhe entwickeln, mit denen die weltbesten Läufer zu neuen Weltrekorden laufen?

Konstantin Efimov: Nein, das konnte ich nicht ahnen. Umso schöner, dass es so gekommen ist. Allerdings wusste ich, als ich bei Continental unterschrieb, dass es nicht bei Reifen bleiben würde. Man suchte damals einen Materialentwickler für Reifen und Sportschuhe. Die Kooperation mit Adidas war schon beschlossene Sache, steckte aber noch in den Kinderschuhen. Diese Herausforderung war natürlich sehr interessant für mich. Ich kam direkt von der Universität, hatte gerade promoviert – und fand mich mitten in einem der spannendsten Projekte der Branche wieder. Ich hatte zwar auch andere Angebote, doch es war klar: Ich wollte zu Continental. Wegen der Reifen, natürlich, aber auch wegen der Schuhe.

Dr. Konstantin Efimov ist Diplom-Chemiker und verantwortlich für die Materialentwicklung für Reifen und Sportschuh-Sohlen bei Continental.

 

ContiGripWorld: Berühmte Langstreckenläufer wie die Kenianer Patrick Makau und Wilson Kipsang oder Haile Gebrselassie aus Äthiopien konnten auf Conti-Sohlen große Erfolge feiern, bei Marathonläufen zum Beispiel in Tokio, London, Berlin oder Hannover sind Weltrekorde und Streckenbestzeiten gebrochen worden. Darf man Sie als Weltrekord-Macher bezeichnen?


Efimov: Na ja, das ist vielleicht etwas hoch gegriffen. Aber natürlich haben wir bei Continental unseren Anteil daran. Mich fasziniert, dass wir über den Sport ein unmittelbares Feedback zu unseren Produkten bekommen. Bei Reifen achtet man eher auf die Testergebnisse von Automobilzeitschriften oder vom ADAC. Doch ein Weltrekord bei einem Marathon, der mit Schuhen aus der Adidas-Continental-Kooperation erzielt wurde, ist eben auch eine schöne Bestätigung für die Arbeit eines Chemikers. Testergebnisse sind wichtig, aber ein solch subjektives, positives Feedback ist auch toll. Reifenkunden rufen ja eher selten bei uns an, um uns zur gelungenen Gummimischung für einen Winterreifen zu gratulieren. (lacht) Sportler aber loben den Grip ihrer Schuhe, das hören wir natürlich gerne.


ContiGripWorld: Hatten Sie anfangs Befürchtungen, dass Sportler bei schlechten Leistungen die Schuhe verantwortlich machen würden?


Efimov: Ja, am Anfang gab es solche Gedanken tatsächlich. Wir hatten ja keine Erfahrungen mit Laufschuhen. Wir haben quasi bei Null angefangen – obwohl wir natürlich auf umfangreichstes Knowhow in Sachen Gummimischungen bei Reifen zurückgreifen konnten. Deswegen ist Adidas ja auch auf uns zu gekommen. Doch natürlich unterscheidet sich der Entwurf einer Laufschuh-Sohle dann doch von der Entwicklung eines Reifens. Und klar, keiner hätte gerne gehört, dass sich ein Läufer hinter der Ziellinie über seine neuen Schuhe beklagt. Zum Glück ist das nie vorgekommen. Im Gegenteil, alle loben den Grip.

 

ContiGripWorld: Anfangs haben Kritiker vermutet, es handele sich bei der Kooperation zwischen dem Sportartikelhersteller Adidas und dem Automobil-Unternehmen Continental nur um einen Marketing-Gag…


Efimov: Ja, aber nicht lange. Die Vorteile, die unsere Schuhe bieten, sind messbar und objektiv. Der Schlupf zum Beispiel ist im Vergleich zu herkömmlichen Sohlen deutlich geringer, der Läufer rutscht pro Schritt ein bis zwei Millimeter weniger.


ContiGripWorld: Das klingt erst einmal nach nicht viel.


Efimov: Auf einen Marathon gerechnet kommt da doch einiges zusammen. Ein Marathonläufer benötigt ungefähr 35.000 Schritte vom Start zur Ziellinie. Das sind, wenn man so will, 35.000 einzelne Beschleunigungsvorgänge. Wenn er bei jedem Laufschritt, bei jedem Wegdrücken vom Untergrund, einen bis zwei Millimeter weniger nach hinten rutscht, dann gewinnt er am Ende 35 bis 70 Meter an Boden.


ContiGripWorld: Schlupf und Grip – die Begriffe kennt man aus der Reifenbranche. Worin unterscheidet sich denn nun die Sohle eines Conti-Sportschuhes von der Lauffläche eines Reifens?


Efimov: Wir haben dafür verschiedene Rezepturen – weil die Anforderungen unterschiedlich sind. Natürlich basieren beide Gummimischungen auf den gleichen Basis-Zutaten, etwa Polymere und Füllstoffe. Doch bei Reifen kommen viele Stoffe zum Einsatz, die für Laufschuhe nicht denkbar sind. Laufschuhe dürfen zum Beispiel keinen Abrieb zeigen, wenn Sie damit in einer Sporthalle oder auf dem Fliesenboden in der heimischen Küche unterwegs sind. Es könnte auch sein, dass ein Kleinkind oder ein Haustier mit Mamas im Flur abgestellten Joggingschuhen spielt. Deshalb gelten für Laufschuhe höchste Anforderungen hinsichtlich der Inhaltsstoffe, ähnlich wie bei Kinderspielzeug. Schuhe dürfen zum Beispiel auch nicht nach Gummi riechen. Bei Reifen hingegen gehört das dazu, da ist das fast ein Qualitätsmerkmal.

 

ContiGripWorld: Blicken wir zurück auf die Anfänge des Laufschuh-Projekts: Standen Sie im Labor und fingen an, mal auszuprobieren? Wie ein Koch, der ein neues Rezept kreiert?


Efimov: So in etwa. Wobei wir natürlich weitreichende Erfahrungen hatten, wie man zum Beispiel Grip auch auf nassem Untergrund erzeugen kann. Wir haben angefangen auf Basis einer Gummimischung für Motorradreifen. Das Ergebnis war schon gut, zu gut eigentlich. Die Schuhe hatten einen Grip, da hätte man Wände mit hochlaufen können. Das war Adidas noch zu viel, es fehlte die sogenannte rotative Freiheit. Beim Geradeauslaufen wäre sehr viel Grip kein Problem. Doch bei Kurven, bei plötzlichen Richtungswechseln muss ein Schuh Flexibilität bieten. Nach und nach haben wir dann die optimale Rezeptur entwickelt.


ContiGripWorld: Was unterscheidet eine Continental-Sohle von herkömmlichen Sportschuhsohlen?


Efimov: Bei normalen Schuhsohlen ist meist die einzige echte Anforderung, dass sie kostenoptimiert herzustellen sein müssen und nicht zu viel Abrieb leisten. Bei uns spielte der Preis aber erst einmal keine große Rolle. So konnten wir dann Sohlen entwickeln, die bis zu 30 Prozent mehr Grip und echte Vorteile beim Laufen bieten. Damit entspricht die Leistung der Schuhsohlen der von echten Ultra-Performace-Reifen für Sportwagen.


ContiGripWorld: Wo bewahren Sie das Mischungsrezept eigentlich auf? Im Tresor, so wie bei Coca-Cola?


Efimov: Nein, einen Tresor haben wir dafür nicht. Wir haben eine Datenbank, in der das Rezept hinterlegt ist. Der Zugang dazu ist natürlich gut gesichert. Übrigens weiß man auch bei Adidas nicht, wie die Gummimischung genau zusammengesetzt ist. Das ist unser Geheimnis.


ContiGripWorld: Autofahrer rüsten gerade wieder auf Winterreifen um. Gibt es bei Laufschuhen auch Sommer- und Wintersohlen?


Efimov: Wir haben tatsächlich ein Produkt entwickelt, das besonders für den Wintereinsatz geeignet ist. Viele Läufer sind eben auch bei kalten Temperaturen unterwegs, und ähnlich wie bei Reifen reagiert auch die Gummimischung von Laufschuhsohlen auf Temperaturen. Die Entscheidung, ob es Schuhe mit Wintersohlen geben wird, liegt aber nicht bei uns. Das ist das Hoheitsgebiet von Adidas, die wissen am besten, ob ein solches Produkt am Markt eine Chance hätte.


ContiGripWorld: Wo werden neue Schuh-Prototypen getestet? Müssen Ihre Testläufer durch die Steilkurven am Automobil-Testzentrum Contidrom joggen?


Efimov: Nein, wir testen nicht selbst. Autos fahren ja vor allem auf Asphalt, Läufer aber bewegen sich auf Beton, Fliesen, Waldboden, Gras… Adidas hat dafür Testeinrichtungen. Aber der Gedanke amüsiert mich: Marathonläufer, die durchs Contidrom laufen… Vielleicht sollten wir mal über einen Wettkampf dort nachdenken. (lacht)

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