Produkte für PKW / Van / 4x4

New content item

Warum Achim Achilles mit Ivanka Trump laufen möchte…

Interviews

Print
 
13/07/2017
 

Hajo Schumacher lebt zwei Leben: Eines als politischer Journalist, eines als Läufer mit dem Pseudonym Achim Achilles. Im Interview mit GripWorld erklärt er, was man beim Laufen übers Leben lernt, wieso Politiker sich gerne beim Laufen zeigen – und warum Donald Trump eher spazieren gehen sollte.


GripWorld: Herr Schumacher, Sie sind politischer Journalist, waren einige Jahre Spiegel-Korrespondent in Berlin – und Sie schreiben als Achim Achilles übers Laufen. Was dachten Sie, als vor ein paar Wochen die Bilder des britischen Außenministers Boris Johnson um die Welt gingen, beim Laufen in seltsam-bunten Hawaiishorts und mit einem roten Strickmützchen auf dem Kopf?

Hajo Schumacher: Politiker beim Laufen, das hat ja Tradition. Wir haben seinerzeit die amerikanischen Präsidenten Bill Clinton und George Bush so gesehen, wir haben den früheren französischen Präsidenten Sarkozy beim Laufen erlebt. Und natürlich unseren damaligen Außenminister Joschka Fischer, die Mutter aller politischen Marathonläufer. Allerdings driftete das Ganze nach Fischer irgendwann in eine satirische, ja fast bizarre Richtung ab. Wir erinnern uns an Philipp Rößler – die Älteren wissen noch, das war mal ein Wirtschaftsminister im Dienste der FDP. Als der in San Francisco joggte, weil er seine unglaubliche Silicon-Valley-Dynamik beweisen wollte, gab es ganz viele gehässige Kommentare. Und Boris Johnson… Der setzt noch einen drauf, der hat das Politiker-Laufen nun endgültig in Verruf gebracht. Da möchte man sich als Läufer doch gerne distanzieren. Natürlich, wir sind Sportkameraden, man ist im Prinzip offen und tolerant und freut sich über jeden, der mitmacht. Aber Boris Johnson ist doch eher der Nordic-Walking- oder E-Bike-Typ. Der hat in Laufschuhen nichts zu suchen, weil er offenbar nichts ernst nimmt. Laufen ist nun mal eine todernste Angelegenheit.

Achim_Achilles

Dr. Hajo Schumacher war zehn Jahre Spiegel-Redakteur, bevor er sich als Autor selbständig machte. Heute schreibt er unter dem Pseudonym Achim Achilles Bücher über das Laufen. Außerdem ist er gern gesehener Gast in politischen TV-Talkshows. 2006 verfasste er seine Dissertation zum Thema "Machtphysik. Führungsstrategien der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel". Foto: privat

 

GripWorld: Jüngst waren auch Lauf-Bilder des kanadischen Premierministers Justin Trudeau zu sehen. Der macht dabei allerdings eine ganz gute Figur…

Schumacher: Trudeau ist einer der ganz wenigen im Politzirkus, die sich mit Stil und Eleganz bewegen. Der kann auch an einer Silberstange bestehen und wird trotzdem gewählt. Trudeau kann ja sowieso übers Wasser laufen. Wie Martin Schulz, nur deutlich länger.


GripWorld: Trudeau hat allerdings immer seinen Hoffotografen mit an der Seite. Der macht dann schöne Fotos, wie der Premier Passanten überrascht und Schülergruppen zuwinkt. Laufen scheint bei Politikern ein beliebtes Mittel der Selbstpräsentation zu sein.

Schumacher: Absolut. Aber man muss genau darauf achten, wer der Absender der Botschaft ist. Und wie glaubwürdig das herüberkommt. Bei Trudeau denkt man: Klar, das passt, der boxt und macht Yoga, von Grund auf ein sehniger Typ. Das kann man jetzt von Boris Johnson nicht sagen, der ein reines Mediengeschöpf ist und alles anstellt, nur um in die Zeitung zu kommen. Trudeau hingegen würde auch laufen, wenn er Sparkassenangestellter wäre. Das ist zumindest das Bild, das er abgibt.

 

GripWorld: Wie lautet die Botschaft hinter dem Bild?

Schumacher: Die Botschaft dahinter lautet: Ich tu' was für mich, um dann etwas für andere zu tun. Ich bin kein Meckerer, Anspruchssteller und Service-Erwarter auf der Couch, sondern packe an, ausdauernd, selbstbestimmt und bin dabei gut drauf. Ich bin diszipliniert und kann mit Problemen umgehen, wenn die Luft mal knapp wird. Ein laufender Politiker sendet viele Botschaften aus, die in unserer selbstoptimierten, selbstdarstellenden Facebook-Gesellschaft wahnsinnig gut ankommen. Ein Bild sagt mitunter viel mehr als Worte. Das gilt nicht nur für Politiker, sondern auch für den Normalbürger, der Jogging-Selfies postet. Ich zeige meinen Nachbarn, meinen Kollegen, meiner Familie, was für ein unfassbar toller Typ ich bin, sportlich und charakterlich. Wer läuft, der muss ja zum Beispiel mindestens eine halbe Stunde früher aufstehen. Disziplin! Und dann die eng anliegenden Klamotten. Mut! Okay, Selbstbild und Fremdbild klaffen da bisweilen etwas auseinander. Man selbst denkt in Sportklamotten immer: "Eigentlich geht‘s". Die Leute aber, an denen man vorbeiläuft, die sagen hingegen: "Hätte er lieber mal was Luftigeres angezogen".

 

GripWorld: Sie haben zum Thema Machtphysik und Merkel promoviert. Sie waren Spiegel-Korrespondent. Würden Sie Politikern raten, öfter mal die Sportschuhe zu schnüren?

Schumacher: Ja, weil sie dann aus ihrer Filterblase herauskommen. Das ist ein politisches Phänomen, das in Berlin, Washington, Paris oder London sehr ähnlich ist. Da schaut jeder nur, was die Presse über sie oder ihn schreibt, was die Konkurrenz abends in den Talkshows von sich gibt und wie man mal wieder eine schöne Intrige anzetteln könnte. Laufen ist eine Begegnung mit der Realität, vor allem, wenn die Route durch Stadtviertel führt, die im Parteiprogramm nicht vorkommen. Oder man geht an die frische Luft, ohne Smartphone, ohne Mitarbeiter, am besten in den Wald. Grün ist, das hat die Ethnopsychologie herausgefunden, eine Art Urvertrauensfarbe, die schon beim Jäger und Sammler für Frische, Kraft, Schutz, Nahrung, Zuhause stand. Heute bedeutet das: Seele baumeln lassen, sich sicher fühlen, was für den Körper tun, Stress abbauen – ein Kurzurlaub eben. Egal ob Merkel, Schulz, Kubicki oder Seehofer – Laufen täte jedem gut. Macht nur fast keiner. Oft kommt das Argument: keine Zeit. Aber innerhalb von 30 Sekunden auf jeden Facebook-Post antworten und jeden Dreck im TV gesehen haben. Die Menschen haben nicht ein Zeit-, sondern ein Prioritätenproblem.


GripWorld: Wäre denn der G7-Gipfel kürzlich erfolgreicher verlaufen, wenn Donald Trump und Angela Merkel mal eine Runde durchs italienische Olivenwäldchen gejoggt wären?

Schumacher: Wer weiß? Sicher ist, wenn die beiden losgelaufen wären, dann hätten sie aufgrund mangelnden Trainings vermutlich keine Luft gehabt, um viel zu reden. Der Gedanke des gemeinsamen Draußenseins ist aber richtig. Wir kennen das von Helmut Kohl, aber auch von Rudolf Augstein, dem alten Spiegel-Herausgeber, und auch von Franz Josef Strauß. Die sind alle gerne, auch mit Widersachern, im Wald spazieren gegangen. Das ist quasi eine Vorform des Laufens. Wer gemeinsam im Grünen ist, der bildet automatisch eine Gemeinschaft auf Zeit, teilt den Schokoriegel, den Apfel, passt das Tempo an. So eine gemeinsame Abgeschiedenheit auf Zeit und ohne Kameras führt zusammen, löst eingefahrene Rollenmuster, reduziert den Darstellungsdruck. Manche Therapeuten raten Paaren in der Krise, gemeinsam drei Mal die Woche spazieren gehen. Da fängt man automatisch an, miteinander zu reden.

Unter dem Namen Achim Achilles schreibt Hajo Schumacher seit mehr als zehn Jahren eine Kolumne übers Laufen bei Spiegel Online. Sein aktuelles Buch heißt "Sehnen lügen nicht" (Heyne Verlag).

 

GripWorld: Wobei Trump vermutlich gar nicht so viel spazieren kann wie nötig wäre, um alle seine Probleme zu lösen…

Schumacher: Aber es wäre ein Anfang: raus aus der Kunstwelt mit Blattgold und Bling-Bling. Rein in den Schoß von Mutter Natur, abseits der Künstlichkeit von floridanischen Golfplätzen.


GripWorld: Sind Sie selbst mal mit Politikern gelaufen? Kann das der Wahrheitsfindung dienen?

Schumacher: Ja, ich bin mit Politikern gelaufen. Die Erlebnisse und damit auch Ergebnisse waren sehr unterschiedlich. Manche werden beim Laufen unheimlich privat, das kommt fast von allein, denn: Es ist schwer, sich beim Laufen zu siezen. Kurze Hosen und bunte Leibchen konterkarieren das Krawatten-und Limousinen-Berlin aufs Allersozialistischste. Manche bekommen das Gefühl, sie könnten sich mal so richtig freiquatschen. Sehr spannend. Es gilt natürlich beim Laufen wie beim Hintergrundgespräch: Vertraulichkeit. Mein erster politischer Lauf war 1995 mit einem gewissen Herrn Fischer, der gerade begann, einen dicken Joschka in einen kernigen Außenminister umzubauen, körperlich wie inhaltlich. Ich kam gar nicht zu Wort, weil Fischer die ganze Zeit Reden geübt hat: Ich war UNO-Vollversammlung und musste dem angehenden Weltdiplomaten andächtig lauschen. Beim dritten Mal wird´s dann langweilig. Mit Ego-Alphas ist Austauschen halt schwierig; da zählt nur der Monolog. Zuhören gilt als Schwäche.


GripWorld: Sie schreiben in ihrem aktuellen Buch "Sehnen lügen nicht" Laufen verdichte das Leben. Was meinen Sie damit?

Schumacher: Viele Prozesse des richtigen Lebens bilden sich im Kleinen beim Laufen ab: Verdrängungsrituale, Abwehrgeschichten, Leistungsirrsinn – man wird mit all seinen Dämonen konfrontiert. Der Aufschieber, der immer alles auf morgen verlegt, hat mit hoher Wahrscheinlichkeit einige Schwierigkeiten, sich morgens aufzuraffen und loszurennen. Der Hochleister kann gar nicht anders, als vom Start weg wie ein Irrer loszuwetzen. Wer sich im richtigen Leben in den Burnout manövriert, findet beim Laufen womöglich keine Entspannung, sondern rennt sich auch dort in die Überlastungsverletzung. Die Muster beim Laufen berühren natürlich auch die klassischen Mann-Frau-Stereotypen. Wenn bei einem Wettkampf 100 Meter vor mir eine junge Frau läuft, was mache ich dann? Unbedingt überholen? Laufen lassen? Sabbernd auf ihre Rückseite starren? Einholen, ihre Hand schnappen und gemeinsam über die Ziellinie? Empfinde ich Freude, Mitgefühl, Hass, Arroganz? Auf jeden Fall bekomme ich meine eigene Einstellung im Geschlechtermiteinander sehr schön gespiegelt. Beim Laufen wird das Leben verdichtet.

 

GripWorld: Sie schreiben auch, man lerne durchs Laufen besser die Konsequenzen für sein eigenes Handeln zu tragen.

Schumacher: Sicher. Wer am Abend eine Flasche Rotwein getrunken hat, darf sich am nächsten Morgen nicht über schwere Beine beklagen. Wer ordentlich trainiert, wird ordentlich laufen. Wer sich überschätzt wird eingehen. Man kann keinem anderen die Schuld in die Laufschuhe schieben, wenn´s nicht läuft, dafür gehört auch der Erfolg mir allein. Klingt banal, aber in einer Gesellschaft, die täglich ihre Opferstories pflegt, die pausenlos erzählt, wie böse der Staat, die Wirtschaft, die Medien, der Feminismus oder sonstwas sind, ist es eine große Erkenntnis, dass das Leben im Kern viel mit Selbstverantwortung zu tun hat. Laufen lehrt: wer sich anstrengt und zugleich regeneriert, wer sich liebevoll beobachtet und zum lernen bereit ist, der wird nahezu unausweichlich mal einen Erfolg verbuchen. Wer sich dagegen grundlos für den Größten hält und meint, man könne sich in sechs Wochen von  Null auf Marathon trainieren, der fällt auf die Schnauze. Das Laufen und das Leben sind ziemlich oft ziemlich gerecht.

 

GripWorld: Das hieße: Würden mehr Menschen laufen anstatt zu lamentieren, dann wäre die Welt ein besserer Ort. Wer läuft, hat weniger Zeit für Stammtischgerede…

Schumacher: Auf jeden Fall: Machen statt Quatschen hat schon immer geholfen. Laufen ist befriedigend, friedlich, durchaus konfliktlösend, wie Sport generell. Es ist das klassisch britische Sportsmanship, die viele Freizeitathleten fast automatisch pflegen, diese einzigartige Kombination aus Fairness, Miteinander, das Wertschätzen der Unterlegenen. Wer nach einem Sieg nicht zuerst zum Gegner geht und Respekt zollt, der verabschiedet sich aus der Gemeinschaft der Sportsfreunde. Würden die Menschen im Nahen Osten mehr gemeinsam laufen, kicken, skateboarden, ließen sich die Konflikte über die Jahre garantiert besser beruhigen als mit Gewehren. Echter Sportsgeist kennt keine Religion, kein Alter, keine Barrieren. Welcher Status, welches Geschlecht, welche Einkommensklasse, welche politische Richtung oder sexuelle Orientierung ich habe – das ist beim Laufen völlig wurst. Alle tragen kurze Hosen, Hemden, Sportschuhe. Aber nicht deren Preis ist entscheidend, sondern die sehr einfache Frage: Wer ist schneller im Ziel? Verlierer lernen Respekt, Sieger lernen Demut.


GripWorld: Haben Sie einen Wunschpartner, mit dem Sie gerne einmal laufen würden?

Schumacher: Hm, Bushido vielleicht, um rauszufinden, ob er wirklich so ist. Oder Kasper Rorsted von Adidas, weil mich die Zukunft des kommerziellen Laufens interessiert. Aber am liebsten mit Ivanka Trump, der Präsidententochter. Die durchblicke ich überhaupt nicht. Ob die beim Laufen auch perfekt geschminkt an den Start geht? Und wie sieht das Kunstwerk nach dem Schwitzen aus? 60 Minuten Laufen mit Ivanka, ganz ohne Drehbuch, dann wüsste ich hinterher: Da ist menschliches Leben in dieser Maschine. Oder eben nicht.

Wir verwenden Cookies, um Ihren Besuch auf unserer Website zu optimieren. Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu erhalten oder um Ihre Cookies-Einstellungen zu ändern.