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"Wir wollten einfach nur laufen"

Interviews

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14/11/2017
 

Mohamad Masoo ist Triathlet – und syrischer Bürgerkriegsflüchtling. Heute geht er für Hannover 96 an den Start. Im Gespräch mit GripWorld erzählt der 23-Jährige von seiner Flucht aus Aleppo, von seinem großen Traum von Olympia – und warum sein erstes deutsches Wort "Schmetterling" war.

Mohamad Masoo, 23 Jahre, ist Triathlet und wurde im syrischen Aleppo geboren. 2015 floh der ehemalige Triathlon-Meister Syriens und Sportstudent mit seinem jüngeren Bruder vor dem Krieg und begann in Deutschland ein neues Leben. Für das Triathlon-Team von Hannover 96 tritt er heute wieder erfolgreich als Sportler an.

Fotos: privat

 

Herr Masoo, Sie sind vor zwei Jahren aus Ihrer Heimatstadt Aleppo geflohen. In Syrien waren Sie ein erfolgreicher Triathlet, Sie starten heute für das Triathleten-Team von Hannover 96. Ihren ersten Wettkampf in Deutschland haben Sie dann auch gleich gewonnen – das aber war kein Triathlon…

Ja, das ist eine lustige Geschichte. Ein Freund hatte mich beim "Steelman"-Hindernislauf vor einem Jahr in Hannover angemeldet. Ich wusste aber gar nicht, was das für ein Wettbewerb ist, so etwas kannte ich aus Syrien nämlich nicht. Aber ich war neugierig und lief mit. Da gab es mehr als 20 Hindernisse, Schlammlöcher, Kletterwände aus Autoreifen, die Angriffsreihe eines Footballteams! Ich wusste aber überhaupt nicht, wie man die Hindernisse am besten bewältigen sollte, also lief ich ein wenig weiter hinten und schaute mir an, wie die anderen es machten. Die Taktik war dann gar nicht schlecht (lacht). Als ich das Prinzip begriffen hatte, erhöhte ich mein Tempo und kam als erster ins Ziel.


Von Haus aus sind Sie klassischer Triathlet. Welche Disziplin mögen Sie denn am liebsten: Laufen, Fahrradfahren oder Schwimmen?

Schwimmen. Damit begann meine Sport-Leidenschaft. Meine ganze Familie ist sportbegeistert. Meine Mutter läuft jeden Tag, mein Vater war auch ein erfolgreicher Schwimmer und Triathlet in Syrien und schwimmt noch heute regelmäßig. Auch meine vier Brüder und zwei Schwestern begeistern sich für den Sport.

 

In Ihrem Heimatland Syrien waren Sie Landesmeister, Sie haben viele Medaillen und Pokale gewonnen. Wie sind Sie überhaupt zum Sport gekommen?

Mit sechs Jahren hatte mein Vater mich das erste Mal mit ins Schwimmbad genommen. Ich war begeistert, und ab dann gingen wir jeden Tag schwimmen. Mein Vater brachte mir die verschiedenen Schwimmstile bei, Brustschwimmen, Schmetterling und Kraulen. Mit acht Jahren bin ich dann dem Schwimmklub Al-Ittihad in Aleppo beigetreten und habe an vielen Wettkämpfen teilgenommen. Ich gewann einige Pokale und Medaillen über die kurze und mittlere Distanz. Mit 11 Jahren wurde ich syrischer Jugendmeister im Schwimmen.

 

Was ist Ihre schönste Erinnerung aus der Zeit als Sportler in Syrien?

Meine schönste Erinnerung? 2015 holte ich den ersten Platz der syrischen Triathlon-Meisterschaften, das war schon ein großer Moment in meinem Leben. Dadurch qualifizierte ich mich für das Nationalteam und konnte zu internationalen Wettbewerben reisen, nach Japan und in die Türkei, und ich nahm sogar an den Asienspielen auf den Philippinen teil und holte Silber für mein Land.

Fotos: privat

 

In Europa kennt man Ihre Heimatstadt Aleppo meist nur aus dem Fernsehen als einen vom Krieg zerstörten Ort. Wie war Aleppo vor dem Krieg, welche schönen Bilder tragen Sie im Herzen?

Aleppo ist wie eine zweite Mutter für mich. Die Stadt bedeutet mir unglaublich viel. Ich habe dort den Großteil meines Lebens verbracht, mit meiner Familie, meinen Freunden, meinem Studium und mit dem Sport. Alle diese Erinnerungen sind sehr stark mit Aleppo verbunden. Aleppo war eine wunderschöne Stadt, bevor der Krieg kam. Aleppo heute hat nichts mehr mit der Stadt von damals zu tun. Die kleinen Gassen, die Altstadt, die berühmte Zitadelle – all das gibt es jetzt nicht mehr.

 

Wie war das Leben in Aleppo, wo haben Sie trainiert?

Ich wohnte mit meiner Familie etwa fünf Kilometer entfernt vom Zentrum, ganz in der Nähe des Stadions von Aleppo. Dort konnte ich laufen und es gab auch ein Schwimmbad. Manchmal lief ich aber auch einfach durch die Straßen von Aleppo, das war fast wie ein Hindernislauf, weil sich das Leben in Aleppo immer auch auf der Straße abspielte. Am liebsten habe ich aber in Damaskus trainiert, über 400 Kilometer entfernt von Aleppo. Dort gibt es große, moderne Sportstätten, Laufbahnen und Schwimmbäder. Man war immer mit vielen Sportlern zusammen, konnte sich voll auf seinen Sport konzentrieren. Es herrschte ein ganz besondere Atmosphäre, in der Krieg keine Rolle spielte. Wir wollten alle einfach nur Sport treiben, laufen, schwimmen.

 

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie Ihre Heimat verlassen mussten?

Schon von Beginn des Krieges an habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie es in Zukunft weiter geht. Ich sprach jeden Tag mit meinem Vater darüber, der die Hoffnung aber nie aufgab, dass auch wieder bessere Zeiten kommen würden. Er sagte: „Eines Tages ist der Krieg vorbei, wir können wieder ein normales Leben führen und alles wird wieder gut sein.“ Aber dann wurde mir in meinem letzten Jahr an der Universität klar, ich studierte Sport, dass es in Syrien für mich keine Zukunft gibt. Nach dem Ende meines Studiums hätte ich aufgrund eines neu erlassenen Gesetzes der syrischen Regierung zur Armee gehen und dann in den Krieg ziehen müssen. Das kam für mich nicht in Frage, ich mag weder die Armee, noch Waffen, noch wollte ich in den Krieg ziehen. Für mich zählte nur der Sport. An diesem Punkt wusste ich, dass ich gehen muss.

Fotos: privat

 

Vor zwei Jahren verließen Sie Syrien zusammen mit ihrem damals 17-jährigen Bruder Alaa über die Türkei, Griechenland und den Balkan. Wie haben Sie das bewältigt?

Es war gewissermaßen gar nicht so schlimm. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber wenn man aus einem Krieg flieht, in dem jeden Tag Explosionen zu hören sind und viele schlimme Dinge passieren, dann hat man auf solch einer Reise keine Angst.  Von der Türkei aus setzten wir in der Nacht nach Griechenland über. Ich erinnere mich, dass ich meinen Bruder fragte, ob er eine Schwimmweste tragen möchte. Er sagte "nein", und ich selbst wollte auch keine tragen. So waren wir die einzigen im Boot, die keine Rettungsweste trugen, weil wir beide sehr gut schwimmen konnten. Alle anderen um uns herum, das waren etwa 20 Leute, hatten große Angst vor dem Ertrinken. Wir sagten den Leuten, dass wir helfen könnten, wenn etwas passiert, dass wir Kinder retten könnten. Zum Glück ging alles glatt. Wir brauchten etwa vier Stunden für die Überfahrt nach Griechenland, von da aus ging es mal zu Fuß, mal mit dem Bus oder dem Taxi weiter. An dieser Stelle ist es mir sehr wichtig, dem Roten Kreuz zu danken. Man hat uns immer geholfen, etwas zu essen oder einen Schlafplatz zu finden.

 

Gab es keine gefährlichen Situationen während der Reise?

Nein, in Gefahr waren wir nicht. Aber eines Tages verlor ich meinen Bruder aus den Augen, als wir in einer großen Gruppe unterwegs waren. Drei Tage und Nächte waren wir allein unterwegs und wussten nicht, wie es dem anderen geht. Das war eine sehr schlimme Zeit für mich und meinen Bruder. Ich hinterließ dem Roten Kreuz immer, wenn es vor Ort war, Nachrichten und Beschreibungen von meinem Bruder. Immer wieder wartete ich auf die nachkommenden Busse, um zu schauen, ob er drin sitzt. In Slowenien fanden wir uns schließlich wieder, ab da war alles wieder gut. Wir kamen schließlich nach Osnabrück. Es war die richtige Entscheidung, Syrien zu verlassen. Aber wissen Sie, es ist sehr, sehr schwer, sich das einzugestehen. Ständig denkt man an die Zeit in der Heimat zurück, an die Familie, an die Freunde. Es wird noch einige Zeit brauchen, bis ich verstanden habe, dass das alte Leben nun Vergangenheit ist.


Eigentlich wollten Sie nach Holland…

Ja, richtig. Dort war die Möglichkeit besser, unsere Familie nachholen zu können. Wir mussten aber zuerst unsere Fingerabdrücke in Deutschland hinterlassen, sonst hätten wir nicht weiterreisen können. Dann fuhren wir nach Amsterdam. Gleich am ersten Tag, als wir in Flüchtlingslager ankamen, begann ich wieder zu trainieren. Zu den wenigen Dingen, die ich auf die Reise mitnehmen konnte, gehörten meine Laufschuhe. Also begann ich zu laufen. Die Leute in der Unterkunft schauten mich erstaunt an und fragten „Du bist gestern erst hier angekommen, warum machst Du heute schon Sport?“ Ich erzählte, dass ich in Syrien Profisportler war und wieder fit werden müsse. Nach etwa einem Monat hatte ich ein paar Menschen kennengelernt und trainierte in einem Club in Holland und trat in einem Wettkampf der holländischen Liga an.

Fotos: privat

 

Inzwischen leben Sie in Deutschland und sind Mitglied des Triathlon-Teams von Hannover 96. Wie kam es dazu?

Nach etwa acht Monaten sagten uns die niederländischen Behörden, dass wir zurück nach Deutschland müssten, weil jeder Flüchtling zum Ort seiner ersten Registrierung muss. Also ging es zuerst zurück nach Osnabrück. Auch dort schauten uns die Leute komisch an, weil ich ein Fahrrad im Gepäck hatte, das ich von einem holländischen Sponsor bekommen hatte. Ich wendete mich an die Organisatoren der Unterkunft und sagte, dass ich ein Profisportler sei und wieder trainieren müsse. Ich bekam die Möglichkeit, ein wenig zu recherchieren und fand heraus, dass Hannover 96 der beste Verein in Niedersachsen ist. Also schickte ich dem Verein eine E-Mail mit einer Liste meiner Erfolge und Zeiten und bekam wenig später die Zusage, dort trainieren zu können. Ich lernte dort viele nette Leute kennen, die so etwas wie meine zweite Familie wurden. Nach etwa zwei Monaten half mir Hannover 96, für mich und meinen Bruder eine eigene kleine Wohnung zu finden. Ich habe dem Verein so viel zu verdanken und bin sehr glücklich darüber, hier mit den anderen Sportlern trainieren zu können.

 

Haben Sie Kontakt zu Ihrer Familie?

Ja, meine Familie lebt jetzt in der Türkei in Istanbul. Die Situation in Aleppo wurde nicht besser, also haben sie sich irgendwann auch dazu entschieden, das Land zu verlassen. Bisher aber hatte ich leider noch nicht die Möglichkeit sie zu besuchen.

 

Werden Sie in Deutschland bleiben?

Ja, ich kann in Deutschland bleiben. Seit Januar besuche ich einen Deutschkurs und versuche, die Sprache zu erlernen. Ich mache auch einen Orientierungskurs, in dem wir viel über die Politik in Deutschland lernen. Da habe ich gerade einen Test geschrieben. Ich habe noch kein Ergebnis, aber ich denke, ich habe bestanden (lacht). Nächstes Jahr möchte ich dann eine Ausbildung als Fitnesskaufmann machen. Außerdem habe ich nächstes Jahr viele wichtige Wettkämpfe, zum Beispiel bei den Asienspielen in Indonesien.

 

Wie finden Sie die Zeit, intensiv zu trainieren?

Ich kombiniere die Dinge. Ab und zu trainiere ich im Fitnessstudio auf dem Hometrainer. Dabei stelle ich meinen Laptop vor mich und lerne Deutsch. Ich trainiere gerade sehr hart für die Olympischen Spiele in Japan. Ich habe Freunde in Holland, die mir dabei helfen, einen Trainer zu finden. Einmal für mein Land bei den Olympischen Spielen anzutreten, das ist mein großer Traum.

 

Was war eigentlich ihr erstes deutsches Wort?

Schmetterling. Wegen des Schwimmstils. Die ersten Wörter, die ich im Deutschen gelernt habe, hatten immer etwas mit meinem Sport zu tun.

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