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"Weihnachten darf geschlemmt werden"

Interviews

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07/12/2017
 

Wie wird man ein erfolgreicher Marathonläufer? Wolfgang Heinig, Deutschlands bekanntester Lauf-Coach und bis Anfang 2017 leitender Bundestrainer Lauf/Gehen, spricht mit GripWorld über seine Trainingsmethoden, über Weinachten bei Profi-Sportlern – und warum er nie mit Nationaltrainer-Kollege Jogi Löw tauschen wollte.


Herr Heinig, 2017 war ein bewegtes Jahr für Ihre Familie: Sie haben sich als Bundestrainer Lauf/Gehen in den Ruhestand verabschiedet, und Ihre Tochter Katharina ist beim Frankfurt-Marathon Deutsche Meisterin gewonnen. Haben Sie als Vater oder als langjähriger Lauf-Trainer mitgefiebert?

Ich stand in erster Linie als Vater an der Strecke, meine Frau ist ja Katharinas Trainerin. Aber es stimmt, irgendwie schaut man sich einen Wettkampf natürlich auch immer durch die Brille des Trainers an. Wird sie durchhalten? Stimmt ihre Form? Findet sie das richtige Tempo? Die meiste Zeit bin ich zusammen mit meiner Frau im Begleitfahrzeug der deutschen Frauenspitze mitgefahren. Am Ende war ich dann einfach nur mächtig erleichtert und wahnsinnig stolz auf meine Tochter.

Wolfgang Heinig, 1951 im sächsischen Torgau geboren, war bis Anfang 2017 Bundestrainer Lauf/Gehen des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Der Diplom-Sportlehrer trainierte zu DDR-Zeiten am Hochleistungszentrum der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig unter anderem auch seine heutige Frau Katrin Dörre-Heinig. Nach der Wende kam Heinig zum DLV als Bundestrainer Langstrecke/Marathon. Am Bundesstützpunkt in Frankfurt trainiert Wolfgang Heinig heute auf Honorarbasis weiterhin Gesa Felicitas Krause. Die 25-jährige 3000-Meter-Hindernisläuferin errang 2016 den Europameistertitel, ein Jahr zuvor WM-Bronze.

Foto: privat

 

Ihre Frau, Katrin Dörre-Heinig, war selbst eine erfolgreiche Langstreckenläuferin, sie hat unter anderem auch den Frankfurt-Marathon drei Mal gewonnen. Sie waren Bundestrainer. Ihre Tochter hatte also die besten Voraussetzungen für sportlichen Erfolg. Kann man sich auch ohne Lauf-Gene vom Hobbyläufer zum erfolgreichen Marathonläufer entwickeln?

Erfolgreich zu sein bedeutet ja erst einmal für jeden etwas Unterschiedliches. Erfolgreich ist auch erst einmal jeder, der überhaupt mit dem Sport anfängt. Danach setzt man sich dann kleine Ziele und versucht, diese zu erreichen. Einen Marathon zu laufen ist mit dem entsprechenden Willen kein Problem. Wer allerdings in der Weltspitze mitlaufen möchte, muss bereits sehr früh anfangen, und das hat dann mit dem Durchschnittsläufer nichts mehr zu tun. Dafür muss man aber nicht notgedrungen erfolgreiche Lauf-Eltern haben.

 

Was muss man mitbringen, wenn man zur Weltspitze gehören möchte?

Eine sportliche Begeisterung von Klein auf. Es muss eine Grundlage vorhanden sein. Damit meine ich keinen Hochleistungssport nach der Kita oder, wie gesagt, besonders engagierte Eltern. Ein Kind, das später zum Läufer wird, will schon früh draußen herumtoben, bolzen gehen, hat einfach einen ausgeprägten Bewegungsdrang und testet schon im jungen Alter seine Grenzen aus. Denn gerade in dieser frühen Phase entwickelt sich das Herz-Kreislauf-System entsprechend, so dass man als Sportler später überhaupt in der Lage ist, extreme Laufbelastungen auf sich zu nehmen. Wer sich schon als Kind lieben drinnen hockt und sich nicht gerne draußen bewegt, der wird kein Marathon-Läufer.

 

In welchem Alter sollte man denn mit dem richtigen Training beginnen?

Mit dem Lauftraining sollte man schon im Alter von 14 oder 15 Jahren beginnen. Unsere Tochter beispielsweise hat mit 11 angefangen Leichtathletik zu trainieren, ist vom Hochsprung über den Mehrkampf gekommen, mit 15 Jahren kam dann die Liebe zum Laufen. Da hat sie natürlich kein Marathon-Training absolviert, sondern ein ganz normales Lauftraining. Man fängt beim 800-Meter-Lauf an, und landet dann irgendwann später beim Marathon. Das gilt für den Hochleistungssport. Hobbyläufer können natürlich jederzeit damit beginnen, für einen Marathon zu trainieren.


Wie viel Vorbereitungszeit braucht man denn als Hobbyläufer für einen Marathon?

Das kommt darauf an, wie trainiert der Marathon-Anwärter ist. Jemand, der regelmäßig läuft, benötigt 12 bis 16 Wochen Vorbereitungszeit. Untrainierte Läufer müssen etwa ein Jahr trainieren, und zwar regelmäßig und systematisch trainieren, um fit für einen Marathon zu werden.

 

Wie sieht eine typische Trainingswoche aus, wenn Sie einen Profi trainieren?

Ein bis zwei Dauerläufe von 30 bis 35 Kilometern Länge, dann ein etwas kürzerer Dauerlauf, den man im Wettkampftempo läuft. Dann gibt es über die Woche verteilt Kurzdistanzintervalle, in denen man die Grundlagen für das gewünschte Wettkampftempo legt: zwanzig bis fünfundzwanzig Mal die Distanz von 400 Meter laufen. Dazu kommen Athletik-Übungen und ein unspezifisches Ausdauertraining wie beispielsweise Schwimmen oder Fahrradfahren. Das Ganze wird dann ummantelt von ruhigen Dauerläufen mit einer Strecke von 20 bis 25 Kilometern. Dann kommt ein Profi auf ein Wochenpensum von 150 bis 200 gelaufenen Kilometern.

 

Für eine solche Belastung muss man auch mental stark sein.

Ganz bestimmt. Die mentale Verfassung wird ja stark davon beeinflusst, wie es im Beruf und in der Familie gerade läuft. Wer privat abgelenkt ist, dem fehlt auch im Sport die gewisse Konzentration. Das ist normal, man ist nicht immer motiviert. Der Hobbyläufer freut sich meist nach Feierabend auf seine Laufeinheit, der zieht noch mit einer gewissen Begeisterung die Laufschuhe an. Der Profi wird nicht immer mit Freudentränen in seine Trainingseinheiten starten. Es ist nicht leicht, sich jeden Tag aufs Neue zu motivieren. Da zeigen sich dann die unterschiedlichen Charaktere. Ein echter Profi wird keine Einheit auslassen, nur weil er gerade keine große Lust hat. Da braucht es einen eisernen Willen.

 

Woran erkennen Sie, ob ein Läufer Talent hat?

Zuerst einmal am Ehrgeiz des Läufers, sein sportliches Ziel zu erreichen. Und dann daran, ob er den Sport in sein normales Leben integrieren kann. Ob er zum Beispiel bereit ist, den Trainingsplan strickt durchzuziehen, egal, ob Weihnachten, Neujahr oder ein Geburtstag ist. Wenn das Laufen Bestandteil des Tages bleibt und der Läufer sich auch an Heiligabend die Zeit nimmt, seinen Trainingslauf zu absolvieren, dann zeigt das schon, wie wichtig es ihm ist. Natürlich spielen dann auch noch körperliche Voraussetzungen eine Rolle, vor allem aber ist es der Ehrgeiz.

 

Haben Sie eine Methode oder ein Ritual um Niederlagen zu verarbeiten?

Als erster Stelle hat der Sportler mit den Rückschlägen oder Misserfolgen zu kämpfen. Da kann ich mich nicht um mich selbst kümmern, sondern muss genau in diesen Momenten für die Sportler da sein. Im Fernsehen sieht man meist nur jubelnde Athleten und Trainer, wenn eben alles gut funktioniert hat. Aber die meisten Phasen im Sportlerleben sind die, die man nicht im Fernsehen sieht. Wenn ein Plan eben nicht aufgegangen ist, wenn man enttäuscht und ratlos ist. Auf dem Treppchen stehen nur wenige, ganz viele aber müssen nach einem Rennen mit Enttäuschungen fertig werden. Genau da ist der Trainer am meisten gefragt. Bei einem Misserfolg ist es die Aufgabe des Trainers, den Sportler wieder aufzubauen.


Leidet das Privatleben eines Sportlers nicht unter solchen intensiven Trainingsbedingungen?

Man kann das Privatleben ja eigentlich gar nicht von Hobby, Familie oder Beruf trennen. Wenn das Laufen also mein Hobby ist, und das mit der Zeit auch immer mehr Zeit in Anspruch nimmt, wird sich dementsprechend zum Beispiel auch nur eine persönliche Beziehung entwickeln, in der der Partner den Sport akzeptiert. Genau so ist es auch mit dem Beruf. Wenn man den Laufsport nicht mit dem Beruf in Einklang bringen kann, funktioniert es nicht. Ohne Entgegenkommen und Freistellungen des Arbeitgebers wird man das sportliche Pensum nicht absolvieren können. Marathon-Training beispielsweise bedeutet: 30 bis 40 Stunden Training pro Woche. Und da sind Vor- und Nachbereitung noch nicht eingerechnet. Da müssen Beruf, Partnerschaft und Sport schon ziemlich gut aufeinander abgestimmt werden.

Wolfgang Heinig trainiert heute auf Honorarbasis Gesa Felicitas Krause – die 25-jährige 3000-Meter-Hindernisläuferin errang 2016 den Europameistertitel.

Foto: Citizen59

 

In Deutschland verbindet man mit dem Titel Bundestrainer gerne den Namen Jogi Löw. Fehlt Ihnen manchmal die Aufmerksamkeit, die Herr Löw bekommt?

Jeder Trainer möchte selbstverständlich auch Erfolg haben. Und jeder erfolgreiche Trainer möchte gerne auch entsprechend gewürdigt werden, das steht außer Frage. Aber man kann Leichtathletik überhaupt nicht mit Fußball vergleichen. Man muss sich ja nur mal die Fußballgehälter anschauen (lacht). Wir sind ein ganz anderer Schlag von Trainern und Athleten und wissen, dass wir richtige Erfolgsmomente, wie der Sieg bei einem Marathon, vielleicht drei oder zwei Mal im Jahr oder auch mal gar nicht haben. Beim Fußball gewinnt man über das Jahr zumindest mal das eine oder andere Spiel. Wenn man als Leichtathletik-Trainer mal ein ganzes Jahr keinen vorzeigbaren Erfolg hat, dann ist das ganz schön schwer.

 

Dann hätten Sie doch Fußballtrainer werden sollen…

Gott, nein. Ich bin seit mehr als 45 Jahren Leichtathletik-Trainer, für diese Sportart brenne ich, das ist mein Lebensinhalt. Natürlich schaue ich ab und an auch einmal ein Fußballspiel, aber meine wahre Begeisterung gehört dem Laufsport Und wissen Sie: Wenn die Fußballer wüssten, wie bei uns trainiert wird… Bei uns ist die Trainingsbelastung um ein vielfaches höher als auf dem Fußballtrainingsplatz.

 

Wie sieht es mit dem Nachwuchs in Deutschland aus?

Nachwuchstalente gibt es in Deutschland viele. Allerdings fehlt oftmals die Ausdauer, die es braucht, um einen Marathonläufer von internationalem Niveau aufzubauen. Diese Zeit ist in dem System, wie es momentan im deutschen Sport vorherrscht nur selten vorhanden. Oftmals trifft man auf Unverständnis, dass ein Marathonläufer nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren an die Weltspitze gelangt. Ich kenne auch Athleten, die erst mit über 30 Jahren an der Weltspitze angekommen sind.

 

2014 wandten sich einige Ihrer Sportler gegen Sie, waren mit Ihrem Training und Ihrem Umgangston unzufrieden. Gab es Momente in Ihre Trainer-Laufbahn, in denen Sie alles hinschmeißen wollten?

Nein. Sicherlich ist es gerade heutzutage nicht einfach, jungen Menschen klar zu machen, dass es gewisse Konsequenzen und Opfer mit sich bringt, wenn man auf höchstem Niveau laufen will. Ich bin ein Trainer, der mit absoluter Konsequenz arbeitet. Wenn ich mich einer Sache verschrieben habe, muss ich das Ding auch durchziehen. Da sind ständige Veränderungen oder das Einbringen persönlicher Termine, die einem reibungslosen Trainingsablauf entgegenstehen, natürlich hinderlich. Und in diesen Momenten muss man als Trainer dann auch Konsequenzen ziehen und den betreffenden Sportler vielleicht eben nicht mit ins Trainingslager nehmen. Das ist dem einen oder anderen in der Vergangenheit natürlich schon sauer aufgestoßen. Aber ich hatte mit dieser Vorgehensweise als Bundestrainer viel Erfolg.

 

Wie könnte Laufen für junge Leute vielleicht attraktiver werden?

Ich wünsche mir, dass viele den Laufsport für sich entdecken. Wir stecken leider in einem gewissen Dilemma. Viele Menschen entdecken den Laufsport erst im fortgeschrittenen Alter für sich, weil sie merken, dass sie sich fit halten müssen. Für eine Profikarriere ist es dann schon zu spät. Die für uns interessante Zielgruppe hat aber meistens keine Zeit für Sport, sie hat andere Pläne. Heutzutage will man ja am besten schon mit 25 ein abgeschlossenes Masterstudium haben. Zum Glück entwickelt sich die Straßenlaufszene sehr positiv und erfreut sich wachsender Beliebtheit, es gibt viele, viele Laufveranstaltungen, die für junge Menschen interessant sind. Denn Laufen ist wirklich eine wunderschöne Sportart. Man ist immer an der frischen Luft, man erlebt Regen, Schnee und Sonnenschein und man kann die Natur genießen. Deshalb kann ich allen Eltern nur sagen: Nehmt Eure Sprösslinge mit raus in die Natur und bewegt euch!

 

Welche Chancen sehen Sie für deutsche Läufer bei Olympia 2020?

Ich hoffe, dass wir genug Frauen und Männer am Start haben werden. Mein persönlicher Wunsch wäre es natürlich, dass eine der Starterinnen meine Tochter Katharina ist. Das würde mich unwahrscheinlich glücklich machen.

 

Bald steht Weihnachten vor der Tür. Dürfen Sportler Gans mit Kloß und Rotkohl essen?

Ganz klar, an Weihnachten darf geschlemmt werden. Bei uns gibt es klassisch Gänsebraten, Rotkohl, Kartoffelklöße, wie es sich gehört. Und Süßigkeiten, Stollen und Lebkuchen. Meine Tochter würde sich schon beschweren, wenn es keine Gänsekeule gibt (lacht). Man muss ja auch mal genießen können. Aber dennoch werden Profi-Sportler ihren straffen Trainingsplan weiterhin durchziehen, auch an den Feiertagen. Anfang Januar geht es zum Beispiel ins Höhen-Trainingslager nach Kenia, da muss man sich vorbereiten. Das gilt auch für meine Tochter. Der Trainingsplan orientiert sich nicht an Feiertagen, sondern an den Wettkämpfen.

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