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"Wie gehen. Nur besser."

Interviews

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18/01/2018
 

Schriftsteller Wladimir Kaminer ist der bekannteste Russe in Deutschland – und passionierter Läufer. Im Interview mit GripWorld erklärt der "Russendisko"-Autor und Wahlberliner, warum Russen nicht joggen, wann ein Cognac nach dem Laufen Sinn macht – und wieso er gerne in Bielefeld Sport treibt.


Herr Kaminer, Ihr Verleger hat uns verraten: Sie laufen sehr gerne...

Ich laufe wie verrückt, schon mein ganzes Leben lang. Diese Begeisterung für Sport habe ich von meinem Vater. Und mein Sohn hat es von mir, obwohl der eigentlich eher auf Fitnessstudios steht. Er ist jetzt 18 Jahre alt und läuft gerne auf dem Laufband. Da stellt er dann Stufe 12,5 ein, also eine aus meiner Sicht unerträgliche Geschwindigkeit, läuft 15 Minuten sehr schnell und geht danach zu den Hanteln über. Mein Vater aber hat am Wochenende immer einen Langstreckenlauf gemacht. 20 Kilometer durch den Wald, wir wohnten damals am Rande von Moskau. Er ist durch diesen Wald zu einem Restaurant gelaufen, das eher ein kleines Waldhäuschen war. Dann hat er im Restaurant einen oder zwei Cognac bestellt und ist mit dem Taxi wieder nach Hause gefahren. Das war sein Sportpensum.

 

Haben Sie ihn dann irgendwann begleitet zur Cognac-Quelle? Oder wie sind sie zum Laufen gekommen?

Ich bin aufgewachsen in der Natur. Wir hatten den Wald und auch einen See vor der Tür. Beim See war ein Ruderkanal, der extra für die olympischen Spiele 1982 gebaut worden war. Und nach diesen Spielen sind alle Kinder in unserer Umgebung zu Ruderern geworden. Denn wenn man so eine Anlage hat, war das schon sinnvoll, sie auch für den Nachwuchs zu nutzen. Als ich 13 Jahre alt war, also nach den Olympischen Spielen, bin ich Ruderer geworden. Und Rudern besteht zu 70, 80 Prozent aus einer allgemeinen physischen Vorbereitung, also Laufen, Fußball, eigentlich aus jeder Art von Fitness. Wir sind immer viel mehr gelaufen als gerudert. Der Kanal war zwei Kilometer lang, also sind wir immer vier Kilometer gelaufen, hin und zurück.

Fällt mit seinen Alltagsbetrachtungen gerne aus dem Rahmen der Konventionen: Autor Wladimir Kaminer. Foto: Boris Breuer

 

Hat ihnen das damals Spaß gebracht, oder war es nur notwendige Vorbereitung aufs Rudern?

Ich habe damals bemerkt, dass ich mich nach dem Laufen sehr frisch fühle. Das war für mich eigentlich auch gar kein Sport wie für meinen Vater, der immer alles gegeben hat. Im Gegenteil, wir sind damals immer in Gruppen gelaufen und haben viel gequatscht, das war alles ganz entspannt.

 

Haben Sie dann irgendwann die Idee Ihres Vaters übernommen, am Ziel einen Cognac zu trinken? Oder einen Wodka?

Um Gottes Willen, nein. Also, das was ich heute im Laufbereich mache, ist auch nicht mit den Geschichten aus der Jugend zu vergleichen. Das ist etwas vollkommen anderes.

 

Wie laufen Sie denn heute?

Ich laufe eigentlich jeden Tag. Es sei denn, ich gehe mal schwimmen, dann laufe ich nicht. Zumindest mache ich beides zusammen nur sehr, sehr selten. Meistens laufe ich etwa 50 Minuten. Laufen ist gut, um alles wieder dort zu platzieren, wo es hingehört. Gelenke, Gedanken, Motive, Pläne... Wenn ich beispielsweise zu viel vorhabe und zu viele Themen und Geschichten im Kopf habe, über die ich schreiben möchte, dann gehe ich laufen, und danach ist alles wieder geordnet. Das ist gut für die innere Logistik. Egal, was man hat, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder sogar einen Kater, laufen hilft immer.


Stichwort Kater: Sind Sie eher Morgen- oder Abendläufer?

Ich bin ein Morgenläufer. Wenn ich schon die Planung mache und mich für den Tag sortieren möchte, dann liegt es auf der Hand, dass man das gleich am frühen Morgen macht.

 

Wenn Sie zu Hause in Berlin sind, Sie wohnen im Stadtteil Prenzlauer Berg, laufen Sie dann durch den Mauerpark?

Die haben dort vor kurzem viel gebaut am Stadion neben der Max-Schmeling-Halle, und meist ist dort alles großflächig gesperrt, so dass man nicht durchkommt. Wenn es dann doch mal zugänglich ist, hat man das Gefühl, dass jede Schulklasse aus dem Umkreis von 30 Kilometern dort langspaziert, dann ist es einfach zu voll. Durch die Stadt laufe ich auch nicht, weil man an jeder Kreuzung wieder anhalten und auf eine grüne Ampel warten muss. Dann gibt es noch den Humboldthain, ein Park, der mir allerdings viel zu klein ist. Da wo ich in Berlin wohne, laufen sehr viele Menschen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich mehr Läufer als Fußgänger, das liegt mir nicht. Wenn ich unterwegs bin, laufe ich gerne in der Natur, im Wald, im Feld.

 

Sie sind viel auf Lesereisen. Wo läuft es sich denn besser in Deutschland? 

Ich kenne tatsächlich mehr gute Strecken in anderen Städten. In Bielefeld beispielsweise. Gute Stadt zum Laufen. Grün, weniger Verkehr. Und in Norddeutschland, an der Ostsee oder Nordsee. Da ist es flach, die Luft ist immer gut, perfekt.

 

Sie laufen dann alleine?

Am liebsten, ja. Zuhause aber auch mit meiner 21-jährigen Tochter, die jetzt plötzlich auch eine Begeisterung für sportliche Aktivitäten entwickelt hat. Die will jetzt auch anfangen zu laufen, allerdings nur mit mir zusammen. Ich laufe eigentlich gerne alleine, aber da mache ich eine Ausnahme. Sie will nach Friedrichshain in den großen Park, weil selbst sie nicht in der Gegend laufen will, wo wir wohnen. Dorthin müssen wir allerdings mit dem Auto fahren. Ist das nicht skurril? Irgendwo hinfahren, damit man dann dort laufen kann?

Wladimir Kaminer, 1967 in Moskau geboren, absolvierte eine Ausbildung zum Toningenieur für Theater und Rundfunk und studierte anschließend Dramaturgie am Moskauer Theaterinstitut. Seit 1990 lebt er mit seiner Frau und inzwischen erwachsenen Kindern in Berlin. Bekannt wurde er durch die Erzählsammlung "Russendisko" – und die dazu passenden Veranstaltungen als DJ. Mit seinen zahlreichen weiteren Büchern avancierte er zu einem der beliebtesten und gefragtesten Autoren Deutschlands. Foto: Doris Poklekowski

 

Eine Frage können wir Ihnen nicht ersparen: Sie sind Russe und Sie laufen gerne. Womit dopen Sie sich am liebsten?

Oh, Skandalfrage. Nein, um Gottes Willen, ich dope nicht. Ich laufe meist mit leerem Magen. Dieses Laufen hat dann den Nebeneffekt, dass man satt wird, zumindest mir geht es so. Ich weiß, dass, wenn mein Sohn Sport macht, es umgekehrt ist. Der isst dann für drei. Wenn ich laufe, dann ist das, als hätte ich Mittag gegessen.

 

Trifft es Sie, wenn man bei Russland und Sport sofort an Doping denkt?

Der traurige Witz an dieser Geschichte ist doch, dass die Russen selbst gar nicht verstehen, warum die Welt sich gerade über Russland so aufregt. Die Russen sagen, sie seien ja nicht die einzigen. Überall auf der Welt würde gedopt. Das ist ein altes Argument: Die anderen sind doch nicht besser als wir. Aber die Russen verstehen nicht, dass die anderen, wenn sie beim Doping erwischt werden, ins Gefängnis kommen und vom Sport ausgeschossen werden. Aber in Russland bekommen die Sportler dafür Orden und werden vom Präsidenten eingeladen, der ihnen sagt: „Sehr gut gemacht, weiter so!“ Es geht ja nicht nur darum, dass die Sportler gedopt haben, sondern, dass sie einen Befehl von oberster Stelle bekommen haben. Dass dort extra eine Stelle beim Geheimdienst gegründet wurde, um die Proben auszutauschen und die Sportler vorzubereiten. Das aber blenden die Russen aus.


Sie sind ja aber auch nicht mehr Teil des russischen Teams gewissermaßen, sondern laufen berufsbedingt als deutschsprachiger Schriftsteller quasi unter deutscher Flagge. Auch rein geografisch, der Bundestag ist nicht weit von Ihrer Wohnung. Sind Sie schon mal einem Politiker begegnet?

Nein, nicht beim Laufen. Ich habe allerdings Angela Merkel schon beim Einkaufen um die Ecke getroffen. Auch Freunde von mir haben Sie dort schon oft gesehen. Das ist wahrscheinlich ihre Art, sich dem Volk zu zeigen, einfach mal einkaufen zu gehen. Aber beim Joggen habe ich noch niemanden getroffen. Noch nicht mal einen von den Grünen, bei denen man meinen sollte, dass sie regelmäßig joggen gehen.

Gerade erschien das neueste Werk von Wladimir Kaminer, eine künstlerische Betrachtung des Phänomens "Ehe".

 

...zumindest den früheren Außenminister Joschka Fischer hätten Sie beim Laufen treffen können. Sie leben seit 1990 in Berlin.

Ja, aber den habe ich auch immer nur im Fernsehen laufen sehen. Und ich glaube, er macht große Pausen zwischendurch. Der Mann verwandelt sich ja ständig, mal ist er dick, mal ist er dünn. Jetzt sehe ich ihn allerding oft beim Italiener, dort isst er immer Pasta. Er ist längst nicht mehr so dünn wie früher und sollte vielleicht mal wieder anfangen zu laufen. Und wissen Sie, dass seine Schuhe im Museum stehen?

 

Tatsächlich?

Ja, die gehören zu irgendeiner einer Wanderausstellung zum Thema Laufen. Alte Sneaker, wunderbar.

 

Hat ein Museums-Kurator Sie schon nach Ihren alten Laufschuhen gefragt?

Nein. Würde sich aber lohnen. Meine Schuhe gehen so schnell kaputt, da könnte man jetzt schon ein ganzes Museum mit füllen. Sonderausstellung „40 Jahre Laufen mit Wladimir Kaminer“, das wäre doch mal interessant.

 

Sind sie eher der Hightech-Jogger, mit Lauf-App, Hightech-Textilien und so? Oder laufen Sie in alter Jogging-Hose?

Ich habe mir im Laufe meiner Laufkarriere schon so ziemlich alles gekauft, was der Markt anzubieten hat. Aber nichts davon hat sich etabliert. Nicht mal so eine Halterung für das Smartphone, braucht man eigentlich nicht. Das einzige, das ich mir leiste, sind Kopfhörer. Ich bilde mich während des Laufens. Ich trage immer Kopfhörer und höre darüber eine Vorlesung, die ich aus dem Internet herunterlade und die aus den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen kommt. Sei es Psychologie, Geschichte, Linguistik oder Politologie. Politologie erlaubt einem, die Situation eines Landes einzuschätzen, ohne beispielsweise die Namen der Politiker zu wissen. Denn so unterschiedlich sind viele Systeme gar nicht. Die Politik hat auch bestimmte Gesetze, nach denen alles funktioniert. Sehr viele meiner russischen Landsleute zum Beispiel denken, dass ihr Land etwas ganz Besonderes sei. Da spielt natürlich die sozialistische Vergangenheit eine große Rolle und die Suche nach einem neuen Weg, eine ganz einzigartige Geschichte. Vom System her, also eine Scheindemokratie mit autoritären Strukturen und auch formalen demokratischen Instituten, sind dreiviertel aller Länder auf der Welt auch so aufgestellt.

 

Hören Sie beim Laufen auch Musik? Russendisko-Musik zum Beispiel?

Nein. Ich brauche etwas Sinnvolles, keine Musik. Russendisko würde auch nicht funktionieren. Das sind ja meist sehr, sehr schnelle Lieder, das würde dem Laufrhythmus nicht bekommen.

 

Laufen die Deutschen eigentlich anders als die Russen?

In Russland bleibt zumindest kein Mensch an der roten Ampel stehen, die laufen einfach rüber. Das würden Russen auch nie verstehen, dass man hier an einer Ampel stehen bleibt. Generell joggen die Russen aber nicht so gerne. Das Wetter in Russland macht den Laufsport auch ziemlich unattraktiv. Die Russen gehen dafür sehr gerne in das Fitness-Center. Das ist ihre Vorstellung eines besseren kapitalistischen Lebensstils. Sport gehört inzwischen zu einem gehobenen Lebensstil in Russland dazu. Also Feng-Shui-Kurse, Yoga oder Gymnastik, darauf stehen die Russen voll. Auf der Straße zu laufen, das ist den Russen zu billig. Früher in der Sowjetunion, also zu Zeiten, in denen mein Vater noch lief, da gab es Jogger. Heute gibt es dafür einfach keine Bevölkerungsgruppe mehr. Die Armen joggen nicht, weil sie Kalorien sparen müssen, die Reichen gehen in Fitnessstudios.

 

Mutter, Ehefrau, Moskau, Deutschland, Kleingarten, pubertierende Kinder, Schwiegermutter, Kochen, Nachbarn – Sie haben schon über vieles geschrieben. Wann dürfen wir mit einem Buch zum Thema Laufen rechnen?

Für mich ist das Laufen ein fester Bestandteil des Lebens, das ist wie Schlafen oder Atmen. Aber darüber extra schreiben? Über die Liebe, über die zwischenmenschlichen Beziehungen kann man gut schreiben, weil sie immer anders sind, kein Muster haben. Aber laufen ist so normal. Das ist wie gehen, nur besser.

 

Sie gelten als Meister halbphilosophischer Betrachtungen des Alltagslebens: Läuft man beim Joggen eigentlich auf etwas zu oder von etwas weg?

Irgendwo hin. Aus dem Chaos hin zu einer Ordnung, also gewissermaßen zu sich selbst. Hin zum eigenen Ruhepunkt, dorthin, wo sich nichts bewegt.

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