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"Dubai ist schwierig"

Interviews

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14/02/2018
 

New York, Nepal, Venedig… Motorjournalist Thomas Geiger jettet von Auto-Termin zu Auto-Termin. Als Ausgleich läuft er, egal wo, egal wann. Im Interview mit GripWorld verrät der passionierte Läufer, warum er überall die Laufschuhe schnürt – nur in Dubai kaum, und in Kenia gar nicht.


Herr Geiger, wie viele Tage in der Woche laufen Sie?

Ich mache intensiv Sport, das heißt: möglichst täglich. Manchmal gehe ich ins Sportstudio, meistens aber 'raus zum Laufen. Ich laufe mindestens an fünf Tagen die Woche, oft sogar an sieben Tagen.

 

Wie lässt sich das mit Ihrem Beruf vereinen? Es gibt vermutlich kaum einen Autojournalisten der öfter im Flieger sitzt als Sie. Sie sind den Großteil des Jahres unterwegs und fliegen von Autotermin zu Autotermin.

Ja, 52 Wochen im Jahr bin ich unterwegs, meinen Urlaub mit eingerechnet. Das lässt sich aber tatsächlich sehr gut vereinen. Laufen ist die einzige Sportart, die man wirklich überall machen kann. Ich benötige nur ein Paar Laufschuhe, ein paar Klamotten – das passt immer in den Koffer. Außerdem braucht man zum Laufen keinerlei Öffnungszeiten, das ist beim Hotel-Gym oder bei einer Schwimmhalle anders. Und für mich ist noch etwas wichtig. So wie reise, bekomme ich von den meisten Orten ja nicht viel mit. Wenn ich aber laufe, mache ich zumindest ein bisschen Sightseeing. Es ist insofern auch eine touristische Sportart.

 

Ist das auch ein Ausbrechen? Automobilunternehmen takten ihre Termine exakt durch, man ist immer ein wenig fremdbestimmt. Shuttle vom Flughafen zum Hotel, zum Veranstaltungsort, zum Abendessen und wieder zum Hotel...

Als Ausbrechen würde ich das nicht bezeichnen, es sind ja meist sehr nette, gut organisierte Termine. Nein, es ist einfach diese eine Stunde Freizeit, die ich mir nehme. Und zwar nicht, weil ein Auto- oder Reifenhersteller mich knechtet. Ich knechte mich im Prinzip selbst. Weil ich oft bis nachts um eins am Rechner sitze, um meine Geschichten aktuell zu liefern. Da ist Laufen der ideale Ausgleich. Laufen ist, das kommt noch hinzu, ein extrem gutes Mittel gegen Jetlag, gegen Schlafmangel, gegen zu viel gutes Essen.

Selfie in New York: Thomas Geiger beim Laufen auf der Brooklyn Bridge, die den East River zwischen Manhattan und Brooklyn überquert.

 

Sie kommen gerade von einem Termin in Kenia. Sind Sie da auch gelaufen?

Nein, da konnte ich leider nicht. Beziehungsweise, ich durfte nicht. Das kommt nur ganz, ganz selten vor. Ich bin bislang fast überall gelaufen. In Kenia aber bin ich aus zweierlei Gründen gewarnt worden. In der Hauptstadt Nairobi herrscht sehr viel Kriminalität und die Gefahr eines Überfalls war wohl ernst. Da konnte ich also nicht laufen. Die zweite Nacht haben wir in einer Safari-Lodge in einem Nationalpark verbracht. Da hieß es: „Wenn du laufen willst, dann musst du ziemlich schnell laufen. Und du wirst wahrscheinlich trotzdem nur sehr kurz laufen, weil du langsamer bist als alle anderen Läufer, die dir begegnen werden. Und die sind hungrig.“

 

Sind Sie denn schon einmal in eine kritische Situation geraten?

Nein, noch nie. Klar, ich bin schon mal auf die Nase geflogen, weil es dunkel war und ich ein Hindernis übersehen habe. Ich bin auch schon ein paar Mal länger gelaufen als geplant. In Pebble Beach in Kalifornien bin ich unfreiwillig meinen ersten Halbmarathon gelaufen – da hatte ich irgendwo eine Abzweigung verpasst.

 

Viele Autotermine finden zum Beispiel in Südafrika statt, dort gibt es atemraubende Küstenstraßen, und der Zeitunterschied ist nicht groß. Aber es gibt auch viele gefährliche Ecken...

Da bin ich trotzdem entspannt. Bevor ich auf fremdem Terrain loslaufe, schaue ich mir auf Google Maps eine mögliche Route an, oder ich google nach empfohlenen Strecken anderer Läufer. Mit der Zeit entwickelt man ein relativ gutes Gefühl dafür, was funktioniert und was nicht. 70 Prozent meiner Auslandsläufe sind zum Beispiel keine Hin- und Zurückläufe, sondern tatsächlich Runden. Also nicht die Straße fünf Kilometer geradeaus laufen und dann wieder umdrehen. Ich habe ohnehin einen ordentlichen Orientierungssinn, der mir hilft, mich zurechtzufinden. Das schützt mich natürlich nicht vor Kriminalität. Aber da die Hotels meist nicht an den heftigsten Brennpunkten liegen, ist es in der Umgebung meist nicht gefährlich. In einigen Hotels gibt es sogar Laufkarten mit guten Tipps. In anderen aber haben die Mitarbeiter nicht immer einen Plan. Da schicken sie dich zu einem Park, der dann leider nur 800 Meter lang ist, und eine Stunde lang im Kreis laufen, das ist nicht interessant.

Selfie in L.A.: Thomas Geiger unter der Sonne Kaliforniens.

 

Wie ist es mit Dubai? Auch dort werden gerne neue Automodelle präsentiert, aber da ist es sehr heiß…

Dubai ist schwierig. Ja, es ist tagsüber sehr heiß, und es ist in der Stadt unglaublich voll. Es gibt kaum ruhige Ecken zum Laufen. Am Strand ginge es, sehr früh am morgen, aber in Dubai gehe ich doch lieber ins Fitnessstudio, muss ich sagen.

 

Wo laufen Sie denn besonders gerne?

Am Wasser. Ob Meer, Fluss oder See, das ist egal. Gewässer helfen bei der Orientierung, und in der Regel ist überall dort, wo Wasser ist, auch ein Fußweg oder eine Uferpromenade. In Europa hat Barcelona eine der schönsten Laufstrecken. Die Strandpromenade ist lang, da kommt man locker auf zehn, fünfzehn Kilometer. Stockholm ist auch toll, weil man quasi immer am Wasser entlanglaufen kann. In Skandinavien gibt es ja ein Gesetz, das besagt, dass der Zugang zum Wasser immer für die Öffentlichkeit gewährleistet sein muss. Da gibt es dann vor den prachtvollsten Privatgärten am Wasser immer noch einen öffentlichen Weg, auf dem ich laufen kann. Die einzige europäische Stadt am Wasser, die nicht gut zum Laufen ist, ist Venedig. Venedig ist extrem schwierig. In Venedig sind die Wege sehr kurz und man verläuft sich ständig, was aber auch sehr unterhaltsam sein kann. Man muss aber sehr lange laufen, um auf seine gewünschte Distanz zu kommen.

 

Haben Sie eine Lieblingsstrecke?

Absolutes Laufhighlight für mich ist der Central Park in New York. Eine Runde im Central Park, das sind in etwa 45 Minuten, plus der Weg dorthin, so komme ich auf meine Stunde. Da bist du direkt in einer gigantischen Stadt, umgeben von Hochhäusern, und gleichzeitig trotzdem mitten im Grünen. Man sieht die Skyline, hört und sieht aber kein einziges Auto. Außerdem ist man dort nie alleine unterwegs. Mein erster Lauf im Central Park war in so einer typischen Jetlag-Nacht, morgens um halb fünf. Es hat geregnet wie aus Eimern, ich habe mich trotzdem angezogen und bin hinein in den Central Park. Ich dachte, da bist du sicher der einzige. Aber es waren hunderte von Läufern unterwegs – morgens um halb fünf bei strömendem Regen. Das ist ein Erlebnis. Noch besser ist's natürlich an schönen Tagen. Wenn man früh morgens um das Reservoir läuft, also den See in der Mitte des Parks, dann an der Nordspitze ankommt, die leicht erhöht liegt, Manhattan spiegelt sich im Wasser und du läufst in die aufgehende Sonne hinein – unbeschreiblich.

 

Der amerikanische Gegenentwurf zu New York ist Los Angeles, da fährt jeder mit dem Auto. Setzen Sie sich auch ans Steuer und fahren zum Joggen an den Strand?

Nein, dass ich irgendwo hinfahre, um zu laufen, das mache ich sehr, sehr selten. Klar bin ich froh, wenn ich in L.A. ein Hotel in Strandnähe habe, dann ist es echt toll, weil der Strand etwa von Marina del Rey bis hinter Santa Monica auch zehn bis zwölf Kilometer lang ist und man, wenn man gut drauf ist, auch einen Halbmarathon zusammenbekommt. In den USA bin ich aber immer relativ früh wach und entsprechend früh unterwegs. Und morgens um sechs kann man in L.A. noch auf der Straße oder dem Bürgersteig laufen. Da bin ich dann auch mal in Beverly Hills oder Hollywood unterwegs. Apropos Sightseeing. Wo man in den USA überhaupt nicht gut laufen kann, das ist der Yellowstone Nationalpark. Dort war ich aber nicht beruflich, sondern privat im Urlaub. Du kommst einfach nicht vom Fleck. Da gibt es überall diese Geysire, und man muss ständig stehen bleiben, weil gerade wieder der nächste Geysir hochgeht. Das ist schlecht für den Laufrhythmus – aber ansonsten natürlich ein nettes Erlebnis.

 

Sie reisen immer wieder auch zur Auto-Messe in Neu-Delhi. Kann man in Indien joggen, oder ist man der absolute Exot?

Ich bin in Neu-Delhi in Indien gelaufen, auch in Kathmandu in Nepal...  Das ist ziemlich skurril, beziehungsweise auch unpassend, wenn man durch die Slums von Kathmandu läuft. Eine sehr beklemmende Situation. Nicht, weil ich dachte, mir könnte etwas passieren. Aber als Wohlstandsmensch habe ich mich dort fehl am Platz gefühlt. Die Menschen haben nichts zu essen, und man selbst verbrennt Kalorien durch eine quasi ja unnötige Anstrengung. Da habe ich gemerkt, dass das Laufen dort nicht hinpasst. Ein persönlich-moralisches Dilemma.

 

Tokio, Peking… Laufen Sie im Smog?

Tokio ist ein Traum, da laufe ich unglaublich gerne. Am liebsten eine schöne Runde um den Kaiserpalast, oder rund um den Hafen und über die Rainbowbridge. Da hatte ich mit Smog bisher auch kein Problem. In Peking aber bin ich bisher nur einmal gelaufen, das war nicht so schön. Schlechte Luft eben. In Shanghai bin ich schon öfter gelaufen, das war auch eine große Herausforderung mit dem Smog. Würde ich dort wohnen, dann liefe ich vermutlich nur an Tagen, an denen die Luftqualität gut ist. Darauf kann ich bei einem Zwei-Tage-Termin aber nicht warten. Dann will ich auch draußen laufen und eine weitere Nadel meiner Lauforte auf der Weltkarte haben.

Thomas Geiger, 47, gehört zu den versiertesten und meistgebuchten Autojournalisten Deutschlands. Er schreibt über Neuvorstellungen, wie hier bei einem Termin von Jaguar in Hollywood, recherchiert Hintergrundberichte und besucht Messen wie den Autosalon in Genf, die AutoChina in Peking oder Shanghai, die IAA in Frankfurt oder den Salon in Paris, die Motorshows in Tokio und Los Angeles. Zu seinen Kunden zählen regionale und landesweite Tageszeitungen im In- und Ausland, Nachrichtenagenturen, Fachmagazine und Onlinemedien. Geiger studierte an der Universität Mainz Publizistik, Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre und führt seit mehr als zwei Jahrzehnten sein eigenes Redaktionsbüro in Wetzlar.

 

Eine Nadel steckt sicher auch am Polarkreis…

Klar. Ich bin ich auch schon in Schweden oder Finnland bei zweistelligen Minustemperaturen gelaufen. Auch Continental hat dort ja schon mehrfach zu Reifen-Workshops im Winter geladen. Wenn ein Hotel keinen Fitnessbereich hat, wenn es also nicht anders geht, dann laufe ich bei jedem Wetter und jeder Temperatur draußen.

 

Sie leben in Wetzlar in Hessen. Sehnen Sie sich manchmal nach Ihrer Hauslaufstrecke? Oder ist die zu unspektakulär?

Weder noch. Der Reiz zu Hause zu laufen besteht darin, dass ich dort zusammen mit meiner Frau oder meinen Töchtern laufen kann. Der Charme ist auch, dass man die Strecke kennt und sich immer zeitlich einordnen kann. Ich weiß hinterher, ob das ein guter Lauf war oder nicht. Es ist immer mal ganz gut zwischendurch, nach all den Reisen, den aktuellen Fitnessstand kontrollieren zu können. Das funktioniert auf Strecken, die man das erste Mal läuft, natürlich nicht.

Gibt’s auch mal Phasen der Desorientierung, in denen Sie durch die Gegend laufen und denken, Sie seien in Lissabon, stehen dann aber plötzlich wieder vor Ihrem Hotel in Nizza?

Nein. So intensiv schalte ich beim Laufen nicht ab. Der Kopf ist manchmal einfach leer, ein wunderbarer Zustand. Dass ich aber dann Orte verwechsle, das kommt Gott sei Dank nicht vor.

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