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„…dann faulenze ich!“

Interviews

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21/03/2018
 

Was tun, wenn das Sofa lockt und der innere Schweinehund vom Laufen rein gar nichts hält? Wie motiviert man sich dann am besten? Dr. Arno Schimpf, Mentalcoach für viele Spitzensportler, verrät im Interview mit GripWorld die besten Tricks – und warum Smartphones in der Sporttasche bleiben sollten.


Herr Dr. Schimpf, Sie arbeiten seit 35 Jahren als Motivationstrainer für Spitzensportler. Fühlen Sie sich für die eine oder andere Medaille mitverantwortlich?

Ja, ein bisschen eitel ist man schon, das muss ich zugeben. Natürlich nicht, wenn man nur ein Mal mit einem Sportler gesprochen hat, und der holt dann Gold. Aber wenn ich über eine längere Zeit in einem Team mit dabei war, dann bin ich vermutlich schon für den Erfolg mitverantwortlich. Der größte Anteil liegt, ganz klar, beim Trainer und vor allem bei den Sportlern selbst. Letztlich aber haben viele ihren Anteil, die Ernährungsberater, die Physiotherapeuten, die Mediziner und eben auch die Psychologen. Drei Jahre lang hatte ich zum Beispiel seinerzeit die deutsche Hockey-Nationalmannschaft begleitet, dann gab es 2008 die olympische Goldmedaille. Eine perfekte Teamarbeit war das. Im Einzelsport-Bereich habe ich zum Beispiel intensiv mit dem Freiwasser-Schwimmer Thomas Lurz gearbeitet, der über die Zehn-Kilometer-Distanz bei Olympia 2008 Bronze und vier Jahre später Silber geholt hat – das war dann die einzige deutsche Schwimmmedaille bei den olympischen Spielen in London überhaupt. Thomas Lurz habe ich über zehn Jahre begleitet, da ist natürlich auch eine enge Freundschaft entstanden.

Thomas Lurz – hier beim Weltcup-Gewinn 2009 in Kopenhagen – gewann auch dank des Mentalcoachings von Arno Schimpf zwei Olympia-Medaillen. Foto: Danielle

 

Wie kitzelt man die entscheidenden Prozentpunkte Leistungsbereitschaft aus einem perfekt durchtrainierten Sportler heraus?

Ich frage nicht danach, wie ich einen Profisportler motivieren kann. Entscheidend ist, wie ich Sportler inspirieren kann, damit sie sich selbst motivieren. Spitzensportler sind ja immer ein bisschen mehr talentiert sind als andere. Mein Ansatz ist es, sie so zu inspirieren, dass sie dieses Talent erkennen und die Lust entwickeln, an diesem Talent immer weiter zu arbeiten. Du kannst das größte Talent sein, aber wenn du nicht hart am Ball bleibst, dann kommst du nie ganz oben an. Es gilt immer der Satz: Talent wird durch Disziplin veredelt. Und wenn der Tag X kommt, wenn ein Sportler am Startblock oder beim Anstoß steht, dann muss er in der Lage sein, seine Leistung zu 100 Prozent abzurufen. Er muss alles ausblenden, was ihn daran hindern könnte. Das ist eine große Kunst, gerade heute.

 

Warum?

Die Menschen sind heute generell schnell abgelenkt. Gerade Kindern und Jugendlichen fällt es oft schwer, an einer Sache dran zu bleiben. Da wird eine halbe Stunde trainiert – und dann erst einmal geguckt, was in der Zwischenzeit auf Instagram passiert ist. Heute Morgen war ich in einem großen Sportzentrum. Da habe ich einfach mal in die Runde geschaut und festgestellt: Kaum einer trainiert noch durch, immer wieder kommt es zu unnötigen Unterbrechungen. Da setze ich an: Sportlern zu vermitteln, wie wichtig es ist, sich fokussieren zu können. Dass man mal eine digitale Diät macht. Dass das Handy ausgeschaltet bleibt. Wenn ich Sport treibe, eine Stunde oder zwei, dann sollte ich möglichst ganz bei mir sein. Ich sollte spüren, wie es mir während des Sports geht. Das ist die Idealform vom Sporttreiben.


Manchmal hilft auch der beste Psychologe nicht – Fußballnationalspielerin Simone Laudehr ist untröstlich nach der 0:1-Niederlage im Viertelfinale gegen Japan bei der Heim-WM 2011 im Stadion von Wolfsburg.

 

Sie unterstützen Olympiasportler, die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft, auch Trainer der Bundesliga lassen sich von Ihnen helfen. Wann ruft man Sie? Wenn ein Scheitern in der Qualifikation zu Olympia droht, ein Abstieg? 

Das hat sich zum Glück geändert. Vor 20 Jahren, da war das so. Da bist du nur geholt worden, wenn es gebrannt hat. Heute bist du als Mentaltrainer idealerweise von Anfang an mit dabei. Wenn ein Olympia- oder Weltmeisterschaftszyklus startet, bist du Teil des Spiels. Ich bin dafür da, mit den Sportlern Gespräche zu führen, positive Mindsets aufzubauen, zielorientiertes Denken zu trainieren. Letztendlich bauen wir eine positive Gesamtpersönlichkeit auf, die auf die eigenen Stärken und den Erfolg des Trainings vertraut. Dafür gibt es bestimmte Methoden. Angefangen bei klassischen Entspannungstechniken bis hin zu Zielfokussierungsübungen, Verankerung von positiven Grundgedanken oder Erfolgszuversicht mit mentalem Training. Das Gehirn ist ein Muskel wie der Bizeps oder Trizeps. Der muss trainiert werden. Das ist mittlerweile aus der Neurobiologie bekannt: Jedem Gedanken folgt eine körperliche Reaktion. Und da Erfolgszuversicht ein positiver Gedanke ist, ist auch die Reaktion im Körper positiv – und somit auch das Feedback des Körpers in den Kopf zurück. Körper und Geist bilden eine Einheit.

 

Lässt sich solch ein Mentalcoaching für Profisportler auch auf den Hobbyläufer übertragen, der schwer vom Sofa hochkommt?

Ja, das ist meine feste Überzeugung. Der Hobbyläufer unterscheidet sich im Prinzip in seinen Grundwerten und Grundstrukturen nicht vom Spitzenläufer. Der Spitzensportler hat zwar ein anderes Ziel. Er will oder muss eine bestimmte Zeit laufen oder eine bestimmte Weite springen. Der Hobbysportler hingegen will primär seinen Körper in der Bewegung spüren. Und natürlich zielt er auch immer darauf ab, dass ihm das, was er tut, auch irgendwann mal gesundheitlich zugutekommt. Beide aber eint, dass sie im Prinzip unbedingt Sport treiben wollen.

Bild Dr. Schimpf

Dr. Arno Schimpf ist seit mehr als 35 Jahren als Psychologe, Sportwissenschaftler und Mentalcoach im Spitzensport tätig. Er ist Mentalcoach des Deutschen Olympischen Sportbundes, coacht Trainer der Fußballbundesliga und holte mit der Hockey-Nationalmannschaft, den Fecht-Degenteams und dem Schwimmer Thomas Lurz Olympia-Medaillen. Als Psychologe konnte er mit der Frauenfußballnationalmannschaft 2009 den Europameisterschaftstitel gewinnen.

 

Wie weckt man denn seine Motivation, wenn es draußen regnet oder schneit?

Man muss ja gar nicht bei jedem Wetter hinaus, das ist ein Trugschluss. Wenn es draußen bitterkalt ist, mit zweistelligen Minusgraden, dann bleibe auch ich mal zuhause, aus Vernunftgründen. Man sollte sein Training ohnehin über einen längeren Zyklus betrachten. Wenn Phasen dabei sind, in denen man einfach keine Lust hat, dann ist das absolut okay. Dann darf man guten Gewissens anderen Dingen nachgehen. Im Endeffekt muss die Jahresbilanz stimmen. Der Körper gibt einem ja auch Bescheid, wann es mal wieder Zeit wird, zwei Wochen Ruhe zu genießen, sich neu aufzuladen und anständig zu regenerieren. Und oberste Priorität genießt immer das persönliche Ziel. Im Spitzensport ist das dann zum Beispiel die persönliche Bestzeit. Im Breitensportbereich sollte man sich auch ein Ziel setzen. Das Ziel, gesund zu bleiben, ist mir persönlich nicht konkret genug. Das kann man an nichts festmachen, denn spüren tut man das erst später irgendwann. Ich versuche, die Leute über das bewusste Wahrnehmen des Körpers zu inspirieren: Das Schweben beim Laufen zu erleben, das wunderbare Gefühl der eignen Kraft zu erfahren, die Kälte oder die Wärme zu spüren.

 

Es gibt zwei wichtige Arten der Motivation: die sogenannte intrinsische Motivation, die aus sich selbst heraus entsteht, und die extrinsische Motivation, die von außen kommt und zum Beispiel auch mit einer Belohnung verknüpft sein kann. Was ist beste Motivation für Läufer?

Die am nachhaltigsten wirkende Motivation ist immer die intrinsische. Wenn man Lust an der Sache hat, dann ist das die halbe Miete. Dann läuft man auch einfach los, ohne groß darüber nachzudenken. Extrinsische Motivation oder eine Motivations-Verstärkung via Belohnung sind nah beieinander. Das wirkt meist nur kurzfristig – und ist gefährlich. Wenn die Belohnung ausbleibt, hört man vielleicht aus Trotz wieder auf, weil es eben nichts gibt für die erbrachte Leistung – obwohl man die Bewegung vielleicht sogar gut findet. Das ist auch in der Industrie ein Problem mit den Entlohnungssystemen, wenn die Mitarbeiter durch Prämien motiviert werden. Dann musst du jedes Jahr die Prämien erhöhen, damit du die gleiche Leistung bekommst. Nein, wichtig ist die Motivation aus sich selbst heraus, aus Leidenschaft und Begeisterung. Der Profisportler darf dabei sein Ziel als Antrieb nie aus den Augen verlieren. Ich habe mich gerade erst mit einem Profi-Marathonläufer aus Afrika unterhalten, der in Heidelberg trainiert. Der läuft in der Woche im Schnitt 400 Kilometer. Der hat so einen Spaß an der Sache, weil er eben weiß, was passieren kann, wenn man über Jahre hinweg wirklich am Ball bleibt – nämlich Olympia-Gold. Dieses Ziel darf man auch im Training nie aus den Augen verlieren. Ich zeige zum Beispiel jüngeren Sportlern nach dem Training oft Videos von Olympiasiegern. Da merkt man in den nächsten Trainingseinheiten dann sofort, was Sache ist. Die sind heiß.

 

Wie motivieren Sie sich selbst, wenn sie mal lieber Faulenzen möchten?

Gar nicht, dann faulenze ich! Ich habe seit rund 45 Jahren eine ganz gute Regulation, was das Thema angeht. Ich entwickle einfach bei allem eine unglaubliche Lust. Ob das die Arbeit ist, ob das mein Sport oder Bewegung generell ist. Aber natürlich habe ich manchmal auch Lust aufs Faulenzen. Ich glaube, das gehört alles zu einer guten Balance dazu. Und deswegen darf man, wenn man mal auf der Couch liegen bleibt oder ein Gläschen mehr trinkt, auch kein schlechtes Gewissen haben. Über die Jahre hinweg zählt dann einfach die gute Mischung.

 

Wer ist schlimmer für den Sportler: Der untermotivierte Schweinehund oder das übermotivierte Kampfschwein?

Eine gute Frage. Besser ist wahrscheinlich das übermotivierte Kampfschwein. Da muss man den Sportler dann nur ein bisschen herunterkühlen. Schwieriger ist es immer, wenn es einer gerade gar nicht packt und man ihn anschieben muss.

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