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„Ich nehme am liebsten die Straßenbahn“

Interviews

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23/05/2018
 

Geher – das sind jene Sportler, die immer irgendwie etwas seltsam bei Olympischen Spielen über die TV-Bildschirme wackeln. Im Interview mit GripWorld verrät Carl Dohmann, Deutschlands derzeit erfolgreichster Geher über 50 Kilometer, warum sein Sport gar nicht komisch ist, wieso er nur auf Asphalt trainiert – und wann er lieber die Straßenbahn nimmt.

 

Herr Dohmann, es gibt so viele verschiedene Laufdisziplinen im Sport – warum sind Sie ausgerechnet Geher geworden? 

Das war reiner Zufall. Ich bin mit elf Jahren in einen Leichtathletikverein in Baden-Baden eingetreten, weil ich Sport treiben wollte. Meine Schwester war schon in dem Verein, sie hat mich mal mitgenommen. Meine erste Trainerin war zufällig Geherin. Sie hat uns zwar alle Leichtathletik-Disziplinen gezeigt, beim Gehen aber bin ich hängengeblieben. Das konnte ich am besten. Dann gab es einen Wettkampf über 1000 Meter. Ich nahm teil, obwohl ich seinerzeit nicht einmal die Regeln kannte. Ich brauchte knapp über acht Minuten. Ab dann habe ich regelmäßig an Wettkämpfen teilgenommen und wurde immer besser. Ich war auch nie der schnellste Läufer, bin eher der Ausdauertyp. Als es dann richtig in den Leistungssport ging war klar, Gehen, das ist mein Sport.

 

Für Zuschauer sieht Gehen immer etwas komisch aus, die Sportler haben ja diesen typischen Wackelgang. Werden Sie beim Training angesprochen: Hey, was machst Du denn da?

Ja, das kommt vor. Ich kann mit dieser Sichtweise aber wenig anfangen. Wenn man ehrlich ist, dann sind die wenigsten Sportarten entstanden, weil sie gut aussehen oder einen besonderen Sinn haben. Es entwirft halt irgendjemand ein Regelwerk für eine sportliche Betätigung, und wenn's genügend Menschen Spaß macht, dann setzt sich das durch. Beim Gehen besagen die Regeln, dass das Knie beim Aufsetzen des Fußes durchgestreckt sein muss und immer ein Teil eines Fußes Bodenkontakt haben muss. Das hat dann diesen leicht wackeligen Gang zur Folge, der für einige vielleicht ein wenig ungewöhnlich aussieht. Für mich nicht, es gehört zu meiner Sportart.

Carl Dohmann, 1990 in Hannover geboren, ist derzeit Deutschlands erfolgreichster Geher über 50 Kilometer. Der dreifache Deutsche Meister (2013, 2015 und 2016) lebt in Freiburg, wo er jüngst sein Studium der Volkswirtschaftslehre erfolgreich abgeschlossen hat. Er startet für den SCL Heel Baden-Baden. Seine großen Ziele sind die Leichtathletik-WM in Berlin im August 2018 – und die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Foto: Vera Dohmann

 

Kann man sich diese Bewegung leicht wieder abgewöhnen, oder wackeln Sie auch zum Supermarkt um die Ecke?

(lacht) Nein, privat schalte ich schnell wieder auf Normalbetrieb. Im typischen Gehschritt geht sicher niemand zum Supermarkt.

 

Aber das wäre doch praktisch: Auf dem Weg zum Supermarkt eine Trainingseinheit einlegen…

Nein, 1500-Meter-Läufer sprinten ja auch nicht zum Einkaufen. Man kann das Training nicht auf dem Weg zum Supermarkt oder zur Uni absolvieren. Mit Rucksack auf dem Rücken zum Beispiel wird das schnell unangenehm und wäre auch nicht effektiv, da das zusätzliche Gewicht enorm bremst. Außerdem benötigt man für das Training sehr guten Asphalt als Untergrund. Weil man ständig Bodenkontakt halten muss und die Füße daher immer sehr nahe über den Boden bewegt, ist jede kleinste Unebenheit sehr hinderlich und wirkt sich negativ auf die Technik aus. Beim Laufen ist man in dieser Hinsicht wesentlich flexibler, da kann man Unebenheiten auch einfach mal überspringen.

 

Wo trainieren Sie denn?

Jeder Geher oder jede Trainingsgruppe sucht sich eine persönliche Strecke zum Trainieren selbst. Ich wohne in Freiburg und trainiere auch dort, immer entlang des Flusses Dreisam. Dort verläuft ein gut ausgebauter Radweg, der zweieinhalb Kilometer in die eine Richtung führt und dann wieder zurück.

 

Was sagen denn die Radfahrer an der Dreisam dazu?

Ach, bisher ist das gut gegangen. Aber natürlich, an der Dreisam ist insbesondere im Sommer viel Verkehr, da sind auch viele semiprofessionelle Radfahrer unterwegs. Dann wird es mir bisweilen zu eng und ich trainiere auf einem asphaltierten Waldweg in der Nähe, da habe ich meine Ruhe. Ich muss viel trainieren, meistens elf bis zwölf Mal die Woche, das ist fast Vollzeit. Ich trainiere dann unterschiedliche Längen von bis zu 40 Kilometern. Insgesamt komme ich in einer normalen Woche dann auf rund 180 Kilometer und in intensiven Trainingsphasen sogar auf mehr als 200 Kilometer. Einen Teil davon lege ich laufend, also joggend, zurück. Dazu kommt noch Krafttraining.

 

Das klingt sehr anstrengend. Haben Sie nach dem Training überhaupt noch Lust zu laufen, oder nehmen Sie dann das Fahrrad?

Der Sport verlangt nach einem hohen Zeitaufwand, das ist richtig. Dazu kommt noch die Zeit für Regeneration, also für Sauna und Massagen. Drei Mal pro Jahr fahre ich dazu in ein Trainingslager. Tatsächlich bin ich außerhalb des Trainings oft nicht in der Stimmung, viel zu gehen. Da nehme ich tatsächlich am liebsten die Straßenbahn (lacht). Das Fahrrad ist eher nicht so mein Fall, damit gehöre ich in Freiburg sicher zur Minderheit. Ich habe zwar vor der Unimensa mal jemandem ein Fahrrad abgekauft. Das steht aber nur herum, zum Fahren bin ich zu faul.

 

Der wackelnde Gang sieht sehr belastend für die Gelenke aus. Mit welchen Verletzungen haben Geher häufig zu kämpfen?

Viele glauben, dass unsere Gangart die Gelenke besonders beansprucht. Allerdings ist genau das Gegenteil der Fall. Denn weil man immer Bodenkontakt hat, ist das für die Gelenke eher schonend, anders als beispielsweise beim Joggen. Verletzungen sind bei Gehern meist muskulär. Was allerdings bei uns ein wenig überbeansprucht wird sind die Schienbeine. Beim Gehen rollt man über die Zehenspitzen ab, dadurch können die Schienbeine überreizen.

Eine Sportart mit Tradition: Start der Geher bei den olympischen Sommerspielen 1948 in London – erste Wettkämpfe im Gehen gab es bereits im 17. Jahrhundert in England.

Foto: Bundesarchiv

 

Anders als in einigen anderen Laufsport-Disziplinen wird das Gehen nicht von Kenianern oder Äthiopiern dominiert. Woran liegt das?

In Ländern wie Kenia oder Äthiopien ist einfach das Laufen Nationalsport. Weil es dort lange keine Geher-Szene gab, fehlt den Kenianern und Äthiopiern natürlich Knowhow. Das ändert sich aber zumindest in Kenia gerade, wenn auch langsam. Bisher war Russland die führende Geher-Nation. Im Zuge der Doping-Ermittlungen allerdings sind auch die russischen Geher stark betroffen, dort gab es mehr als 30 Doping-Fälle. Daher hat Russland seine Führungsposition hier verspielt. In Deutschland ist die Situation, dass es seit ein paar Jahren zwar einige sehr gute Geher in der Weltspitze gibt, vergangenes Jahr bei der WM in London waren zwei Deutsche Geher unter den ersten Zehn, füng unter den ersten Zwanzig. Unser großes Problem ist: In der Breite fehlt Nachwuchs. Jetzt müssen wir uns darum kümmern, dass das Gehen insgesamt noch bekannter wird in Deutschland.

 

Welche Möglichkeiten sehen Sie, das Gehen attraktiver zu machen?

Das Wichtigste ist: Erfolg haben. Durch Medaillen bei Europa- oder Weltmeisterschaften würden wir sicher mehr junge Menschen für unseren Sport interessieren. Außerdem müssen wir wieder bei mehr nationalen Wettkämpfen vertreten sein. Ein großes Problem ist: Bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften sind wir nicht mehr dabei, wir wurden ausgelagert. Dadurch fehlen uns natürlich ein großes Publikum und die nötige Aufmerksamkeit für unseren Sport.

 

Warum wurden die Geher denn ausgelagert? Bei der Leichtathletik-WM zum Beispiel sind sie doch dabei.

Das wurde 2011 beschlossen. Die offizielle Begründung damals verwies auf den großen organisatorischen Aufwand, weil man geschulte Gehrichter organisieren musste. Außerdem spielte die Dauer des Wettbewerbs eine Rolle, ein Geh-Wettkampf über 10.000 Meter zum Beispiel dauert rund eine Dreiviertelstunde. Da sind 800-Meter-Läufer natürlich schneller im Ziel. Ich persönlich denke aber, dass das keine unlösbaren Probleme sind. Leider sind bisweilen diejenigen, die solche Entscheidungen fällen, nicht sehr nah dran an den Athleten und am Sport.

 

Inzwischen sind sie dreifacher Deutscher Meister über die 50-Kilometer-Distanz. Welches sportliche Ziel wollen Sie unbedingt noch erreichen?

Ich konzentriere mich jetzt auf internationale Wettkämpfe. Das ganz große Ziel dieses Jahr ist die Leichtathletik-EM in Berlin im August. Und ganz oben auf meiner Liste stehen natürlich die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo.

 

Können Sie eigentlich vom Gehen leben?

Nicht wirklich. Ich werde als Geher zwar gefördert, aber einzig davon ein Einkommen zu erzielen, von dem man richtig leben kann, das klappt nicht. Derzeit arbeite ich zwar noch nicht, da ich gerade mein VWL-Studium abgeschlossen habe. In Kürze werde ich mich aber nach einem Beruf umsehen. Mein großer Wunsch ist es, Journalist zu werden. Am liebsten vielleicht als freier Mitarbeiter in einer Redaktion, damit ich flexibel bleibe und immer noch genug Zeit für meinen Sport habe.

 

Und was war mit Studentenpartys? Ging das?

Seltenst. Wer 30 Stunden die Woche trainiert hat weniger Zeit für Privates als man denkt, weil man sich zwischendurch auch vom Training erholen muss. Mal mit Freunden treffen, einen Ausflug machen, das geht. Längere Urlaube und Partys aber sind mit meinem Sport eher nicht vereinbar. Mitte der Woche und am Wochenende stehen für mich die Haupttrainingseinheiten an, und montags und freitags muss ich gut regenerieren.

 

Letzte Frage: Wohin gehen Sie jetzt nach unserem Interview?

Ich gehe jetzt mit einem Studienkollegen einen Kaffee trinken in der Freiburger Innenstadt. Wobei „gehen“ das falsche Wort ist – ich werde natürlich mit der Straßenbahn fahren (lacht).


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