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"Ich hasse laufen"

Interviews

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29/06/2018
 

Er liebt alles, was rollt: Rennräder, Skateboards und vor allem Autos. Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim, über die Design-Gemeinsamkeiten von Sneakers und Autos, die Ästhetik von Fahrradhelmen – und warum er niemals joggt.

 

Herr Prof. Fügener, die Mobilität der Menschen wird von zwei wesentlichen Gebrauchsgegenständen bestimmt: vom Auto, und vom Schuh. Sie sind Experte für Autos und bilden seit Jahren künftige Generationen von Automobil-Designern aus. Haben Sie schon mal einen Schuh entworfen?

Nein, das habe ich tatsächlich noch nicht. Ich bin aber mit einer Schuhdesignerin verheiratet, meine Frau entwirft Damen- und Herrenschuhe. Und das entgegen dem Klischee, das ja für viele Damenschuhe mit Absätzen gilt: „Wer schön sein will, muss leiden“. Muss man nämlich nicht, es geht auch bequem, ohne auf eine schöne Gestaltung zu verzichten. Mir ist die Disziplin Schuhdesign also sehr vertraut.

 

Sitzen Sie denn abends mit Ihrer Frau zusammen und unterhalten sich über Entwürfe oder Formensprache neuer Schuhe oder Automodelle?

Ja, das kommt schon vor. Interessanterweise besteht zwischen Schuhen und Autos in der Formensprache eine große Nähe, vor allem bei Sportschuhen. Die Sportschuhindustrie ist an einer Zusammenarbeit mit Automobildesignern interessiert. Die Hochschule Pforzheim ist zum Beispiel eine Kooperation mit einem großen Sportschuhhersteller eingegangen.

Prof. Lutz Fügener beim Radrennen auf dem Nürburgring – natürlich mit Helm. Foto: Marc Schünemann

 

Wo liegen denn die Gemeinsamkeiten von Sneakers und Autos?

Schon in der Form an sich, ein etwas langgezogenen Körper quasi, in den der Mensch einsteigt und mit dem er sich komfortabel fortbewegen will. Sportschuhe und Autos verlangen nach einem sehr ähnlichen Formempfinden ihrer Gestalter. Wer als Autodesigner ausgebildet ist, kann auch bei einem Sportschuh produktiv und erfolgreich sein. Wir haben tatsächlich einige renommierte Gestalter ausgebildet, die heute in der Sportartikel-Industrie arbeiten. Aber natürlich gibt es auch gewichtige Unterschiede bei beiden Produkten.

 

Was sind denn wesentliche Unterschiede im Designprozess etwa eines Adidas- oder Nike-Sneakers verglichen mit einem neuen BMW oder Mercedes?

Die Komplexität des Produkts als Resultat seiner Einzelteile. Ein Sportschuh ist zwar auch ein sehr komplexes Gebilde, ein Auto aber ist naturgemäß noch ein ganz anderes Kaliber. Das bedingt andere Herausforderungen. Das Thema Federung und Stoßdämpfung betrifft vielleicht noch beide Produkte. Aber beim Thema Aerodynamik ist der Schuh dann 'raus, fürchte ich.

 

Was allerdings beide betrifft, Sportschuhe und Autos: Sie werden mitunter zu Design-Ikonen, etwa das Adidas-Modell Samba oder der Citröen DS. Was macht einen alltäglichen Gebrauchsgegenstand zur Ikone?

Das ist eher eine Frage des Marketings denn des Designs. Es gibt ja Menschen, die sich tagelang vor Sportgeschäften anstellen, um einen bestimmten limitierten Schuh zu bekommen. Der Schuh ist dann eigentlich kein Gebrauchsgegenstand mehr, sondern ein Accessoire. Und Accessoires sind Dinge, die in Verbindung mit unserem Körper, mit unserer Persönlichkeit, eine andere Aussage entwickeln. Das trifft auf Autos und auf Schuhe zu. Wenn sie ein Auto mit verschiedenen Fahrern oder Fahrerinnen besetzen, dann ist die Aussage jeweils eine andere, mitunter diametral unterschiedliche. Ein Mann mag einen SUV als maskulines, muskuläres, körperbetontes Vehikel empfinden. Eine Frau genießt die gute Rundumsicht. Bei Schuhen scheint man es vom Marketing her geschafft zu haben, dass die grundsätzliche Aussage des Produktes eine positive ist. Und wenn zur Form noch eine bestimmten Geschichte, ein Wimbledonsieg seines Trägers oder der Name eines berühmten Designers hinzukommt, dann entsteht ein Hype, meinetwegen auch eine Ikone, mit der man enorme Profite erzielen kann. Sowohl an Autos als auch an Schuhen können wir gut nachweisen, dass der Preis des Produkts nicht immer mit dem Aufwand seiner Herstellung zu tun hat.

 

Verfängt der aktuelle Sneaker-Hype auch bei Ihnen? Dass Designer zum Anzug gerne bunte Sportschuhe tragen, ist ja schon fast ein Klischee…

Nein, in der Hinsicht bin ich befreit. Ich bin da vollkommen uneitel, übrigens meist auch beim Auto. Meine Außenwirkung ist mir relativ egal. Ich habe auch in meiner Wohnung keine Designermöbel. Weil ich ganz genau weiß, dass das Marketing mit dem Etikett "Design" den Preis verdoppeln, verdreifachen, verzehnfachen kann. Wenn man Teil dieses Prozesses ist, macht einem das jedenfalls als Endkunde keinen Spaß. Das heißt aber nicht, dass ich bei bestimmten Produkten nicht auch von der Ästhetik angezogen werde. Wenn mir ein Auto, ein Möbelstück oder ein Schuh von der Form her zusagt, dann kann es sein, dass ich zum Käufer werde.

 

Mittlerweile tragen auch Vorstandschefs wie Dieter Zetsche in der Öffentlichkeit Sneaker. Was für ein Bild wird damit vermittelt?

Sneaker werden als positiv, als jugendlich und als, natürlich, sportlich gesehen. In unserer Gesellschaft müssen ja letztlich alle neuen Produkte, alle neuen Ideen immer durch die Jugend abgesegnet werden. Wenn die Jugend darauf reagiert, dann reagieren auch die Alten darauf. Die dann aber richtig, denn die haben ja auch das Geld. Diese den Produkten innewohnende Jugendlichkeit ist anscheinend ein Wert. Den Effekt gibt es auch bei Sportwagen. Der Sportwagen ist der Sneaker der automobilen Welt.

Lutz Fügener ist Professor für Transportation Design an der Hochschule Pforzheim. Hier bildet er kommende Generationen von Designern aus, die später weltweit in der Automobilindustrie arbeiten. Fügener wurde 1965 auf Usedom geboren, studierte Maschinenbau in Dresden und war als Mitinhaber eines Designbüros auch an der Gestaltung von S-Bahnen, unter anderem in Berlin und Polen, mitverantwortlich. Er lebt in Leipzig und liebt Rennräder. Foto: Jochen Knoblach

 

Nun kommen wir zum unangenehmen Teil unserer Gesprächs, jedenfalls für uns als Laufportal: Sie laufen nicht gerne…

Ja, das kann ich Ihnen nicht ersparen. Ganz ehrlich: Ich hasse laufen. Das ist schon seit meiner Jugend so. Ich habe zwar schon immer viel Sport gemacht. Bin auch gelaufen – alles bis 400 Meter war okay. Da bin ich auch auf Wettkämpfen dabei gewesen. Langstreckenwettkämpfe aber machen mich fertig. Ich kann mich dabei nicht entspannen. Ich komme in keinen Rhythmus rein, kriege keinen Flow. Entweder habe nicht richtig gelernt zu laufen, oder ich habe einfach keinen Langläuferkörper. Im Sprint war ich immer gut, aber wenn dich ab 400 Metern alle mit großer Leichtigkeit überholen, dann bleibt die Begeisterung eben aus.

 

Sie wirken doch aber recht durchtrainiert. Wie halten Sie sich denn fit?

Ich war schon immer sportlich. Als junger Mann habe ich eine Akrobatikausbildung genossen, das hat mir großen Spaß gemacht. Beim Turmspringen im Schwimmbad kann ich das beispielsweise auch heute noch umsetzen. Aber das ist natürlich kein Ausdauersport. Das ist für mich das Fahrradfahren. Und auch Schwimmen, sofern ich Gelegenheit dazu habe, was bisher nicht immer der Fall ist. Tasche packen, ins Schwimmbad – sehr aufwändig. Da ich auf einer Insel geboren bin, ist mir Wasser schon immer sehr wichtig gewesen. Wir ziehen bald um, an einen See. Da werde ich sicher wieder öfter schwimmen. Fahrrad fahren aber ist grundsätzlich leichter zu realisieren. Das geht direkt von der Haustür los. Auch als Designer habe ich an Fahrrädern meine Freude.

 

Das Fahrrad ist also als Designobjekt für Sie bedeutender als eine Badehose?

Richtig, schön gesehen! Wobei Badehosen und Schwimmanzüge auch sehr designrelevant sein können. Ein Fahrrad aber, das ist für einen Designer eine spannende Sache. Das Fahrrad ist ein relativ großes und bekanntes Objekt, das aber kein Interieur hat. Alles spielt sich im Exterieur ab. Man kann alles sehen. Und das ist für mich als Lehrender extrem wertvoll, es ist sehr anspruchsvoll, eine gelungene Funktionsästhetik zu schaffen. Bei vielen anderen Produkten ist das Exterieur ist in seiner Funktion unabhängig vom Interieur. Diese Teilung von Innen und Außen haben wir beim Auto sehr stark, und beim Fahrrad überhaupt nicht.

 

Haben Sie selbst schon mal ein Fahrrad entworfen?

Nein, selbst gestaltet noch nicht. Es gab einfach noch keine Gelegenheit. Ich habe aber Projekte meiner Studierenden betreut, die jetzt auch in der Fahrradindustrie arbeiten und da erstaunlicherweise sehr gut verdienen. Die Fahrradindustrie ist momentan sehr im Wachsen. Ich baue mir meine Fahrräder allerdings selbst aus einzelnen Komponenten zusammen, daran habe ich großen Spaß. Ich fahre hauptsächlich Rennräder.

 

Würden Sie sich auch auf ein E-Fahrrad setzen? Über deren Sinn gehen die Meinungen ja auseinander…

Ja, klar. Ich setze mich auf alles. In meiner Tätigkeit als Juror bei Designpreisen bin ich schon die verrücktesten Sachen gefahren. Alles was Räder hat – ich bin dabei. Ich verstehe auch gar nicht diesen Unmut von Fahrradfahrern gegenüber E-Bikern. Das sind zwei verschiedene Dinge – und beide haben ihre Berechtigung. Es gibt grandiose Elektro-Fahrräder. Und wenn jemand mit elektrischer Hilfe den Berg hochfahren will, dann sollte er das machen. Ich selbst habe noch kein Elektrofahrrad, es gibt aber viele, die mir sehr gut gefallen. Diese Entwicklung der dezenten Motorisierung fasziniert mich. Es gibt ja auch schon grandiose, motorisierte Skateboards. Mich bekommt man immer dazu, das auszuprobieren.

Fahrrad der Zukunft: Der damalige Design-Student Alexander Forst entwarf 2014 im Studiengang von Prof. Lutz Fügener in Kooperation mit dem Hersteller Canyon ein futuristisches Fahrrad mit Wasserstoff-Zusatzantrieb. Foto: Fügener

 

Was bietet Ihnen denn das Fahrradfahren, was Laufen nicht hat? Auf jeden Fall überholen Sie alle Jogger…

Ja, das sollte man schon können. Wenn man das nicht schafft, dann ist man beim Fahrrad ungefähr so gut aufgeboben wie ich beim Laufen. Im Gegensatz zum Laufen hat man beim Fahrradfahren, vor allem mit dem Rennrad, die Geschwindigkeit. Das fasziniert mich. Mit der eigenen Körperkraft richtig Tempo machen zu können. Ich fahre zum Beispiel gerne das 24-Stunden-Rennen beim Nürburgring auf der Nordschleife mit. Wenn man da bergab fährt, kommt man so auf 100 Stundenkilometer. Das ist toll, das ist dynamisch. Wenn ich mein Training von 100 Kilometern mache, dann fahre ich von einer kleinen Stadt in die nächste. Man sieht viel. Details, die man aus dem Auto nie sieht. Man darf Wege benutzen, die man mit Auto oder Motorrad nicht benutzen darf. Das ist sehr reizvoll.

 

Fahren Sie, als Automobildesign-Professor, mit dem Fahrrad zur Arbeit?

Wenn ich Pforzheim unterrichte, auf keinen Fall. Pforzheim ist definitiv keine Fahrradstadt. Da gibt es kaum gute Fahrradwege. Und die Stadt ist sehr bergig. Leipzig hingegen, wo ich wohne, ist eine absolute Fahrradstadt. Alle fahren hier Fahrrad. Wir haben auch in der Familie so ein großes Lastenfahrrad, und damit werden alle Einkäufe gemacht. Bei mir entscheidet also auch die Infrastruktur, ob ich in den Sattel steige. Oder eben mit dem Auto oder Motorrad fahre.

 

Mit Fahrradhelm hoffentlich, oder widerspricht das Ihrem ästhetischen Empfinden?

Beides. Ja, es widerspricht in den meisten Fällen meinem ästhetischen Empfinden. Und ja, ich fahre dennoch mit Fahrradhelm. Ich bin im letzten Jahr bei Tempo 30 gestürzt, mit Helm. So wie der Helm dann aussah möchte man nicht wissen, was ohne passiert wäre.

 

Was war denn Ihr erstes Fahrrad? Sie sind ja in der DDR aufgewachsen.

Ich bin an der Ostsee geboren, auf Usedom. Da war noch nicht so viel mit Fahrrad fahren, da war ich noch zu klein. Gelernt habe ich es bei meinem Großvater, in einem Dorf in der Nähe von Magdeburg. Mein erstes Fahrrad war ein gebrauchtes, grün angestrichenes 20-Zoll-Fahrrad. Das sehe ich heute noch vor meinem inneren Auge, toll.

 

Fahrradfahren hat gegenüber Laufen einen großen Nachteil: Es zieht Plattfüße nach sich…

Ja, das gehört dazu. Ich habe auch schon mal zwei platte Reifen an einem Tag. Aber da bin ich ganz fix. Ich habe immer ein Pannenreparaturset dabei, mit einer CO2-Kartuschenpumpe, einem neuen Schlauch und Reifenhebern. Beim Rennrad ist das in fünf Minuten erledigt. Reifen raus, Schnellspanner, und dann hängt man das irgendwo an einen Baum und dann ist gut. Plattfüße machen mich nicht fertig.

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