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„Fahrstühle sind viel zu langsam“

Interviews

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07/05/2019
 

Sieben Weltrekorde im Rückwärtslaufen und 45 Siege bei Treppenlauf-Wettbewerben – Thomas Dold sammelt Laufrekorde der besonderen Art. Im Interview mit Continental GripWorld erklärt er, warum jeder Sportler ab und zu rückwärtslaufen sollte, wieso Treppenläufe so faszinierend sind – und was ihn mit der deutschen Fernsehlegende Thomas Gottschalk verbindet.


Herr Dold, herzlichen Dank, dass Sie kurzfristig Zeit für uns finden und wir telefonieren können. Sie sitzen gerade im Zug?

Ja, ich bin gerade auf dem Weg zum Training in Frankfurt. Ich habe eine Sondergenehmigung, um im Main-Tower zu trainieren. Der ist mit rund 200 Metern einer der höchsten Wolkenkratzer in Deutschland. Das Treppenhaus dort bietet ideale Bedingungen zum Trainieren: Meine Lieblingstreppe mit 52 Stockwerken und tausend Stufen, die ich schon tausendfach hochgelaufen bin.

 

Sie leben auf dem Land. Ist das ein unterschätzter Nachteil des Landlebens: zu wenig Treppen?

Kann man so sagen (lacht). Würde ich in einer Großstadt leben, wäre das fürs Training natürlich besser, das würde einiges einfacher machen. Es gibt zwar auch bei mir im Ort eine lange Treppe, die auf einen Weinberg hinaufführt. Das sind neunzig Höhenmeter, da merkt man oben schon, was man geleistet hat. Es ist aber so: Treppenlaufen kann man eben nur an einer richtigen Treppe in einem Haus trainieren. Die Treppen sind dort steiler, länger und höher. Es geht darum, wie viele Stockwerke man in Wettkampfgeschwindigkeit in Laufschuhen zurücklegen kann. Dafür brauche ich solche Treppen wie die im Main-Tower.

 

Sie halten sieben Weltrekorde im Rückwärtslaufen und konnten weltweit bisher 45 Siege im Treppenlaufen verbuchen. Warum in aller Welt haben Sie sich für diese beiden Sportarten entschieden?

Ich bin am Fuße des Schwarzwalds groß geworden. Und im Schwarzwald gibt es Berge. Also wurde ich zunächst Bergläufer. 2003 habe ich dann das Rückwärtslaufen entdeckt und ausprobiert. Es hat mich sofort fasziniert. Und vom Berg zur Treppe war auch nur ein kurzer Weg. Das hat sich so ergeben. Ich war 18 und suchte neue Herausforderungen.


Thomas Dold gewann 2013 den Treppenlauf von Peking im China World Summit Wing. Er absolvierte die 2041 Stufen in der Rekordzeit von 9:55 Minuten. Foto: China World Summit Wing

 

Wie kann man sich so einen Treppenlauf-Wettkampf eigentlich vorstellen? Ist es nicht ziemlich beengend, mit Dutzenden Läufern ein enges Treppenhaus hinaufzuhetzen?

Die meisten Treppenhäuser sind tatsächlich sehr eng, als Schauplatz für einen Wettlauf zumindest. Eigentlich ist nie genügend Platz, dass da überhaupt zwei Leute nebeneinander laufen könnten. In New York, wo ich die meisten Siege eingefahren habe, ist es tatsächlich so, dass rund 100 Leute gleichzeitig auf die erste Stufe zulaufen. Und bevor es ins Treppenhaus geht, müssen alle durch eine Tür. Eine ganz normale Haustür. Da staut es sich dann natürlich. Die Leute quetschten sich da nach und nach durch, wie durch ein Nadelöhr.

 

Ohnehin ist eine Treppenhaus-Architektur immer unterschiedlich – wie wirkt sich das auf Ihre Renntaktik aus? Gibt es so etwas überhaupt?

Am Ende läuft es darauf hinaus, dass man einfach versucht, so schnell wie möglich nach oben zu rennen. Das ist meistens die beste Taktik. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil ist ohnehin nicht die Ortskenntnis, sondern die Erfahrung.

 

Können Sie Treppen überhaupt noch als normale Aufstiegshilfe in einem Gebäude sehen? Oder würden Sie im Paris-Urlaub versuchen, den Eiffelturm in Rekordzeit zu erklimmen?

Natürlich habe ich einen anderen Zugang zu Treppen. Viele Menschen denken bei Treppen an Anstrengung. Ich auch – aber auch an schöne Momente. Und das macht es mir leicht, häufig die Treppen zu nehmen. Ich habe einfach nicht die mentale Barriere, die Treppe nicht zu nehmen. Das ist ein Vorteil. Das kann aber jeder lernen. Jeder kann eine Entscheidung treffen und sagen: Egal, welche Treppe das ist, das ist meine Treppe, mein Trainingsgebiet. Fahrstühle sind ohnehin viel zu langsam. Bis der dann da ist und in jedem Stockwerk einmal angehalten hat, bin ich schon längst oben. Und dann habe ich sogar noch etwas für mich getan. Ich muss aber nicht jede Treppe rennen. Ich könnte die vom Eiffelturm auch ganz gemütlich hinaufspazieren, kein Problem.

Thomas Dold beim Treppenhaus-Training im Frankfurter Main-Tower. Foto: Marcel Meister

 

Kommen wir zum Rückwärtslaufen. Sie haben den ersten Lauf ohne Vorbereitung absolviert, bei den Deutschen Meisterschaften – und gewonnen. Wie war das denn möglich?

Das war recht spontan. Ich habe vorher nur einmal trainiert, um zu schauen, wie das mit dem Rückwärtslaufen so klappt. Und dann bin ich einfach mal bei der Gruppe „Frauen und Kinder“ gestartet. Dann war ich schnell unterwegs und nach nur 4:07 Minuten im Ziel. Natürlich ist der Sieger der Profis normalerweise auch der Gesamtsieger. Aber der Profi war eben sechs Sekunden langsamer als ich. Die Veranstalter hatten auch gestaunt, dass da einer von den Hobbyläufern so schnell gelaufen ist. Ich war auf einmal Deutscher Meister. Damals konnte man aber auch noch mit Zeiten gewinnen, da hätte man heute keine Chance. Mittlerweile renne ich auf einer Distanz von zehn Kilometern jeden einzelnen Kilometer im Schnitt 20 Sekunden schneller. Mein Weltrekord auf einem Kilometer liegt sogar bei 3:18 Minuten.

 

Kollidiert man als Rückwärtsläufer nicht ständig mit anderen Läufern oder Hindernissen? Und bekommt man nicht einen steifen Nacken, vom Umdrehen? 

Nein, einen steifen Nacken bekomme ich nicht. Das liegt daran, dass ich mich nicht umdrehe. Ich habe einen Radfahrer dabei, der mich unterstützt. Ich kann ihn sehen und er über mich hinweg das, was in meinem Rücken passiert. Und das erklärt er mir dann. Das ist mental natürlich eine Herausforderung. Man muss seinem Partner voll vertrauen, er ersetzt mir ja quasi die Augen. Und man muss vor allem auch sich selbst vertrauen. Gerade das Selbstvertrauen kann man durch Rückwärtslaufen sehr gut verbessern.


Wie reagieren die Menschen eigentlich, wenn Sie sagen: Ich bin Rückwärtsläufer?

Leute kommen oft zu mir und sagen: Ach, Rückwärtslaufen, das ist ja witzig. Wenn ich einem Hobbyläufer dann erzähle, dass ich zehn Kilometer in 38:50 Minuten laufe, dann staunt der natürlich nicht schlecht. Denn was ich rückwärts schaffe, schafft er nicht einmal vorwärts. Ich trainiere eben sehr viel. Und meine Persönlichkeitsstruktur ist davon geprägt, dass ich Lust habe, Dinge auszuprobieren. Rückwärtslaufen ist kein Massensport. Es gibt nicht Dutzende Bücher darüber. Also muss man sich selbst erproben. Man muss sich selbst optimieren können. Diese Eigenschaft hat nicht jeder, und sie hilft bei ganz vielen Führungspositionen und im Job So hilft Rückwärtslaufen bei der Entwicklung von Leadership-Fähigkeiten.

Thomas Dold beim Rückwärts-Training. Foto: privat

 

Sie haben mal gesagt, Spitzenleistungen schafft man nur, wenn man innerlich in Balance ist, wenn Körper und Geist im Gleichgewicht sind. Wie schaffen Sie das?

Ausgeglichenheit spielt in der Tat eine wesentliche Rolle. Für die Physis ist Rückwärts- und Treppenlaufen sehr wichtig. Treppenlaufen ist eine verdammt gute Kräftigungsübung für Oberkörper, Rumpf und Beine. Und das Rückwärtslaufen ist ein optimales Alternativtraining für den Rücken. Das ist auch für jeden Vorwärtsläufer von Vorteil. Ich kann das eigentlich jedem Sportler empfehlen. Um geistig in Balance zu sein, braucht es wahrscheinlich noch ein bisschen mehr als Treppen- und Rückwärts-Wettkämpfe. Da helfen eine gute Selbstreflexion, ein bisschen Witz und eine positive Lebenseinstellung. Das hilft, Rückschläge zu verkraften.

 

Die Jagd nach Rekorden treibt viele Sportler an, und nicht nur die. Was bringt die Menschen dazu, Bestmarken hinterherzujagen?

Ich glaube, dass das ein urmenschlicher Trieb ist. Wenn wir uns nicht verbessern wollen würden, wäre unsere Zivilisation eine andere, wir würden vermutlich alle noch herumkrabbeln. Aber dann hat irgendwann eben doch mal jemand gemerkt, dass Laufen besser ist als Krabbeln. Diesen Antrieb, besser werden zu wollen, den kann man am besten bei Kindern beobachten. Ich merke auch oft, dass Erwachsene diesen Drang irgendwo auf ihrem Weg verloren haben. Es gibt natürlich auch äußere Einflussfaktoren. Bei vielen Laufveranstaltungen gibt es zum Beispiel für jeden Teilnehmer eine Medaille, ob bei Kindern oder Erwachsenen. Das ist natürlich toll, wenn jeder eine Urkunde und eine Medaille hat. Auf der anderen Seite ist es so: Wenn nur Platz eins bis drei eine Medaille bekommen, sind die natürlich viel wertvoller. Das Streben, etwas Besonderes zu erreichen und dafür belohnt zu werden, steckt in uns Menschen. Die Eigenschaft, sich selbst optimieren zu können, ist sehr hilfreich, nicht nur im Sport, in allen Lebensbereichen.

Thomas Dold, Jahrgang 1984, ist einer der erfolgreichsten Sportler der Welt. Der Diplom-Ökonom hält sieben Weltrekorde im Rückwärtslaufen und insgesamt 45 Siege im Treppenlaufen, darunter allein sieben Siege beim Empire State Building Run Up in New York. Dold arbeitet heute als Executive Coach, leitet Verhaltenstrainings in Unternehmen und ist Lauftrainer für Profi- und Freizeitläufer. Foto: Marcel Meister

 

2008 durften Sie eine ganz besondere Erfahrung sammeln. In der deutschen Fernsehsendung „Wetten, dass…“ von Moderator Thomas Gottschalk traten Sie gegen einen Fassadenkletterer an. Rene Gabris kletterte die Außenwand des Wolkenkratzers hoch, sie rannten drinnen im Treppenhaus. Ihr Gegner war am Ende drei Sekunden schneller, Sie mussten vor einem Millionenpublikum eine Niederlage einstecken…

Das war meine schönste Niederlage. Vor allem war das eine extrem spannende Erfahrung. Es war eine der aufwendigsten Außenwetten, die es jemals gegeben hat. Mein Kontrahent wurde mit über 56 Prozent zum Wettkönig gekürt. Da haben wir den Zuschauern einen spannenden Wettbewerb geboten. Und „Wetten, dass...“ ist ja auch keine Sportsendung gewesen, sondern eine Unterhaltungssendung, Thomas Gottschalk ist eine Legende. Deshalb war es mir letztlich auch nicht ganz so wichtig, da zu gewinnen. Mir persönlich war viel wichtiger, dass ich eine Woche später dann einen Wettkampf in Singapur gewonnen habe. Die Fernsehgeschichte war einfach ein Riesenspaß.

 

Und wann starten Sie Ihren ersten Rückwärts-Treppenlauf?

(lacht) Ich bin noch verzweifelt auf der Suche nach einem Trainer, und ich habe leider noch kein sportliches Konzept. Spaß beiseite, anatomisch ist das gar nicht möglich. Vor allem nicht im sportlichen Wettkampf. Man steht auf dem Vorfuß und die Ferse geht Richtung nächste Stufe. Das wäre Harakiri.

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