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Der Promille-Marathon

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20/04/2017
 

Wein statt Wasser am Verpflegungsstand? Ein Ausnüchterungsspaziergang am nächsten Morgen? Beim „Marathon du Médoc“ im populärsten Weingebiet Frankreichs entscheiden nicht nur Bestzeiten über den Erfolg. Teil 10 der Continental GripWorld-Serie „Verrückte Läufe“.

Foto: Mainguy

 

Die kleine französische Hafenstadt Pauillac auf der Médoc-Halbinsel nördlich von Bordeaux ist für gewöhnlich ein sehr ruhiges Fleckchen Erde. Frankreich, wie es sich der Sommerurlauber vorstellt: Zahlreiche Burgen in der Umgebung, einige historische Gebäude im beschaulichen Ortskern. Und vor allem: Wein. Pauillac gilt als Hauptstadt des berühmten Médoc-Weines. Und der ist auch verantwortlich dafür, dass Pauillac ein Mal im Jahr alles andere als beschaulich ist. Immer am ersten September-Wochenende lockt der 5000-Seelen-Ort rund 5000 Marathon-Läufer und meist weit mehr als 50.000 Schaulustige an. Dann ertönt nämlich der Startschuss zu einem der verrücktesten Langstreckenläufe der Welt, dem "Marathon du Médoc". Das Besondere: Unterwegs trinken die Läufer Wein, stilecht in (Plastik-)Gläsern an den Versorgungsständen gereicht.

Foto: De Tienda

 

Eine Veranstaltung, bei der Sport- und Ernährungswissenschaftler sicher mit der Stirn runzeln. Während eines Marathon-Laufs Alkohol trinken? Da bekommt der Begriff Trinksport eine ganz neue Bedeutung. Doch so ungesund das auch klingt, der Lauf scheint für viele genau das Richtige zu sein und verhilft Pauillac an diesem Wochenende zu enormer Popularität – und ist mittlerweile der drittgrößte Marathon Frankreichs. Doch um den Sport geht es dabei nur nebenbei. Wer allein wegen einer gute Marathonzeit antritt, hat den Sinn nicht verstanden. Jedes Jahr jedenfalls gibt es immer wieder Läufer, die zwar schnell ins Ziel kommen, dort aber nur Kopfschütteln ernten. Denn viel wichtiger ist: möglichst viele Weine unterwegs zu verkosten.

 

Der Marathon ruhe auf vier Säulen, heißt es beim Veranstalter: la santé (die Gesundheit), le sport (der Sport), la convivialité (die Gastlichkeit) und la fête (das Fest). Sport und Festivitäten zu vereinen – das war das Ziel, als der Lauf 1984 ins Leben gerufen wurde. Während die Läufer sich also die 42,195 Kilometer durch die Weinberge kämpfen, führt die Strecke mit dem Start- und Zielpunkt in Pauillac an rund 55 der besten Weingüter Frankreichs vorbei, wie zum Beispiel dem berühmten Chateau Lafite Rothschild. Auf rund 100 Hektar Anbaufläche keltert die Wein-Dynastie 240.000 Flaschen „Grand Cru Classé“ pro Jahr aus den Trauben. „Grand Cru“ bedeutet wörtlich übersetzt „Großes Gewächs“ und bezeichnet einen Wein der höchsten Qualitätsstufe. Für einen 2005er-Jahrgang müssen rund 700 Euro hingeblättert werden.


Dementsprechend groß ist auch der Andrang an diesem "Versorgungsstand" des Marathons. An den 22 gewöhnlichen Stationen mit Obst und kohlenhydrathaltigen Happen wird natürlich auch Wein gereicht – und ebenfalls bei den mehr als 20 Schlossbesichtigungen, die auf dem Programmplan stehen. Denn auch solche kulturell geprägten Schlenker sind ein Muss – und schlagen sich dementsprechend in der Gesamtlaufzeit nieder. Nicht zu unrecht wird der Marathon auch als die längste Weinprobe der Welt bezeichnet. Das erste Gläschen wartet schon 800 Meter nach dem Startschuss. Während sich die Strecke mit einer Steigung von drei Prozent zudem als durchaus anspruchsvoll erweist, wird auch bei den Getränken an Prozenten nicht gespart. Und wer es tatsächlich schafft, ins Ziel zu laufen (oder zu torkeln), darf die letzten 195 Meter über einen weinroten Teppich zurücklegen. Auch wenn es bei diesem Marathon nicht um Best-, sondern Festzeiten geht: Nach 6,5 Stunden sollte das Ziel erreicht sein. Und wer tatsächlich schneller – im Laufen wie im Saufen – ist als alle anderen, der kriegt natürlich auch einen angemessenen Preis. Nämlich so viel „Grand Cru“-Flaschen, wie er selbst wiegt.

Foto: AMCM

 

Von welcher Qualität der „Marathon du Médoc“ ist, das belegen die Zahlen: 50.000 Zuschauer, 55 Animationspunkte und 42 verschiedene Bands sorgen am ganzen Wochenende für Stimmung. Auf die Marathoni warten ein Dinner im Château Livran, regionale Köstlichkeiten wie Austern, Fleisch und Käse, ein Feuerwerk – und natürlich der obligatorische Ausnüchterungsspaziergang durch die Weinberge des Médoc am Sonntagmorgen nach dem Marathontag. An Ideenreichtum wird auch im Teilnehmerfeld nicht gespart, das jedes Jahr passend zu einem immer wechselnden Motto in bunten Kostümen an den Start geht und die Party zu einem karnevalesken Ereignis macht. So auch am ersten Septemberwochenende 2017, wenn das Motto lautet „Musik auf Vinyl“.

Foto: Brett Jordan

 

Ähnliche Veranstaltungen gibt es übrigens auch in den Weingebieten Deutschlands: Der „Ahrathon“ (17.06.2017) im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr-Ahrweiler führt zu großen Teilen entlang an der Ahr sowie durch die Weinberge und bietet neben der Standard-Verpflegung regionale Weine zur Verkostung an. Der „Marathon Deutsche Weinstraße“ (15.04.2018) im pfälzischen Bockenheim steht ebenfalls ganz im Zeichen des Weines und reicht weinhaltige Getränke zu Stärkung. Die Strecke führt durch das zweitgrößte Weinanbaugebiet Deutschlands und zu großen Teilen über die Deutsche Weinstraße, die als eine der ältesten touristischen Straßen in Deutschland bekannt ist. Auch hier folgt das Credo wohl der alten römischen Weisheit: „In vino veritas“ – im Wein liegt die Wahrheit.

Foto: F. Fatin

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