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Dumm gelaufen

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06/04/2018
 

In der Laufszene ist Derek Murphy gefürchtet wie kaum ein anderer. Das liegt aber weniger an seinen Laufleistungen, als an seiner Spürnase. Denn Murphy überführt Läufer, die bei Rennen betrügen, um ihre Zeit zu verbessern.


Nachdem die Familie zu Abend gegessen hat und Derek Murphy seine Kinder ins Bett gebracht hat, setzt er sich an seinen Laptop. Er schaut sich Aufnahmen von Marathons und Langstreckenrennen auf der ganzen Welt an, analysiert Luftaufnahmen, Videos von Zuschauern oder Fotos aus Zeitungsberichten, Starterlisten und Laufzeiten. Oft sitzt Murphy bis in den frühen Morgen vor seinem Bildschirm. Wie auf einem Wimmelbild sucht er im Durcheinander von kleinen durcheinanderlaufenden Punkten – den Läufern – nach Unregelmäßigkeiten, die nicht ins Bild passen. Denn Murphy ist Laufdetektiv. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sportler zu überführen, die bei offiziellen Laufwettbewerben betrügen, indem sie die Strecke abkürzen, Startnummern fälschen oder andere für sich laufen lassen. Erst kürzlich landete er seinen größten Coup.


Beim vergangenen Marathon von Mexico-City überführte er von den 28.000 Teilnehmern mehr als 5000 Läufer des Betrugs. Viele von ihnen kürzten die Strecke ab, nutzen das Fahrrad oder sogar die Bahn, um eine möglichst gute Zeit zu erreichen. „Die große Zahl an Betrügern hat selbst mich erstaunt. Normalerweise entlarven wir bei den großen Rennen ein paar hundert Betrüger“, sagt Derek Murphy. Wie beispiellos der Betrug in Mexiko war, wird anhand von Zahlen deutlich. Alle fünf Kilometer lagen auf der Strecke sogenannte Zeitmatten auf dem Boden. Passiert ein Läufer diese Matten, sendet ein Chip am Trikot ein Signal mit der Zwischenzeit und der Startnummer des Läufers um zu gewährleisten, dass er auch wirklich die gesamte Distanz gelaufen ist. Acht dieser Matten gab es beim Mexiko-Marathon. Allerdings passierten gerade einmal 64 Prozent der Teilnehmer alle acht dieser Check-Points. Ein Prozent aller Läufer, also immerhin rund 280 Starter, überquerten sogar keine einzige der Matten.

 

„Kurz nach dem Mexico-Marathon erhielt ich eine Anfrage, die Ergebnisse zu überprüfen“, erzählte Derek Murphy der irischen Tageszeitung Irish Times. Auf einer Facebook-Seite entdeckte er über 1000 Namen vermeintlicher Betrüger. „Ich war zuerst skeptisch. Als ich mir jedoch die Ergebnisse und die Geschwindigkeiten ansah, schienen die Daten zu belegen, dass die beispiellose Menge an verpassten Matten weitgehend auf Läufer zurückzuführen war, die den Kurs kürzten“, so Murphy. Am Ende waren es dann sogar weit über 5000 Läufer in Mexiko, die des Betruges überführt werden konnten.

 

Murphy, im normalen Leben Wirtschaftsanalyst, ist selbst leidenschaftlicher Läufer und nahm bereits an zehn Marathons teil. Er weiß, wie hart es ist, einen Marathon zu laufen und wie hart man trainieren muss, um seine Marathon-Zeit auch nur um ein paar Sekunden zu verbessern. Zu seinem Nebenjob als Laufdetektiv kam er eher zufällig. „Während ich selbst in der Laufszene aktiv war, hörte ich immer mal wieder von Leuten, die beim Laufen betrügen“, so Murphy. „Dann habe ich mir einmal selbst ein zufällig ausgewähltes Rennen genauer angeschaut und sofort ein paar Betrüger entdeckt.“ Seit dem arbeitet er zusammen mit einem Datenwissenschaftler daran, möglichst viele Laufbetrüger zu überführen. Neben den Laufzeiten und GPS-Daten, die er von den Veranstaltern bekommt, helfen ihm aber auch Fotos und Videos von Zuschauern und Fotografen. Dabei achtet er auf jedes Detail. Erst vor kurzem überführte er eine Halbmarathon-Läuferin anhand eines Fotos, auf dem sie eine sogenannte Tracker-Uhr trug. Auf dem hochauflösenden Foto erkannte er, dass der Tracker am Handgelenk statt den vollen 21,09 Kilometern nur 18,75 Kilometer anzeigte.

 

Findet Murphy konkrete Beweise dafür, dass jemand betrügt, kontaktiert er die zuständigen Behörden, die den betreffenden Sportler dann gegebenenfalls disqualifizieren. Laut Murphy schummeln pro Lauf rund ein Prozent aller Läufer. Bei großen Marathons wie in Boston oder New York sind das schon mal einige hundert Teilnehmer. Aber warum? Für Murphy gibt es nur einen Grund: soziale Anerkennung. „Es gibt Leute, die so extrem betrügen, dass sie nicht einmal einen Kilometer der Gesamtstrecke laufen, und das Ziellinienfoto anschließend sofort in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Instagram veröffentlichen“, erzählt Murphy. Doch der Ruhm des Einzelnen ist längst nicht alles, denn mit dem Betrug lässt sich sogar noch Geld verdienen.

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Beim New-York-Marathon – hier beim Überqueren der Verrazano Bridge – starten meist über 50.000 Läufer. Ob es bei allen mit rechten Dingen zugeht, überprüft ein Marathon-Detektiv. Foto: Martineric

 

„Erforscht man die schäbige Unterwelt des Schummelns im Sport, findet man unweigerlich auch einen Weg Geld zu verdienen – egal ob Spielmanipulation, Doping oder Fälschung von Marathonzeiten“, sagt Murphy. In letzterem Fall sind es aber nicht die Läufer, die Geld verdienen, sondern beispielsweise die „bib maules“, wie Murphy sie nennt, zu Deutsch „Latzhosen“. Damit meint er diejenigen, die den Service anbieten, für andere einen Marathon unter ihrem Namen zu laufen, und den Auftraggeber dadurch beispielsweise für große Marathons wie in Boston zu qualifizieren. "Ich stieß auf ein Reisebüro, das seinen Kunden garantierte Boston-Einträge verkaufte. Ich schaute mir später das Ziellinien-Video des Rennens an und sah den Besitzer des Reisebüros sowie einige andere, die Lätzchen, also die Startnummern, für Kunden trugen, um diese zu qualifizieren.“

 

Doch Murphys Engagement als Detektiv trifft nicht bei allen auf Begeisterung. Oft muss er sich auch der Kritik stellen, er stelle die Läufer an einen Pranger im Internet, wo ihre Namen dann jahrelang einsehbar wären. Daher hat Murphy seinen Ansatz geändert. Machte er früher auch auf kleinere Delikte bei weniger populären Läufen aufmerksam, konzentriert er sich nun auf die großen und prestigeträchtigen Läufe, bei denen es insbesondere darum geht, sich für die großen Marathons zu qualifizieren.

 

Insgesamt bekommt Murphy in der Laufszene aber viel Zuspruch. Veranstalter buchen ihn immer öfter, um Unregelmäßigkeiten aufzuklären, und inzwischen verkauft er sogar eigene T-Shirts mit dem Aufdruck „Marathon Investigation“. Mittlerweile trägt Murphys Arbeit Früchte. „Die Veranstalter der Rennen nehmen das Problem inzwischen sehr Ernst. Ich habe bereits Läufer gesehen, die an der Ziellinie mit Handschellen abgeführt wurden“, sagt Murphy. Und sein nächstes großes Projekt steht schon wieder bevor. Denn bevor der berühmte Boston-Marathon am 16. April stattfindet, durchsucht der Laufdetektiv Internetforen nach illegalen Angeboten von Startnummern. Murphy hofft, dass seine Arbeit abschreckende Wirkung auf die Betrüger hat und ihm dieses Mal nicht so viele Schummler ins Netz gehen. Arbeitslos wird er auf absehbare Zeit aber wohl dennoch nicht.


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