Produkte für PKW / Van / 4x4

New content item

Wer Durst hat, stoppt am Wasserfall

Neuigkeiten

Print
 
06/06/2018
 

Der Lysefjord in Norwegen ist 42 Kilometer lang – wie naheliegend und langweilig also wäre es, hier die übliche Marathon-Distanz bei einem Rennen zu laufen. Nein, an dem unzugänglichen Fjord wird einer der spannendsten Ultraläufe der Welt ausgetragen. Insgesamt 62 Kilometer geht es durch zumeist unwegsames Gelände.

 

Die ersten 25 Kilometer sind die härtesten. Denn die führen, von einem kurzen Asphalt-Intro abgesehen, durch die wilde Natur Norwegens. Kaum ein Pfad ist zu erkennen, es geht immer höher, dann wieder jäh abwärts, über schroffe Steinformationen, durch dichtes Gestrüpp. Hier ist Tempo sekundär, wichtig ist vor allem, sicher zur ersten Verpflegungsstelle zu kommen. Ein falscher Schritt – und das Rennen könnte vorbei sein. Nach 25 Kilometern dann der erste Stopp. Zeit um kurz, ganz kurz nur, durchzuschnaufen, die Wasserflaschen aufzufüllen. Keine Getränke auf den ersten besonders anstrengenden 25 Kilometern? Nicht ganz. Dies ist Norwegen, das Land der Wasserfälle. Wer Durst hat, hält die Flasche ins niederrauschende Nass. Zwar sagt man in Norwegen: Wasserfälle sind nichts anderes als Trolle, die sich vom Berg herab erleichtern. Doch wer glaubt schon an alte Volksmärchen, wenn man sich bei einem der spannendsten Ultraläufe Skandinaviens durch die berauschende Natur kämpft? Lysefjorden Inn heißt der Ultramarathon, denn er führt entlang von Norwegens vielleicht unzugänglichstem und schönstem Meeresarm, dem Lysefjord im Westen des Landes. 2500 Höhenmeter müssen überwunden werden auf der 62 Kilometer langen Strecke. Das Zeitlimit: 14:30 Stunden. Infrastruktur wie Straßen oder Versorgungsstationen? Quasi nicht vorhanden.

Foto: Ingve Steinskog

 

Austragungsort ist die nördliche Küstenseite des Lysefjords, rund 40 Kilometer von Stavanger entfernt, der viertgrößten Stadt des Landes. Bekannt ist dieser Fjord vor allem auch wegen eines spektakulären Felsens: Ungefähr auf der Mitte der Laufstrecke ragt der berühmte Preikestolen (zu Deutsch: die Kanzel) in den erstaunlich oft blauen Himmel. Diese in der Eiszeit entstandene Fels-Plattform in 600 Metern Höhe gilt als „Norwegens berühmtester Berg“. Rund 200.000 Besucher pilgern jährlich an diesen Ort, um den gigantischen Ausblick zu genießen. Die allerdings kommen von hinten, nicht von der unzugänglichen Fjordseite.

Die Lysefjord-Läufer starten zunächst mit der Fähre, die sie zum Ort Oanes an der Mündung des Fjordes bringt. Von dort geht es los, die Route führt kurz über asphaltierte Straßen, dann durch unwegsames Steilküstengelände. 62 Kilometer lang wechselt der Untergrund immer wieder. Robert Ekehaug, ein norwegischer Ultraläufer aus der südwestlichen Stadt Ganddal, ist den Lysefjorden Inn schon oft gelaufen. „Beim ersten Mal hatte ich zwei verschiedene Paar Schuhe mit“, erzählt er. „Eines für Asphalt und eines für die Trails." Am Ende war vor allem das zweite Paar durchgelaufen. Da es in der Region kaum Straßen gibt, stehen für die Teilnehmer nur zwei Verpflegungsstationen bereit: nach 25 und 49 Kilometern. Und natürlich eine im Ziel. „Das ist aber kein Problem“, berichtet Ekehaug. „Hier gibt es so viele Wasserfälle. Einfach die Flaschen auffüllen und weiter geht’s. Das Wasser ist sowieso viel frischer als aus der Flasche.“


Foto: Ingve Steinskog

 

Ein weiteres Highlight auf der Strecke ist die Siedlung Flørli, die die Läufer nach rund 47 Kilometern passieren. Dort führt die mit 4444 Stufen längste Holztreppe der Welt in die schroffe Felswelt nach oben, von einem stillgelegten Wasserkraftwerk aus. Wen es reizt, hier hochzulaufen: Der Veranstalter hat ein zweites Rennen im Angebot, das sogenannte Flørlitrappne Opp, bei dem es hauptsächlich darum geht, die wahnwitzige Holztreppe mit 50 Prozent Steigung, 1470 Metern Länge und 741 Höhenmetern zu überwinden.

 

Ziel des Lysefjord-Ultralaufs aber ist die Ortschaft Lysebotn. Erst 1984 wurde eine Straße zu dem abgelegenen Dorf gebaut, doch ist sie aus Sicherheitsgründen nur im Sommer geöffnet. Mit 27 Haarnadelkurven führt die Straße von rund 600 Metern hinab auf Meereshöhe und gilt damit als eine der härtesten Serpentinenstrecken Norwegens. Zuvor waren Boote das Hauptverkehrsmittel in der Region. Auch deshalb wird der Lauf zumeist Anfang Juni ausgetragen, dann liegt sicher kein Schnee und das Wetter ist mild. 2018 gewann der Norweger Tom Erik Halvorsen in der sagenhaften Zeit von 5 Stunden und gut 47 Minuten, er war damit eine Dreiviertelstunde schneller als der Zweite des Rennens, der Norweger Knut-Magne Hauhe.

Wir verwenden Cookies, um Ihren Besuch auf unserer Website zu optimieren. Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu erhalten oder um Ihre Cookies-Einstellungen zu ändern.