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Haben Sie schon geploggt?

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22/11/2018
 

Plogging ist der neue Lauftrend: Beim Jogging wird Müll gesammelt. Das ist gut für die Umwelt – und für den Körper. Erfunden wurde die neue Sportart in Schweden, mittlerweile gibt es weltweit Plogging-Laufgruppen. Wichtigstes Accessoire neben guten Laufschuhen: ein Müllsack.


Leere Coffee-to-Go-Becher, entsorgte Flaschen, Plastikverpackungen… Wer durch Park, Wald oder auch einfach durch die Heimatstadt läuft, erlebt nicht immer nur die Freude des Sportreibens an der frischen Luft. Oft trübt Müll am Wegesrand die pure Lust am Laufen. Der Schwede Erik Ahlström war vom Müll in seiner Heimatstadt Stockholm so genervt, dass er mal eben einen neuen Lauftrend erfand: Plogging. Die Bezeichnung ist eine Kombination aus dem schwedischen „plocka“, was auf Deutsch „aufheben“ bedeutet, und dem global gebräuchlichen Wort „Jogging“. Denn wer Plogging betreibt, der muss – beziehungsweise: will – sich beim Laufen bücken: um Müll aufzusammeln.

 

„Schweden wird schmutziger und schmutziger. Jeden Tag werden allein 2,7 Millionen Zigarettenstummel auf die Straße geworfen – bei gerade einmal 10 Millionen Einwohnern“, erzählt Ahlström im Gespräch mit VisionZeroWorld. Von Kaffeebechern und unzähligem anderen Unrat ganz zu schweigen. Nachdem er 20 Jahre lang in einer kleinen Stadt in Nordschweden gelebt hatte und dann in die Hauptstadt Stockholm zurückkehrte, fiel Ahlström auf, wie dreckig seine Heimatstadt geworden war. „Der Müll lag in meiner Straße, ohne dass sich die Stadtreinigung blicken ließ. Also hab' ich den Müll selbst eingesammelt“, so Ahlström. Und weil der sportliche Schwede sowieso mehrmals die Woche durch Stockholm joggte, nahm er einfach jedes Mal einen Müllsack mit. Und dabei stellte er fest, dass das Einsammeln von Müll noch einen guten Nebeneffekt hatte: Durch das häufige Bücken trainierte Erik Ahlström auch seine Bein- und Rumpfmuskulatur. "Nach ein paar Wochen fühlte mich noch fitter", freute sich der Hobby-Sportler. Plogging war geboren.

Auch in Köln lohnt sich das Müllsammeln: Plogging Cologne gehört zu ersten Laufgruppen in Deutschland, die den neuen Trend aus Schweden aufnahmen. Foto: Plogging Cologne

 

Schnell breitete sich das „Mülljoggen“ in Schweden aus – und wurde in der Folge durch Berichte vor allem in sozialen Netzwerken rund um den Globus bekannt. Inzwischen gibt es in den meisten Metropolen Plogging-Gemeinschaften, die sich regelmäßig zum Laufen und Müllsammeln verabreden. „Plogging ist ein Intervalltraining für den ganzen Körper“, erklärt auch Alexander Volk von der Laufgruppe „Plogging Cologne“. „Den Gesundheits- mit Umweltaspekt zu verbinden, dafür steht Plogging“, so Volk. Denn das ist den joggenden Müllsammlern ein wichtiges Anliegen: Ihre Mitmenschen dafür zu sensibilisieren, keinen Müll auf die Straße zu werfen – und ihn aufzuheben, wenn man an Abfall vorbeiläuft. „Wir wissen, dass wir mit Plogging nicht die Welt retten und wir theoretisch jeden Tag von vorne anfangen könnten“, sagt Anita Horn, eine der Begründerinnen von Plogging Cologne. „Aber wir schaffen es doch, ein paar Leute aufmerksam zu machen und unsere Laufstrecken zumindest zeitweise etwas sauberer zu bekommen.“

Plogging-Erfinder Erik Ahlström läuft fast nur noch mit Müllbeutel los – und macht damit auch die schwedischen Schären vor seiner Heimatstadt Stockholm ein bisschen sauberer. Foto: privat

 

Auf jeden Fall sorgen Müll sammelnde Läufer für Aufmerksamkeit. Oft werden die Jogger mit ihren Müllsäcken von Passanten komisch beäugt. Einige sind skeptisch, andere helfen spontan mit. „Es gibt nichts, was wir noch nicht erlebt haben. Uns ist natürlich bewusst, dass wir damit Blicke auf uns ziehen. Aber genau das möchten wir ja“, so Plogging-Sportlerin Horn. „Man sollte sich immer überlegen, was man und vor allem wie man konsumiert. Braucht man wirklich einen Pappbecher für den Kaffee zum Mitnehmen, oder könnte man sich auch einen Thermobecher von zuhause mitnehmen? Muss man bei jedem Einkauf eine neue Tüte kaufen, oder tut es auch der Stoffbeutel?“, erläutert Volk.

 

Die Kölner Gemeinschaft hat mit „Plogging Cologne“ eine der ersten und größten Laufgruppen in Deutschland begründet. Während sich beim ersten Lauf in Köln rund 20 Jogger mit bunten Müllsäcken bewaffneten, zählt die Gruppe heute bereits über 400 Mitglieder. Und es gibt fast nichts, was die Plogger noch nicht gefunden haben. Von Pizzakartons und Getränkedosen über Nummernschilder hin zu ausrangierten Bürostühlen und sogar Feuerlöschern sammeln die Läufer den erstaunlichsten Unrat in Köln ein. „Die Profis unter den Ploggern transportieren ihre Funde beispielsweise in einem Einkaufswagen vor sich her oder tragen zwei Müllsäcke gleichzeitig. Das trainiert dann sogar noch die Arme“, sagt Volk mit einem Augenzwinkern.

Plogging im höchsten Norden: Hier sammelt eine Laufgruppe Müll im schwedischen Nationalpark Abisko nördlich des Polarkreises. Foto: privat

 

Ein anderes Konzept verfolgt die Yoga-Lehrerin Annalena van Beek, die einer Plogging-Gruppe in der früheren Bundeshauptstadt Bonn angehört. Um Leute zum Müllsammeln zu motivieren bietet sie ihren Kunden nach dem Plogging eine kostenlose Stunde Yoga an. Motto: erst sammeln, dann entspannen. „Ich wollte das Aufräumen etwas attraktiver machen. Flüsse und Meere vermüllen“, sagt van Beek. Daher geht sie mit ihren Mitläufern bevorzugt am Rhein-Ufer ploggen, damit der Müll gar nicht erst den Weg ins Wasser findet.

 

Plogging selbst hat den Weg rund um die Welt gefunden, es gibt Laufgruppen in Australien, Indien, Russland, den Niederlanden, den USA und sogar auf den Philippinen: Überall sammeln Läufer Müll. Denn es denkbar einfach: Laufschuhe schnüren, Müllsack einstecken, los. Wer Plogging selbst ausprobieren möchte, dem empfiehlt Erfinder Ahlström in den sozialen Netzwerken nach einer Gruppe in der eigenen Stadt zu suchen – oder sogar selbst eine neue Laufgemeinschaft zu gründen. „Je größer die Gruppe, desto mehr Spaß bringt das Plogging und desto größer wird die Fläche, die man vom Müll befreien kann“, sagt Ahlström. Außerdem verbrauche der Köper beim Plogging mehr Kalorien als beim normalen Jogging. Während einer halben Stunde Müllsammeln verbrenne der Körper durchschnittlich 288 Kalorien im Gegensatz zu 235 Kalorien beim herkömmlichen Joggen. Auch wenn die gelaufenen Strecken oft kürzer seien und man vielleicht nur fünf oder sechs Kilometer laufe, sei es dennoch ein "ziemlich anstrengender Sport", so Ahlström.

Entsorgte Teppichreste, Radkappen und säckeweise Müll: Diese Plogging-Gruppe hat im schwedischen Skigebiet Hammarbybacken eine Menge Unrat gesammelt. Foto: privat

 

Nicht alle Sportexperten allerdings sind beim Thema Plogging so euphorisch wie sein Erfinder. Sportwissenschaftler Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln sieht ein Problem in den häufigen Unterbrechungen durch das Bücken und Müllaufsammeln. „Wenn ich laufen will, dann will ich laufen – ohne Unterbrechungen.“ Daher schlägt er ein zusätzliches Intervalltraining vor, damit der sportliche Effekt trotzdem nicht verloren geht. Erfinder Ahlström hält dagegen und betont neben dem sportlichen Aspekt vor allem den Beitrag für die Umwelt: „Das Plogging ist sicherlich die positivste Ergänzung zum einfachen Joggen. Jeder kann immer und überall einen Unterschied machen. Es geht schließlich auch darum, mit der richtigen Einstellung für die nachfolgenden Generationen voranzugehen.“ Erst vor kurzem reiste er ins südamerikanische Ecuador, um dort bei der Gründung einer Plogging-Gemeinschaft zu helfen. Er ist stolz auf seine Erfindung und optimistisch, dass sich das Plogging weiter verbreiten wird. „Alles begann hier in Schweden, wo wir unser Leben, unsere Gewohnheiten und unsere Umgebung verändern wollten. Nun laufen auch andere Leute auf der Welt für dieses gemeinsame Ziel.“ Und damit hat er auf jeden Fall für Bewegung gesorgt.

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