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"Die Autohersteller sind gefordert"

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13/09/2018
 

Eine Welt ohne Verkehrsunfälle – das ist das Ziel von David Ward, Generalsekretär von Global NCAP. Seine Organisation fördert und fordert weltwelt die Sicherheit von Fahrzeugen und Straßen. Im Interview mit Vision Zero World erklärt Ward seine Vision einer unfallfreien Welt, warum Crashtests so wichtig sind – und was er von der Verkehrspolitik von US-Präsident Donald Trump hält.


Sieht man sich aktuelle Neuwagen an, stellt man fest, dass sie einerseits mit immer mehr Sicherheitstechnik ausgestattet werden, zugleich aber auch immer leistungsstärker und schneller werden. Ist das nicht paradox?

Man kann das so sehen, aber letztlich entscheiden die Kunden über das Angebot, indem sie sich für ein bestimmtes Auto entscheiden. Unabhängig davon wird das Thema Geschwindigkeit immer wichtiger werden – und vermutlich besonders in Deutschland für interessante Diskussionen sorgen. Denn in Zukunft wird eine striktere Tempokontrolle nötig sein, damit sich der Straßenverkehr insgesamt beruhigt. Anders wird es nicht funktionieren, denn autonom fahrende Autos sind auf eine gewisse Gleichförmigkeit der Verkehrsströme angewiesen.

David Ward, 63, ist Generalsekretär von Global NCAP. Die Nicht-Regierungsorganisation setzt sich weltweit für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und vor allem sicherere Fahrzeuge ein. Unter dem Dach von Global NCAP operieren derzeit weltweit acht regionale NCAP-Organisationen, in Europa z.B. Euro NCAP, in Nordamerika US NCAP, die zum Beispiel regelmäßig Crashtests mit Neuwagen durchführen und so Fahrzeuge nach allgemein anerkannten Sicherheitsstandards klassifizieren. Automotive-Unternehmen wie Continental unterstützen Global NCAP. Foto: Global NCAP

 

Die Halbierung der Zahl der Getöteten im Straßenverkehr bis zum Jahr 2030 ist das zentrale Ziel, das die EU-Kommission ausgegeben hat. Wie soll dies erreicht werden?

Das geht meiner Meinung nach nur mit einem ganzheitlichen Ansatz. Zu diesem gehört intelligenter Straßenbau ebenso wie sicherere Autos und das stetige Bemühen um mehr Rücksicht und Aufmerksamkeit aller Verkehrsteilnehmer. In Länder, in denen es gelingt, Verbesserungen in allen drei Bereichen zu erzielen, sinkt die Zahl der Verkehrsopfer am stärksten. Das ist ermutigend. Vor allem auch mit Blick auf die globale Situation. Denn wir hoffen, dass auch die UN die Halbierung der Zahl der Straßenverkehrsopfer als weltweit anerkanntes Ziel aller Sicherheitsbemühungen durchsetzen kann.

 

Welche Rolle spielen Partner wie Continental, um den Straßenverkehr weltweit sicherer zu machen?

Die großen Zulieferer wie Continental spielen eindeutig eine Hauptrolle bei allem, was wir hier bei Global NCAP unternehmen. Denn sie bieten die Technologie an, die wir benötigen, um den Straßenverkehr sicherer zu machen. Und hier spreche ich nicht von immer neuen Hightech-Systemen, sondern von Dingen wie der elektronischen Stabilitätskontrolle ESP, die in Europa seit rund 20 Jahren verfügbar und deshalb ein alter Hut ist. In etlichen aufstrebenden Märkten aber bedeutet die Einführung und Verbreitung von ESP noch immer einen erheblichen Sicherheitsgewinn. Ohnehin sieht es so aus, als ob sich die Zulieferer zu den eigentlichen Innovatoren der Automobiltechnik entwickeln, mehr noch als die Fahrzeughersteller selbst. Wir sind jedenfalls extrem froh und dankbar, Unternehmen wie Continental bei der "Stop the Crash"-Initiative an unserer Seite zu haben. Und umgekehrt unterstützen wir die Conti-Initiative "Vision Zero".

 

Global NCAP nimmt nicht nur die Autoindustrie in den Blick, sondern auch die Autokäufer. Da geht es um Aufklärung, damit künftige Kaufentscheidungen zugunsten möglichst sicherer Autos getroffen werden können. Wie kann man sich das vorstellen?

Es ist eine große Herausforderung und ein längerer Prozess, das Sicherheitsbewusstsein bei Autokäufern zu stimulieren. In Europa ist das schon gelungen, Autohersteller werben mit einer "5 Sterne"-Bewertung beim Euro-NCAP-Crashtest, und die Kunden wiederum achten darauf und honorieren diese Bemühungen. So entsteht ein Wettbewerb um mehr Sicherheit, der allen nutzt. Genau das ist eine der Aufgaben der NCAP-Organisationen. Sie funktionieren als Katalysatoren und Beschleuniger des Wandels zu mehr Sicherheit, ganz einfach, indem sie die Crashtests so transparent wie möglich machen für die Öffentlichkeit. So wird Vertrauen aufgebaut, und Sicherheitssysteme werden immer mehr als selbstverständlich erachtet.

Erst vor kurzem erhielt ein neues Modell aus indischer Produktion eine 4-Sterne-Bewertung beim Crashtest, es war bereits das vierte Modell aus Indien mit diesem Sicherheitsniveau. Foto: Global NCAP

 

Klappt das überall auf der Welt?

Das Prinzip ist bei allen NCAP-Organisationen das gleiche. Am Beispiel Indien lässt sich das gut zeigen. Als wir vor vier Jahren dort mit Crashtests begannen, sagten uns alle: Das könnt ihr bleiben lassen, niemand hier interessiert sich für Sicherheitstechnik, kein Kunde wird dafür Geld ausgeben, ihr verschwendet eure Zeit. Das hat sich in den vergangenen vier Jahren komplett gedreht. Hersteller bestücken ihre Autos mit Airbags, weil die Kunden danach fragen, die indische Regierung hat Crashtest-Standards herausgegeben. Erst vor kurzem erhielt ein neues Modell aus indischer Produktion eine 4-Sterne-Bewertung, es war bereits das vierte Modell mit diesem Sicherheitsniveau. Und ich denke, dass auch das erste indische 5-Sterne-Auto noch in diesem Jahr vorgestellt wird.

 

Das klingt eigentlich ganz einfach: NCAP unternimmt Crashtests, die Kunden werden aufmerksam und die Autohersteller reagieren schließlich darauf. Ist  es tatsächlich so einfach?

Es klingt vielleicht einfach, aber dahinter steckt ein enormer Aufwand. Das Allerwichtigste jedoch ist unsere Glaubwürdigkeit. Wir arbeiten unabhängig. Wir testen und bewerten so, dass die Öffentlichkeit es nachvollziehen kann. Und wir arbeiten an neuen Testmethoden, denn Crashtests machen die Stärken oder Schwächen von passiven Sicherheitssystemen deutlich. Jetzt aber kommen immer mehr Technologien in die Autos, die Unfälle vermeiden sollen, so genannte aktive Sicherheitssysteme. Um auch diese Technik transparent überprüfen und bewerten zu können, müssen wir neue Sicherheitsstandards entwickeln. Und nicht nur wir, sondern auch die Autohersteller sind gefordert. Beispielsweise indem sie immer komplexeren Sicherheitssysteme in den Fahrzeugen den Kunden so gut wie möglich erklären, damit die Technik im Fall der Fälle den größtmöglichen Nutzen entfalten kann.

 

Bei einer Rede formulierten Sie kürzlich die rhetorische Frage, ob "die Autoindustrie das reflexhafte Ablehnen von schärferen Sicherheits- und Umweltstandards" wohl irgendwann ablegen könne. Wie lautet Ihre Antwort darauf?

Lassen Sie mich mit einem Beispiel antworten. Unmittelbar nachdem Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gewonnen hatte, lobbyierte die US-Autoindustrie für die Zurücknahme schärferer Verbrauchswerte, und sie setzte sich durch. Ich halte das für eine große Dummheit, denn 17 US-Staaten, darunter Kalifornien, behielten die ursprünglich geltenden Verbrauchs- und Emissionsgrenzwerte bei. Jetzt herrscht Konfusion auf dem US-Markt Ähnliches geschah beim Thema Sicherheit, als der im US-NCAP festgelegte Fußgängerschutz aus den Standardanforderungen für US-Fahrzeuge gestrichen wurde. Industrieverbände mögen das Erfolg werten, ich halte es für einen Rückschritt. Was ich noch hinzufügen möchte: Oft sind einzelne Autohersteller weitaus progressiver als die Verbände, von denen sie vertreten werden.

Global NCAP hat die Initiative "Stop The Crash" ins Leben gerufen – auch mit der Unterstützung von Continental. Dabei sollen die Verbreitung von unfallvermeidenden Technologien in Neuwagen weltweit gefördert werden. Foto: Global NCAP

 

Sie beschrieben die Rolle des Global NCAP einmal als die eines Wachhunds. Worauf achtet dieser Wachhund momentan besonders genau?

Das kommt ganz auf die Region an. In Asien geht es vor allem darum, überhaupt erste Sicherheitsstandards zu etablieren. In anderen Regionen geht es um Crashtests oder um neue Testverfahren. Global gesehen ist vor allem auch die Finanzierung unserer Arbeit ein Thema, das wir dauernd im Auge haben müssen, vor allem auch mit Blick auf unsere Unabhängigkeit. Und dann denken wir darüber nach, wie wir neben der Sicherheit auch das Thema Emissionen künftig genauer beobachten können, zum Beispiel durch eine Art Green-NCAP.

 

Warum ist es so schwierig, wirklich sichere Autos zu einer Selbstverständlichkeit zu machen?

Aus meiner Sicht liegt das vor allem daran, dass das Risikobewusstsein der meisten Menschen im Straßenverkehr einfach viel zu gering ist. Wir alle unterschätzen systematisch die Gefahren eines Unfalls. Was ich damit meine, ist Folgendes: Wenn man Menschen, die zum ersten Mal bei einem Crashtest dabei sind, fragt, mit welchem Tempo das Auto wohl an die Wand geknallt ist, dann hört man meist Antworten wie  "vielleicht 100, vielleicht auch 120 km/h". Und wenn man ihnen dann sagt: Nein, das war Tempo 64, dann sind sie schockiert. Diese Fehleinschätzung ist aus meiner Sicht der Hauptgrund, warum wir Sicherheitssysteme zu wenig wertschätzen und uns zu wenig mit ihnen beschäftigen. Wir alle, NCAP-Organisationen, Autohersteller, Zulieferer, Verkäufer sollten uns daher noch mehr darum bemühen, den Sinn und Zweck solcher Technologien zu erklären.

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