Produkte für PKW / Van / 4x4

„… dann fährt es nicht los“

Neuigkeiten

Print
 
27/09/2018
 

Alle Welt spricht vom autonom fahrenden Automobil. Doch ohne intelligente Reifen würde sich kein Auto auch nur einen Meter autonom bewegen. Reifenexperte Marco Gellings von Continental erklärt, wie Reifen und Fahrerassistenzsysteme zusammenarbeiten, um die "Vision Zero" einer Welt ohne Unfälle zu realisieren.


Herr Gellings, wenn es um die Vermeidung von Unfällen geht, wird viel über autonomes Fahren, über neue Assistenzsysteme und über Konnektivität gesprochen. Wo bleibt da der Reifen?

Es ist tatsächlich so, dass technologische Entwicklungen etwa zum autonomen Fahren hauptsächlich im Fahrzeug stattfinden. Dennoch: Alle Fahrzeugkonzepte basieren auf der heutigen Reifentechnologie. Sicherheitsaspekte wie Grip Performance auf unterschiedlichen Oberflächen, Verschleiß und Fülldruck sind wesentliche Parameter und haben auch Einfluss auf die technologische Weiterentwicklung von Fahrerassistenzsystemen. Dafür notwendig ist die Sensorik bei modernen Reifen. Ein autonomes Fahrzeug muss auf die Information der Reifensensoren Zugriff haben wie auch auf die Schlupfsensoren, um eine sichere Fahrt zu gewährleisten. Gerade, wenn die Hauptverantwortung des Fahrens vom Mensch an das Fahrzeug weitergereicht wird.

 

Der Reifen übernimmt an autonomen Fahrzeugen also auch mehr Verantwortung?

Ganz klar. Er ist ja ein essenzielles Sicherheits-Bauteil des Fahrzeugs. Der Reifen stellt den Kontakt zur Straße her und bringt damit letztlich alle Sicherheitssysteme erst zur echten Entfaltung. Nehmen wir das Beispiel Schlupf. Ein Fahrer wird eine Situation meist gut einschätzen können. Er sieht, ob Laub auf der Straße liegt, ob es nass ist oder ob im ländlichen Bereich vielleicht gerade ein Traktor vom Feld auf die Straße gefahren ist und Erde auf den Asphalt gebracht hat. Ein autonom fahrendes Auto aber weiß erst einmal nicht, warum Schlupf auf den Reifen ist. Die Konsequenz: Es hält an. Weil die Sicherheit vorgeht. Eine solche vorübergehende Fahruntüchtigkeit lässt sich mit weiteren Sensorinformationen von den Reifen von Fall zu Fall verhindern.

Marco Gellings, 47, ist Leiter der Winterreifenentwicklung weltweit bei Continental. Der Maschinenbauingenieur ist seit 2001 in der Forschung und Entwicklung des Reifenherstellers und gehört zu den versiertesten Sicherheitsexperten auf dem Gebiet der Reifenkunde.

 

Wie wichtig ist der Reifen für die "Vision Zero" von Continental, also dem Streben nach einer unfallfreien Verkehrswelt?

Sehr wichtig. Alle technologischen Innovationen funktionieren nur im Zusammenspiel mit den Reifen. Alle Kräfte, die das Auto bewegen, werden vom Reifen auf die Straße übertragen. Und umgekehrt werden viele Parameter der Straßenbeschaffenheit vom Reifen aufgenommen und an die Informationssysteme des Fahrzeugs übermittelt. Auch in einer Welt der Vision Zero wird es unvorhergesehen Momente geben. Selbst wenn die Technologie so weit ist, dass ein Fahrzeug alle anderen Verkehrsteilnehmer mit unterschiedlichsten Sensoren rechtzeitig erkennt und so das Fahrverhalten des Autos darauf abstimmt, so könnte immer noch plötzlich zum Beispiel eine Paket-Drohne vor einem autonomen Fahrzeug abstürzen. Da ist es natürlich wesentlich, dass die Reifen mit der bestmöglichen Performance rechtzeitig bremsen. Solche Umweltsituationen ließen sich nur vermeiden, wenn wir irgendwann alle in abgeschlossenen Röhren von A nach B reisen und Umwelteinflüsse ausgeschlossen werden können. Aber dann brauchen wir vermutlich auch keine Reifen im herkömmlichen Sinne mehr.

 

Continental entwickelt nicht nur Reifen, sondern auch Assistenzsysteme zur Unfallvermeidung, zum Beispiel Notbrems- und Totwinkelassistenten. Gibt es Kooperationen zwischen diesen Entwicklungs-Abteilungen und der Reifenentwicklung?

Ja, wir haben viele Entwicklungsprojekte am Start, die Divisions- und Business-Unit-übergreifend sind. Zum Beispiel bei der Fahrzeug-Sensorik ist es sehr wichtig, dass alle Systeme Hand-in-Hand arbeiten. Vom Reifen zu den Assistenzsystemen, und umgekehrt. Da geht es um Dinge wie Verschleiß, Grip, die Temperatur im Reifen, den Luftdruck und eventuelle Beschädigungen am Reifen. Eigentlich müsste man ja vor jeder Fahrt zum Beispiel den Luftdruck kontrollieren und einschätzen, ob es sicher ist, die Fahrt anzutreten. Macht natürlich keiner, obwohl es besser wäre. Das Auto fährt ja trotzdem, man nimmt das Risiko in Kauf. Ein autonom fahrendes Auto aber nicht unbedingt. Stimmt der Luftdruck nicht, dann fährt es nicht los. Hier arbeiten wir also an intelligenten Lösungen. Man muss den Reifen als integralen Bestandteil des autonomen Fahrens sehen. Und es ist natürlich ideal, dass wir bei Continental alles unter einem globalen Dach haben und innovative Sicherheitssysteme bestmöglich homogen entwickeln können.

Reifen und Assistenzsysteme müssen Hand-in-Hand arbeiten, um die Vision einer möglichst unfallfreien Welt zu realisieren.

 

Der Reifen spielt im Bewusstsein der Autofahrer aber noch immer eine Nebenrolle. Beim Kauf eines Neuwagens wird auf Zweizonenklimaanlage, auf Smartphone-Anbindung und natürlich auf Assistenzsysteme wie Einparkhilfe und Rückfahrkamera geachtet. Der Reifen – der ist halt schon drauf…

Wirklich sexy ist das Produkt Reifen für viele nicht, da gebe ich Ihnen Recht. Aber das stört mich als Entwickler nicht, da bin ich uneitel. Was mich aber doch ärgert ist, dass die Unwissenheit der Kunden oft zu Verkehrsrisiken führen. Viele Menschen wissen vermutlich noch nicht einmal, welches Reifenmodell sie eigentlich fahren. Das an sich ist nicht schlimm, doch wenn etwa der Reifendruck nur jedes halbe Jahr beim Wechsel von Sommer- auf Winterreifen und umgekehrt kontrolliert wird, dann ist das schon fast fahrlässig. Die Aufklärung über die Bedeutung eines guten, funktionstüchtigen Reifens für die Verkehrssicherheit ist wichtig, und da sehe ich Hersteller wie Continental und auch den Reifenhandel weiterhin in der Pflicht. Denn der Unterschied zwischen einem guten und einem weniger guten Produkt können zum Beispiel entscheidende Meter beim Bremsvorgang an einem Zebrastreifen oder einem Stauende sein.

 

Sie sind Leiter der weltweiten Winterreifenentwicklung. Wie soll eigentlich die "Vision Zero" im Winter realisiert werden? Blitzeis, Schneesturm… Lässt sich die Umwelt auch im Winter zähmen?

Im Winter gibt es eine besonders große Bandbreite an Verkehrssituationen, von trockener Straße bis zu Blitzeis. Deswegen gibt es ja auch für verschiedene Regionen unterschiedliche Winterreifenmodelle. Für Mitteleuropa haben wir andere Produkte im Angebot als etwa für Skandinavien, wo doch im Winter meist deutlich mehr Schnee fällt und man mitunter über weite Strecken auf einer geschlossenen Schnee- oder gar Eisdecke fährt. Dort bieten wir schneeoptimierte Softcompoundreifen oder Spikereifen an, um mit optimierter Performance für mehr Sicherheit auf den Straßen zu sorgen. Ich muss aber auch deutlich sagen: Eis ist Eis, da kommt auch der beste Reifen irgendwann an seine Grenzen. Man wird vielleicht nie ein Auto konstruieren, das bei Blitzeis ohne Gefahr fahren kann. Die Natur lässt sich eben nicht immer zähmen. Wenn aber Autos erst einmal autonom fahren, dann wird das intelligente Fahrzeugsystem auf Basis der Sensorinformationen vom Reifen bei Blitzeis eine unkontrollierbare Fahrsituation ermitteln und sagen: Bis hierhin und nicht weiter. Der Mensch fährt mitunter gerne am Limit. Ein autonom fahrendes Auto nicht.

Wir verwenden Cookies, um Ihren Besuch auf unserer Website zu optimieren. Klicken Sie hier, um weitere Informationen zu erhalten oder um Ihre Cookies-Einstellungen zu ändern.