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Warum Winterreifen so wichtig sind

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22/11/2018
 

Ach, die paar Schneeflocken… Noch immer fahren viele Autofahrer im Winter mit Sommerreifen weiter. Denise Ewald, Reifenexpertin von Continental, erklärt im Interview mit VisionZeroWorld die Bedeutung des Reifenwechsels, wann Ganzjahresreifen Sinn machen – und warum Reifen jetzt intelligent werden.


Frau Ewald, viele Autofahrer wechseln im Herbst tatsächlich noch immer nicht auf Winterreifen und meinen, die paar Tage mit Schnee schaffe man auch so…

Davon kann ich nur abraten, es sei denn, man plant das Auto in den Wintermonaten grundsätzlich stehen zu lassen. Das Fahren mit Sommerreifen bei winterlichen Straßenbedingungen ist im Übrigen vom Gesetzgeber verboten. Abgesehen davon kann ein Sommerreifen in den Wintermonaten nicht sein volles Potenzial entfalten, wodurch der Autofahrer sich und andere einer unnötigen Gefahr aussetzt.

 

Eigentlich müssten Sie sich ja über das Vertrauen in das Produkt Sommerreifen freuen – immerhin verantworten Sie bei Continental die Entwicklung von Sommerreifen unter anderem für den so wichtigen Markt Europa.

Sicher freue ich mich über das Vertrauen in das Produkt Sommerreifen – aber eben nur im Sommer. Im Winter ist es dann Zeit für das neidlose Lob an die Kollegen der Winterreifenentwicklung. Denn die machen ihren Job sehr gut (lacht). Aber im Ernst, wer im Winter bei niedrigen Temperaturen mit Sommerreifen fährt, handelt grob fahrlässig.

Pflicht auf Schnee: Winterreifen. Im aktuellen Winterreifenvergleich der Automobilclubs ADAC, ÖAMTC und TCS aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Continental-Winterreifen Testsieger geworden. Der WinterContact TS 860 bekam Bestnoten. Foto: Continental

 

Wie macht sich die Wahl des falschen Reifens im Winter konkret bemerkbar?

Ein Sommerreifen im Winter bedeutet signifikant längere Bremswege und keine ausreichende Traktion bei Schnee und bei eisbedeckter Fahrbahn. Das geht einher mit einem deutlichen Verlust an Sicherheit. Und übrigens: Beim Thema Reifenwechsel ist oft von „winterlichen Bedingungen“ die Rede. Solche Bedingungen bedeuten aber nicht zwangsläufig, dass die Straßen durchgängig von Eis oder Schnee bedeckt sind. Winterliche Bedingungen sind auch schlicht schon Temperaturen von unter sieben Grad Celsius. Schon bei solchen Temperaturen ist der Winterreifen die bessere und sicherere Wahl. Denn der hat eine andere Gummimischung, die auch noch bei kalten Temperaturen elastisch ist. So kann ein Winterreifen seine volle Bremswirkung entfalten.

 

Und umgekehrt: Mit welchen Nachteilen müssen Fahrer rechnen, wenn sie im Sommer aus Bequemlichkeit mit Winterreifen weiterfahren?

Auch das ist keine gute Idee. Winterreifen haben ein Profil mit mehr Lamellen und eine weichere Gummimischung. Dadurch haben sie auf trockenen, sommerlich warmen Fahrbahnen deutliche Nachteile beim Bremsweg und in den Handling-Eigenschaften. Außerdem verbraucht das Fahrzeug mehr Sprit. Daher gilt: Im Sommer Sommerreifen und im Winter Winterreifen. Kann man sich eigentlich gut merken.

 

Und was ist mit Ganzjahresreifen?

Der Ganzjahresreifen ist ein Kompromiss. Er muss sowohl auf trockener Fahrbahn im Sommer als auch bei Schnee und Eis gut laufen und funktionieren. Das ist ein Zielkonflikt, der sich nur bedingt lösen lässt, denn der Ganzjahresreifen kann die positiven Eigenschaften von Sommer- und Winterreifen nie in Gänze erreichen. Dennoch gibt es natürlich Einsatzbereiche, in denen der Kompromiss Ganzjahresreifen eine echte Alternative darstellt. Wenn man das ganze Jahr hauptsächlich in urbanen Gebieten in klimagemäßigten Regionen unterwegs ist. Bei einem richtigen Wintereinbruch aber sind ohne Einschränkung Winterreifen zu empfehlen. Wer Ganzjahresreifen fährt, sollte das Auto bei wirklich schwierigen Straßenverhältnissen lieber stehen lassen.

Nicht nur Pkw, auch Busse und Lkw müssen im Winter mit der optimalen Bereifung unterwegs sein. Continental entwickelte jüngst mit dem HDW2 Coach einen Hochleistungsreifen für die Antriebsachse von Bussen. Foto: Continental

 

Für viele Fahrer stehen Design, Ausstattung und Leistung ihres Autos im Vordergrund. Der Reifen hingegen spielt da eine eher untergeordnete Rolle…

Als Reifenentwicklerin finde ich das natürlich sehr schade. Der Reifen ist tatsächlich ein oft unterschätztes Bauteil. Dabei ist und bleibt der Reifen der einzige Kontakt des Autos zur Straße, er trägt deshalb maßgeblich zur Sicherheit der Insassen bei. Viele Nutzer nehmen den Reifen oft vielleicht nicht bewusst war, weil er nicht zu sehen ist, wenn man im Fahrzeug sitzt.

 

Continental strebt eine unfallfreie Zukunft an. Welche Bedeutung haben Reifen für diese Vision?

Der Reifen muss bei dieser Vision einen ganz entscheidenden Beitrag leisten, da er, wie schon gesagt, der einzige Kontakt des Fahrzeugs zur Straße ist. Sämtliche Sicherheitssysteme nützen dem Fahrer nichts, wenn die Reifen die Kräfte beispielsweise des Antiblockiersystems nicht anständig auf die Straße übertragen können. Natürlich trägt der Reifen aber nicht alleine zum Gelingen der Vision Zero bei.

 

Arbeiten Sie bei der Entwicklung von Reifen denn zum Beispiel mit den Assistenzsystem-Entwicklern zusammen?

Selbstverständlich legen wir unsere Reifen so aus, dass sie gut mit Sicherheitssystemen wie ABS oder ESP harmonieren. Daher arbeiten wir auch mit den Kollegen aus den anderen Divisionen zusammen, die sich um die Assistenzsysteme kümmern. Für die Sicherheit auf den Straßen aber ist es natürlich von Vorteil, wenn Reifen und Assistenzsysteme aufeinander abgestimmt entwickelt werden und optimal aufeinander abgestimmt sind.

Denise Ewald leitet seit knapp zwei Jahren die Sommerreifen-Entwicklung von Continental für die Regionen Europa, Naher Osten und Afrika (EMEA). Die studierte Wirtschaftsingenieurin ist seit 2006 für Continental in unterschiedlichen Positionen tätig. Sie verantwortete zuvor die Leitung der Erstausrüstungs-Reifenentwicklung für französische Pkw-Hersteller und war davor drei Jahre im Produktmanagement für die Region Asien-Pazifik (APAC) in Schanghai tätig. Foto: Continental

 

Was macht einen Reifen zu einem guten Reifen?

Den einzig wahren, ewig guten Reifen gibt es nicht. Ein Reifen ist dann gut, wenn er die Anforderungen des Fahrzeugs und des Kunden erfüllt. Diese Anforderungen können sehr verschieden sein. Ob für ein kleines kompaktes oder für ein sportlicheres Fahrzeug, ob für ein Hybrid- oder ein Elektroauto – je nach Anwendungsbereich gibt es unterschiedliche Anforderungen, die den Reifen für sein spezielles Einsatzgebiet zu einem guten Reifen machen. Grundsätzlich aber gilt natürlich, dass gute Reifen gute Bremseigenschaften auf allen Oberflächen und ein präzises Handling haben. Künftig wird auch die Intelligenz des Reifens eine größere Rolle spielen.

 

Intelligente Reifen?

Sensoren im Reifen werden dem Fahrzeugsystem künftig beispielsweise melden, auf welchem Untergrund es gerade unterwegs ist – und den Luftdruck entsprechend anpassen. Im vergangenen Jahr hat Continental zwei innovative Reifenkonzepte vorgestellt. Erstens ContiSense, ein System, dessen Reifensensoren die Profiltiefe und die Temperatur messen und im Gefahrenfall eine Warnung ins Fahrzeug senden. Die Datenübertragung funktioniert hier übrigens über ein elektrisch leitendes Gummi. Zweitens das Reifenkonzept ContiAdapt, bei dem durch Anpassung des Fülldrucks während der Fahrt die Reifenaufstandsfläche variiert. Der Reifen kann sich damit den Gegebenheiten von Matsch, Schnee oder Eis optimal anpassen.

 

Welche „Superzutat“ müsste noch entdeckt oder entwickelt werden, um den für alle Einätze perfekten Reifen zu entwickeln?

Ich glaube nicht an Superzutaten. Wenn ich es aber täte und wüsste, welches die Superzutat ist, dann würden wir sie ja schon einsetzen. (lacht)

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